Mammutversion: "Die Glasbrecherin" von Irene Euler (2. RW)

Während ich die ersten Seiten meines ersten Indieromans gelesen habe, habe ich mir folgende Regel auferlegt: Egal, wie gut ein Buch ist – wenn das Korrektorat geschlampt hat, gibt’s keine fünf Sterne. Das hier ist der erste Roman, der diese Regel zu spüren bekommt.

Vor Jahren haben Linländer neues Land gesucht, um es zu besiedeln, und sind dabei auf Ronn gestoßen – menschenähnliche Wesen, gegen die sie bald Krieg führen. Unter Generalin Ulante soll dieser Krieg nun endlich gewonnen werden. Das möchte diese ausgerechnet mit einer Glasbrecherin erreichen – obwohl doch bekannt ist, dass diese Menschen, deren Stimme in den Ohren schmerzt und Glas zerspringen lässt, krankheitsanfällig und schwach sind…

 

Wer sich vom Cover nicht schrecken lässt, wird rasch feststellen, dass der Schreibstil zwar alleine nicht den Roman stemmen könnte, ihn aber durchaus zu unterstützen vermag – rasch kommt man in die Geschichte und die Welt der Glasbrecherin Erdree und des Bogenschützen Wiralin hinein. Im gesamten Buch habe ich vielleicht zwei Stilblüten gefunden. - Stattdessen bin ich über Beschreibungen gestolpert, die nicht nur sagen, dass etwas ist, sondern es auch demonstrieren: Die Gestik und Mimik der Charaktere scheint beständig im Fokus zu stehen und lässt die Figuren real wirken. Während ihrer Perspektiven wird der Fokus ihrer Wahrnehmung zum Fokus des Erzählers; besonders gut erkennbar ist das an einigen der ersten Szenen, während derer Erdree zuerst von einem kranken Glasbrecher, dann von einem entstellten Bogenschützen beschrieben wird.

Auch der Umgebung wird ausreichend Beachtung gezollt, sodass man sich gut vorstellen kann, in welcher Umwelt sich die Charaktere aufhalten. Etwas Luft nach oben hat der Stil noch; obwohl er dazu neigt, etwas anspruchsvollere Sätze zu bilden, hätte man hier ruhig noch etwas hochtrabender werden können. Insgesamt stellt sich bereits hier das Leseerlebnis als angenehm dar.

 

Die Handlung, die sich rund um das Schicksal der Glasbrecher, der Ronn und Wiralin dreht, ist an einigen Stellen recht vorhersehbar – beispielweise war es recht klar, dass Erdree zum Heilgesang der Ronn befähigt ist. Dennoch wartet Irene Euler mit einigen Plottwists auf, die gerade im späteren Verlauf der Handlung diese und das Schicksal der Protagonisten herumzureißen vermögen. Nach den ersten paar Dekaden Seiten gibt es regelmäßig Spannung, die zwar nur selten von Kämpfen getragen wird, den Leser aber ebenso effektiv ans Buch fesselt wie eine gut beschriebene Schlacht. Die einzige Flaute bei der Lesemotivation habe ich bei der recht kurzen Stelle verspürt, in der Erdree allein in der Stadt der Ronn gelebt hat; wenige Seiten später kam ein recht unerwarteter Gast und das kurze Tief war überwunden. Vielleicht ist es auch erwähnenswert, dass ich den Roman innerhalb von vierundzwanzig Stunden gelesen habe; wann mir das zuletzt passiert ist, kann ich mich nicht einmal mehr erinnern.

Vollkommen ohne Klischees kommt aber auch „Die Glasbrecherin“ nicht aus, wenn sie sich auch stark im Rahmen halten. So ist der Heilgesang, der von den vergleichsweise naturgebunden wirkenden Ronn genutzt wird, letztlich das, was Erdree braucht, um alles zum Positiven zu wenden, und dass in den finalen Szenen die Lage, wer welche Beweise bringen muss, plötzlich zugunsten Erdree liegt, ist auch verdächtig zufällig, dafür, dass sie keine Ahnung vom Rechtssystem hat.

Das Ende war für meinen Geschmack einen Tick zu sanft und zu sehr auf Friede-Freude-Eierkuchen getrimmt, geht doch für unsere Protagonisten alles bemerkenswert gut aus. Zugutehalten muss ich dem Abschluss des Romans, dass erst hier die Liebesbeziehung präsenter wird; Liebe und körperliche Zuneigung spielen zwar im Laufe der „Glasbrecherin“ immer wieder eine entscheidende Rolle, geraten dabei aber selten auf die altbewährten Abwege.

 

So sind diese Liebschaften einige der Hauptgründe für die Konflikte der Charaktere, die bemerkenswert lebensnah wirken. Erdree ist speziell am Anfang eine sehr scheue, schwächliche, zurückgezogene junge Frau, die die ganze Zeit über leidet – was aufgrund ihrer schlechten Gesundheit durchaus verständlich ist; nach etwa der Hälfte des Romans hat ihre Mentalität des Sich-Duckens leicht genervt. Insgesamt ist sie ein Charakter mit ernstzunehmenden Schwächen und ernstzunehmenden Problemen, die sie überwinden muss.

Der zweite Hauptcharakter, Wiralin, steht ihr hier in nichts nach, nur befindet er sich am anderen Ende des emotionalen Spektrums. Er wirkt sehr abweisend auf Außenstehende, reagiert leicht über oder nicht der Situation angemessen; gerade von Erdree wird sein Verhalten aber oft falsch interpretiert. Hier zeigt sich erneut eine Stärke, die mit der verlagerten Schwerpunktsetzung der Perspektiven einhergeht: Kommunikationsprobleme und Missverständnisse werden klarer, ebenso die Weltansichten, die Erfahrungen und Einstellungen der Charaktere, gerade weil man weiß, wie unterschiedlich sie die Signale auffassen.

Beide Protagonisten irren dementsprechend oft und begehen auch den einen oder anderen schwerwiegenden Fehler; von Perfektion sind sie weit entfernt. Die einzigen Schwachstellen in Erdrees Charakterkonsistenz sehe ich darin, wie gut sie Ronn schon nach kurzer Zeit versteht – obwohl sie es seit ein paar Minuten von einem echten Ronn hört – und wie schnell sie sich scheinbar an das Leben bei diesem Volk gewöhnt. Ein etwas fließenderer Übergang, der sonst an jeder Stelle gegeben ist, auch bei ihrer Charakterentwicklung, wäre hilfreich gewesen.

Als Antagonistin lässt sich Generalin Ulante nennen. Sie ist versessen darauf, ihre Ziele zu erreichen – eine Eigenschaft, deren beide Seiten von den Protagonisten gesehen und dadurch dem Leser klar gemacht werden. Sie hält sich selbst trotz ihrer Taten für rechtschaffen; etwas mehr zu ihrer Hintergrundgeschichte und ihren Lebensumständen zu erfahren wäre gut gewesen. Unterm Strich ist sie bei den Charakteren wohl die größte Schwachstelle, gleich danach, dass es verdächtig viele Figuren nach dem Schema weiser, alter Mann gibt – aber sie ist kein Totalschaden.

 

Einer der Aspekte, die mich an der Welt der „Glasbrecherin“ am meisten erfreut, ist aber ebenjener: Es gibt kein eindeutiges Gut oder Böse, kein Volk ist wirklich über das andere erhaben, und wer der Feind ist, ist nicht von Anfang an klar und kann sich jederzeit verändern, sobald sich der Blickwinkel verschiebt.

Ansonsten lässt sich sagen, dass sowohl die Glasbrecher als auch die Ronn als auch die Geographie, Politik und Religion Linlands zu den größten Pluspunkten des Romans gehören. Die Welt ist gut durchdacht und besitzt ein gewisses Faszinationspotenzial – das genau das ist, was ein Buch, das ich als „sehr gut“ bezeichne, von dem trennt, das ich als „hervorragend“ betitle.

 

Auf den Sternenhagel kommt „Die Glasbrecherin“ aufgrund einer Lappalie nicht, die sich mit wenig Aufwand hätte bereinigen lassen. Zunächst einmal müssen gerade dann, wenn es keinen Dialog gibt, dringend ein paar Absätze her – das, was sich gerade im Blocksatz wunderbar offenbart, sind Textmauern, die der Lesefreundlichkeit eher misstrauisch gegenüberstehen.

Als noch größeres Armutszeugnis gestalten sich die sprachlichen Fehler. Wären es nur die seltenen, fehlenden Beistriche (gerne mal bei einem Nebensatz nach einem „als“ oder „wie“) und die zwei oder drei Tippfehler (zum Beispiel wird aus einem „du“ plötzlich ein „zu“), hätte ich das noch mit einem zugedrückten Auge durchgehen lassen können.

Den Todesstoß – wenn man vier Sterne als Todesstoß bezeichnen kann – versetzen die Zeichen um die direkte Rede. Hier wird die englischsprachige Variante mit der deutschsprachigen verwechselt. Gerne mal wird geschrieben: „Yyy,“ xxx. Richtig wäre es: „Yyy“, xxx – so viel kann der Unterschied zwischen zwei Sprachen ausmachen. Ich weiß nicht, ob „Die Glasbrecherin“ ein Korrektorat hinter sich gebracht hat oder nicht; in jedem Fall wäre dieser Fehler sehr einfach zu vermeiden gewesen und hätte, hätte er mit seiner Abwesenheit geglänzt, fünf von fünf Sternen und einen Lesetipp von mir einkassiert.

 

So bleibe ich meinem eigenen Vorsatz treu und verweigere, verärgert über diese Lappalie, die so vielen Indieautoren offenbar zum Fallstrick wird, die Höchstpunktezahl. Wer über die zwar für einen käuflichen Roman zu vielen, wenn auch insgesamt wenigen Fehler hinwegsehen kann, dem würde ich „Die Glasbrecherin“ ohne zu zögern empfehlen. Hier findet sich sehr vieles, das Irene Euler richtig gemacht hat und das bei unzähligen Romanen schiefgeht: Charaktere mit Tiefe und ernstzunehmenden Problemen und Konflikten, eine gut durchdachte, interessante Welt und eine Handlung, die zwar das Rad nicht neu erfindet, es aber immerhin hübsch anmalt, alles getragen von einem Schreibstil, der einem die Tore zur Geschichte öffnet.

 

Details zum Roman:

Titel: Die Glasbrecherin

Autorin: Irene Euler

Veröffentlicht über: neobooks

Erscheinungsjahr: 2016

ISBN: 978-3-7380-5683-9

Genre: Fantasy

Preis: 3,99€ (s. Datum)

Seiten: 328

Reihe: nein (s. Datum)

Bewertung: 4 von 5 Sternen (s. Datum)

 

Stand: 31.07.2016


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