Vom Pantser zum Plotter

Die eine Art, einen Roman zu schreiben, gibt es nicht. Im Gegenteil: Je mehr ich über den Schaffensprozess anderer Autoren erfahre, desto deutlicher wird, dass es in etwa so viele Herangehensweisen wie Schreibende gibt. Ein paar grundsätzliche Kategorisierungen lassen sich dennoch anwenden – und über eine der bekanntesten möchte ich meine zwei Cent (beziehungsweise eintausend Wörter) verlieren.

 

Bevor ich mich ins Thema stürze, hier der obligatorische Hinweis: Das hier sind meine Erfahrungen mit den beiden Herangehensweisen. Ich behaupte nicht, dass alle Pantser dieselben Probleme haben wie ich, und ich versuche nicht, irgendwem vorzuschreiben, wie er schreiben soll.

 

Inzwischen schreibe ich seit mehreren Jahren Romane – die Anfänge waren, wie üblich, furchtbar unprofessionell und von leicht zu vermeidenden Fehlern gespickt. Meine Herangehensweise war damals eine sehr simple: Ich hatte eine Idee, eine Szene, ein Konzept im Kopf, und damit wollte ich eine Geschichte schreiben. Also: Vor die Tastatur setzen, drauflosschreiben. Erste Szene beenden. Was nun?

Ich habe nur in den seltensten Fällen mehr als ein oder zwei Kapitel vorausgeplant, und selbst diese Planung fiel sehr rudimentär aus: Ungefähr das soll passieren, das nicht. Nachdem eine Szene beendet war, habe ich mich gefragt, wie es jetzt, logisch betrachtet, weitergehen könnte, habe eine der Optionen ausgewählt und so die Geschichte Stück für Stück, Szene für Szene fortgesetzt. (Hach ja, die guten, alten Tage, an denen ich mal eben zehntausend Wörter aufs digitale Papier bringe und dabei nicht einmal Kopfschmerzen bekomme.)

Hin und wieder habe ich mich an einer etwas geplanteren Vorgehensweise versucht, womit ich nur ein paar grobe Handlungs-Checkpoints meine, und dass ich das Ende bereits kenne, wenn ich irgendwo im ersten Drittel der Geschichte bin. Damals haben solche Versuche nie gefruchtet, und das aus einem recht banalen Grund: Ich habe geschrieben, weil ich das Gefühl des Tippens mochte, aber vor allem, weil ich die Geschichte zusammen mit meinen Charakteren erforschen wollte. Sobald ich wusste, was passieren würde, war das Reizende weg, die Geschichte wurde langweilig – ich kannte sie ja schon – und ich habe mich einer anderen, noch nicht erforschten zugewandt.

 

Zu dem Zeitpunkt habe ich fast ausschließlich für die Schublade geschrieben. Gelegentlich spielte ich zwar mit dem Gedanken, eine Geschichte zu veröffentlichen, aber das war nie das Hauptziel oder der Antrieb. Ich hatte außerdem noch nie das Vergnügen, eine meiner Geschichten zu überarbeiten – was sich mit „Wellenflügel“ geändert hat.

Ursprünglich gab es alle drei Bücher in einer Rohfassung, die genau so entstanden ist, wie ich oben beschrieben habe: Ich hatte eine Ausgangssituation, alles andere ist schrittweise aus ihr entstanden. Womit ich beim nochmaligen Durchlesen einige Probleme fand: die Geschichte mäandriert, es gibt kaum Fokus, nur einen vage sichtbaren roten Faden, und von einem Spannungsbogen möchte ich nicht sprechen.

Nun ist es eine Sache, eine solche Geschichte zu schreiben, aber eine komplett andere, sie einem Leser anzutun, der dafür auch noch etwas von seinem hart erarbeiteten Geld geopfert hat. Der Mangel an Planung war im ersten Teil der Reihe noch halbwegs ertragbar, aber die negativen Konsequenzen haben sich mit jedem weiteren Buch vervielfacht.

Was der Hauptgrund ist, weswegen ich den zweiten Teil zur Hälfte, den dritten Teil komplett neu schreiben musste, um so etwas wie eine stringente Handlung zustandezubringen. Ein ähnliches Problem stellt sich mir bei meinem aktuellen Überarbeitungsprojekt: Projekt Yttrium.

 

Die Rohfassung hat dieselben Probleme wie die von „Wellenflügel“: Die Ausgangssituation ist da, ist sogar recht interessant, nur verrennt sich die Geschichte in mäandrierenden Absätzen und Kapiteln. Die Protagonistin wird aus ihrem Land verbannt und in ein anderes, gefährliches teleportiert – und jetzt? Jetzt stapft sie etwa vierhundert Seiten durch den Wald, erlebt Abenteuer, die fast keine Konsequenzen haben und kaum miteinander in Verbindung stehen, und am Ende ist alles irgendwie gut, auch wenn es nicht sehr viel gegeben hat, das vorher schlecht war.

Derzeit bereite ich das Neuschreiben des Projekts vor, das einige gravierende Veränderungen aufweisen wird – dieses Mal aber mit einem Outline: Obwohl ich noch keinen Szenenplan habe, weiß ich bereits, was passieren wird, was die wichtigen Plot Points sind und wie sie zusammenhängen. Die Ausgangssituation ist dieselbe geblieben – nur dieses Mal wird ihr Potenzial auch genützt, statt sich im Wald der Wasserberge zu verlaufen und nie wieder gefunden zu werden. (Ich habe außerdem eine Intrige hinzugefügt. Weil Intrigen alles ein Bisschen komplizierter machen und ich sie schon immer mal ausprobieren wollte.)

 

Dass ich immer mehr zum Plotter werde, habe ich bereits während des letzten Jahres gemerkt, als ich die Rohfassung für Projekt Distel geschrieben habe. Statt – wie bisher üblich – ohne Plan an die Sache heranzugehen, habe ich mir einen Outline zusammengestellt und mich auch überwiegend an ihn gehalten.

Wie sehr das die Qualität der Rohfassung verbessert hat, kann ich noch nicht beurteilen – die Überarbeitung wird frühestens nächstes Jahr beginnen. Der Plan hat aber bereits während des Schreibens dabei geholfen, langes In-die-Luft-Starren zu vermeiden, während ich nachdenke, was als nächstes passieren soll – und das ganze Ding fühlt sich viel zusammenhängender an.

 

Ich bin noch immer nicht bereit, jedes Kapitel, jede Szene von A bis Z durchzuplanen – Plotter/Panster ist eben keine Dichotomie, sondern eine Skala, und ich nähere mich langsam dem Plotter-Pol an. Großzügiges Um- und Neuschreiben wird sich nie vermeiden lassen, gehört nun mal zur Überarbeitung dazu – ich denke aber, dass ich in Zukunft mehr Aufmerksamkeit den Feinheiten widmen kann, da ich mich nicht mehr so stark damit herumschlagen muss, die Puzzlesteine zu einem de facto bemerkbaren Plot zusammenzusetzen.