Mammutversion: "To-Gulis Kinder" von Frederik LANGBEIN (1. RW)

Der Anfang meiner langjährigen Bekanntschaft mit Fantasyliteratur haben einige Reihen gebildet, die zur Tierfantasy gerechnet werden – jenen Romanen, die Tiere als handelnde Charaktere aufweisen. Was könnte es Besseres geben, als für den Start der Rezensions-Reihe einen Roman aus diesem Subgenre zu lesen?

 

„To-Gulis Kinder“ von Frederik Langbein ist eine ebensolche Geschichte, in der es um den jungen Priester Grumni geht, der zusammen mit seinem Meister Zolam, dem Anthropologie-Professor Maniok und einigen anderen Gefährten eine monatelange Reise unternimmt, um das Geheimnis um den Untergang der Menschheit zu lüften. Erwähnenswert ist, dass fast alle Charaktere Meerschweinchen sind.

 

Gleich zu Beginn fällt der sehr plumpe Schreibstil auf, der überwiegend aus kurzen Hauptsätzen mit wenig Abwechslung besteht. Oftmals sind sie nach dem Schema „Person Tätigkeit Objekt“ aufgebaut, was den Lesefluss erheblich stört. Immer wieder auftretende Wortwiederholungen wirken nicht übermäßig entgegenkommend und oft genug stolpert man über eine Stilblüte, wie bei der Beschreibung einer leichten Brise, die durch die Tür hereinweht und als „schmaler Hauch“ (Kapitel 1) bezeichnet wird.

Manchmal werden Wörter auch verschluckt oder sind doppelt vorhanden, was ich auf nicht vollständig durchgeführte Korrekturen zurückführe: „Gleich würde es soweit sein, sie bekämen ihre Ergebnisse bekamen, gleich würde sich zeigen, ob sie die dritte Prüfung antreten durften.“ (Kapitel 5)

Dem negativen Bild fügen sich auch Satzzeichenrudel, GEBRÜLLTE SÄTZE und zwei Fußnoten, die nur über ihre Hochzahl, nicht aber durch die Anmerkung selbst aufscheinen. Einige der Namen („Seegurke“, „Cooky“) haben mich überlegen lassen, ob die Zielgruppe jünger als zehn Jahre ist oder ob kein Bestreben für richtige Namen (wie „Zolam“) vorliegt; aufgrund der Handlung und der vorausgesetzten Englischkenntnisse gehe ich aber davon aus, dass Teenager die jüngste Zielgruppe darstellen.

Von diesen nervigen, aber überwiegend leicht zu bereinigenden Fehlgriffen abgesehen gibt es einige, die darauf zurückzuführen sind, dass „To-Gulis Kinder“ Frederik Langbeins Debütroman ist – was man, gelinde gesagt, ausgezeichnet mitbekommt. Der Stil bessert sich ab der Hälfte deutlich und gegen Ende wird er immer ausgewogener; der Anfang liest sich dafür umso schlechter.

Die mangelnden Beschreibungen – die bis zu einem gewissen Grad Geschmackssache sind –, ziehen sich durch den gesamten Roman. Die Handlung wird schnell vorangebracht, aber nicht so schnell, dass man als Leser nicht mehr mitkommt; Kleinigkeiten, die ein lebendiges Bild zeichnen würden – die Gestik oder Mimik der interagierenden Meerschweinchen, beispielweise –, sind eine Rarität; gerade im ersten Drittel wirken viele der Dialoge gestellt und stark verkürzt, als würden Handpuppen miteinander sprechen, nicht echte Meerschweinchen.

Die Umgebung wird nach dem Muster „Form und Farbe“ beschrieben; selten werden andere Details oder Aspekte erwähnt als die beiden oben genannten – ich hatte während dem Lesen das Gefühl, dass Frederik Langbein seine Leser nicht mit irrelevanten Kleinigkeiten nerven wollte und dabei alles auf zwei Merkmale reduziert hätte. Zugutehalten muss ich an dieser Stelle, dass auf die Umgebung eingegangen wird; nicht in dem Ausmaß, das ich bevorzuge, aber der Leser kann sich stets ein grobes Bild der Umwelt machen, in der die Handlung gerade stattfindet.

Was fast vollständig fehlt, sind die Gefühle der Charaktere, die ab und an mit ein paar Adjektiven erwähnt werden, sonst aber keine Beachtung finden. Es wird nicht beschrieben, wie der Protagonist Grumni mit den Situationen mental-emotional zurechtkommt, wie er auf sie reagiert und wie das seine Handlungen motiviert – es wird erklärt: Grumni ist sauer, deswegen macht er das; Grumni ist prinzipiell freundlich, deswegen unterlässt er dies.

Ab und an blitzen verwirrende Bezeichnungen auf, die mehr an Menschen erinnern als an Meerschweinchen, darunter „Mann“ und „Arm“ – diese lassen nach dem ersten Drittel sehr stark nach und werden durch eine immer trittfestere Adaption unserer Phrasen und Begriffe verdrängt, wie „sich die Pfote geben“ oder „meerschweinchisch“ statt „menschlich“. In der direkten Rede der meisten Charaktere sind diese adaptierten Sprichwörter geradezu natürlich eingebaut.

Obwohl das Feingefühl für die Sprache an vielen Stellen mangelhaft ist, gibt es immer wieder Sätze, die eine Aussicht auf einen guten Schreibstil geben, wenn er noch etwas entwickelt wird: „Eine sanfte Brise umspielte seine Barthaare und legte sich wie ein lindernder Balsam über seine Stirn.“ (Kapitel 8)

 

An der Liebe zum Detail mangelt es nicht nur auf der Ebene der Sätze, sondern auch der der Logik. Bereits die Ausgangssituation ist fragwürdig: Wozu braucht Professor Maniok zwei Priester auf seiner Forschungsreise? Wieso macht er sich die Mühe, zum mehrere Tage entfernten Kloster zu wandern – das sollte doch einen Sinn haben? Oder wollte er einfach nur seinen Kumpel Zolam dabei haben?

Einige dieser (vermeintlichen) Logikfehler könnten mit der Dummheit und/oder Vergesslichkeit der Charaktere erklärt werden. Am Anfang, als Grumni noch seine Scholaren ausbildet, bauen diese Mist und müssen zur Strafe zu Fuß in ein mehrere Tage entferntes Dorf wandern, um Materialien zum Entmisten zu holen. Grumni, der als ihr Lehrer ebenfalls bestraft wird, führt sie aber nicht den sicheren Handelsweg entlang, sondern auf einen gefährlichen, schmalen Pfad am Rande der Berge, wo sie beinahe von einem Greifvogel getötet werden. Anschließend begründet er das damit, dass er ja zu Fuß laufen sollte – was auf dem sicheren Weg ohne großartige Lebensgefahr genauso gut funktioniert hätte…

Einige Kapitel später sprechen zwei Charaktere miteinander, wobei einer davon blind ist und dem anderen erzählt hat, er wäre es von Geburt an – nur, um anschließend zu fragen, wie denn Grumnis Fell aussähe. Dem Gesprächspartner scheint das nicht übermäßig suspekt vorzukommen…

Ein anderes Mal betont der Professor, während sie in einer Menschensiedlung nach Hinweisen suchen, dass Meerschweinchen bisher nur Zeppelins erfunden haben, aber keine funktionsfähigen Flugzeuge – ein paar Seiten später sehen sie den Flughafen, auf dem die ach so flugunfähigen Flugzeuge fliegen.

Natürlich gibt es auch größere Probleme, die nicht mehr mit stupid-vergesslichen Charakteren erklärt werden können; zwei davon liegen bei der Auflösung des Menschenrätsels und beim Finalkampf. Es ist natürlich sehr bequem, dass ein menschlicher Wissenschaftler eine Aufzeichnung dazu verfasst hat, woran seine Spezies zugrunde gegangen ist; das alleine herauszufinden wäre wohl zu anstrengend gewesen.

Da ich beim nächsten Kritikpunkt nicht ins Detail gehen kann, ohne zu spoilern, muss ich mich sehr allgemein halten: Es ist schon erstaunlich, dass die Menschen den einen Namen verstehen konnten, der die ohnehin schon vom Leser gehegte Vermutung bestätigt. Haben die Namensrufer Englisch gesprochen, während sie ihrem Projekt nachgegangen sind?

Im Übrigen glaube ich nicht, dass die einzigen Waffen, die die Menschen hätten einsetzen können, um sich zu wehren, die sind. Was ist mit Wasserstoffbomben, Insektiziden, Giftgasen? Das hätte „bereits“ ausgereicht; man muss nicht immer gleich Apokalypsenerklärung Nummer eins aus dem Hut zaubern.

Viel Potenzial für Kritikpunkte bieten die letzten einhundert Seiten. Beispielweise empfinde ich es als herzerweichend dumm, dass die Antagonisten, nachdem sie ihr Buch geklaut haben, noch so viele Meerschweinchen am Leben lassen – hätten sie ihre Feinde nicht gleich dezimieren sollen, wo es ihnen so leicht möglich war?

Es ist auch bemerkenswert, dass sich alle Priester einig sind, Grumni wäre ein guter Heerführer. Aus welchem Grund sollte sich dieser junge, unerfahrene Priester, der sage und schreibe sechs Scholaren angeführt hat, als brillanter Kampfstratege herausstellen? Nur, weil er Zolam besser gekannt hat als die meisten anderen Priester? Das qualifiziert ihn ausreichend, um ihn ins Endgefecht zu stürzen, bei dem die gesamte Welt auf dem Spiel steht?

Immerhin bekommen die Meerschweinchen rechtzeitig Unterstützung, die deswegen so effektiv ist, weil sie innerhalb von ein paar Stunden einen großen Haufen Tunnel gegraben haben, aus denen sie jederzeit herausspringen und so mitten unter den Feinden auftauchen und wieder verschwinden können. Wie auch immer sie es geschafft haben, ein so großes Tunnelnetzwerk innerhalb von ein paar Stunden zu graben und die Ausgänge zu verstecken, aber gleichzeitig jederzeit heraushüpfen zu können…

Ansonsten weist der Finalkampf eine oft vertretene Schwäche auf. Sobald der Kopf des Ganzen – wobei, „Kopf“ ist nicht ganz richtig; der irdische Anführer – stirbt, sind alle hunderttausend Untergebenen sofort verunsichert und treten den Rückzug an – obwohl sie gerade am Gewinnen sind. Was, kein einziger treuer Anhänger, keine Generäle, keine Selbstorganisation, kein gar nichts? …Es hätte nicht einmal etwas organisiert werden müssen; einfach so weitermachen wie gehabt und innerhalb von ein bis zwei Stunden wäre die Sache erledigt gewesen.

Die Handlung ist aber nicht ausschließlich von negativen Aspekten geprägt, sondern weist auch einige gute bis hervorragende auf. So wird sie zwar erst auf den letzten hundert Seiten, da der Konflikt endlich ersichtlich ist, spannend, aber zwischenzeitlich gibt es jede Menge unerwarteter Bekanntschaften und im letzten Drittel kommt eine Hundertachtzig-Grad-Wendung nach der anderen. Wären die kleineren (und größeren) Fehler vorab eliminiert worden, hätte mich die Handlung überzeugt.

 

Während diese und der Schreibstil nicht überzeugen können, aber positive Aspekte und Hoffnungsschimmer aufweisen, ist bei den Charakteren Hopfen und Malz verloren. Ich lege sehr viel Wert darauf, dass die Antagonisten nicht einfach nur „die Bösen“, sondern Charaktere mit Motivationen, Geschichten und Gedanken sind, und genau das war hier nicht der Fall.

Es gibt zwei größere Antagonisten-Gruppen; einmal die Banditen, deren größte Entschuldigung noch „Wahnsinn“ ist, die ansonsten aber nicht näher beleuchtet werden, und die Anti-To-Guli-Meerschweinchen, die durch die Rede eines gewissen Charakters immerhin den Hauch einer Erklärung bekommen. Dennoch hätte man da in die Tiefe gehen können; man hätte die Motivationen dieser Gegenspieler als mehr als irres Gerede eines Fehlgeleiteten darstellen können.

Überaus nervend ist auch die Tatsache, dass unter den Gläubigen To-Gulis nicht ein Meerschweinchen ist, das irgendetwas Verbotenes macht. Nicht einmal die Banditen glauben an To-Guli; jeder, der an sie glaubt, ist gut. Punkt. Es gibt keine Abzocker, keine Diebe, keine Verbrecher im Allgemeinen, keine Meerschweinchen mit egozentrischer Motivation. Der einzige, der etwas schlechter gelaunt ist, ist Cooky, aber der ist natürlich auch nicht böse oder wirklich unangenehm.

Noch strapazierender ist nur der Protagonist selbst. Er hat keine einzige negative Eigenschaft und im gesamten Roman vielleicht drei Szenen, in denen er nicht so handelt, wie es von ihm erwartet wird – als er nach einem großen Verlust irrational wütend auf einen Unschuldigen ist, beispielweise, und auch das ist schnell wieder vergessen und vergeben.

Das einzig negative, das ich an ihm finden kann, ist seine bedingungslose Hörigkeit gegenüber den anderen Priestern – aber ich glaube nicht, dass das als negative Eigenschaft gedacht war, und auch seine lebensmüde Idee, den Pfad des Todes mit seinen Schülern zu beschreiten, anstatt den wesentlich besser gesicherten Handelsweg zu nehmen, scheint nichts Schlechtes gewesen zu sein.

So gut wie jeder mag ihn, und diejenigen, die ihn nicht leiden können, können prinzipiell niemanden leiden, von daher ist das okay. Oder sie sind die Antagonisten. Mal ganz abgesehen davon, dass der Gute seine Trauerbewältigung nach dem angesprochenen großen Verlust innerhalb von… was, ein paar Tagen bewältigt? Ja, das ist sehr realitätsnah.

 

Nach der ganzen Kritik muss ich gerechtfertigtes Lob anbringen, denn in einem Punkt hat mich „To-Gulis Kinder“ voll und ganz überzeugen können: die Welt.

Sie ist der Grund gewesen, wieso ich mich, obwohl ich die Leseprobe angelesen habe, für den Kauf entschieden habe, und in diesem Punkt wurde ich nicht enttäuscht. Frederik Langbein hat seinen Meerschweinchen nicht nur Intelligenz und Zweibeinigkeit gegeben, sondern auch passende Begriffe, mit denen sie ihre Welt beschreiben und Technik, die sie benutzen. So verwenden sie Wasserdampf, Wasserstoff, Alkohol und verbotenerweise auch Schwarzpulver, um sich fortzubewegen oder zu wehren, und in Nagerstadt gibt es Elektrizität.

Die Meerschweinchen reiten Bisamratten, bauen Kartoffeln in Minen ab, ruhen sich in den Baumwollwäldern aus und backen Heukuchen oder bereiten sich andere Spezialitäten zu. So viele Fehler dieser Roman auch haben mag, in puncto Kreativität sticht er die meisten Konkurrenten, die ich bisher gelesen habe, ohne Schwierigkeiten aus. Abgesehen vom einfachen Gut-Böse-Schema, heißt das.

Die einzige andere Unstimmigkeit, die ich in der Welt entdecken konnte, ist die Frage, ob es nicht so etwas wie Meerschweinchen-Ureinwohner in Nordamerika gibt. Mäuse, ja, aber was ist mit den ganzen Meerschweinchen passiert? Oder gibt es die, nur sind sie weiter im Westen?

 

Zuletzt führe ich einen Kritikpunkt an, von dem ich gehofft habe, ihn nie nennen zu müssen: die sprachliche Korrektheit. Es gibt Buchstabendreher, Satzzeichenrudel, Groß- und Kleinschreibfehler, Beistrichfehler (bevorzugt bei Nebensätzen) und es werden Akzentzeichen statt Apostrophen verwendet (beispielweise „geht´s“ statt „geht’s“). Ein Korrektorat hätte hier einiges gerettet.

 

Alles in allem kann ich für „To-Gulis Kinder“ eine bedingte Leseempfehlung aussprechen, wobei zu den Bedingungen gehört, dass man entweder masochistische Tendenzen hat, geringe Ansprüche oder – so wie ich – liest, um die Welt zu erkunden. Letztere ist die größte Stärke des Romans und zusammen mit diversen Hoffnungsfunken in den anderen Kategorien der Grund, wieso ich darauf hoffe, dass Frederik Langbein noch andere Romane über seine Meerschweinchenwelt herausbringen wird – beim nächsten Mal nur bitte mit einer vernünftigen Überarbeitung und einem Korrektorat.

 

Details zum Roman:

Titel: To-Gulis Kinder

Autor: Frederik Langbein

Veröffentlicht über: neobooks

Erscheinungsjahr: 2016

ISBN: 978-3-7380-6411-7

Genre: Fantasy

Preis: 1,99€ (s. Datum)

Seiten: 533 (Printausgabe)

Reihe: nein (s. Datum)

Bewertung: 2 von 5 Sternen (s. Datum) 

Stand: 21.07.2016

 

 

Beachtet bitte, dass ich beim Zitieren darum bemüht bin, möglichst genau anzugeben, wo die Stelle im Buch steht. Einige Leseprogramme verändern die Seitenzahl mit den Schriftanpassungen, deswegen kann ich manchmal nur die Namen der Kapitel, nicht die Seite selbst angeben.


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