1. LA: "Taliel: Erwachen" von Sascha und Claudia Schröder (Traumschwingen-Edition)

Spoiler: Es gibt Spoiler.

 

Das, was einigen Lesern unter einem „Coverkauf“ bekannt sein dürfte, passiert bei mir nicht. Selbst, wenn ich ein Cover sehe und mich spontan in es verliebe, kaufe ich mir das Buch nur, wenn die Leseprobe mich überzeugen kann – erspart einem jede Menge Enttäuschungen. Es gibt freilich Cover, die einfach so schön sind, dass ich mir wünsche, das Buch wäre gut, einfach nur, um es mir ins Regal – am liebsten gebunden – stellen zu können.

 

„Taliel: Erwachen“ von Sascha und Claudia Schröder ist eines dieser Exemplare. Ich lade hier das Cover nicht hoch, da ich mir noch immer nicht sicher bin, ob das bereits eine Urheberrechtsverletzung ist oder ob es hier irgendeine Ausnahme von der Regel gibt, aber wer sich selbst überzeugen möchte, kann unter „Details zum Roman“ unten die Verlinkung „E-Book“ wählen, dann kommt ihr zum Cover.

Dementsprechend tut es mir ein Stückweit leid, dass ausgerechnet dieser Roman das erste LA bekommt – und mich sogar zu diesem Format inspiriert hat. In dem automatisch generierten Impressum, das mir am Ende der Leseprobe (S. 56) angezeigt wird, steht zwar nichts über einen Coverdesigner, aber über einen Herrn Eduardo Priego, dem die Bilder gehören – ob er nun auch verantwortlich für dieses visuelle Meisterwerk ist oder nicht, derjenige, der es gemacht hat, hat seinen Job wirklich ernst genommen.

Das einzige, das ich persönlich daran auszusetzen habe, ist das erkennbare Gesicht des Mädchens – wäre es vollständig von den Haaren verdeckt gewesen, wären mir als Leser mehr Freiheiten geblieben, aber nichtsdestotrotz ist das Cover ein Aufmerksamkeitsmagnet.

 

Gleich nach dem Cover springt den Leser eine Seite mit dem Titel „Edition Traumschwingen“ und dem dazugehörigen Bild an – als ich zum ersten Mal reingelesen habe, habe ich mir nichts weiter dabei gedacht. Nachdem ich im Zuge dieses LAs ein wenig recherchiert habe, denke ich jetzt, dass das eine andere Edition ist als die, die ursprünglich veröffentlicht wurde.

„Edition Traumschwingen“ gehört zum Traumschwingen-Verlag, der von den beiden Autoren gegründet wurde. Wenn ich das richtig verstanden habe – und dafür gebe ich keine Garantie – wurde das E-Book zuerst über BookRix verlegt, ehe die Schröders einen Verlag gegründet und es ins Programm aufgenommen haben.

Während bei Thalia nur das E-Book erhältlich ist, findet man auf Amazon eine größere Auswahl. Das E-Book ist mit dem umwerfenden Cover ausgestattet, doch als Verlag wird „BookRix“ genannt, nicht „Traumschwingen“. Während auf der BookRix-Seite des Romans als Veröffentlichungsjahr jedoch 2013 genannt wird, liegt es bei Amazon bei 2015, bei Thalia ebenso.

Die gebundene Ausgabe wiederum hat ebenfalls das schöne Cover, hat aber als Verlag „Traumschwingen“ angegeben. Das Taschenbuch wiederum hat ein anderes, wesentlich unspektakuläreres Cover, stammt aus dem Jahr 2013 und als Verlag ist „CreateSpace Independent Publishing Platform“ angegeben. Es möge mir also verziehen werden, wenn ich mich bei den Detailangaben ausschließlich auf die von BookRix beziehe.

 

Nach diesem Chaos geht es weiter mit der Autorenvorstellung (S. 3-5), in der der Leser erfährt, dass beide – Sascha und Claudia Schröder – bereits einen anderen Roman publiziert haben. Ergo ist das nicht ihr Debütroman, was mich … etwas irritiert.

Auf Seite sechs gibt es einen „Hinweis“, der neben dem erwarteten Disclaimer, dies sei ein fiktives Werk, auch noch festhält, dass sich die Autoren „ausdrücklich vom Versuch der Gotteslästerung“ (S. 6, Hinweis) distanzieren wollen. Ich möchte hierzu nicht zu viel schreiben, da Religionen so ein schönes Streitthema sind, aber ich wundere mich darüber, dass man in einem Staat, in dem Religionsfreiheit herrscht, um jeden Preis nicht als Gotteslästerer gelten will. Ich assoziiere mit dem Begriff „Gotteslästerung“ vieles, aber nicht Deutschland im einundzwanzigsten Jahrhundert – aber gut, vielleicht sind die Autoren religiös und wollen hiermit klarstellen, dass jeder in diese Richtung gehende Verdacht nicht auf sie zutrifft.

Anschließend folgen zwei praktisch leere Seiten. Auf der ersten (S. 7) gibt es ein Zitat, das etwas mit Engeln und Liebe zu tun hat, auf der zweiten (S. 8) gibt es „Teil 1“, der genaue Titel steht im Fließtext. Dann, auf Seite neun, beginnt der Roman.

 

Und zwar mit einem Prolog, der im Titel noch den Hinweis trägt, dass er zwei Jahre vor dem eigentlichen Plot spielt. Zeitangaben außerhalb des Fließtextes sind so eine Sache und in einigen Fällen sind sie hilfreich – in diesem Fall denke ich, dass man das einfach in den Text der nachfolgenden Kapitel hätte einbauen können, statt es in den Titel des Prologs zu packen.

Bevor ich mich dem Inhalt zuwende, möchte ich außerdem noch etwas Stilistisches anmerken: Der Prolog reicht von Seite neun bis und inklusive einundzwanzig, ergo sind das vierzehn Seiten. Das erste Kapitel umfasst fünf, das zweite sechs, das dritte wieder sechs.

Eines der wichtigsten Merkmale eines Prologs ist, dass er kürzer ist als ein normales Kapitel. In diesem Fall sehe ich auch keinen Grund, wieso hier eine Ausnahme als kreativ gelten würde – zumal ich denke, dass der Prolog in einer überarbeiteten Version besser als Rückblenden in den normalen Kapiteln aufgehoben wäre, aber das nur am Rande.

 

Seite neun: Bereits im ersten Absatz manifestiert sich Grund Nummer eins, wieso ich diesen Roman nicht kaufen werde: Beschreibungen sind einfach nicht drin. Es wird geschrieben, dass Mutter und Tochter aus dem Kino kommen, dann gibt’s plötzlich einen Wolkenbruch, sie steigen schnell ins Auto ein.

Wie der Parkplatz aussieht, die Stimmung nach dem Kinoabend ist, ob noch andere Leute das Gebäude verlassen, wo ihr Auto steht, wie lange sie zu ihm brauchen, wie der Regen ihnen ins Gesicht peitscht, das alles wird mit keinem Zeichen erwähnt.

Ein paar Zeilen später gibt es einen Kausalzusammenhang zwischen sich abmühenden Scheibenwischern und dem langsam fahrenden Auto, was so klingt, als ob die Scheibenwischer das Fahrzeug bremsen würden. Gemeint ist wahrscheinlich, dass die Mutter sicherheitshalber langsamer fährt, was natürlich gut, aber nicht aus dem Satz ablesbar ist.

Noch bevor der nächste Widerspruch Gelegenheit zum Überraschungsangriff hat, springen zwei Fehler ins Auge des Lesers. Dann wird das Haus der beiden als „neues Zuhause“ der Tochter beschrieben, gleich darauf kommt die Information, dass sie bereits seit mehreren Monaten in ihm gelebt und sich schnell eingelebt hat. Kontinuität sieht anders aus.

Und damit kommen wir zur zweiten Seite des ersten Kapitels, namentlich Seite zehn. Diese erklärt uns, dass die beiden frisch aus dem Kino Gekommenen als Abendbeschäftigung eine DVD ansehen wollen. Etwa in der Mitte der Seite gibt es eine erste Umgebungsbeschreibung, die knarzende, da neue Dielen inkludiert, aber abgesehen davon ist der Raum für den Leser immer noch leer und ausdruckslos.

Es folgen ein Fallfehler und eine Beschreibung, wie Cathryne, die Protagonistin, den Raum für den DVD-Abend vorbereitet. Die Handlungsabfolge liest sich ähnlich wie die Kochrezepte, die ich als Teenager für den Deutschunterricht geschrieben habe, und wirkt überdies sprunghaft: Zuerst passiert das, dann das, zuerst steht sie hier, dann schiebt sie dort, aber wie sie von A nach B geht, wie sie vielleicht den Blick über den Raum gleiten lässt, wird nicht beschrieben.

Auf Seite elf gibt es erneut einen Ansatz atmosphärischen Schreibens, als Cathrynes Mutter aufgerissene Schubladen in der Küche entdeckt, ihre Tochter ruft und diese das Schlamassel betrachtet. Außerdem werden ein paar Adjektive bemüht, um die Küche zu beschreiben, von der ich ein wesentlich besseres Bild habe als von dem Wohnzimmer.

Etwas fragwürdig finde ich die Reaktion der Mutter, die zweimal nach ihrer Tochter ruft. Wären die Rollen vertauscht, würde ich das verstehen, aber ich schätze mal, ich hätte zuerst geflucht und dann mein Kind darüber informiert, dass wahrscheinlich jemand eingebrochen ist. Ich hätte vielleicht vermutet, dass der Täter noch in der Nähe sein könnte, und hätte rasch nach meiner Tochter gesehen, vielleicht auch im Gehen nach ihr gerufen, um sicherzugehen, dass alles in Ordnung ist. Aber einfach nur in der Küche rumstehen und panisch einen Namen zweimal zu rufen ist eine eher suboptimale Lösung.

Da es an Beschreibungen der Mutter fehlt – etwa, wie sie sich verhält, ob sie blass ist, verschreckt aussieht oder verärgert –, lässt sich ihre Reaktion nicht wirklich begründen, sondern nur vermuten. Erst am Ende der Seite erfährt der Leser, dass die gute Frau aus ihrer Trance erwacht – eine Art Schreckstarre? Sind aufgerissene Schubladen und verstreutes Besteck wirklich so einnehmend, dass man sofort zur Salzsäule wird und nach seiner Tochter ruft?

Immerhin ist die nächste Aktion der Frau Mama nachvollziehbar, die sofort zum Tresor rennt und damit die Küche verlässt. Ich hätte zwar eher der Täter-noch-im-Haus-Theorie nachgegeben und/oder die Polizei gerufen, für den Fall, dass die Täter-noch-im-Haus-Theorie einen abrupten Beweis bekommt, aber besser als nur rumzustehen ist es allemal.

Der Leser erfährt noch, dass das Besteck nach einem bestimmten Muster angeordnet ist, und dann legt Seite zwölf los mit der gedachten Frage, wer denn das getan hätte. Gleich darauf streicht ein kalter Hauch sanft Cathrynes Nacken – ein netter Versuch, eine Atmosphäre aufzubauen, aber die folgenden Sätze lassen ihn eher wie eine Parodie auf sich selbst erscheinen.

Hinter ihr erklingt ein natürlich nicht durch Klischees vorbelastetes Kichern und Cathryne dreht sich um, sieht ein Mädchen mit grünen Augen, schwarzen Haaren – man erfährt an dieser Stelle, dass die der Protagonistin braun und etwas länger sind –, ungepflegten Zähnen und schmutziger Leinenkleidung.

Bevor ich weiter zusammenfasse, möchte ich drei Dinge anmerken. Zunächst einmal gibt es ein Lob dafür, dass zumindest ein wenig darauf eingegangen wird, wie Cathryne reagiert. Es ließe sich zweifelsfrei besser machen, aber der Leser erfährt, dass sie erschrocken zurückweicht – das ist ein Anfang und besser als die vorherigen Seiten zusammen.

Zweitens frage ich mich, wer die Person auf dem Cover ist. Die Protagonistin, wäre mein erster Tipp gewesen, aber solange sie im weiteren Verlauf des Romans keine andere Haarfarbe bekommt, kann sie es nicht sein. Das kleine Horror-Mädchen wiederum ist es ebenfalls nicht, da es grüne Augen hat, das Mädchen auf dem Cover aber blaue. Die Frage bleibt also: Wer ist diese Person?

Drittens möchte ich an dieser Stelle anmerken, dass ich in Bezug auf solche plötzlich erscheinende Horror-Kinder recht zart besaitet bin – was der Grund dafür ist, dass ich Horror weder lese noch schaue. Für gewöhnlich hätte ich die Lektüre also an dieser Stelle abgebrochen, und die Tatsache, dass ich stattdessen über diese unerwartete Wendung des Plots überrascht die Brauen gehoben und mir gedacht habe: Mal sehen, wohin das noch führt, das interessiert mich jetzt einfach mal, spricht eigentlich schon für sich.

Anständiges Beschreiben hätte dafür gesorgt, dass die Szene auch über die nächsten Seiten hinweg nicht lächerlich wird, aber so ist sie bestenfalls unfreiwillig amüsant, ansonsten einfach nur zu kurz gegriffen und zu sorglos erzählt.

Die Seite endet mit einem Bezugsfehler (falscher Artikel. „Mädchen“ ist sächlich, nicht weiblich) und leitet zu Seite dreizehn über, auf der das Kindlein wieder verschwunden ist und Cathryne von ihrer Mutter den Label „halluziniert nach Horrorfilmen“ aufgedrückt bekommt. Diese schickt sie kurzerhand schlafen und eine Seite später zeichnet sie den Stern aus der Küche auf – das ist das Muster, das das Besteck gebildet hat –, glaubt, sich das Mädchen nur eingebildet zu haben und schläft rasch ein.

Der Kinobesuch war wohl wirklich anstrengend, was?

Einen kurzen Zeitsprung später erwacht Cathryne, weil sie „aus irgendeinem Grund keine Luft mehr“ (S. 15, Prolog) bekommt. Das „aus irgendeinem Grund“ wirkt aus irgendeinem Grund wenig spannungsaufbauend – und normalerweise weiß man recht schnell, ob es daran liegt, dass man gewürgt wird, dass man mit einem Kissen erstickt wird oder dass man Wasser in der Lunge hat. In genau dieser Reihenfolge geht ihr Begreifen weiter: Mädchen von vorhin ist wieder da – kniet auf meinem Bett – hat die Hände um meinen Hals geschlossen – scheiße, ich sollte was tun.

Ich war glücklicherweise noch nicht in der Situation, von einem Klischee-Horror-Mädchen gewürgt zu erwachen, aber ich habe die Vermutung, dass die Überlebensreflexe einsetzen, noch bevor man wirklich wach ist.

Aus einem nicht näher erläuterten Grund lässt Horror-Klischee Cathryne los, weil … weil sie das halt tut, verdammt. Nicht alles braucht einen Grund, okay? Auch Geister können irrational sein!

Das Klischee lacht daraufhin, dass Cathryne die erste ist, die nicht im Schlaf stirbt. Zwei Anmerkungen: Natürlich ist sie die erste. Wäre auch zu normal, wenn sie normal wäre und nicht etwas Besonderes. Und: Sie ist die erste? Meines Wissens nach braucht man etwas Zeit, bis man jemanden erwürgt hat, und derjenige würde wahrscheinlich ziemlich schnell aufwachen. Ich bezweifle nicht, dass Horror-Klischee die Leute umbringen kann – eigentlich auch Cathryne, aber da hatte sie halt einen Kurzschluss –, aber bis dahin sind sie sicher schon wach und damit nicht im Schlaf gestorben. Ja, das könnte so für die Außenwelt aussehen, und nein, das begründet nicht, wieso Horror-Klischee das außen vor lässt.

Auch interessant fände ich, wie die Würgemale erklärt werden. Offenkundig war das kein natürlicher Tod – wurde das immer mit Selbstmord erklärt? Das hätte sich recht schnell im Internet finden lassen und auch, wenn man nicht an Omen und Geister glaubt – wenn jede Menge vorheriger Hausbesitzer erwürgt in ihrem Bett aufgefunden werden – ein paar Monate, nachdem sie eingezogen sind, heißt das –, dann würde ich zumindest eine Menge Sicherheitsmaßnahmen ergreifen und nicht so locker auf einen Wahrscheinlich-Einbruch-in-Wirklichkeit-war’s-aber-das-Klischee reagieren.

Horror-Klischee verspricht der Protagonistin also, dass sie sie auch noch kriegen wird, und fragt dann: „Ich heiße Samantha und du?“ (S. 15, Prolog)

… und da fährt sie nach Hawaii, die Atmosphäre. Schaut, sie winkt so lieb! – Oh, jetzt ist sie gegen einen Baum gekracht. Kann mir nicht erklären, wieso.

Sobald Horror-Klischee den Namen kennt, stellt sie fest: „Schöner Name. Was machst du hier?“ (S. 15, Prolog)

Wieder zwei Dinge. Nein, es sind drei. Erstens: Schöner Name?! Wenn ich schon über ein psychopathisches Klischee lese, möchte ich wenigstens keine Standard-Antworten dazubekommen! Zweitens: Was soll das werden, Smalltalk? Kommt als nächstes eine Bemerkung über das Wetter? Drittens: Wo war dieses Horror-Klischee bitte während der letzten Monate? Oder hat es an mehreren Orten zu spuken und kann sich deswegen nicht um alles gleichzeitig kümmern?

Cathryne schlussfolgert sogleich, dass Horrorlein böse und hinterhältig sein muss. Böse, okay, kann ich nachvollziehen, wenn dich jemand umbringen will, wenn die Erkenntnis auch etwas spät kommt, aber hinterhältig? Zählt Schubladen-Aufreißen schon als hinterhältig? Oder bezieht sich das auf den Mord-im-eigentlich-nicht-mehr-Schlaf? Das ist nicht hinterhältig, es sei denn, wir fangen mit einem Ehrengelübde der Horror-Klischee-Smalltalk-Mörder-Geister an, aber ich glaube nicht, dass das abseits einer Parodie eine erstrebenswerte Sache wäre.

Seite fünfzehn bis sechszehn erklären uns dann, dass das Mädchen mit Cathryne spielen will. Sie schleudert ein Bild auf den Boden – ist das hinterhältig? –, erklärt mit so ziemlich genau diesen Worten, dass sie ein Geist ist, denn Cathryne hat keine anderen Probleme als das, wieso das Mädchen Bilder mit einem Schnipsen durch die Gegend schleudern kann, es folgt ein zeitlich sicher nicht deplatzierter Gedankengang darüber, dass sie bisher nie an Geister geglaubt hat und dass der Vermieter die Sache mit den unnatürlichen Toten erwähnt hat, dann schwebt eine Scherbe durch die Luft und der Satz „War schön mit dir zu spielen“ (S. 16, Prolog) ertönt.

Und ich frage mich: Woher kommt die Scherbe?

Außerdem frage ich mich: Bilder durch die Gegend werfen und Smalltalk führen zählt als spielen?

Cathryne kreischt, die Mutter lässt noch immer auf sich warten, eine Stimme hallt plötzlich durchs Zimmer und verhindert das Verhindern des Romans, und auf Seite siebzehn wird beschrieben, wie ihr ganzer Körper taub wird, nachdem die Scherbe runtergefallen und sie vorerst nicht mehr in Todesgefahr ist und sie sieht sich selbst, nur im weißen Kleid. Und sie ist ein Engel, wie uns die Beschreibung einer schmerzenden Wunde an der für Flügel passenden Stelle verrät.

Ich weiß nicht, wie der Cathryne-Doppelgänger aussieht, ob er neben ihr sitzt oder wo er sonst sein soll, aber irgendjemand spricht durch ihren Körper hindurch und faselt etwas vom Licht, in das Horror-Klischee eintreten soll.

Auf Seite achtzehn löst sich der fehlgeschlagene Versuch eines Gruselfaktors endlich in Luft auf und Cathryne wird erklärt, dass die Seele nun ins Licht geführt wurde. Gleich darauf wird sie ohnmächtig, weil sie keine Kraft mehr hat.

Einen Zeitsprung später wacht sie wieder auf, was prompt von Captain Obvious kommentiert wird, der die Gestalt des Mädchens-wie-Protagonistin angenommen hat, das jetzt am Fußende des Bettes sitzt. Im Großen und Ganzen ist sie perfekter als Cathryne. Dieser wird enthüllt, dass sie in ihrem Körper zwei Seelen hat und deswegen ihren perfekten Zwilling nicht loswerden kann, und dieser deutet an, dass die imaginäre Freundin aus Kindertagen nicht imaginär war.

Was auch immer.

Cathryne wird wieder ohnmächtig – ich spekuliere ja darauf, dass der dafür verantwortliche Schlag auf den Hinterkopf von ihrem perfekten Doppelgänger erzeugt wurde – und auf Seite zwanzig erklärt ihr im Krankenhaus ihre Mutter, sie sei nachsehen gegangen, weil sie Geräusch gehört habe.

Beste. Mutter. Ever.

Wie darf ich mir das vorstellen? Okay, das Bild-kracht-auf-Boden-Geräusch könnte man noch ignorieren, aber ein gellender Schrei des eigenen Kindes? Nee, wird schon nichts sein. Kein Grund, ins Zimmer zu stürmen, als befürchtete man das Schlimmste, wenn die Tochter mitten in der Nacht schreit, nachdem nach aktuellem Wissensstand eingebrochen wurde.

Kann ja nichts passiert sein. War sicher nur ein Albtraum.

Es wird spekuliert, dass Cathryne beim Aufstehen das Gleichgewicht verloren hat und dabei gegen das Bettgestell gekracht ist, und da diese sich praktischerweise an nichts mehr erinnern kann – hm, an wem könnte das wohl liegen? – wird die Sache ad acta gelegt.

 

Eigentlich wollte ich die ersten paar Kapitel von „Taliel: Erwacht“ mit diesem LA abdecken – ursprünglich habe ich bis Ende des vierten Kapitels gelesen –, aber das Ganze ist jetzt schon fast dreitausend Wörter lang. Ich kann aber verraten, dass Cathryne etwas ganz Spezielles ist, eine Außenseiterin, sich nicht für die klassischen Mädels-Themen interessiert, ihre Klassenkameraden hingegen schon, diese sind im Übrigen auch sehr zickig, eine zwei minus als Note wird bereits als „schlecht“ und „mittelmäßig“ bezeichnet und eigentlich mag sie die tolle Privatschule gar nicht, die ihr die Tore zu allen begehrten Universitäten Groß-Britanniens öffnet.

Ach ja, und es gilt als Unterricht, wenn die Lehrerin eine ganze Stunde damit verbringt, die statistische Wahrscheinlichkeit zu erläutern, dass man nach Abschluss dieser Schule in diese und jene Universität hineinkommt. Mal ganz davon abgesehen, dass man die Zeit auf einer so tollen Schule sicher auch mit Lappalien wie, ich weiß auch nicht, Unterrichtsstoff hätte verbringen können – wie füllt man mit diesem Thema eine ganze Stunde?

 

Was kann ich abschließend noch schreiben? Es kann sein, dass der Schreibstil im Laufe des Buches noch die Kurve kratzt oder dass die Charakter-Handlungen nicht mehr so sprunghaft und unrealistisch wirken. Es kann sein, dass mir das Buch letztlich gut genug gefallen würde, dass ich ihm eine mittlere Bewertung gebe oder – wenn auch ein ganzes Stück unwahrscheinlicher – ihn als sehr guten Roman deklariere.

Ich werde es nie erfahren, denn nichts davon trifft auf die Leseprobe zu. Es gibt einige Ansätze, was das atmosphärische und beschreibende Schreiben angeht, und auf denen kann man sicher bauen. Zurzeit sind sie aber genau das: Ansätze.

 

Details zum Roman:

Titel: Taliel: Erwachen

Autoren: Sascha Schröder, Claudia Schröder

ISBN: 978-3-7309-3552-1

Genre: Fantasy

Erscheinungsjahr: 2013 (BookRix), Traumschwingen-Edition

Erschienen über: BookRix (E-Book)

Preis: 2,99€

Teil einer Reihe: ja, 1 von 3

Links: E-Book1; Leseprobe2

Stand: 15.09.2016

 

1: http://www.bookrix.de/_ebook-sascha-schroeder-taliel-erwachen/

2: http://www.bookrix.de/book.html?bookID=xg3a44d3339f815_1372786972.3000969887#0,504,27918

 

 

Die Seitenangaben beziehen sich auf die Ansicht, die unter „Leseprobe“ verlinkt ist, also auf die BookRix-Leseprobe. Durch Klicken auf die Autorennamen gelangt ihr zu der offiziellen Taliel-Webseite, durch Klicken auf „E-Book“ oder „Leseprobe“ zum Buch/zur Leseprobe selbst, auf die ich mich beziehe. Die Links dienen nicht dazu, Einnahmen zu generieren, sondern zum Belegen meiner Aussagen.

 

Nachtrag zum Cover:

Mehr oder minder zufällig bin ich über die Webseite der Coverdesignerin gestoßen, deren Werk ich am Anfang des LAs gelobt habe. Sucht im Internet einfach nach Juliane Schneeweiss.


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Kommentare: 2
  • #1

    Eva von Astis Hexenwerk (Freitag, 18 August 2017 17:31)

    Ohje ohje,
    da kam eine Menge zusammen. Allein das Durcheinander der Veröffentlichungen...Das Cover hat mich allerdings auch direkt abgeholt. Ich bin aber froh, dass ich diese Besprechung vor dem Buch entdeckt habe, denn ich bin eines dieser "Coveropfer"! (ja, ich gestehe!)

    Ganz liebe Grüße!
    Eva

  • #2

    Awen Eibner (Samstag, 19 August 2017 11:59)

    Liebe Eva,
    danke für deinen Kommentar! Ich freue mich, dir eine schlechte Erfahrung erspart zu haben. Und wie gesagt, am Cover gibt es wirklich fast nichts zu meckern.

    Liebe Grüße