Eine Waffe ihres Gemüts

Leopold trat hinaus in die Kälte, die ihn fast sofort zittern ließ. Darum bemüht, sich nichts anmerken zu lassen, lächelte er Shenoa überlegen an, die ihm einen wissenden Blick zuwarf, der nicht gerade vor Freundlichkeit sprühte.

Als hätte sie seine Gedanken gelesen, blieb sie wenige Schritte vom Schloss entfernt stehen, wo der Wind ungehinderte durch seine dünnen Kleider fahren konnte, und hob eine Braue. „Sag, wie ist dein genialer Plan?“

 

Der schwierige Teil. Trotz allem war sie Keanus Mutter. Kurz überlegte Leopold, wie er es am besten formulieren sollte, ehe er begann: „Ach weißt du, Liebste, ich hatte ja bereits angedeutet, wie es enden wird, wenn du es nicht hinbekommst, deine Rolle zu spielen …“

Das Überlegene wurde zum Hass, als er diese Worte sprach. „Und du hast es ja nicht geschafft, wie du siehst. Sonst stünden wir jetzt nicht hier.“ Er lächelte. „Also bleibt nur noch unser letzter Trumpf, Liebste.“

„Du willst, dass ich zur Kirche gehe und ihn der Hexerei anklage?“, fragte sie.

„Das ist doch sehr grob formuliert“, antwortete er, doch erst während er diese Worte sagte, wurde ihm bewusst, dass der Ton ihrer Frage irritierend war. Er war nicht entsetzt oder ungläubig oder irgendetwas Anderes, mit dem er gerechnet hatte.

Er war kalt und berechnend, und wenn er in ihr Gesicht blickte, konnte er den leisen, rachsüchtigen Unterton heraushören. Ein Schauer jagte ihm über den Rücken, den er auf die Kälte schob.

„Du hattest es noch nie mit den Fakten, Liebster“, entgegnete sie und sah zur Kutsche. Der Fahrer, den sie mitgebracht hatte, führte mit Hilfe eines Stallburschen – oder eines Bediensteten, der spontan diese Aufgabe übernommen hatte – die beiden Pferde zur Kutsche, die nur Meter von ihnen entfernt stand. Noch waren sie außer Hörweite, was der schneidend kalte Wind garantierte.

Leopold konnte den Drang, die Arme zu verschränken, nicht mehr unterdrücken und stellte beunruhigt fest, wie ausgekühlt sie nach diesen paar Sätzen waren. Seine Fingerspitzen, Ohren und die Nase taten ihm weh, sodass er sich dazu entschied, kein großes Theater aus der Entscheidung zu machen und den letzten Kommentar zu überhören.

„Aber keine Sorge, dieses eine Mal helfe ich dir noch aus der Patsche“, ließ ihn Shenoa wissen, während sie sich umdrehte. Die Böen machten es schwer, auch nur eines ihrer Worte zu verstehen, doch er verstand den Sinn ihrer letzten Sätze: „Danach wirst du aber endlich für deine Taten selbst büßen müssen, Liebster. Dann kommt Mami nämlich nicht mehr, um dir die Last abzunehmen.“

 

Durch die Böen hinweg trat sie zur Kutsche. Leopold sah ihr einige Herzschläge lang nach, und als er die kleine Rundung unter dem dicken Mantel erkannte, war es nicht nur sein Körper, der merklich abkühlte. Die blau angelaufenen Lippen zusammengekniffen und am gesamten Körper zitternd eilte er zurück in die Wärme des Schlosses, die ihn mit stoischer Gleichgültigkeit erwartete.

Aus: "Wellenflügel: Der Sog der Kälte" 


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