6. Minute: Warum Leser schlechte Bücher brauchen

Kaum jemandem, der auch nur einmal ein Buch zur Hand genommen hat – und sei es unfreiwillig für die Schule –, wird es erspart geblieben sein. Dabei sieht das Cover vielleicht super aus, der Klappentext mag ansprechend wirken und alle Welt lobt das Buch in den Himmel. Dann jedoch schlägt man es auf, liest – und die Blase platzt.

Gerade in Zeiten, in denen es so viele Bücher wie noch nie und scheinbar so wenig Kreativität wie noch nie gibt, gibt es auf schon fast regelmäßiger Basis Blogbeiträge, Rezensionen und Wutanfälle auf Twitter oder Facebook zu lesen, die entweder über die literarische Situation im Allgemeinen oder über einen Roman im Speziellen schimpfen.

Damit hier keine Missverständnisse entstehen: Natürlich zähle auch ich zu diesen Leuten. Die Rezensionen zu Squids oder Erellgorh sprechen da eine eindeutige Sprache. Auch meine erste Themenminute (Ein Appell für lesbare Indie-Romane) fügt sich perfekt in diese Rage ein.

Ich bestreite auch nicht, dass der wirtschaftliche Vorteil von Copycats gerade in den vielgelesenen Bereichen wie Jugendbuch oder Fantasy nervig ist und letztlich nicht gerade dafür sorgt, dass ebendiese Romantypen ein gutes Ansehen genießen. Schließlich ist genau das einer der Gründe, weswegen ich so große Probleme damit habe, vielversprechende Bücher zu finden.

Dennoch denke ich, dass all diese Phänomene letztlich wünschenswert sind – wenn auch nicht zwingend in diesem Ausmaß. (Etwas weniger wäre wirklich kein tragischer Verlust.) Tatsache ist: Auch wenn ich während des Lesens meine eigene Meinung nicht immer teile, so möchte ich doch auch schlechte Bücher lesen und werde es sowieso nie vermeiden können.

 

Klar geworden ist mir das, als ich spät im Jahr mein Highlight 2016 gelesen und jede Seite davon genossen habe. Es war zwar nicht alles perfekt, aber insgesamt war das Leseerlebnis überwältigend und nach der einen oder anderen Romankatastrophe ausgesprochen erfrischend.

Man könnte meinen, es wäre toll, wenn nur noch solche Bücher geschrieben werden würden – oder ich die anderen zumindest sicher herausfiltern könnte. Und ja, einige Zeit wäre das tatsächlich toll und super und wünschenswert. Solange zumindest, bis klar wird, was dieses Lesehighlight zum Highlight gemacht hat.

Etwas kann nur die Spitze von etwas Anderem sein, wenn dieses Andere (deutlich) niedriger ist. Dadurch, dass ich mich mit flachen Charakteren, sinnlos-amüsanten Handlungsfehlern und Augenverdreher-Stilblüten herumgeschlagen habe, war mir zu Beginn meiner Highlight-Lektüre bereits klar, was alles schief gehen kann – so klar, dass ich mich noch immer lebhaft daran erinnern kann.

Im Vergleich zu diesen schlechten bis mäßigen bis guten Büchern konnte sich mein Lieblingsbuch also besonders hervortun. Würden nun alle meine Bücher zu einer variierenden Version meines Lieblingsbuches werden, würde sich die Vergleichsmenge verschieben – nach oben.

Der Durchschnitt, der zwar nicht unbedingt meine Ansprüche, aber doch mein subjektives Empfinden des (Nicht-)Erfüllens dieser Ansprüche prägt, ist noch immer da, nur ist er jetzt wesentlich höher angesetzt als zuvor. Mein Jahreshighlight wird zu einem von vielen Büchern, die alle super sind, alle ein Genuss, und dennoch keines so gut, dass es mich nach einigen Wochen wirklich von sich überzeugen kann. Meine Fünf-Sterne-Wertung würde auf vier Sterne absacken, vielleicht sogar auf drei.

Bis ich irgendwann ein Buch finde, das aus dieser hoch angesetzten Durchschnittsmenge erneut heraussticht. Wären aber alle Bücher wie mein neues Lieblingsbuch, würde es nicht sehr lange mein Lieblingsbuch sein, sondern nur der Durchschnitt. Kurz gesagt: Mir würde das Gefühl fehlen, noch einmal vor Augen geführt zu bekommen, was für hohe Leistungen hier eigentlich erbracht werden.

 

Um dieses Prinzip zu veranschaulichen, sollte es bereits reichen, wenn ich den Vergleich zur Musik ziehe. Alle Jahre wieder stolpere ich über ein Lied, das mir besonders gut gefällt und das ich zu hören liebe. Höre ich es aber immer und immer wieder, verliert es seinen Zauber – obwohl es noch immer genauso gut ist wie zuvor.

Der Mensch passt sich dem an, mit dem er konfrontiert wird – zumindest in solchen und ähnlichen Fällen, wie ich sie gerade aufgezeigt habe. Das ist der Grund, wieso der aktuelle Highscore bei diesem einen Spiel, in das schon viel zu viel Lebenszeit investiert wurde, schnell an Reiz verliert, und das ist auch der Grund, wieso ein hohes Monatseinkommen bis zu einem gewissen Grad glücklicher macht, aber nach einiger Zeit als normal angesehen wird und letztlich als ausbaufähig.

 

Freilich gibt es ebenso wie bei Filmen auch bei Büchern unterschiedliche Abstufungen von „schlecht“. Es gibt die schlechten Bücher, die So-schlecht-dass-sie-schon-wieder-gut-sind-Bücher und die So-schlecht-dass-sie-einfach-nur-noch-schlecht-sind-Bücher. Persönlich denke ich, dass alle drei Gruppen ab und an Einzug in die Leseerfahrung finden sollten – die letzte Kategorie am seltensten, aber auch sie sollte dabei sein. Einfach damit man merkt, was eine wirklich schlechte Leistung ist.

 

Um die guten Bücher als solche empfinden und wertschätzen zu können, bedarf es schlechter Bücher – auch mal richtig schlechter Bücher. Was natürlich nicht heißt, dass man sich nicht über sie aufregen sollte* oder dass es noch nicht genug von ihnen gibt. Es heißt lediglich, dass man über all der Rage nicht vergessen sollte, dass auch diese Medaille zwei Seiten hat.

 

 

*Bitte regt euch über schlechte Bücher auf. Es ist unfassbar unterhaltsam.


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