Mammutversion: "Lichtsturm: Die andere Welt" von Mark Lanvall (9. RW)

Beware of the spoilers! Wer die Reihe noch nicht kennt, sollte lieber mit meiner Rezension zu Band eins anfangen.

 

 

Nachdem mich das erste Buch dieser Reihe nach einem langsamen Anlaufen in die Mangel nehmen konnte, hatte ich große Hoffnungen für den Nachfolger. Zugegeben, „groß“ ist noch etwas untertrieben, denn nicht nur meine eigenen Erwartungen, sondern auch die bisher ausschließlich aus fünf Sternen bestehenden Rezensionen haben mich auf all die Dinge hoffen lassen, die ich mir gewünscht habe.

Ben, Maus, Viktoria, Nathalie, Larinil und Geysbin bauen auf der Insel Madeira eine Hilfe für Verwandelte auf, damit diese mit ihren Kräften umzugehen lernen und sie dem Hass der Menschen nicht allein ausgesetzt sind. Zeitgleich gelangen zwei Alben aus der Anderswelt auf die Erde – und einer von ihnen will die Macht über beide Welten in die Hände seiner Spezies legen. Bald schon hat er Verbündete gesammelt und ein neuer Krieg beginnt.

 

Was mir als erstes aufgefallen ist: Die orthographischen Fehler sind deutlich weniger als noch im ersten Buch. Dieses Mal war das Maximum erst nach achtzig oder neunzig Seiten erreicht, nicht schon nach dreißig. Dementsprechend gibt es dennoch einen Stern Abzug und ich kann diese Rezension für euch bereits spoilern: Dieses Mal wird es keine Vorschusslorbeeren mehr geben.

 

Auch der Schreibstil hat sich an einigen Stellen gebessert. So wirkt die Satzlänge auf mich ausgewogener und es gibt weniger sehr kurze, sehr einfache Sätze, was ich sehr begrüße. Die Beschreibungen weisen ebenfalls eine Steigerung auf. Bei denen der Handlungen habe ich kaum mehr irgendwelche Sprünge feststellen können, die nicht beschrieben worden wären und die mich dementsprechend aus dem Lesefluss gerissen hätten.

Die Umgebungsbeschreibungen haben ebenfalls einen Zahn zugelegt und werden etwas seltener ausgelassen. Wenn sie beschrieben werden, sind sie generell lebendiger und atmosphärischer als im ersten Roman, aber auch hier bleibt noch Luft nach oben. Die Beschreibungen der Gefühle hingegen sind zwiespältig. Einige Szenen, beispielsweise Alexanders letzte, sind erstaunlich emotionslos geschrieben für die Menge an Gefühlen, die der Kerl gerade durchmachen müsste. An anderen Stellen des Romans wird auf dieses Durcheinander hingegen sehr gut eingegangen. Der Eindruck ist dementsprechend gemischt.

So ganz kann sich „Die andere Welt“ aber nicht von den Lastern ihres Vorfahren abwenden, denn auch hier wird wieder großzügig mit Abkürzungen um sich geschmissen und es gibt erneut einige Stilblüten und schlecht oder falsch gewählte Wörter, wenn auch beides abgenommen hat. Neu ist, dass ein- oder zweimal ein Teil eines Dialogs ziemlich gestellt gewirkt hat, was aber kaum ins Gewicht fällt.

 

Mit der Handlung war es dieses Mal so eine Sache. Die ersten einhundert Seiten haben mich weiter hoffen lassen, dass das Niveau vom Ende des ersten Romans zumindest gehalten wird, wenn nicht sogar noch verbessert. Danach hat sich der Plot im Alltag der Protagonisten etwas verheddert und während ich es nicht schlimm finde, dass es da nicht besonders spannend war, habe ich mein fehlendes Interesse schmerzlich gespürt. Etwa ab Seite zweihundert bessert sich auch das wieder und das Vor- und das Finale werden angestimmt; dementsprechend kommt auch wieder Tempo in die Erzählung.

Was ihrer Vorhersehbarkeit ausgesprochen gut getan hat, denn etwa ab dieser letzten Wende habe ich praktisch alle „Enthüllungen“ voraussehen können. Kleiner Tipp: Wenn man die Angewohnheit hat, für jeden mehr oder minder wichtigen Charakter einen Namen einzuführen und diesen auch zu nennen, das aber dann mal nicht macht, wenn von einem Maulwurf die Rede ist, ist es nicht schwer zu erraten, wer denn wohl dieser Maulwurf sein könnte. Zumal eine bestimmte Formulierung da sämtliche Zweifel genommen hat.

Lediglich Andrar hat mich gegen Ende doch noch etwas überraschen können, aber auf ihn komme ich noch ein paar Absätze später genauer zu sprechen. Denn obwohl die Zahl der Logikfehler, die ich mir notiert habe, noch immer recht klein ist, ist sie doch im Vergleich zum Vorgänger gewachsen.

Fangen wir mal mit etwas Grundlegendem an – der Hautfarbe der Alben. Der Autor hat mich darauf selbst aufmerksam gemacht, indem in einer fiktiven TV-Diskussion darauf eingegangen wurde, dass alle Verwandelten ausschließlich eine weiße Hautfarbe haben. Und ja, ich weiß, sowohl Kellen als auch Domhnall als auch der Fürst hatten weiße Haut, aber ihre Nachfahren haben sicher auch mal andersfarbige Menschen lieben gelernt. Da bisher kein vernünftiger Grund dafür genannt wurde, warum bestimmte Nachfahren eine Verwandlung erfahren, andere nicht – die einzige, die hier genannt wird, ist dass es irgendwelche nebulösen Aspekte oder Kriterien oder Umstände zu berücksichtigen gilt –, sehe ich keinen Grund, wieso nicht auch ein paar farbige Menschen verwandelt worden sein sollten. Aber auch darauf gehe ich weiter unten noch einmal ein.

Ein halber Kritikpunkt sind die lediglich fünfzig Seiten Kellen, die dieser Roman aufweist. Nicht dass ich etwas dagegen hätte – ich freue mich ja jetzt schon auf die nächsten fünfzig Seiten voller gegenseitiges anschmachten und liebäugeln zwischen Larinil und Kellen. Ja, ich freue mich ausgesprochen darauf … -, ich finde es nur etwas krude, am Ende des ersten Bandes zu behaupten, Bens und Kellens Geschichte werde fortgesetzt, wenn das Verhältnis von 1 : 1 zum Verhältnis von 1 : 9 (nur Überschlagsrechnung. Kein exakte Mathematik) gewandelt wird.

Als nächstes Lysin’Gwendain. Diese Anderswelt wurde von den Alben für sich selbst geschaffen – und trotzdem gibt es Eiswüsten? Obwohl darauf eingegangen wurde, dass die Alben sich diese Welt so angepasst haben, wie es ihnen gefällt? Oder soll ich das lieber auf die paar Jahrhunderte schieben, die vergangen sind?

Noch eine kleinere Anmerkung zu einer Szene, in der behauptet wird, Ben sitze bei sich zuhause. Es kann natürlich sein, dass er sich ein neues Haus gekauft hat, aber so an und für sich ist es ziemlich klar, dass das Haus aus Band eins nicht mehr steht.

Mein letzter Kritikpunkt richtet sich an den Maulwurf, der auf einer Stadtbesichtigung ein wenig ausrastet. Er telefoniert mit jemandem, bevor er das tut, das ist schon richtig – aber warum glauben alle gleich, dass dieser jemand sicher in Madeira sitzt? Es hätte jeder sein können. Inklusive Christopher.

 

Bei den Charakteren fange ich gleich mal mit der einen Person an, mit der ich bereits in „Die weiße Festung“ nicht warm wurde: Larinil. Ich hatte gehofft, das würde sich mit diesem Roman ändern, aber wenn überhaupt, ist es schlechter geworden. Für mich ist diese Albin einfach nur ein Prinzesschen, das ganz toll kämpfen kann, Kellen am liebsten vierundzwanzig Stunden am Tag lang anschmachten würde, eigentlich voll sanft und lieb ist und auch sonst absolut nichts Interessantes bereithält. Eine Charakterentwicklung macht sie auch nicht wirklich durch, was noch erschwerend hinzukommt.

Dann Ben. Auch er scheint sich mir seit dem Ende des ersten Buches nicht so wirklich entwickelt zu haben – außer, dass es ihm jetzt noch egaler ist, mal eben ein paar Menschen umzubringen. Wenn der Kerl am Ende der Reihe nicht Amok läuft, weiß ich auch nicht. Sein moralischer Kompass scheint an den falschen Stellen jedenfalls ein bisschen sehr flexibel zu sein, was ihn mir nicht gerade sympathisch macht – was schade ist, denn obwohl ich ihn auch in Band eins noch nicht geliebt habe, so empfand ich ihn doch als einen interessanten Charakter.

Maus, Viktoria und Braxton kann ich eigentlich in einem Absatz zusammenfassen. Erstere sind mir nach wie vor sympathisch, wenn es auch erneut Maus ist, der den Helden spielen muss, und Braxton ist Braxton. So wirklich beeindruckt hat keinen von den dreien irgendeine der Handlungen des letzten Romans und Viktoria scheint die Sache mit dem Haus-fliegt-in-die-Luft im Finale auch ganz gut verkraftet zu haben.

Jetzt zu den beiden neuen, vielversprechenden Charakteren: Andrar und Sardrowain, bei dem ich immer ein „r“ zu wenig schreiben möchte. Letzterer ist sicher ein … interessanter Charakter. Besonders lobend sollte ich wohl erwähnen, dass ziemlich viel und ziemlich gut darauf eingegangen wird, wieso er solch kruden Moralvorstellungen hat. Es wirkt zwar an einigen Stellen etwas zu bequem, aber im Großen und Ganzen bin ich an seiner Geschichte interessiert.

Andrar hingegen ist eine Klasse für sich. Er ist der einzige Charakter, bei dem ich wirklich so etwas wie eine deutlich erkennbare Entwicklung sehen kann, und wenn man diese Entwicklung mal mit ihrer Ausgangs- und Enposition bedenkt, ist es fast schon erstaunlich, dass sie nicht gekünstelt wirkt. Der Schwertführer ist innerlich zerrissen, am Ende noch für eine kleinere Überraschung gut und ich bin gespannt, wie es ihm sonst noch in diesem Krieg ergehen wird.

Prinzipiell gibt es auch in diesem Roman eine Menge Perspektivenwechsel und nach wie vor finde ich diese überwiegend gelungen und in jedem Fall bereichernd.

 

Und damit komme ich zu den Ideen hinter diesem Buch und die Welt. Ein großer Kritikpunkt ist der, dass mich gerade das Ende von Band eins darauf hat hoffen lassen, dass diese nicht allzu gut versteckte Gesellschaftskritik fortgeführt und weiter ausgebaut wird – vor allem, da sich das Thema dazu perfekt anbietet. Bis etwa Seite einhundert wurde das auch gut umgesetzt, danach aber mehr oder weniger vergessen. Dahingehend wurden meine Erwartungen bei weitem nicht erfüllt und das ist mit eines der größten Probleme, die ich mit der Fortsetzung habe.

Auch handelt es sich meiner nicht sehr fachkundigen Meinung nach nicht um einen Thriller – und wenn, dann um keinen sehr spannenden für sein Genre –, und dafür, dass der Titel „Die andere Welt“ lautet, spielen erstaunlich wenige Szenen in dieser und man bekommt einen nur kleinen Einblick in ihre Gesellschaft, hauptsächlich über Andrar.

Damit komme ich zu meiner letzten großen Überlegung. Die Hautfarbe aller Alben, wie ich bereits oben geschrieben habe, ist weiß, und ich halte das für ausgesprochen unrealistisch. Ich bin mir nicht mehr sicher, wo genau das im Roman stand, aber ich bilde mir ein, dass etabliert wurde, dass die Alben von afrikanischen Hochkulturen geschaffen wurden. Das alte Ägypten ist in dem Zusammenhang mal gefallen. Ich wüsste jetzt keinen Grund, wieso diese antiken Herrscher weiße Haut als Schönheitsideal angesehen hätten oder wieso sie auf die Idee gekommen wären, diese statt einer dunkleren zu nehmen – zumal das mit dem Licht etwas unpraktisch ist.

Immerhin reflektiert eine weiße Fläche eine relativ große Menge an Licht, wohingegen Schwarz sie einfängt. Beim Menschen wird diese Färbung durch Melatonin verursacht und die Energie der Sonne, die sonst die Zellen schädigen würde, wird unter anderem zur Spaltung einiger Moleküle verwendet, um die Energie der Strahlung unschädlich zu machen. Das wäre auch eine hervorragende Erklärung dafür, wie die Alben das Sonnenlicht nutzen könnten – wenn das auch mehr Zeit in Anspruch genommen hätte, als ihnen dafür im Buch zugestanden wird.

Dementsprechend halte ich es für unrealistisch, dass die Alben Haut so weiß wie Schnee haben sollen. Zumindest wurde mir bisher keine vernünftige Erklärung dafür geliefert, wieso das offenbar zu den Bedingungen zählt, die für eine Verwandlung notwendig sind.

 

Bevor ich zu meinem Fazit komme, halte ich es für sinnvoll, den Vergleich zum ersten Buch noch einmal herauszuarbeiten. Dieser fällt faktisch gesehen überwiegend positiv aus – die sprachlichen Fehler sind noch immer zu viele, aber immerhin weniger; der Schreibstil hat sich in vielen Aspekten gebessert, ist aber noch nicht lasterfrei; die Handlung ist etwas vorhersehbarer geworden und die Verteilung von Spannung und Interesse ist unregelmäßiger; die Charaktere haben bis auf ein oder zwei Ausnahmen keine nennenswerte Entwicklung hingelegt und sind mir nicht wesentlich sympathischer geworden. Hinzu kommt noch, dass sich bestimmte dramaturgische Muster sehr eindeutig bereits jetzt zu wiederholen beginnen, und ob ich mir das noch ein drittes Mal antun möchte, weiß ich nicht.

 

Ich bin mir generell nicht sicher, ob ich den Nachfolger ebenfalls kaufen werde. Nach wie vor ist einiges an Potenzial da und gerade Andrar interessiert mich – auf der anderen Seite bin ich nicht gerade begeistert von der Aussicht, noch mehr Kellen-Rückblenden ertragen zu müssen. Ganz zu schweigen von der Aussicht, dass zusätzlich zu Maus‘ und Viktorias gut geschriebener Beziehung jetzt auch noch Bens hinzugekommen ist, und da mir der Kerl nicht gerade sympathischer geworden ist, weiß ich wirklich nicht, ob sich da noch etwas retten lassen wird.

Zumal ich mir sicher bin, dass bereits der Titel ein Spoiler ist.

 

Was kann ich also zusammenfassend sagen? Das Buch wäre in Ordnung, wären die orthographischen Fehler weniger zahlreich gewesen. So ist es eher unterdurchschnittlich. Nicht sehr viel, aber drei Sterne kann ich hier nicht mehr rechtfertigen und will es auch gar nicht. Ob ich das dritte Buch lesen werde, weiß ich ebenfalls noch nicht – ich schätze mal, ich werde es im Hinterkopf behalten. Vielleicht lese ich es ja, wenn der abschließende Teil der Reihe rausgekommen ist und mir mal wieder die Indie-Romane ausgehen.

 

Mithalten kann „Lichtsturm: Die andere Welt“ mit seinem Vorgänger nicht- wirklich groß ist der Abstand zwischen den beiden aber ebenfalls nicht.

Details zum Roman:

Titel: Lichtsturm: Die andere Welt

Autor: Mark Lanvall

Veröffentlicht über: CreateSpace Idependent Publishing Platform

Erscheinungsjahr: 2015

ISBN: 9781507746912

Genre: Fantasy

Preis: 9,99€ (s. Datum)

Seiten: 345

Reihe: ja, Band 2 von 4 (s. Datum)

Bewertung: 2 von 5 Sternen (s. Datum)

 

Stand: 17.03.2017

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