Mammutversion: "Squids: Aus der Tiefe des Alls" von Leo Aldan (3. RW)

Aufmerksam auf diesen Roman wurde ich nicht, weil es eine Neuerscheinung ist, es sich in meinem üblichen Beutespektrum bewegt oder mich der Titel übermäßig angesprochen hätte – es ist in erster Linie simpler Werbung von Seiten des Autors zu verdanken, dass ich zwei Tage lang etwas zu lesen gehabt habe. Als kleine Berühmtheit unter den Indie-Science-Fiction-Romanen wurde hier die Spannung sehr oft hochgelobt, und nach der Lektüre des Buches war mir auch klar, weshalb.

Jake findet sich von Aliens entführt auf einem Raumschiff wieder, nachdem er von einem Gletscher gefallen ist. Auf der Reise lernt er Myriam kennen, die ihn auf dem Zielplaneten angekommen in die Gesellschaft einführt, die streng überwacht und strukturiert ist. Der Astrophysiker versucht, wieder auf die Erde zu gelangen, und zieht dabei die Aufmerksamkeit seiner Entführer auf sich – zusätzlich bahnt sich auch noch eine Naturkatastrophe kosmischen Ausmaßes an.

 

Zugutehalten muss ich dem Roman, dass ich sehr schnell in die Welt hineingefunden und das Verlangen verspürt habe, weiterzulesen – was auch der oft gelobten Spannung zu schulden ist. Einzig, wie diese Spannung aufgebaut wird, ist das Problem. Zunächst ist das Erzähltempo sehr schnell angesetzt – die Handlungen werden zwar so weit beschrieben, dass der Leser mithalten kann, aber so gut wie nichts davon wird detailliert wiedergegeben.

Auch unter diesem spannungserhaltenden Tempo leiden die Beschreibungen sämtlicher anderen Aspekte, die man sich denken kann – der Atmosphäre, die zwar alle paar hundert Seiten bemüht wird, aber nicht so recht rüberkommen möchte, der Gefühle unserer werten Protagonisten, die zwar pauschal mit Adjektiven abgehandelt, aber nicht weiter vertieft werden, der Umwelt, die zwar gut genug beschrieben ist, dass man sich ein grobes Bild machen kann, aber nie wirklich genau weiß, wie es um die Handelnden herum nun aussieht.

All diese Faktoren unterstützen den Effekt, der bereits während der Lektüre aufkommt: Die Spannung ist rein oberflächlicher Natur. Die Tiefe der Gedanken und Konzepte, die durchaus Potenzial haben, und die Hintergrundgeschichten der Charaktere können mich nicht in ihren Bann ziehen, wenn sie nur dann erwähnt werden, wenn das zwingend notwendig für das Verständnis ist, um den Spannungsmotor nicht abzuwürgen. Es gibt so gut wie keine Ruhephase im gesamten Roman – und die wenigen, die es gibt, werden sehr schnell sehr langweilig, was dem zweiten Grund für die durchgehende Spannung zu schulden ist.

Dieser wird durch die kurzen Sätze gebildet, die fast den gesamten Roman bevölkern. Auf den letzten ein- oder zweihundert Seiten bessert sich das und es gesellen sich häufiger längere Satzkonstruktionen zur Erzählung hinzu, aber gerade am Anfang bilden die abgehakten Sätze mit bedauerlich wenigen Konjunktionen ein nervenaufreibendes Stakkato, das so verdammt einfach zu umgehen gewesen wäre:

„Im Kreis zelebrierte Marjella das Speiseritual. Sie platzierte leuchtende Steine auf jede Ecke des Tuches. Anschließend teilte sie die Nahrung in gleich große Portionen. Dabei sang sie leise eine Hymne. Die Leute fielen ein. Rodhana und Jake schwiegen.“ (S. 145)

Kurze Sätze sind sachdienlich, wenn es darum geht, Spannung zu erzeugen – aber um wirklich effektreich zu brillieren, müssen sie vernünftig eingesetzt werden: an den richtigen Stellen im richtigen Maß. Ich versichere euch, dass das Zitat keine besonders interessante Stelle der Handlung wiedergibt, eher das Abendessen der Protagonisten.

Hinzu kommt eine Reihe kleinerer Probleme, die ebenso viel Ärger verursachen. Neben Stilblüten wie „lachenden Augen“ wird der Leser gerne mal ANGESCHRIEN, es werden Abkürzungen wie „%“, „/“ und dergleichen teils sogar in der direkten Rede wiedergegeben und einige Male wird die Szene damit eingeleitet, dass ein ausgesprochen kurzer Satz dem Leser erklärt, wo er gerade ist. Nicht im atmosphärischen Stil wie [frei erfunden] „über dem schwarzen Boden sammelte sich der Rauch und stieg in dichten Schwaden zum Himmel empor, vom Feuer unter der Haut der Erde kündend“, woraufhin die Leser den Schauplatz aus früheren Szenen wiederkennen können, sondern im Stile „Feuerlande“.

Die Kapitel sind stellenweise ausgesprochen kurz – nicht einmal eine Seite, um konkret zu sein – und schwammige Beschreibungen wie „weise Augen“ lassen den Leser im Unklaren, was genau Leo Aldan meint. Wie sehen weise Augen denn aus? Sind sie vom grauen Star getrübt, fokussieren sie nicht richtig, sehen sie durch einen hindurch, sind sie von faltiger Haut umgeben, hängen die Lider herab?

Neben der Spannung hat „Squids“ auch ein paar positive Kleinigkeiten zu bieten. So werden die Redewendungen der Charaktere an die Welt angepasst, in der sie leben – meistens klappt das sogar; ein paar Mal wirken die Stilfiguren konträr zu dem, was die Figur gemäß ihren Erfahrungen eigentlich hätte sagen sollen – und der Stil ist von neumodischen Begriffen und Umgangssprache durchzogen, ohne sich durch einen Dialekt zu verschlüsseln.

Letztlich hätte der Roman, der sowieso nicht der dünnste ist, mit vernünftigen Beschreibungen mehrere Bücher füllen können – ich kann mir gut eine „Squids“-Trilogie vorstellen. Material ist genügend da – und wenn man schon mal dabei ist, kann man auch gleich Charaktereigenschaften und –vorgeschichten in den Roman einweben, anstatt sie zum wichtigen Zeitpunkt in die Zeilen zu werfen.

 

Zu der Handlung und der Logik dieser habe ich mir fast vierzig Notizen gemacht, sodass ich mit Fug und Recht behaupten kann: Wenn ich hier alles ankreiden würde, das ich ankreiden könnte, müsste ich nachher die Tafel waschen. Dementsprechend wird es hier nur einen Ausschnitt dessen geben, was mir tatsächlich aufgefallen ist – die Tatsache, dass meine sonst möglichst kurz gehaltenen Memo-Notizen an einigen Stellen in Großbuchstaben und mit Flüchen versehen waren, sollte selbsterklärend sein.

Dem Leser werden mehrere Perspektiven geboten, wobei Jakes überwiegt. Während die Handlung am Anfang noch kaum vorhersehbar ist, ist der Leser doch gefangen in seiner Neugier, wie hier wohl die Aliens dargestellt werden, ihre Welt und die Behandlung der Menschen, wird sie spätestens ab der Mitte zur personifizierten Vorhersehbarkeit. Mehrmals habe ich mir gedacht, dass dieses oder jenes gleich passieren wird, und Absätze bis Seiten später habe ich die Augen verdreht und mir eine Notiz gemacht, als genau das dann eingetroffen ist.

Kleines Beispiel gefällig? Myriam, die sich in der zweiten Hälfte des Romans zu einer Art sekundärer Protagonistin entwickelt, flieht zu den Rebellen, um zu Jake zurückzukommen. Einige Tage (oder Wochen) später wird die Rebellen-Anführerin zufälliger Weise verletzt, und jetzt dürfen alle mal raten, wer Stellvertreterin wird. Ja, ich bin mir sicher, für den Job ist wirklich niemand der mehreren Dutzend anderer Rebellen mit längerer Erfahrung und größerem Vertrauen von Seiten ihrer Anführerin besser geeignet.

Die Phrase „zufälliger Weise“ gehört zum Grundvokabular, möchte man die Handlungen beschreiben. Beispielweise wird Grimper – der Leiter des Bergwerks, der den Rebellen Nahrung liefert – bei einem dieser Streifgänge verletzt, schleppt sich in einen harmlos wirkenden Bereich und gibt an, dass irgendwelche Höhlenmenschen ihn verprügelt haben sollen. Soll ich allen Ernstes glauben, dass zufälliger Weise keiner der Verfolger sein Gesicht, seine Statur erkannt haben soll? Es wurde auch niemand aufmerksam darauf, dass jemand mit passenden Verletzungen zur passenden Zeit gefunden wurde?

Auch ist es bemerkenswert, dass ausgerechnet Pedro – ein Charakter, den Jake während seiner Anreise kennen lernt und der ein kolumbianischer Fischer ist – eine Fischerhütte und ein Fischerboot abseits der Überwachung bauen kann. Wenn irgendeine andere Figur länger als eine halbe Minute außerhalb der Kontrollzonen ist, kommen sofort die menschlichen Aufpasser und die Alien-Aufpasser, aber bei ihm bemerkt das nie irgendjemand, obwohl das offenkundig mehrmals über lange Zeiträume geschieht. Ja, gut, Pedro muss noch Myriam aus dem Meer fischen, damit der Plot … ich meine, sie nicht absäuft, aber abgesehen davon gibt es keinen Grund, warum er nicht eine, sondern mehrere Male die Inkarnation einer Sicherheitslücke darstellt.

Zusätzlich zum zufälligen Zufall schlagen dem Leser die Flashbacks schwer auf den Magen. Diese werden ausgesprochen plump in den restlichen Text eingefädelt – wobei es hier ein paar gibt, die das extremer ausführen als andere – und sollen wohl das sorgfältige Charakterisieren kompensieren, das von dem raschen Erzähltempo nicht bedient werden kann.

Ebenfalls denselben Grund haben einige plötzlich erscheinende Fähigkeiten der Charaktere, allen voran Jakes. So wird dem Leser zwar erklärt, dass er von den Rebellen trainiert wird, sich in dem Tunnelsystem des Berges zurechtzufinden, aber als er sich tatsächlich zu verirren droht und plötzlich die ganzen Hinweise wiedererkennt, an die er vorbeigekommen sein soll, die aber zuvor nicht erwähnenswert waren, kann er dieses Wissen anwenden.

Ebenso überraschend kommen plötzliche Veränderungen der Charaktere. Pedro, der unter Grimpers Kommando im Bergwerk arbeitet, mag im Gegensatz zu Jake das neue Leben. Als ihm Grimper aber erzählt, was ihm Jake schon erzählt hat – im Großen und Ganzen, dass er ein naiver Idiot ist –, glaubt er plötzlich auch, dass nicht alles, was ihm das System vorschreibt, richtig sein kann. Grimper wiederum hat sich zuvor darum gedrückt, auch nur Jake, der für solche Nachrichten empfänglichste aller Menschen, von diesen Fakten zu erzählen, entscheidet sich aber um des Plottes Wi… - um Pedros Willen kurzerhand um.

Wie bereits erwähnt gibt es zu viele Logiklöcher in „Squids“, daher werde ich im Folgenden eine Art „Best of“ wiedergeben, das stellvertretend für sämtliche andere Fehltritte steht. Aber alles in chronologischer Reihenfolge:

Beginnen wir mal mit unseren Aliens. Diese leben im Wasser und – wer sich hier nicht allzu sehr spoilern möchte, sollte ziemlich genau jetzt lieber zum nächsten Absatz springen – können sich an Land nur mithilfe von Robotern fortbewegen, die sie als „Auftauchzellen“ bezeichnen. Ausgestattet mit High-Tech und über dem Boden schwebend sind sie eine Bedrohung für einen Menschen – wenn man mal davon absieht, dass man die einfach umstoßen kann und schon sind sie wehrlos. Oder unser lieber Protagonist Wate ist einfach blöd. Klingt nach etwas, das man mit seinem High-Tech beheben müsste, um nicht einfach zum Bowling-Kegel für wütende Menschenmobs zu werden, nicht wahr?

Als Jake die Menschenstadt erreicht, wird er von einer Menschenmenge empfangen, die auf die Neulinge zuläuft, sie willkommen heißt und ihnen dabei ein paar Küsschen auf die Wangen haucht. Von Jake wird das prompt als Gehirnwäsche beschrieben, da er sich plötzlich ruhiger fühlt – ich hatte ja die Hoffnung, dass das im Laufe des Romans irgendwie aufgeklärt wird, aber ab jetzt ist eine freundlich lächelnde Masse Gehirnwäsche und hypnotisch. Der Astrophysiker hat gesprochen!

Woran man sterben kann – wenn auch nicht in diesem Roman – sind Infektionen, beispielweise verursacht durch ein schmutziges Messer, wie es von den Rebellen benutzt wird, um den Chip, der die Menschen orten kann und der im Oberarm verortet ist, herauszuschneiden und so ihre Position zu verheimlichen. Jeder einzelne Rebell unterzieht sich dieser Prozession – das Messer wird nicht über dem Feuer erhitzt oder zumindest abgewaschen, die Wunde wird nachher auch nicht ausgewaschen oder desinfiziert, sondern nur verbunden. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass keine einzige Person an dieser Behandlung gestorben oder zumindest dank ihr krank geworden ist.

Der nächste denkwürdige Moment überlappt sich bereits mit dem nächsten Punkt, den Charakteren – es ist durchaus möglich, dass sie einfach nur ausgesprochen bescheuert sind, aber ich zähle ihn mal hier dazu. Bruke, einer der Rebellen, der ein Schrank von einem Kerl ist, entführt Myriam vom Lager, um sie zu vergewaltigen und nachher zu ermorden. Dazu fesselt er ihr zusammen mit einigen Kumpanen die Gliedmaßen und stellt sie durch einen Knebel stumm.

Während sie von ihm entführt wird, versucht Myriam, akustisch auf sich aufmerksam zu machen. Als Bruke ihr dann in bester Bösewicht-Manier erklärt, was er mit ihr machen wird, erlaubt er ihr ein paar letzte Worte und nimmt ihr den Knebel ab. Kann ja nichts passieren, ne? Tatsächlich passiert nichts, denn anstatt wie am Spieß zu schreien und so vielleicht doch noch jemanden zu alarmieren, der vielleicht in Hörweite ist und beispielweise gerade Wache schiebt, fleht sie Bruke an, sie zu verschonen. Wahrscheinlich auch noch im respektvollen Flüsterton, um ihn nicht weiter zu verärgern.

Ein kleines Gustostückerl stellen die Koordinaten dar, wie sie von den Squids – unseren Aliens – verwendet werden. Wohlgemerkt in direkter (Gedanken-)Rede geben sie eine Kombination aus Zahlen durch, die von einem Summenformel-Zeichen, einem Delta-Symbol und einem Integral unterbrochen werden.

Erstens: Kann ich mir das also so vorstellen, dass sie das Bild des Zeichens in das Gehirn ihres Kollegen beamen, anstatt es einfach auszusprechen?

Zweitens: Warum mathematische Zeichen? Oder ähneln die nur zufällig – ich sagte doch, dass dieses Wort wichtig für den Kontext des Romans ist! – den Symbolen, die die Squids verwenden?

Drittens: Wenn tatsächlich die Summenformel, das Delta und das Integral gemeint sind – warum? Was hat die Fläche unterhalb einer Funktion im Koordinatensystem – ohne angegebene Grenzen! – in einer Koordinate zu suchen?

Bevor ich die Handlungslücken durch diese Beispiele vertreten lasse, möchte ich noch zwei große Fragezeichen festhalten. Meines Wissens nach haben Oktopoden mehr als ein Gehirn, und einige dieser Gehirne sind für die Tentakel zuständig – sie können sich vollkommen unabhängig vom „Kopfhirn“ bewegen. Deswegen sind diese Viecher ja so verdammt geschickt mit ihnen – diese Tatsache wird nur leider nicht einmal angedeutet.

Dann habe ich noch eine sehr simple Frage: Gibt es in dieser von Aliens angelegten Menschenkolonie hässliche Frauen? Abgesehen von der weisen, alten Dame bei den Rebellen, die so etwas wie eine Wahrsagerin/Priesterin ist. Oder generell hässliche Frauen? Mir scheint nicht: Myriam, Jakes Frau, die Frauen auf dem Deck des Schiffes, die Frauen in der Kolonie, keine einzige scheint einen nennenswerten Makel zu haben. Könnte auch daran liegen, dass so gut wie alles, was zu ihnen geschrieben wird, „schön“ ist, aber gerade die Frauen in der Kolonie müssten doch ein paar durchschnittliche hervorgebracht haben?

 

Bevor ich auf die Charaktere eingehe, möchte ich auf die ungezählten direkten Charakterisierungen im Text eingehen. Kurz gesagt bedeutet das, dass der Erzähler oder eine Figur eine andere beschreibt. Das kann genutzt werden, um die Beziehung zwischen den Handelnden darzustellen oder um sich einen Teil der indirekten Charakterisierung – die durch das Handeln, das Denken, das Sprechen entsteht – zu sparen.

Praktisch jeder Charakter erfährt eine direkte Charakterisierung – Jake wird mehrmals als intelligent und schlau bezeichnet, sowohl von den Aliens als auch von seinen Mitmenschen, wohingegen ich mir viermal aufgeschrieben habe, dass Jake dumm ist. Myriam soll ebenfalls mehr als nur eine naive Idiotin sein, wobei mir auch hier die indirekte Charakterisierung abgeht.

Prinzipiell treffen die meisten von anderen Figuren genannten Eigenschaften nicht oder nicht durchgehend auf die Protagonisten zu. Ich fasse das nochmal kurz zusammen: Dem Leser wird gesagt, was er von den Charakteren halten soll, und dann machen die, was gerade für den Plot notwendig ist.

Jake als Protagonist des Romans wird als schlau beschrieben und ist ein rational denkender Mensch – außer dann, wenn er es nicht ist. Außerdem ist er gut im Kämpfen, er hat den Pilotenschein und seine einzige negative Eigenschaft scheint die zu sein, dass er seine Klappe nicht halten kann. Und dass er sich ständig in Probleme bringt, obwohl einem so intelligenten Menschen doch bessere Lösungen einfallen müssten.

Er kommt mir nach der interessanten Einstiegsphase, also in etwa ab dem Zeitpunkt, zu dem er auf dem Planeten ankommt, geradezu übermächtig vor. Man lasse sich das auf der Zunge zergehen: er ist intellektuell fit, psychisch fit, physisch fit, und er hat den Pilotenschein. Das hat zwar für den Roman keine Relevanz, aber diese Eigenschaft musste unbedingt noch rein.

Müsste ich seinen Charakter ohne Hilfe der anderen Figuren beschreiben, würde mir nicht viel mehr als „große Klappe“ einfallen. Ich habe fünfhundert Seiten lang über ihn gelesen und kann ihn einem beliebigen Zuhörer nicht beschreiben. Er macht das, was gerade für den Plot von Relevanz ist – und ich würde ja gerne hinschreiben, er sei richtig schlau, aber dann dürfte er das nicht alle paar Seiten widerlegen, indem er irgendetwas anstellt oder sagt, das eine wirklich intelligente Person nicht gemacht hätte, weil sie weiß, was für Auswirkungen das haben wird.

Als nächste Protagonistin – wenn auch erst später im Roman – haben wir Myriam, die Jake an seine verstorbene Frau erinnert, weil sie ihr ziemlich ähnlich sieht, was ein bemerkenswerter Zufall ist. Sie kommt mir wie eine neue Fassung des Gretchens aus dem Schülerschreck „Faust“ vor: Was auch immer Jake mir einzureden versucht, sie ist naiv, hinterfragt wenig, ist schwächlich, glaubt an das Gute im Menschen und steht auch sonst konsequent als Opfer dar. Zuerst ist sie das des Systems im Allgemeinen, dann das von Jake, als dieser soziale Herabwürdigung erfährt, dann das einer ranghohen Person der Menschen namens Gura Limka, dann das des Schicksals, als sie glaubt, Jake sei tot, dann das Rodhanas, zu der ich später noch komme, dann das Brukes, der sie zweimal fast vergewaltigt, und dann wieder das der Aliens, bis endlich das Ende des Romans über sie kommt.

Sie ist dermaßen passiv, dass ich mich frage, ob die Handlung nicht genauso gut auch ohne sie funktioniert hätte: Und ja, das ist wahrscheinlich der Fall. Als Ersatz für die Rebellenanführerin wäre garantiert jemand anderes ebenfalls in Frage gekommen (übrigens ist das eine der wenigen Male, in denen sie kurz aktiv wird und aus ihrer Opferrolle ausbricht), die streitenden Squids hätte auch Jake beruhigen können und wenn er wirklich intelligent gewesen wäre, hätte er sich auf dem Schiff verstellen können, um die Squids in dem Glauben zu lassen, er hätte sich untergeordnet.

Dann haben wir auf der Seite der Guten noch Wate, was die Kurzform des längeren Namens ist, den die Squids sich geben. Er wird von den anderen gerne mal als „Menschenstreichler“ bezeichnet, setzt sich für diese ein – meistens, heißt das –, ist hartnäckig, ein guter Pilot und kann sich meistens zusammenreißen. Also ein Stück rhetorisch begabter als Jake, aber ich muss ehrlicher Weise anmerken, dass ich mit ihm nicht wirklich warm wurde. Das könnte daran liegen, dass mir keine einzige Charakterschwäche einfallen will oder daran, dass er sehr eindeutig der Gute ist und ich einfache Schwarz-Weiß-Systeme verabscheue, aber der Funke wollte nicht wirklich überspringen.

Als Antagonisten sind Limka und Klabu zu nennen, wobei letzterer ein Squid ist, die ich hier als ein Charakter behandeln werde, da ihre Unterschiede stark begrenzt sind. Der größte ist wohl noch, dass Limka schlauer ist als Klabu, aber ansonsten fällt mir da nichts mehr ein. Beide sind klassische Bösewichte: sie lieben es, anderen Schmerzen und Tod zuzufügen, sind überheblich und selbstsicher, arrogant und haben keine wirklich ausformulierte Hintergrundgeschichte. Ja, bei Limka wird angedeutet, dass ihr Vater sie vernachlässigt und ihre Halbschwester bevorzugt hat, und ja, bei Klabu wird angedeutet, dass er eigentlich Wates Frau haben wollte, sie sich aber nicht für ihn entschieden hat, aber um diese Charaktere nachvollziehen zu können – was bei einem guten Antagonisten der Fall sein sollte – reichen diese zwei Sätze langen „Entschuldigungen“ nicht aus.

Zumal beide überzeichnet wirken, als wären sie eine Parodie auf das Original, was auch immer das sein mag. Keiner zeigt eine positive Eigenschaft, die konsequent durchgehalten wird, also qualifizieren sie sich hervorragend als die typischen Bösen.

Kurz möchte ich noch Rodhana ansprechen, die Rebellenführerin. Über mehrere Dutzend Seiten lang war sie mein Lieblingscharakter – sie hat ihre Schwächen, beispielweise, dass sie pauschalisiert, aber aufgrund ihrer etwas besser erkennbaren Vergangenheit ist das auch besser nachvollziehbar als bei unseren Schlimmschurken, sie ist streng und rau, widerspricht also dem typischen femininen Bild, ihren Respekt muss man sich verdienen, sie denkt strategisch, kennt die Tunnel unter dem Berg wie kein zweiter, achtet das Wohl ihrer Rangniederen – klingt soweit ganz nett, nicht wahr?

Dass sie zu Myriam unfreundlich ist, lässt sich mit dem Pauschalisieren erklären – eine Charakterschwäche: sie verurteilt die Frau, weil sie schwanger ist und das unter solchen Umständen nun mal nur Probleme bereiten kann. Mein Respekt gegenüber Rodhana ist etwas angestiegen, als sie Myriam beim ersten Mal vor Bruke beschützt – und ist gleich darauf bei null angekommen, als sie nach dem zweiten Übergriff, der nur durch zufälligen Zufall nicht in Myriams Tod geendet ist, der fast Vergewaltigten die Schuld für den Angriff in die Schuhe schiebt.

So etwas nennt sich auch „victim blaming“ und ist etwas, das ich von einem Charakter, der die meiste Zeit über einen soliden Gerechtigkeitssinn demonstriert, absolut nicht erwarte. Zuerst sagt sie Myriam noch, sie solle ihr sagen, wenn sie Bruke verdächtigt, sie vergewaltigen zu wollen, und dann beschuldigt sie sie für die Beinahe-Vergewaltigung?

Damit ist es offiziell: Keiner der Charakter ist einer, mit dem ich mich identifizieren kann oder über den ich gerne etwas lesen würde.

 

Einer der interessantesten Aspekte am gesamten Roman sind die Aliens und ihre Welt. Das, was ich von diesen beiden mitbekommen habe, klingt soweit gut – nur wird es vom Erzähltempo abgewürgt, ehe sich wirklich Faszination entwickeln kann. So ist die Gesellschaft der Squids so gut wie gar nicht beleuchtet – das fängt bei der Wirtschaft und der Währung an, geht über die Nahrung dieser und wie oft sie sie konsumieren müssen – was auch immer sie sein mag –, und endet bei den Aliens, die die Squids angegriffen haben und denen sie einen Großteil ihres aktuellen Standes zu verdanken haben.

Dazwischen zwängen sich Fragen über die Politik – offenbar gibt es einen Rat, in dem innerhalb weniger Stunden bis Tage die Gegner der Menschen überhand nehmen. Was mich zu der Frage bringt: Wird dieser Rat gewählt? Wenn ja, wie oft und von wem? Wenn nein, wer bestimmt dann die Mitglieder?

Gefallen hat mir, dass die Aliens Squids sind – und Potenzial für Tiefe und Kritik hätte es bei ihrer Einstellung gegenüber Menschen gegeben. Diese halten sie für Tiere, in erster Linie deswegen, weil sie nicht mental kommunizieren können und weil sie nicht auf demselben technischen Stand sind wie die Squids.

Das ließe sich auf vielfältige Weise auf unsere Realität übertragen – es könnte Anlass zur Diskussion geben, woran man Intelligenz nun festmacht, wie man sie bei völlig anderen Lebewesen mit einer anderen Umwelt und anderen Möglichkeiten erkennen und bestimmen kann; es könnte ebenso zu Überlegungen anregen, ob nicht das, was die Squids in Bezug auf die Menschen denken, von uns Menschen in Bezug auf Tiere und sogar Pflanzen und Pilze gedacht wird.

Gleichzeitig verbirgt sich auch einiges an Philosophie hinter den Stakkato-Sätzen: Welche gesellschaftlichen Formen sind lange Zeit stabil? Wie bringt man Leute dazu, zu kooperieren? Ist es die Mühe wert, ihnen einen Intellekt zuzuschreiben und die Konsequenzen daraus zu ziehen, oder ist es unterm Strich nicht effizienter, wenn man sie einfach dazu zwingt?

Das einzige Aber, das ich diesen vorherigen Absätzen entgegenzubringen habe, ist das, dass all dies nicht zum Leser durchzudringen vermag. „Squids“ ist ein Roman, den man in einem Rutsch liest und der sich nicht die Zeit nimmt, die Dinge, die für den Plot nicht direkt relevant sind, auf- und auszubauen. Das Konzept bietet viel Potenzial, das aber großzügig bei einer Auktion an die Spannung versteigert wurde.

Nicht verwunderlich wirkt da, dass die Wandlung der Squids und auch der Menschen zu gegenseitigem Respekt eher zufällig und abrupt wirkt als wie der fließende, langsame Übergang, der  der Realität wesentlich näher gekommen wäre. Ähnliche Systeme haben wir zuhauf in unserer Welt – so etwas verschwindet nicht innerhalb von ein paar Wochen, so etwas braucht Zeit und viel, viel Engagement.

 

Bevor ich diese wahrlich mammutartige Mammutversion zu einem Ende bringe, möchte ich noch die Fehler in der Sprache und der Formatierung ansprechen. Besonders bei der Zeichensetzung und bei „Sie“/„sie“ gibt es zuhauf Fehler, die durch in Massentierhaltung gefangene Satzzeichen und im Präteritum gedachte Überlegungen ergänzt werden. Gerne mal werden die kursive und normale Formatierung durcheinander gewirbelt, sodass man sich bei jedem scheinbaren Fehler fragen muss, ob das nun Absicht oder Schlamperei ist.

Mein persönlicher Lieblingsfehler ist aber „3-dimensional“. „Dreidimensional“ auszuschreiben wäre wohl zu anstrengend gewesen und sieht außerdem nicht so cool aus. Ich meine, die zwei Zeichen mehr wären wirklich zu ineffizient auf einer Kosten-Nutzen-Basis gewesen…

Wenn ich das richtig verstanden habe, ist „Squids: Aus der Tiefe des Alls“ bereits eine überarbeitete Version – bei der nächsten Überarbeitung könnte dann vielleicht auch ein Korrektor konsultiert werden, der die unzähligen Fehler rausklaubt? Oder nochmal drüberglesen werden, um die Formatierungsfehler zu beseitigen?

 

Wer hier beim Fazit angekommen ist und sich die gesamte bisherige Mammutversion durchgelesen hat, wird annehmen, dass der Roman von mir zwei Sterne bekommt – ist er doch in vielen Aspekten „To-Gulis Kinder“ ähnlich, den es schließlich auch nicht besser erwischt hat.

Tatsächlich vergebe ich hier aber die goldene Mitte, denn: Obwohl die Charakter nicht konsequent durchgezogen werden, ein simples Gut-Böse-System regiert, die Welt kaum näher beleuchtet wird, der Stil holprig und detailfern ist und sich die Handlung an vielen Stellen vorhersehen lässt – ich habe es schnell gelesen und mich anschließend über meine eigenen Notizen amüsieren können.

Die schlecht inszenierte Spannung würgt sämtliche anderen Aspekte ab, die der Roman zu bieten hätte, würde man sich die Zeit für sie nehmen, und zugleich ist sie der Hauptgrund dafür, dass das Lesen dennoch keine Qual ist. Somit ist „Squids: Aus der Tiefe des Alls“ in meinen Augen eine oberflächliche, flache Lektüre, die man einmal liest und ein paar Wochen später wieder vergessen hat, die während des Lesens selbst aber einen gewissen – wenn auch teils unfreiwilligen – Unterhaltungswert bietet.

 

Details zum Roman:

Titel: Squids: Aus der Tiefe des Alls

Autorin: Leo Aldan

Veröffentlicht über: Belle Époque Verlag*

Erscheinungsjahr: 2016

ISBN: 978-3-945796-52-8

Genre: Science-Fiction

Preis: 16,99€ (s. Datum)

Seiten: 508

Reihe: nein (s. Datum)

Bewertung: 3 von 5 Sternen (s. Datum)

Stand: 05.09.2016

 

 

*: Der Verlag bezeichnet seine Autoren als Selfpublisher. Da das E-Book parallel dazu auf BookRix zu finden ist, habe ich mich dieser Behauptung angeschlossen.


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