Mammutversion: "Lichtsturm: Die weiße Festung" von Mark Lanvall (8. RW)

Kellen ist ein Häuptling der Kelten und wird zusammen mit dem Fürsten Morcant und dem Krieger Domhnall nach Galandwyn gebracht, in die Festung der Alben. Dort sollen sie diesen in einem Kampf helfen, den die Alben zu verlieren fürchten. Rund 2000 Jahre später wird Ben in diesen Überlebenskampf hineingezogen.

Gleich zu Beginn: Dieser Roman ist voller orthografischer Fehler, die ich selbst dann, wenn ich mich darum bemüht hätte, nicht hätte überlesen können. Besonders häufig sind Großschreib- und Zeichensetzungsfehler, und in Anbetracht dessen, was das Buch sonst zu bieten hat, ärgert mich das mehr, als ich hier zu formulieren vermag.

 

Wie in der Zusammenfassung oben erkennbar ist der Roman in zwei Handlungsstränge geteilt, die zwei Jahrtausende auseinanderliegen – und ich muss gestehen, dass mir Bens Strang, der in etwa in unserer Zeit spielt, deutlich besser gefallen hat. Das kann auch daran liegen, dass hier neudeutsche Begriffe, die sonst gerne zum Fallstrick sämtlicher Generationen werden, sehr natürlich und ungezwungen verwendet werden, sodass alle Szenen etwas sehr Realistisches bekommen – aber gehen wir einen Schritt zurück, bevor ich mich hierin vertiefe.

Der Schreibstil besteht aus eher einfach gehaltenen, tendenziell kurzen Sätzen, was sich gegen Ende etwas bessert. Dennoch nerven diese kaum zwei Zeilen langen Konstrukte nur an sehr wenigen Stellen. Dieser einfach gehaltene Stil macht es besonders leicht, in einen Lesefluss zu geraten, der gerade in den spannenden Szenen sehr mitreißend werden kann.

Praktisch überall wird „Lichtsturm“ als ein Fantasythriller geführt. Ich gebe zu, ich kenne mich im Bereich der Thriller praktisch gar nicht aus, aber was in diesem Genre besonders wichtig ist, ist die Spannung. Diese dem Roman abzusprechen, wäre Fake News, aber für einen Thriller war sie doch erstaunlich harmlos. Vielleicht ist meine Vorstellung vom Genre falsch oder ich kenne das Subgenre nicht, in dem sich das Buch bewegt, aber ich hätte gedacht, dass mich da mehr erwartet.

Dementsprechend wenig wird auf Atmosphäre gesetzt. Selten ist ihre Abwesenheit so negativ, dass sie auffällt, aber ich könnte aus dem Stehgreif keine Szene nennen, in der sie besonders positiv hervorgestochen wäre. Auch die restlichen Beschreibungen fallen zweigespalten aus: Die Umgebungsbeschreibungen können an einigen Stellen geradezu malerisch werden, aber diese Stellen sind insgesamt eher rar und werden tendenziell durch Ungenauigkeiten und Auslassungen ersetzt, die die Größe der angreifenden Vögel oder den Aufbau der Verteidigungsanlagen im Unklaren lässt oder nur einmal erwähnt und dann voraussetzt, immer aufrufbar zu sein. Dennoch hat man beim Lesen ein Bild im Kopf, nur könnte es eben deutlich detaillierter und schöner sein.

Die Handlungsbeschreibungen sind alles in allem gut und auch mit den Kampf- und Actionszenen hatte ich keine Probleme. Manchmal gab es kleinere Sprünge oder eben Auslassungen, die den Leser verwirrt dasitzen lassen – beispielweise bei der Felsspalte, durch die Larinil, Domhnall, Kellen und einige Alben fliehen, was sehr kryptisch beschrieben wird, sodass ich mich erst am Ende der Szene ausgekannt habe, wer durchgegangen ist und wer nicht.

Die Gefühlsbeschreibungen fallen ebenfalls an vielen Stellen mittelmäßig aus. Gerade beim Finalkampf in Bens Anwesen hätte ich mir ein paar mehr gewünscht, aber es gibt auch mehrere Stellen, an denen sie positiv auffallen: So kann man ab etwa der zweiten Hälfte des Buches die Handlungsmotivationen auch der Antagonisten sehr gut nachvollziehen. Es gibt hier also noch Luft nach oben, aber ein absolutes Muss ist dieses Verbessern um des Leseflusses Willen nicht.

Generell muss ich sagen, dass „Lichtsturm: Die weiße Festung“ einer der Romane ist, der sich mit dem Fortschreiten der Seitenzahl merklich verbessert. Dennoch habe ich einige Punkte gefunden, die mir nicht gepasst haben, darunter ein oder zwei angedeutete direkte Ansprachen des Lesers, die vollkommen aus dem Nichts kamen, ein Satzzeichenrudel, seltene, aber merklich misslungene direkte Charakterisierungen im Fließtext – die innerhalb der Dialoge sind in Ordnung –, und an mehreren Stellen ein mangelndes sprachliches Feingefühl für die Wortwahl.

Dieses ist teilweise lapidar genug, dass es eher als Stilblüte durchgeht. Beispielweise stellt sich eine Frau mit in etwa diesen Worten vor: „Ich bin Wissenschaftlerin.“ „Wissenschaftler“ ist eine dieser Berufsbezeichnungen, die so unfassbar unspezifisch ist, dass ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann, dass sich jemand so vorstellen würde, wenn er ein gut bekanntes Fach hat, das er stattdessen nennen kann („Ich bin Historikerin.“). An anderen Stellen nimmt diese falsche Wortwahl aber fachlich schlicht nicht richtige Auswüchse an. So wird beschrieben, dass „Pupillen“ heller werden – gemeint war hier die Iris. Dass die Pupillen das schwarze Ding in der Mitte sind und die schwarz sein müssen, damit man gut sieht – es bedeutet schließlich, dass so wenig Licht wie möglich reflektiert wird, ergo wird mehr Licht von den Nervenzellen in der Retina wahrgenommen –, wird hier großzügig ignoriert.

Noch anzukreiden habe ich, dass gerade einige von Larinils Szenen in der ersten Hälfte oberflächlich wirken, und natürlich, dass Morcants Hintergrundgeschichte sehr schlecht in den Roman eingewoben ist. Das hätte man bedeutend besser machen können.

Loben möchte ich hingegen die Perspektivenwechsel, die gerade gegen Ende vermehrt und verbessert auftreten – an einigen Stellen kann man die subjektive Färbung des personalen Erzählers deutlich herauslesen, wovon ich gerne noch etwas mehr gehabt hätte, aber auch so sind diese Perspektiven eine Bereicherung für den Roman.

 

Die Handlung ist in die zwei zeitlich deutlich versetzten Stränge von Kellen, dem Kelten (kreative Namensgebung) und Ben geteilt. Die Verbindung zwischen diesen Handlungen lässt sich sehr schnell vorhersehen und ist letztlich nicht wirklich überraschend. Gleichzeitig ist die Handlung innerhalb der Stränge zwar keine Neuerfindung des Rades, aber auch nicht so nervenaufreibend offensichtlich und einfach, dass es störend wäre.

Was ich dem Roman hoch anrechne, ist die praktisch nicht existente Zahl an Logiklücken, die ich mir notiert habe. Wer in die eine oder andere Mammutrezension von mir reingesehen hat, weiß dass ich sehr gerne mit der Kreide rumfuchtle und praktisch immer eine mindestens sechs Punkte umfassende Liste an Fehlern mit in die Rezension bringe. Dieses Mal habe ich mir lediglich zwei Dinge notiert – das ist eine der wohl niedrigsten Zahlen, die ich bisher vorzuweisen habe. Spontan fällt mir nur ein Buch der Scheibenwelt-Reihe ein, das noch weniger hatte.

Kurz: Gut gemacht, Herr Lanvall. Bitte beibehalten.

Dementsprechend möchte ich mit den beiden Fehlern nicht geizen. Der erste bezieht sich auf Liix, einer Organisation, die von Ben und seinen beiden Freunden Maus und Viktoria gebildet wird. Die Aufgabe von Liix ist es, Betrügereien zu entlarven und die Betrüger öffentlich bloßzustellen. Das wird bevorzugt mit Leuten gemacht, die andere Menschen abziehen, indem sie ihnen vorgaukeln, der Weltuntergang oder die Alieninvasion würde bevorstehen. Dazu bewegen sich meistens Maus und Ben zu einer der Versammlungen, während derer die Betrüger ihr Ding durchziehen, lassen durch Viktoria die ganze Sache auffliegen, filmen die Reaktionen des Betrügers und der Anhänger und stellen das Ganze dann online.

Dass sie dabei gegen Gesetze verstoßen, fällt auch Ben auf, aber erstaunlicherweise ist bisher noch keine Anzeige gegen Liix eingetrudelt. Obwohl es nicht so schwer sein kann, Maus und Ben zu erkennen, wenn sie persönlich auftauchen und es manchmal nicht einmal schaffen, dabei nicht aufzufallen.

Die zweite Ungereimtheit betrifft Kellen, der durch den Tod des Druidenschülers und des Kriegers Nummer eins so ungefähr gar nicht berührt wird. Ich weiß nicht, ob das so gewollt ist und so sein soll, aber es hat mich doch gewundert, denn bei Domhnall ist ihm so etwas wichtig.

 

Damit komme ich auch schon zu den Charakteren. Der einzige der Protagonisten, mit dem ich ein paar Probleme hatte, ist Kellen. Das liegt in erster Linie daran, dass ich zu ihm keinen Draht habe. Er ist neugierig, denkt geradlinig und nicht sehr kompliziert, verhält sich vorhersehbar und hat manchmal Gedankensprünge oder Assoziationen, die ich nicht nachvollziehen kann.

Und ja … das war’s. Er ist kein schlechter Charakter, aber er geht mir am Allerwertesten vorbei. Ich kann dabei nicht genau feststellen, wieso das so ist – vielleicht liegt es daran, dass sein Charakter nicht gerade innovativ ist. Stellenweise macht er sich sogar unsympathisch – so hält er das Weltbild eines Kriegers für simpel, rügt den Krieger dann aber, wenn dieser das ändern möchte.

Morcant hingegen, der Keltenfürst, ist ein interessanter Charakter. Seine Vorgeschichte ist zwar sehr ungeschickt rübergebracht worden, aber an ihm faszinierend ist, dass er ruhig und überlegend ist, abwägend und generell taktisch denkt. Auf der anderen Seite ist er ziemlich fanatisch, was die Sache mit der neuen Ordnung und den Göttern angeht. Letztlich bessert sich das gegen Ende etwas, aber bei all den guten Grundlagen, die dieser Charakter mitbringt, hat auch er mich nicht so wirklich überzeugen können. Wer weiß, vielleicht ändert sich das ja im nächsten Band.

Larinil, eine ranghohe Albin, ist eine Person, mit der ich die Hälfte des Buches über gar nichts anfangen konnte. Sie ist einfach zu … erwartungsgemäß. Auf der einen Seite entspricht sie dem typischen Frauenbild – emotional, einfühlsam, versteht die Menschen besser als die meisten anderen Alben – und auf der anderen Seite ist sie die taffe Schwertkämpferin. In der zweiten Hälfte hat sich dieses Schema etwas aufgelöst, aber bis sie mir sympathisch wird, wird es wohl noch seine Zeit dauern.

Die Protagonisten rund um Ben hingegen fand ich ausnahmslos gelungen. Ben selbst weist einen sehr glaubwürdigen inneren Konflikt auf und auch seine Schlussfolgerungen wirken ungezwungen und so, als könnten sie tatsächlich von jemandem getroffen werden. Bei seinen Freunden kann ich höchstens anmerken, dass mir die Rollenverteilung im Finalkampf bei Maus und Viktoria ein Stück zu traditionell war, aber ansonsten habe ich keine Beschwerden.

Die Antagonisten hingegen haben immerhin zweihundert Seiten gebraucht, um Tiefe zu erlangen. Anwindar, ein traditionell orientierter Alb, kommt in der ersten Hälfte rüber wie der klassische Gegner innerhalb der eigenen Reihen, der halt irgendwie der Gegner ist. Gerade die eine Szene aus seiner Perspektive hat da aber einiges geklärt und generell empfinde ich seinen Charakter als sehr gelungen, wenn er auch noch ein ganz kleines Bisschen mehr Entfaltung gebraucht hätte, um zum Optimum vorzudringen – aber auch so hat Mark Lanvall hier gute Arbeit geleistet. (Rechnet man die erste Hälfte weg.)

Der zweite Antagonist, Braxton, ist nicht ganz so überzeugend, aber die Grundlage ist da. Seine Handlungsmotivationen sind nachvollziehbar und alles, was mir bei ihm noch fehlt, ist eine ordentliche Vertiefung und Entfaltung seines Charakters im nächsten Band. Da Lawindar aber bereits als Positivbeispiel zu vermerken ist, bin ich optimistisch.

 

Bevor ich zu den beiden letzten Punkten komme, die ich in der Rezension noch erwähnen möchte, möchte ich noch anmerken, dass die Rollenverteilung zwischen Menschen und Alben doch sehr klassisch ist. Die Alben stellen die mental überlegenen, nachdenklicheren und generell klügeren und weiseren Geschöpfe dar, die Menschen sind eher so Gefühlswesen, die im Affekt handeln, nicht ganz so viel Zeit beim Nachdenken verlieren und sich auch nicht so viel aus Logik machen.

Generell hatte ich so meine Probleme mit den Lichtwesen, wobei diese in der zweiten Hälfte deutlich abgenommen haben. Bisher habe ich fast jeder Interpretation von Alben, Elben und Ähnlichem etwas abgewinnen können – sei es, dass sie erhaben gewirkt haben, mystisch oder anderweitig interessant.

Diese hier jedoch ist nichts davon. Sie verwenden das Licht, um magische Dinge zu tun, und brauchen deswegen die Sonne zum Leben. Sie bauen schöne Gärten und scheinbar perfekte Abwehranlagen. Sie haben generell einen Hang zum Schönen und zum Vollkommenen. Und ja, das war’s auch schon wieder.

Einer der Gründe, warum dieses fehlende Interesse meinerseits nicht so stark in die Bewertung einfließt, ist die Entstehungsgeschichte der Alben, die erst gegen Ende enthüllt wird. Die wiederum gefällt mir sehr gut und gibt den Alben einen neuen, deutlich besseren Anstrich, der Potenzial zu so vielem hatte – aber es ist nicht wirklich etwas daraus geworden.

Ähnliches Potenzial hatten einige Einwürfe in der ersten Hälfte, die zum Nachdenken anregen – und in der zweiten Hälfte entfalteten sie sich dann tatsächlich. Das ist einer der Hauptgründe, wieso ich guter Hoffnung in Band zwei versinken werde, denn dieses Zum-Nachdenken-Anregen, dieser Einschlag „ernster“ Literatur, oft genug auch von Gesellschaftskritik oder schlicht der Behandlung von sozial-global wichtigen Themen ist das, was ein Vier-Sterne-Roman von einem Fünf-Sterne-Roman unterscheidet.

Zu denen es wahrscheinlich nicht kommen wird, da dazu ein Korrektorat hätte am Werk sein müssen, und ich wage einfach mal zu behaupten, dass sich das im nächsten Buch nicht geändert haben wird. Und so sehr mich das auch ärgert, die Aussicht auf etwas, das ich unter optimaleren Umständen als Anwärter eines Jahreshighlights verstehen würde, lässt mich doch mit dem Geld wedeln, um das Büchlein anzulocken.

 

Zusammenfassend muss ich wohl meine Sternebewertung erklären. Der Schreibstil ist nur an wenigen Stellen herausragend, aber auch nicht auf hoffnungslosem Anfängerniveau, die Handlung hat noch Luft nach oben, aber eben auch deutlich nach unten, die Charaktere wirken in der zweiten Hälfte gut durchdacht und gerade der Antagonist hat Potenzial, die Welt wiederum überzeugt in erster Linie durch ihre Nähe zu der realen und der Tatsache, dass hier eben nicht nur alles reine Unterhaltung ist.

Es gibt ein deutliches Niveaugefälle zwischen der ersten und zweiten Hälfte, wie in dieser Rezension deutlich genug herausgekommen sein sollte. Die zweite würde ich (ohne die neue Sterneregelung) auf vier Sterne schätzen, die erste auf drei. Das macht einen unschönen Schnitt von dreieinhalb Sternen, von denen jetzt noch einer für die orthographischen Fehler abgezogen wird.

Normalerweise würde ich abrunden, aber „Lichtsturm: Die weiße Festung“ ist kein Zwei-Sterne-Roman. Er ist deutlich besser als beispielweise „Horizon“, da er an mehr als nur einer Stelle sein Potenzial zu entfalten vermag, und das auch noch an der richtigen, dass ich zum Weiterlesen motiviert bin.

 

Dementsprechend vergebe ich drei Sterne, ein halber davon besteht quasi aus Vorschusslorbeeren. Es bleibt abzuwarten, ob sich „Lichtsturm: Die andere Welt“ diese verdienen kann, und es bleibt wohl auch abzuwarten, ob Selfpublisher mit an sich guten Werken jemals einsehen werden, dass eine korrekte Rechtschreibung, Grammatik und Interpunktion keinesfalls ein Feinschliff ist, sondern die Wahl zwischen Sandstein und Marmor, aber fürs Erste bleibe ich zumindest im Angesicht des ersten Punktes optimistisch.

Details zum Roman:

Titel: Lichtsturm: Die weiße Festung

Autor: Mark Lanvall

Veröffentlicht über: CreateSpace Idependent Publishing Platform

Erscheinungsjahr: 2013

ISBN: 9781494360788

Genre: Fantasy

Preis: 9,99€ (s. Datum)

Seiten: 386

Reihe: ja, Band 1 von 4 (s. Datum)

Bewertung: 3 von 5 Sternen (s. Datum)

Stand: 02.03.2017


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