4. Minute: Fantasy ist kein One-Way-Ticket für Narrenfreiheit

Je nachdem, welche Person man fragt, wird man eine unterschiedliche Antwort erhalten, welches Genre denn nun am schwierigsten zu meistern sei. Einige sind der Ansicht, dass es die Science-Fiction ist – wegen dem ganzen wissenschaftlichen Zeug. Einige – darunter auch meine Wenigkeit – halten Historische Romane für eine hochkomplexe Angelegenheit – wegen der ganzen Recherche und den Unsicherheiten, dass wir letztlich nicht so genau wissen, wie es nun wirklich war und eine neue Entdeckung den halben Roman unrealistisch aussehen lassen kann.

Was ich aber erst seit einigen Monaten begriffen habe, obgleich ich seit Jahren praktisch ausschließlich in diesem Subgenre schreibe, ist Folgendes: High-Fantasy verlangt ihren Autoren verdammt viel Wissen und Planung ab. Und ich plotte so gut wie nie.

Bevor der eigentliche Text beginnt, möchte ich hier noch anmerken, dass die folgenden Punkte zumindest teilweise auf die meisten anderen (Sub-)Genres übertragbar sind. In der High-Fantasy sind sie aber besonders offensichtlich und summieren sich zu einem großen, anstrengenden Geschwulst, bei dem man letztlich immer etwas falsch macht.

 

Nochmal auf Anfang: Was kennzeichnet die High-Fantasy?

Eine ausgezeichnete Frage, zumal es eine derjenigen ist, deren Antwort von der befragten Person abhängt. Worauf sich die meisten einigen können: High-Fantasy ist durch eine komplett erfundene Welt gekennzeichnet – wie sie beispielweise beim „Herrn der Ringe“ und bei „Ein Lied von Eis und Feuer“ gegeben ist.

Danach wird’s kritisch. Ich habe bereits im Programmheft von TOR gelesen, dass High-Fantasy außerdem durch eine klare Einteilung in Gut und Böse charakterisiert ist, während ich das eher als Zeichen seichter High-Fantasy deute. Wie gesagt: Es gibt fast so viele Definitionen wie um Definition Gebetene. Daher gehe ich für diesen Text davon aus, dass High-Fantasy das Ziel hat, eine in sich funktionierende, logische Welt zu erschaffen und darin ihre Charaktere handeln zu lassen.

 

Was ist also das Komplexe an High-Fantasy?

Ohne große Umschweife: die Welt. Andernorts auch gerne als „Wordlbuildung“ bezeichnet bedeutet das, dass die erfundene Welt den Lesern nähergebracht werden soll – teilweise bleibt sie aber auch ungelesen und nur im Kopf des Autors, um Zusammenhänge besser zu verstehen.

Nun habe ich zuerst selbst nicht verstanden, was so schwierig an einer erfundenen Welt sein soll. Ich meine, sie ist erfunden, wie viel kann da schon schiefgehen? Dann muss man halt eine Karte seiner Welt im Kopf oder auf dem Papier haben, dann muss man halt ein paar neue Arten erfinden – das ist doch das Lustige dran, stimmt’s?

Bei allen Problemen, die das mit sich bringt, sehe ich genau diese selbst erfundenen Details als das an, das High-Fantasy so besonders und interessant macht, wenn sich auch der Plot an einigen Stellen verdächtig vertraut anfühlt. Diese erfundenen Welten sind aber einerseits das i-Tüpfelchen, da sie dennoch nicht den ganzen Roman allein tragen können, und andererseits die Grundlage – und genau das macht sie so verzwickt.

 

Das Verständnis des Autors eingebettet in Phantastik

Tatsächlich kann ein Leser, der über die Jahre und Jahrzehnte sehr viel Wissen angesammelt hat, ziemlich klar an einem High-Fantasy-Roman erkennen, über welche Teile dieses Wissens der Autor verfügt hat und über welche nicht. Der Vorteil unserer Welt ist nämlich der, dass sie bereits existiert.

Eine komplett erfundene Welt hingegen verlangt einem alles an Wissen ab, das man erwerben kann. Wie gesagt: Wir sprechen hier von funktionstüchtigen Welten, die nicht sofort zusammenbrechen, wenn man das Gewicht von Gasen in die Gleichung einbringt oder das Gesetz der Schwerkraft.

Aus was besteht eine solche Welt? Aus unterschiedlichen Arten, einer möglicherweise teils erfundenen, teils von der Erde übernommenen Biodiversität, aus Lebensräumen, aus Klima, aus Kulturen, aus Migration, aus Naturkatastrophen, aus Herrschaftsformen und aus allem anderen, aus dem unsere Welt geschaffen ist. Plus Magie.

Ein Autor, der nichts über Zoologie weiß, wird mit einer erfundenen Nahrungskette nicht sehr weit kommen und wird das Ökosystem mittelalternahe Stadt nicht sehr realistisch erfassen können. Ein Autor, der nichts über gesellschaftliche Strukturen und deren Funktion weiß, wird keinen Krieg, keine Rebellion, keinen Aufstand halbwegs anständig begründen und ausformulieren können. Ein Autor, der nichts über Philologie, nichts über Sprachenwissenschaften weiß, wird seinen Kulturen nicht den Feinschliff geben können, die sie letztlich realistisch wirken lassen.

Eine Welt besteht aus allen Disziplinen, die der Mensch erdacht hat – Biologie, Chemie, Physik, Mathematik, Soziologie, Psychologie, Literaturwissenschaften, Geographie, Wirtschaftskunde, Politik, und, und, und. Wenig verwunderlich scheint es da, dass einige High-Fantasy-Werke auf einen einzelnen Aspekt fokussieren und viele andere möglichst an den Rand drängen.

 

Die Vernetzung allen Seins

… wird dann zum Fallstrick. Geographie und Politik lassen sich nicht trennen – sie sind eng miteinander verwoben. Es macht einen Unterschied, ob ich eine Gesellschaft auf einem Eisplaneten platziere oder in einer tropischen Region. Der Zustand der Gesellschaft und Literatur sowie Sprache lassen sich nicht verdrängen. Was glaubt ihr, weswegen es so viele verschiedene Genres gibt und warum nicht alle gleich nachgefragt sind? Die Fantasy beispielweise hat ihre Wurzeln in vielen Bereichen, darunter Sagen und Legenden, Märchen, die literarischen Epochen der Romantik und im Realismus, der einer von vielen Weichensteller für die Popularität der Phantastik im Allgemeinen war.

Eine erfundene Welt, die in sich funktionstüchtig ist, ist eine gewaltige Herausforderung. Gewiss werden längst nicht alle Details dem Leser präsentiert werden – aber der Autor sollte sich vielleicht überlegen, welche Einflüsse die Magie auf die Wirtschaft hat und wie sich das wiederum auf Gesellschaft, Politik und Kunst auswirkt.

 

Letztlich ist keine erfundene Welt perfekt

Es stellt sich nur die Frage, ob Perfektionismus das Ziel ist – oder ob wir „nur“ das Optimum erreichen wollen. Irgendwann wird es einen Punkt geben, an der selbst die ausgeklügeltste Welt eine Verbindung außer Acht gelassen oder einen Fakt ignoriert hat, der eigentlich essentiell ist. Das wird bei einigen sicher früher der Fall sein als bei anderen, aber letztlich halte ich es nicht für möglich, eine Welt so vollkommen wie unsere zu erschaffen – schlicht deswegen, weil Autoren nicht allwissend und allbedenkend sind.

Gleichzeitig möchte ich an dieser Stelle zwei Dinge betonen:

1. Das Optimum ist das Ziel. Dadurch dass man nicht alles bedenken kann, bringt es nichts, sich mit Selbstzweifel vollzustopfen, dass man sicher irgendetwas vergessen hat. Besser ist es, seine Sache nach bestem Wissen und Gewissen zu machen, zu recherchieren und irgendwann einen Schlussstrich zu ziehen.

2. Das Optimum ist keine Ausrede. Nicht dafür, dass man einen ganzen Aspekt außer Acht lässt, nicht dafür, dass man auf der faulen Haut liegt und sich sagt, dass man es nicht so genau zu wissen braucht, und nicht dafür, eine halbgare Welt abzuliefern, die man nur anzustupsen braucht und schon fällt sie auseinander.

 

Fazit

Eine erfundene Welt wird wohl nie alle Zusammenhänge und Fakten so gut berücksichtigen, wie das bei unserer automatisch der Fall ist – zumal die Wissenschaft auch nicht schläft und ständig neue Zusammenhänge und Fakten entdeckt, die berücksichtigt werden wollen. Dennoch sollte man als High-Fantasy-Autor das Ziel einer wasserdichten Welt nicht aus den Augen verlieren.

Der Schlüssel dazu liegt im Lernen, in der Weiterbildung. Nach meinem ersten Monat des Biologiestudiums hatte ich pro Woche gut zwei neu verstandene Zusammenhänge entdeckt, die sich in meinen Romanen verwenden lassen – und die Biologie ist bei weitem nicht das einzige Fach, in dem das der Fall sein wird.

 

Lest Fachliteratur und Sachbücher, Fachzeitschriften und Blogartikel, schaut euch Videos diverser Wissenschafts-Kanäle auf YouTube an, lest andere Bücher und lernt an ihnen. Vergesst das Büffeln, wie es euch aus eurer Schulzeit vielleicht negativ in Erinnerung geblieben ist – Lernen bedeutet, neues Wissen zu neuen Zusammenhängen zu verknüpfen. Macht einen schönen Teppich daraus und lasst euch nicht davon schrecken, dass ihr dafür viele Knoten knüpfen müsst.


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