5. Minute: Die Notwendigkeit von Cliffhangern

Anmerkung: Zur Veranschaulichung verwende ich ein paar Beispiele, die nicht alle aus meiner Feder stammen. Ich bin mir dessen bewusst, dass ich damit auch Werbung für die Erwähnten mache, möchte aber betonen, dass das auf keine Kooperation zurückzuführen ist und ich keinen einzigen Cent dafür sehe.

Wie die meisten Besucher meines Blogs innerhalb von fünf Sekunden mitbekommen haben dürften, bin ich eine langjährige Fantasyleserin, die nur selten Ausflüge in andere Genres unternimmt. Dadurch gehören zu meiner Lesebeute sehr oft Auftakte zu irgendwelchen Reihen – Romane, zu denen es keine weiteren Fortsetzungen mehr gibt, nachdem sie beendet wurden, sind recht rar.

Gerade bei Reihen stellt sich als Autor die Frage: Wo soll ich aufhören, bevor das nächste Buch beginnt? Ich habe mich – erzwungenermaßen – mit beiden Seiten dieser Frage befasst: der des Autors, der noch ein paar Bücher zu schreiben hat, und der des Lesers, der sich nicht einmal sicher ist, ob ihm der Auftakt wirklich zugesagt hat.

 

Was genau ist ein Cliffhanger?

Bevor ich mich in die Fragestellung stürze, ob ein Cliffhanger nun gut oder schlecht sei, wäre die Begriffsdefinition zu klären. Prinzipiell handelt es sich dabei um ein offenes Ende, das in einem anderen Buch (hoffentlich) zu einem Abschluss gebracht wird. Das bedeutet meistens, dass der Handlungsstrang quasi mitten in der Handlung abbricht. Um ein Beispiel aus dem Filmbereich zu nennen: Das Ende des zweiten „Hobbit“-Films, bei dem Bilbo auf dem Berg liegt, dem zur Stadt fliegenden Drachen nachsieht und sich flüsternd fragt, was er und seine Begleiter nur angerichtet haben, ist ein offenes – die Antwort wird vorerst nicht gegeben.

Ein offenes Ende kann auch bedeuten, dass die Conclusio fehlt – beispielweise bei einer Charakterstudie, bei der zwar die Ereignisse und ihre Auswirkung auf den Charakter erzählt werden, aber nicht beschrieben wird, was er daraufhin macht: Die endgültige Wirkung bleibt aus, der Leser kennt lediglich den Zwischenstand.

Wird ein solches offenes Ende so platziert, dass es an anderer Stelle fortgeführt wird – meistens aber in einer anderen Einheit –, spricht man von einem Cliffhanger. Diese Einheit kann ein Kapitel sein, aber auch ein Buch oder gar eine Buchreihe. Hier befasse ich mich allerdings nur mit der Wirkung und der Notwendigkeit von offenen Enden mit Fortsetzung eines Romans, nicht mit den anderen Größeneinheiten.

 

Vorteile des vorübergehend offenen Endes für Autoren

Unabhängig davon, wie viele Bücher nach Band eins noch kommen (sollen) – der Leser muss dazu bewegt werden, dass er sie auch kauft, ansonsten hätte man sich die Veröffentlichung auch gleich sparen können. Genau das ist die Problematik bei Reihen: Einerseits kann man, wenn mehrere Leser alle Teile lesen, deutlich mehr verdienen als bei einem Gigaroman, andererseits wird das nur der Fall sein, wenn man die Leser auch wirklich zum Kauf der Folgebücher motivieren kann.

Nun neigen Menschen aber dazu, sich Gegenständen dann zu nähern, wenn sie einen Grund dafür haben – wenn sie etwa festgestellt haben, dass ihnen das erste Buch gut oder gar sehr gut gefallen hat, oder wenn sie einen Charakter faszinierend finden und seine Entwicklung weiter verfolgen möchten.

Es kann auch andere Gründe geben – beispielweise, dass sie prinzipiell in den Autoren oder den Herausgeber investieren wollen, auch dann, wenn ihnen einzelne Bücher nicht so gut gefallen –, aber der erste und größte Kaufgrund wird der sein, dass Leser in den meisten Fällen nach guter Unterhaltung streben.

Nun kann ich mir als Erschaffer einer Reihe nicht sicher sein, dass die Mehrheit meiner Leser Gefallen an der ganzen Reihe finden wird. Gerade wenn man bedenkt, wie viel Konkurrenz es in einigen Genres gibt, wie viele Dinge dem Leser sauer aufstoßen können und wie unterschiedlich die Geschmäcker sind, gibt es so gut wie nie eine Garantie, dass das Gefallen alleine ausreichen wird.

Glücklicherweise hat der Mensch einen Hang dazu, Dinge beenden zu wollen – angefangene, aber unvollendete Ereignisse bleiben besser im Gedächtnis haften und beschäftigen die Menschen mehr als abgeschlossene Geschehen. Das Ganze hat auch einen Namen: Zeigarnik-Effekt. Wer diesem Text mit einer gesunden Portion Misstrauen gegenübersteht, kann sich dank eines effektiven Stichworts also für unbestimmte Zeit ins Internet begeben und sich selbst davon überzeugen, dass ich hier nicht nur Schwachsinn schreibe.

Zwar reicht es noch lange nicht aus, wenn der Leser zwar ständig an die Reihe denken muss, sie aber nicht kauft, aber der erste Schritt ist getan: Aufmerksamkeit ist gewonnen, Neugierde geweckt. Das offene Ende wird zu einem Instrument der Manipulation gemacht, mit dem die Leser zum Kauf bewegt werden sollen.

 

Die Notwendigkeit offener Enden – Vorteile einer Reihe für Autoren

Nicht jeder Cliffhanger ist dabei das Produkt des bösen, bösen Kapitalismus. Gerade bei Reihen stehen Autoren oft vor dem Problem, dass sie nicht einfach irgendwo Schluss machen können. Nun bietet sich aber nicht immer ein geschlossenes Ende an, das man nutzen kann, und sei es auch nur, weil es bereits auf Seite 200 statt 400 wäre oder noch einmal zweihundert Seiten später, sodass die Aufteilung der Seiten komplett durcheinandergeraten würde.

Hierbei möchte ich ein Beispiel aus meiner eigenen Schreibstube heranziehen, um diesen Umstand verständlicher zu machen. Kurz gesagt geht es in der Reihe, die zurzeit teils in Planung, teils in Arbeit ist, um zwei große Aspekte: um den Beginn und die Entwicklung eines Krieges, dessen Auswirkungen und Puppenspieler im Fokus liegen, und um einen Charakter, der diesen Krieg miterlebt und von ihm stark beeinflusst wird.

Es gibt sicher einen Weg, wie sich dieses Geschehen, das sich über mehrere Jahre hinweg entwickeln wird, kompakt in fünfhundert Seiten zusammenfassen lässt, nur neige ich zum Detailreichtum und habe mich deswegen dazu entschlossen, daraus eine Reihe zu machen. Ich stehe hier aber vor einem gewaltigen Problem: Wenn es auch Augenblicke in der Handlung gibt, die ein geschlossenes Ende eher möglich machen als andere, so gibt es keine wirklich gute Option.

Der Grund: Sowohl der Krieg als auch die Charakterentwicklung sind Aspekte, die sich über viele, viele Seiten hinweg entwickeln werden und die nicht einfach nach vierhundert Seiten zu einem Ende kommen. Egal, an welcher Stelle ich also einen Roman dieser Reihe beende, es wird immer irgendwie ein zumindest teilweise offenes Ende geben.

Genau darin liegen der Vorteil und der Reiz einer Romanreihe gegenüber einem Einzelband: Der Autor hat die Möglichkeit, detailliert auf Entwicklungen einzugehen, Nebenstränge und –charaktere zu beleuchten und Welten zu beschreiben, die in einem einzelnen Roman keinen Platz hätten oder zu kurz kommen würden. – Was natürlich den Nachteil hat, dass in sich geschlossene Handlungen manchmal unmöglich werden.

 

Teilgeschlossene Enden – wie sich Gefühl und Gedanke unterscheiden

Eine Möglichkeit, die zwar nicht an ein in sich geschlossenes Ende herankommt, aber sich ihm zumindest annähert, ist ein teilweise abgeschlossener Handlungsstrang. Das kann unterschiedlich ausgeführt werden und hat unterschiedliche Wirkungen auf die Leser.

Zum einen gibt es etwas, das ich als „scheinbar geschlossen“ bezeichnen würde. Um bei meinem eigenen Buch zu bleiben, wird der erste Roman der oben angesprochenen Reihe damit enden, dass der Charakter, dessen Entwicklung im Fokus steht, einen ersten Schritt in den Krieg macht – er wird befördert, und er nimmt die Beförderung an. Zusätzlich gibt es einen zweiten Handlungsstrang, der innerhalb des ersten Buches vollständig abgeschlossen wird – wenn sich das teils endgültige Gefühl des Hauptstranges mit dem definitiv endgültigen des Nebenstranges vermischt, kann der Leser einen Bruch machen und die Reihe verlassen, ohne dabei zu große Kopfschmerzen zu bekommen.

Die zweite Variation ist eine, die ich in Terry Goodkinds Roman „Das erste Gesetz der Magie“ gefunden habe und die eine gute Lösung für das Dilemma bereit hält. Die glücklichen Szenen, in denen die Endstimmung aufkommt und die bei einem Einzelband auch das Ende wären, sind auch ganz am Schluss und damit das, was dem Leser am dominantesten in Erinnerung bleibt. Ebenfalls gegen Ende, wenn auch nicht als letzte Szene, gibt es jedoch ein Gespräch, das offenbart, dass bei weitem nicht alles geklärt ist.

Den Effekt habe ich am eigenen Leib gespürt und war fasziniert davon. Rein vom Gefühl her wirkte das Buch abgeschlossen – dafür sorgten die glücklichen letzten Szenen mit Endfeeling. Nach ein paar Sekunden des Nachdenkens und Reflektierens der letzten paar Szenen jedoch ist klar, dass hier einiges offen geblieben und bereit für eine Fortsetzung ist – was sich aber kaum im Gefühl widerspiegelt.

So habe ich als Leser die Möglichkeit, die Reihe zufrieden zu beenden, wenn ich mir keine drölfzig Bücher antun möchte – wenn ich aber Lust darauf habe, kann ich mir diese offen gelassenen Andeutungen im Hinterkopf behalten und mich mit Eifer auf das nächste Buch stürzen.

 

Stumpfe, wenn auch bedauerlich effektive Manipulation

Cliffhanger haben eine starke Wirkung, die man als Leser zwar ignorieren, aber nicht vollkommen ausblenden kann. Und während es Reihen gibt, bei denen bestenfalls ein halboffenes Ende zustande kommen wird, gibt es genügend, deren offener Anteil so gering ist, dass er für die anziehende Wirkung aller Wahrscheinlichkeit nach nicht ausreichen wird.

Nun kommt es auf den Autor und auf den Herausgeber an – einen Cliffhanger zu vermeiden ist in einigen Fällen schwer, aber einen künstlich hinzuzufügen ist so leicht, dass es verwunderlich ist, wie viele Leser dennoch darauf reinfallen.

Als Paradebeispiel für einen ungeschickt noch inkludierten Cliffhanger möchte ich „Windjäger“ von Jim Butcher nennen. Die Handlung an sich ist abgeschlossen, die Charaktere halbwegs zufrieden und auch, wenn es genügend lose Enden gibt, hat man als Leser nicht das Bedürfnis, die Zeit vorzudrehen und zum Veröffentlichungsdatum des nächsten Buches zu springen.

Woraufhin etwa eine Seite lang ein Cliffhanger angehängt wird, in dem jemand eine Vision hat, dass den Hauptfiguren etwas Schlimmes zustoßen wird. Das Ganze noch mit etwas Drama unterlegt und schon hat man eine weitere Kauf-das-nächste-Buch-Motivation. „Windjäger“ ist definitiv kein Einzelfall – es ist mir hier nur besonders aufgefallen. Auch eine künstliche Verlängerung des Dramas oder ein zu sehr bemühtes Aufschieben der Lösung fällt in dieselbe Kategorie, wenn beides auch nicht ganz so plump eingebaut wirkt.

 

Von Fall zu Fall

Oben habe ich erklärt, wieso zumindest in einigen Reihen teil-offene Ausgänge kaum vermieden werden können – interessant ist aber die Frage, ob Reihen prinzipiell ohne offene Enden lesenswert sind. Soll heißen: Jeder Roman, jeder Teil der Reihe ist in sich vollständig abgeschlossen und die Bücher reihen sich wie Perlen an einer Kette auf – miteinander in Berührung, aber im Großen und Ganzen unabhängig.

Der Kettenvergleich beantwortet die Frage bereits: Nein. Denn durch jede Perle fädelt sich eine Schnur, die alles miteinander verbindet. Ohne sie würden die Dinger einfach nur durch die Gegend rollen und hätten nicht mehr Bezug zueinander als ihre Farbe und Form, vielleicht auch ihre Größe.

Besonders einfach finde ich hier den Übergang zu Krimireihen – auch im Fernsehen. Beispielweise kommt „The Mentalist“ wie viele andere Serien auch nicht ohne Rahmenhandlung aus – die Handlung, die bis zum Ende einer bestimmten Staffel immer offen gehalten wird. In einigen Folgen ist sie praktisch nicht präsent, in anderen geht es nur noch um diesen einen Handlungsstrang.

Jeder Fall für sich wird aber abgeschlossen – außer vielleicht bei Doppelfolgen –, doch angenommen, die Rahmenhandlung würde wegfallen – was bliebe als Motivation noch übrig, sich auch die nächste Folge anzusehen? Abgesehen von Faulheit, die Glotze auszuschalten, meine ich.

Ein interessanter, witziger/irrer Charakter? Wenn es wirklich gar keine Rahmenhandlung gibt, dann wird er sich nicht bis kaum verändern, denn auch eine Charakterentwicklung kann im Fokus einer Serie stehen und die Folgen zusammenhalten. Nach einem Dutzend Folgen wird es wahrscheinlich langweilig werden, den immer selben Charakter das immer selbe in unterschiedlichen Variationen machen zu sehen, es sei denn, die Variation an sich ist bereits interessant genug, um dranzubleiben.

Das wird aber auch nicht immer klappen.

Ebenso wenig funktioniert es in der Fantasy, obwohl es hier nicht sofort offensichtlich ist. Um das Beispiel für eine Endlos-Reihe zu nennen: WarriorCats. Ich habe keine Ahnung, bei der wievielten „Staffel“ die Autoren gerade sind, und ich habe auch „nur“ die ersten eineinhalb gelesen, bevor es mir zu blöd wurde, aber das Prinzip ist recht deutlich erkennbar.

Soweit ich mich erinnern kann, waren die einzelnen Bücher in sich ziemlich abgeschlossen, aber jede der „Staffeln“ hatte ein Leitmotiv, eine Quest – in der ersten, die sich um den Eigentlich-Hauskater Feuerstern dreht, geht es darum, wie das Hauskätzchen im Wald zurechtkommt und die Bedrohung in der Gestalt einiger anderer Katzen auch in den eigenen Reihen aushebelt. In der zweiten geht es darum, dass der Lebensort der Katzen zerstört wird und sie fliehen müssen – zuerst wird ein neues Heim gesucht, dann die Anwohner zum Umsiedeln überzeugt, dann wird übersiedelt und ich schätze mal, dass an der Stelle, an der ich zu lesen aufgehört habe, die Territorial-Streitigkeiten wieder losgehen.

Es stellt sich hier die Frage, ob eine solche (Charakter-)Entwicklung immer auf ein spannendes offenes Ende hinausläuft und ob es sich dementsprechend als Cliffhanger qualifiziert. Auch ist beachtenswert, dass nicht jedes Maß an Spannung gleich stark ist und persönlich empfinde ich auch nicht jedes Quäntchen als "Cliffhanger" - je nach Betrachtungsweise bleibt also eine Option, auf einen solchen zu verzichten, oder eben keine.

 

Fazit

Jeder kann von Cliffhangern und offenen Enden halten, was er möchte, und es gibt genug Fälle, in denen die Regel des Gefallens eine Ausnahme findet oder das Ende verdammt deplatziert wirkt. Ich halte es aber für wichtig, ein wenig zwischen den unterschiedlichen Gedanken hinter den offenen Enden zu unterscheiden und sich der Notwendigkeit solcher „Auflösungen“ für Reihen bewusst zu sein.

Keine Frage, es gibt Cliffhanger, die praktisch ausschließlich dazu dienen, auch den nächsten Band zu verkaufen – und es gibt einige Fälle, bei denen das besonders offensichtlich ist. Es gibt aber auch Romane, in denen sich darum bemüht wird, die Offenheit des Ganzen nicht zu sehr ins Gewicht fallen zu lassen und ein Gefühl des Abschlusses zu verbreiten.

Dass bei Reihen – gerade bei langen – immer irgendein Teil der Handlung offen bleiben muss, damit die einzelnen Bücher ihren Reiz nicht verlieren, ist beachtenswert. Sicher hat das Ganze auch einen kommerziellen Gedankenteil, aber eben nicht nur. Eine Rahmenhandlung kann die einzelnen Romane interessant gestalten, ohne sich dabei nur auf das Ende zu fokussieren, und kann auch beendet werden – vielleicht, um eine neue zu beginnen.


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