Mammutversion: "Horizon: Aufbruch ins Ungewisse" von Amanda Laurie (5. RW)

In der Fantasy gibt es inzwischen eher selten eigenständige Romane, die keine Nachfolger haben, sondern in sich abgeschlossen sind. Umso mehr hat es mich gewundert, dass sich erst der vierte Fantasy-Indieroman der Regel dieses Genres beugt und der Auftakt einer Trilogie sein soll, dessen zweiter Band noch 2016 erscheinen wird.

Der Plot ist schnell erzählt, da nicht sehr kompliziert: Corin, der uneheliche Sohn des Königs von Carbonn, wird von diesem mit sechzehn Jahren an den Königshof geholt, um – was er aber erst spät erfährt – den Platz seines verstorbenen Halbbruders einzunehmen. Zu kämpfen hat er dabei vor allem mit Raoul, der uneheliche Sohn der verstorbenen Königin, der ebenso scharf auf den Thron ist, wie Corin gerne wieder zurück nach Hause möchte.

 

Wenn sie auch nicht sofort ins Auge stechen, so bemerkt man während der Lektüre der ersten einhundert Seiten unweigerlich, dass mit den Kommata etwas aus dem Ruder gelaufen ist. Gerade um Nebensätze und Vergleiche herum tummelt sich ein Kindergarten voller Fehler, der alle möglichen Kombinationen beherbergt: ein Beistrich zu viel, ein Beistrich zu wenig, ein Beistrich an der falschen Stelle, obwohl prinzipiell im Satz benötigt.

Hinzu kommen seltene Formatierungsungereimtheiten, die sich ausschließlich auf die Gedankengänge beziehen. Meistens sind diese kursiv gehalten.

 

„Horizon: Aufbruch ins Ungewisse“ ist von einem Schreibstil geprägt, den ich als „ganz nett“ bezeichnen würde. Die Satzlängen sind ausgewogen, wenn sie auch ab und an etwas komplexer hätten sein dürfen; die Wortwiederholungen, die bevorzugt am Anfang der Sätze auftauchen, weisen auf einen noch nicht ganz ausgereiften Stil hin und dem schließen sich auch die Stilblüten an, die sich durch das gesamte Buch ziehen.

Teilweise manifestieren sie sich in seltsam anmutenden Formulierungen, manchmal implizieren sie sogar etwas, das einige Sätze zuvor genau andersrum ausgelegt wurde, und manchmal wirken die Worte schlicht fehl am Platz, wie beim Zimmer, das mit „kein Luxus“ betitelt wird. Der Beschreibung nach handelt es sich um eines jener Exemplare, die ein Himmelbett, Sitzkissen und feine Stoffe zu bieten haben. Ich vermute zwar, dass irgendwelche Goldornamente und Stickereien mit „Luxus“ gemeint sind, nur sollte es da nicht viel zu spekulieren geben.

Hinzu kommen einige interessante Auswüchse. So werden Ausrufezeichen einen Tick zu oft verwendet und die Zeitangaben, die am Anfang der ersten paar Kapitel den Leser aufklären, hätten sich geschickter einbauen lassen. Außerdem wird die „Große Halle“ immer in Anführungszeichen gesetzt – wieso? Alle anderen Ortsnamen werden, wenn überhaupt, kursiv geschrieben. Durch diese Entscheidung wird die Große Halle als Phrase hervorgehoben und in Zweifel gezogen – oder handelt es sich dabei um ein Zitat, das ständig im Fließtext auftaucht?

Hinzu kommt ein erwähnenswerter Hang zu englisch(-sprachigen) Begriffen. „Horizon“ – der Name des Kontinents – ist hier nur ein Beispiel; es werden auch gerne Wörter wie „fair“ und „Dinner“ verwendet, die in einer mittelalterlichen Welt ohne Bezug zu unserer Welt fehl am Platz wirken, und als Längeneinheit werden gerne Yards herangezogen. Nicht, dass ich mir unter denen etwas vorstellen könnte, da ich mit Metern aufgewachsen bin – wie wahrscheinlich die meisten der deutschsprachigen Leser –, aber irgendeinen Grund wird diese Entscheidung schon haben. Gut, er erschließt sich mir nicht, aber das muss ja nicht heißen, dass es ihn nicht gibt.

Wenn die Lehnwörter nicht gerade zwischenfunken, ist die direkte Rede der Charaktere von altmodisch bis gebildet anmutenden Wörtern geprägt. Es wird gerne mal „dies“ statt „das“ oder „was“ verwendet – dies kann ich beim König noch nachvollziehen, bei einem als Bauernjungen aufgewachsenen Sohn aber nicht.

Der Stil steckt tendenziell noch in den Kinderschuhen – zumindest lautet so mein Eindruck nach der Lektüre des Romans. Gerade am Anfang werden die Gefühle der Charaktere sehr gut beschrieben, danach wandelt sich das Ganze immer mehr zu Erklärungen. Auch werden die Emotionen immer unrealistischer und lückenhafter, wenn sie auch nie die kritische Grenze erreichen.

Die Handlungen werden so wiedergegeben, dass man als Leser mitkommt, aber ein paar mehr Details wären an einigen Stellen interessant gewesen. Überdies wird viel mit Zeitraffern gearbeitet – es vergehen während des ersten Romans etwa zwei Jahre –, was dazu führt, dass mehrere Entwicklungen eher erklärt als beschrieben werden.

Die Umgebungen kommen nicht wesentlich besser weg. An einigen Stellen sind sie sehr gut beschrieben, meistens aber werden sie nur grob vorgegeben und der Leser muss sich den Rest einfach dazudenken. Es reicht immer aus, um sich den Handlungsort vorzustellen, weswegen es sich hierbei um keinen grundlegenden Fehler handelt, sondern um meine persönliche Ansicht, die sich in dieser Rezension aber nicht vermeiden lassen wird.

Etwas, das mich wesentlich mehr gestört hat als die Beschreibungen, die größtenteils eher nach dem Lesen als während der Lektüre sauer aufstoßen, sind die vorgegebenen Interpretationen der vorhandenen Details. Wenn beispielweise ein Charakter rot wird, wird garantiert noch dazugeschrieben, aus welchem Grund das passiert – anstatt dem Leser etwas zuzumuten und ihn selbst schlussfolgern zu lassen. Das widerfährt aber nicht nur den fast eindeutigen Interpretationen, sondern auch denen, bei denen der Leser sich selbst ein Bild machen und vielleicht ein paar Andeutungen verstehen könnte. Stattdessen wird darauf geachtet, dass wirklich jeder mitkommt. Es gibt praktisch keinen Verdacht, der nicht einige Sätze, nachdem man ihn gedacht hat, genau so aufgeschrieben wird.

Die Kapitel sind kurz, was nicht unbedingt negativ, sondern für meine Leserverhältnisse schlicht unüblich ist. Bis etwa zur Mitte habe ich in einem Rutsch gelesen, wobei der Anfang interessant und meine Motivation zum Kauf dieses Buches war. Danach folgen ein paar Dekaden Seiten, in denen weder Interesse noch Spannung sonderlich bemüht werden, ehe ab der Mitte, in der es um die Politik geht, schlagartig wieder etwas zu bestaunen vorhanden ist. Ich möchte an dieser Stelle anmerken, dass in dieser Szene sämtliche Ländernamen mindestens viermal erwähnt werden, was es schwer macht, den Überblick zu behalten, zumal während der vorherigen Seiten kaum auf die Länderbeziehungen eingegangen worden ist. Die Karte ist hier sehr hilfreich – was auch erklärt, warum ich nicht weiß, wo Rowenia liegt. Im Osten nicht, zumindest nicht nur, denn da ist noch irgendein Land, dessen Name ich mir nicht gemerkt habe. Gegen Ende lebt auch die Spannung etwas auf, sodass die zweite Hälfte ziemlich eindeutig die erste aussticht.

Unterm Strich kann ich vom Schreibstil also sagen, dass er bei weitem nicht alles falsch macht, das er falsch machen kann – ich denke allerdings, dass es noch etwas mehr Erfahrung braucht, bis er sich wirklich entfalten wird. Wahrscheinlich ist hierbei eine Entwicklung von Roman zu Roman der Reihe sichtbar – wenn ich auch bezweifle, dass ich sie mitbekommen werde.

 

Wer im Übrigen glaubt, ich hätte bei der Inhaltsangabe gespoilert, irrt sich. Alles, was ich in diesen paar Zeilen zusammenfasse, ist innerhalb der ersten paar (kurzen) Kapiteln erkennbar – sogar noch in der Leseprobe, wenn ich mich richtig erinnere. Der Leser bekommt ab und an Einblicke in den König – wenn ich auch sagen würde, dass ein paar mehr hilfreich gewesen wären, so sorgt das ausreichend dafür, dass die Sicht bereits neunzig Prozent der erstaunlichen Enthüllungen verrät, die Corin ausknocken werden.

Wohl auch dadurch bedingt kommt mir die Handlung nicht allzu verwinkelt oder verschlungen vor, sondern eher geradlinig und ohne große Überraschungen. Etwa in der Mitte gibt es eine sehr wohl unerwartete Wendung, die aber alles andere als dramatisch ist – ansonsten fallen mir spontan nicht sehr viele Sachen ein.

Es gibt einige Rätsel, die sich von Anfang an auftun, aber selbst die lassen sich einige Seiten vor der Auflösung erahnen – beispielweise, wer für den Tod von Etienne, dem ersten in der Thronfolge, verantwortlich ist. Was bleiben, sind kleinere Wendungen, die zwar durchaus einen Einfluss auf den Plot haben, aber nicht in dem Sinne als „Plottwist“ durchgehen.

Was dafür das gesamte Buch spickt – wenn auch in einer halbwegs vertretbaren Zahl – sind Detailfehler. Damit meine ich Ungereimtheiten, bei denen etwas etabliert wird und ein paar Zeilen später wird es verneint, ohne dass dabei für die Handlung sehr viel herausspringt. So gibt es Unklarheiten, wie weit der Waldrand von Corins Haus entfernt ist – zuerst schätzt er die Distanz auf achtzig Yards, dann rennt er los und plötzlich sind es noch mindestens einhundert.

Zusätzlich gibt es ein paar Logikfehler wie die Tatsache, dass Gerard, ein Gardist, nach einer mehrstündigen Wanderung komplett aus der Puste ist, dass ebenjener Gardist mal eben seine Uniform bei einem Ausflug in die Stadt nicht anzieht, obwohl er ganz offiziell Corin bewacht, dass der König sich aus irgendeinem Grund sicher ist, dass Corin die Flussüberquerung am Ende überlebt, dass Raoul, obwohl älter und länger auf dem Königshof, offenbar dasselbe Wissen hat wie Corin und ihm dementsprechend schnell unterliegt, und so weiter und so fort.

Ab und an werden auch Dinge oder Begebenheiten erwähnt, die dann nie wieder angerührt oder schlicht übersprungen werden – ein Nachteil des zeitraffenden Stils. So wird Corin angekündigt, dass die Lindoraner mehrere Könige haben und er diese kennen lernen wird, wovon ein Jahr später noch immer nichts zu lesen ist.

Im Übrigen möchte ich noch kurz anmerken, dass ich zwei Nachkommen eines Königs für eine verdammt kleine Zahl halte – zumal nirgends erwähnt wird, dass es so etwas wie Verhütungsmittel gibt. Gerade wenn es um so etwas Wichtiges wie den Thron geht und es leicht sein kann, dass gewisse unglückliche Umstände die Anwärter reduzieren, ist es wichtig, etwas mehr Kinder zu zeugen. Die einzigen beiden Erklärungen, die ich hierfür habe, lauten: Der König hat out of character gehandelt und diese mögliche Entwicklung nicht bedacht - oder die Königin und/oder der König sind nicht ganz so fruchtbar wie ein durchschnittlicher Mensch.

 

Der Grund, weswegen eine solche Unbedachtheit nicht dem Charakter des Königs entsprechen würde, ist der, dass er kein Idiot ist. Tatsächlich ist er nicht einmal ein hassenswerter Antagonist – er ist sehr gut gezeichnet und auch, wenn ich mir mehr Einblicke in ihn gewünscht hätte, um ihn noch besser verstehen zu können, stellt man als Leser während des Romanverlaufs fest, dass er alles andere als ein eindimensionaler böser Vater ist.

Er ist intelligent, nimmt seine Verantwortung als Oberhaupt eines ganzen Landes wahr, denkt zumindest ein wenig an den Frieden und die Bürger und sorgt sich um seine Söhne. Auf der anderen Seite – und das macht ihn zu einem solch interessanten Charakter – ist er dabei sehr egoistisch, bedenkt nicht, wie sich andere dabei fühlen könnten, ist machtbesessen und will seine Ziele um jeden Preis durchringen. Gleichzeitig ist er definitiv rationaler als sein Sohn.

Der ist so in etwa das Gegenstück zu seinem Vater. Nicht in puncto Gemütshaltung, da nur teilweise, sondern eher in puncto interessante Figur. Um es kurz zu machen: Er ist ein Gary Stu. Wer mit dem Begriff nicht vertraut ist: Es bedeutet, dass ein Charakter alles perfekt kann, dass ihm alles in die Hände fällt, alle ihn mögen und er keine nennenswerten Schwächen aufweist.

Das beschreibt Corin zwar nicht zu einhundert, aber zu etwa dreiundneunzig Prozent. Am Anfang ist er dabei noch ein sehr sympathischer Charakter mit glaubwürdig geschilderten Gefühlen und Gedanken – im Laufe des Romans aber stellt sich heraus, dass seine größten Schwächen Naivität und, man glaubt’s kaum, Egoismus sind. Und vielleicht auch eine angemessene Portion Idiotie.

Das Paradebeispiel für seine Schwächen ist seiner Meinung nach der Degen- und Schwertkampf. Na gut, er lernt beides in etwa so schnell und effektiv wie das Bogenschießen, aber … aber es ist eine Schwäche. Habe ich mir sagen lassen. Die einzigen Momente, in denen er tatsächlich schlechter als ein anderer abschneidet, sind dort angesiedelt, wo man sie auf etwas Anderes schieben kann: Auf seine Spezies, etwa als er im Vergleich zu den Lindoranern, zu denen ich später noch komme, wie ein Neugeborenes durch den Wald tappst und kaum mitkommt, oder auf seine Betrunkenheit, die wiederum auf Idiotie zurückzuführen ist.

Besonders Egoismus und Naivität kommen am Ende zum Tragen. In diesem Absatz gibt’s einen größeren Spoiler; wer darauf wert legt, möge bitte zur nächsten Fettschrift springen und ab dem darauffolgenden Satz weiterlesen. Nachdem Corin sich am Hof eingelebt hat und gereift ist, verlobt sein Vater ihn mit der Prinzessin aus Valeron, dem westlichen Nachbarland, die erst zwölf ist. Die Hochzeit soll stattfinden, sobald sie volljährig ist – das würde bis dahin den Frieden an der umkämpften Grenze sichern und danach Valeron und Carbonn vereinen, was für den König enorm wichtig ist, da er am liebsten alle Länder unter seiner Regentschaft hätte.

Nun wurde Corin zwar in das Königsleben hineingestoßen, nachdem er mehrere Jahre lang als Bauernjunge gelebt hat, aber das ist bereits zwei Jahre her. Seine Reaktion beläuft sich also darauf, dass er abhaut, und das auch noch erfolgreich. Ich will nicht sagen, dass ich ein solches System, wie es sein Vater anwendet, unterstütze, aber innerhalb dieser Welt verhält sich Corin ausgesprochen dumm und, ja, egoistisch.

Es geht hier nicht nur um die Machtpläne seines Vaters. Ja, nicht nur; sie spielen da sicher auch eine Rolle. Zunächst einmal würde er aber die Gemetzel an der Grenze damit im Zaun halten, einen Thronerbekrieg in Valeron aufhalten können, ganz zu schweigen davon, dass er als Prinz nicht damit rechnen kann, sich seine Frau selbst auszusuchen. Heirat ist ein sehr unblutiger Weg, blutigen Begegnungen aus dem Weg zu gehen – die Habsburger können ein Lied davon singen. (Ich möchte hier noch kurz anmerken, dass es wahrscheinlich auch der effektivere Weg ist. So ein Krieg fordert nicht nur Soldaten, sondern auch ganz andere Ressourcen und Menschenleben.)

Tatsächlich könnte man sagen, dass Corin, ohne daran auch nur einen Gedanken zu verschwenden, in Kauf genommen hat, dass mehrere hundert Menschen in den nächsten paar Jahren sterben, wenn er Pech hat sogar mehrere tausend. Es wäre interessant gewesen, diesbezüglich seinen inneren Konflikt zu betrachten, aber der ist erst gar nicht aufgekommen – die letzte Hoffnung besteht darin, dass ihm diese Kleinigkeit im zweiten Roman bewusst wird, ich würde aber nicht darauf wetten.

Um die Antagonisten ist es nur geringfügig besser bestellt. Sein Eigentlich-Nicht-Bruder Raoul hat durchaus eine Motivation – er erfährt von seinem Vater konstante Ablehnung und ständig ist da jemand, der ihm den Platz wegnimmt, ohne dass er selbst den Grund dafür kennt. Das Problem: Ihm wird zu wenig Zeit gewidmet, sodass dieser Umstand eher erklärt als beschrieben wird. Blöderweise machen erst die Beschreibungen die ganze Sache wirklich glaubwürdig.

Merlaud, einer der Offiziere, ist noch schlechter dran, denn für ihn gibt es gleich gar keine Motivation. Mehr kann ich dazu auch nicht schreiben, denn er tut einfach böse Dinge, ohne hier zu viel spoilern zu wollen, weil er halt böse Dinge tut.

 

Nun zur Welt und zu den Ideen, die hinter diesem Roman stehen. Wie bereits zu Anfang geschrieben ist das Konzept weder neu noch kompliziert – es geht um eine Vater-Sohn-Beziehung, die dadurch erschwert wird, dass der Vater für den Sohn nur in Form von Geld da war und der wiederum nichts mit dem Leben am Hut haben möchte, das sein Vater für ihn vorsieht.

Da das Ganze aber in einer Fantasywelt stattfindet, habe ich mir erhofft, dass es ein paar zumindest kleine Faszinationsfaktoren gibt, wie das bei vielen anderen, auch durchschnittlichen Romanen durchaus der Fall ist. Und zumindest in Ansätzen gibt es interessante Aspekte. Die Beziehung zwischen den Königreichen fand ich beispielweise beleuchtenswert, aber da hatte ich nur ein halbes Buch zu lesen, und selbst da gibt es nicht so viele Informationen, wie ich gerne gehabt hätte. Wobei hier der Bonus namens „Fortsetzung“ ins Spiel kommt, denn es ist bereits im Klappentext zu Band zwei angekündigt, dass politische Beziehungen wieder eine Rolle spielen werden.

Einige Rezensenten haben positiv das Adlervolk hervorgehoben. Persönlich finde ich daran nicht sehr viel, das man irgendwie faszinierend finden könnte – was auch daran liegen könnte, dass man nichts über die Riesenadler weiß.

Auch noch interessant fand ich eine bestimmte Baumart – ich glaube, sie wird im Roman „Fenga“ genannt –, die ihre Kraft aus Kälte und Schnee zieht. Interessant aber nur so weit, dass ich auf eine Erklärung gehofft habe. Ich bin prinzipiell dafür, dass Fantasy eigentlich Undenkbares thematisiert, aber zumindest ein Erklärungsansatz sollte schon vorhanden sein, wenn gleich mehrere grundlegende physikalische, chemische und biologische Gesetze über den Haufen gerannt werden.

Womit ich hingegen überhaupt nichts anfangen konnte, waren die Lindoraner. Das hat in erster Linie damit zu tun, dass sie das stereotype Fantasyvolk sind, wie es bereits in Dutzenden Romanen vorgekommen ist. Einziger Unterschied liegt bei den sechs Fingern pro Hand, aber abgesehen davon kennzeichnet sie folgendes:

-humanoid,

-magiebegabt, wahrscheinlich als einzige (oder zumindest meiste) auf dem gesamten Kontinenten,

-sie altern langsam, außer in den ersten paar Jahren, bis sie erwachsen sind – danach leben sie aber mehrere Jahrhunderte,

-sie haben wenige Nachkommen und sind nicht sehr fruchtbar,

-dafür sind sie intelligent, schnell, ausdauernd und geschickt,

-sie können im Dunkeln besser sehen

-und sich prinzipiell leiser bewegen (als Menschen).

Wer bereits ein paar Fantasyromane gelesen hat – gerade High-Fantasy, aber von den oben genannten Merkmalen ist fast jedes Subgenre betroffen –, wird jeden Punkt dieser Liste wiedererkennen. Sollte jemand erst mit der Fantasy angefangen haben, sollte es der Beweisführung dienlich sein, ein halbes Dutzend Romane zu lesen und dann auf die Liste zurückzukommen. Um nur ein Beispiel zu nennen: Die Elfen auf „Eragon“ könnten hierauf ebenso zutreffen wie die Lindoraner aus „Horizon“.

Und das mag auch alles ganz nett sein, bis man langjährige Leseerfahrung hat und es einfach nichts gibt, das dieses Volk bieten kann und nicht schon dutzende Male zuvor geboten wurde. Meistens finde ich noch irgendetwas, das mir zusagt und dem Roman eigen ist, aber dieses Mal ist es nicht so.

 

Bevor ich zu meinem Fazit komme, möchte ich noch ein letztes Thema ansprechen, und zwar die Frauen in diesem Roman. Leser „Horizons“ werden sich vermutlich nach kurzem Nachdenken fragen: Welche Frauen?

Handelnde, weibliche Personen gibt es, wenn ich mich richtig erinnere, genau eine, nämlich Corins Mutter, und die verlässt der Plot recht schnell. Ansonsten ist die Besetzung der Welt scheinbar eine reine Würstchenparade, um es salopp auszudrücken. Es möge mich bitte niemand falsch verstehen – Feminismus ist wohl eines dieser Themen, bei denen das eher die Regel als die Ausnahme ist –, ich verstehe, dass die Welt eine mittelalterlich anmutende ist und gerade die politischen Rollen den Männern zukommen. Ich verstehe auch, dass das Militär und der Königshof einer mittelalternahen Welt wenige Frauen beherbergen werden. Nur ist es auffällig, dass es genau eine Frau gibt, die irgendetwas macht.

Nicht jeder Fantasyroman braucht eine pro-feministische Moral zu haben, aber es wäre schön, wenn zumindest ein paar der Nebencharaktere weiblich sind. Tatsächlich weiß ich nicht, wie es um Frauen in dieser Welt bestellt ist, außer dass sie bei der Erbfolge außen vor gelassen werden. Dürfen sie arbeiten? Ein eigenes Geschäft führen? Sind sie mündig oder müssen sie von einem Mann vor Gericht vertreten werden? Welche Bereiche sind von ihnen dominiert? Wieso beantwortet mir der Roman keine einzige dieser Fragen?

 

Zusammenfassend ist „Horizon: Aufbruch ins Ungewisse“ ein Fantasy-Roman, der für Neueinsteiger ins Genre vielleicht noch viel Interessantes bereithalten, für alte Hasen hingegen eher am Durchschnitt kratzen wird. Es gibt einige gute Ansätze und spätestens gegen Ende des Jahrzehnts wird der Schreibstil seine Reife erlangt haben – auch beweist Amanda Laurie, dass sie gerade in puncto Charakterdesign durchaus gelungene Ideen hat. Es mangelt zurzeit vor allem an der überzeugenden Umsetzung – ich denke aber, dass ich in ein paar Jahren auf ihrer Webseite vorbeischauen und nachsehen werde, woran sie denn aktuell arbeitet, denn das Potenzial ist da.

 

Details zum Roman:

Titel: Horizon: Aufbruch ins Ungewisse

Autorin: Amanda Laurie

Veröffentlicht über: Books on Demand

Erscheinungsjahr: 2015

ISBN: 978-3-7347-6819-4

Genre: Fantasy

Preis: 11,30€ (s. Datum)

Seiten: 374

Reihe: ja, Band 1 von 3 (s. Datum)

Bewertung: 2 von 5 Sternen (s. Datum) 

Stand: 20.10.2016


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