In die Hände ihrer Herrin

„In einer fast kugelrunden, kleinen Höhle mit Regalbrettern, die aus dem Fels der Wand gewachsen waren, und vielen Steinen, die für bestimmte Leute zu wispern schienen, saß ein Mädchen mit weißen Haaren, die Augen geschlossen, auf dem Boden.

Kaum zu erkennen war ein zweites Mädchen, das bläulich schimmerte, dort, wo das Mädchen saß. Wenn man genau hinsah, sah alles blaugrau aus, ohne seine Farbenvielfalt zu verlieren.

Gwyneira seufzte und öffnete die Augen. Seit mehr als einer Stunde war sie in der Höhle und hörte dem in den Steinen gefangenen Schall zu, was ihr inzwischen keine Mühe mehr bereitete.

Als sie das Quartier zum ersten Mal entdeckt hatte, war es Anfang Oktober gewesen. Der Oktober war vergangen, ebenso wie der November, der Dezember und die erste Woche des neuen Jahres. Heute war der siebte Tag des Jahres 2827 und mit ihm kam eine kleinere familiäre Verpflichtung, die sie zu erfüllen hatte.

Das Mädchen vertiefte sich in ihren sechsten Sinn, spürte dem Wasser nach, das überall um sie herum war. Es schwebte in der Luft und klebte an den Wänden, aber wenige Meter über ihr und dort, wo sich das Wasserbecken am anderen Ende des Tunnels befand, war es in besonders großer Menge.

Gwyneira streckte ihre Hand in die Luft und blendete die Wassermassen aus. Sie machte es sich mit dieser Übung leicht, denn die Lektion aus dem schwarz schimmernden Stein, an der sie erst seit ein paar Stunden saß, war für trockenere Umgebungen gedacht.

Dennoch spürte sie den einzelnen Wasserteilchen um sie herum nach, was nicht gerade wenige waren. In ihrem Inneren konnte sie die Energie spüren, die sie für den Zauber brauchen würde, doch schien sie beengt zu sein wie ein Blatt, das fest von der Eisdecke umschlossen war.

In den letzten Wochen hatte Gwyneira regelmäßig ihre Wassermagie geübt, sodass sie den Dreh raus hatte, wie sie Zugang zu ihrem zweiten Herzen fand. Ohne große Mühe rief sie sich ihre erste Verwandlung ins Gedächtnis – wie sie leichtsinnig und ohne darüber nachzudenken vom Seeturm gesprungen war, den rauschenden Wind gespürt hatte, und wie sie von der Energie erfüllt gewesen war, die sie auch jetzt beschwören wollte.

Fast sofort konnte sie das Ergebnis spüren. Auf der Höhe ihres Bauchnabels entfaltete sich das, was sie als zweites Herz zu bezeichnen pflegte – der Kern ihrer Magie. Berauscht von der Kraft, die sie durchströmte, fiel es ihr schwer, sich auf ein paar Tröpfchen zu konzentrieren, doch darin bestand die Aufgabe, die ihr gestellt worden war.

Sie schloss die Augen und fokussierte auf die direkte Umgebung ihrer Handfläche, die zur Decke gerichtet war. Sich vorstellend, was das Wasser machen sollte, ließ sie ihre Magie los und öffnete gleich darauf die Augen, um zu sehen, ob alles reibungslos funktioniert hatte.

Eine kleine Lache hatte sich in ihrer gekrümmten Hand gebildet – Wasser, das fast nicht verschmutzt war. Sie wusste von einer anderen Lektion, dass ein so reines Wasser den meisten Lebewesen gefährlich werden konnte – nicht aber denjenigen, die mit ihm sprachen.“

 

Aus: "Wellenflügel: Der Sog der Kälte"


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