BuchLog: Liebes Kind | Buchtausch

Auf YouTube schaue ich mir gerne Reading-Vlogs an – meist längere Videos, in denen Leute ihre Gedanken zu einem bestimmten Buch präsentieren, während sie es noch lesen. Mich reizt das Format, allerdings nicht die Aussicht, ein Video zu produzieren – deswegen präsentiere ich: Meinen ersten Versuch, etwas Ähnliches in schriftlicher Form zu machen.

There will be spoilers.

 

Donnerstag, 09. April, Seite 69/364

Bisher finde ich’s okay. Es gibt einige positive Aspekte, aber so wirklich mitgerissen hat es mich bis jetzt nicht.

Der Erzähler passt sich gut den Figuren an. Zum Beispiel ist Hannahs Ich-Perspektive tatsächlich kindlich geschrieben, sodass ihre Überheblichkeit und ihr Egoismus gut rauskommen, aber ebenso ihre Erziehung und ihre bisherige Lebenswelt. Wobei letzteres auch dem Umstand zuzuschreiben ist, dass ihre „verdrehte“ Ansicht mit der normalen Welt in Kontrast gesetzt wird, die man als Leser kennt und die durch die Krankenschwester in der Erzählung repräsentiert wird.

Die Erinnerungen der Charaktere sind ziemlich gut eingestreut, erhalten das Mysterium aufrecht, geben aber immer neue Informationen, sodass man weiterlesen möchte. Bisher wird die Gewalt eher impliziert, kaum direkt beschrieben.

 

Und damit eine Quickfire-Runde an Anmerkungen:

Matthias‘ Perspektive finde ich fies, da es mir leichter fällt, mich in ihn als in das Opfer hineinzuversetzen.
Vielleicht hat Lena eine gespaltene Persönlichkeit? Sie spricht in Gedanken mit einer anderen Lena, aber es wirkt nicht wie ein Selbstgespräch.
Hannah wirkt hochbegabt, außerdem sehr egoistisch, auch für ein Kind, und mit einem beachtlichen Mangel an Empathie. Das lässt mich an ein paar andere Thriller denken, in denen Kinder isoliert großgezogen wurden, um sie zu perfekten Killern zu machen.

Mich verwirrt außerdem, dass Hannah und ihre Mama Ausflüge machen können, obwohl sie eigentlich eingesperrt sind. Woher wissen die beiden überhaupt, dass eine Feier stattfindet? Wie hat die Mama den Kontakt zu den Feiernden aufgenommen, und wieso flieht sie bei der Gelegenheit nicht?

 

Freitag, 10. April, Seite 100/364

Okay, es hat sich herausgestellt, dass „Lena“ nicht tatsächlich die entführte Lena ist – was mit etwas Nachdenken ja noch herauszufinden war. Aber ich bin verwirrt – wieso erkennt Hannah Matthias wieder, aber Matthias nicht Hannah? Und weiterhin bleibt die Frage offen, wieso „Lena“ nicht geflohen ist, als sie Hannah auf die Party mitgenommen hat. Oder ans Meer. Das nicht besonders nahe an München liegt. Nichts hiervon ergibt sonderlich viel Sinn.

Ansonsten muss ich sagen, stilistisch kann ich mich nicht beschweren. Die kurzen Kapitel erhöhen das Tempo enorm, die Perspektiven der Figuren sind weiterhin gut umgesetzt, und es wird nichts erklärt, was die Personen in der jeweiligen Situation sich nicht erklären würden. Die Details sind ebenfalls stimmig – so Kleinigkeiten wie die Wiese, die für die eingesperrte Hannah nach Waschmittel riecht, nicht umgekehrt.

 

Kurzum: Ich mag das Buch. Schau ma mal, wie’s weitergeht.

 

Freitag, 10. April, S. 181/364

Sonderlich lange konnte ich mich vom Buch nicht fernhalten. Nun gut.

Matthias wird mir zunehmend unsympathisch. Ich meine, inwiefern hilft es Hannah, wenn die Presse jetzt ein Foto von ihr hat? Er hat doch seine Erfahrungen mit sowas schon gemacht, das wird es nur schlimmer machen.

Ich find’s mysteriös, wer den Brief an Jasmin geschrieben hat. Der Täter ist ja schon ziemlich tot, und andere Verdächtige gibt es nicht wirklich.

Es verwundert mich, dass Hannah derart wenig Empathie aufbringt, dass sie der Tod ihres Vaters kein Bisschen verstört. Zumal es ein ziemlich gewalttätiger Tod war. Und ihre andere Bezugsperson direkt danach einen ebenfalls brutalen Autounfall hatte.

(Das mit den Ausflügen von Hannah und ihrer Mama ist immer noch offen.)

 

… und jetzt bin ich in der erfreulichen Position, dass ich dringend wissen will, wie’s weitergeht, und auf die Fragen vom Moritz warten muss.

 

Samstag, 11. April, Nachtrag zu S.181/364

Okay, ich denke, einige der Kapitel am Anfang, die mit „Lena“ übertitelt sind, sind tatsächlich aus Lenas Perspektive geschrieben, andere aus Jasmins. Ich muss mir also zusammenreimen, wer die echte Lena ist und wo die falsche Lena beginnt, was mich in eine ähnliche Position bringt wie Jasmin.
[Anmerkung von der Gegenwarts-Awen: Damit lag ich falsch. „Lena“ bezieht sich immer nur auf Jasmin. Es gibt Kapitel, in denen die echte Lena vorkommt, nämlich eines am Ende aus ihrer Perspektive, ansonsten aber immer aus Hannahs Perspektive. Upsi.]

Die Ausflüge Hannahs müssen mit der echten Lena stattgefunden haben, denn Jasmin wäre sofort geflohen – und sie war „nur“ vier Monate gefangen, das wäre nicht ansatzweise genügend Zeit, um die Mechanismen der Tür zu knacken/das Vertrauen des Täters zu bekommen.

Das erklärt auch, woher Lena von der Feier wissen konnte, wenn es eine ist, die jedes Jahr zur gleichen Zeit stattfindet. Es erklärt allerdings nicht, weswegen sie sich nicht noch ihren Sohn nimmt und flieht, wenn sie bis nach Paris kommen konnte, ohne dass der Täter es bemerkt.

 

Sonntag, 12. April, S. 281/364

Aktuelle Prognosen: Maja ist die Reporterin, die den Karton vor Matthias‘ Tür abgestellt hat, und sie ist entweder die Komplizin des Täters oder aber Lena selbst. Beides würde erklären, woher sie die Sachen aus der Hütte hat.

Außerdem muss der Täter Lena vor ihrer Entführung bereits gekannt haben. Er muss aus ihrem näheren Umfeld stammen, aber aus dem Teil, der ihrem Vater nicht aufgefallen ist.

Die Rückblenden sind wirklich gut eingebaut.

 

Montag, 13. April, S. 364/364

Das war’s. Das Buch ist alle.

 

Die Auflösung war wirklich gut, auch wenn ich erwartet hätte, dass der Täter eine zentralere Rolle in der bisherigen Geschichte spielt. Im Sinne von, dass er präsenter gewesen wäre. Hat aber trotzdem eine gewisse Ironie. Der Showdown war während des Lesens sehr kathartisch, aber rückblickend etwas klischeehaft. Nichtsdestotrotz ein guter Höhepunkt für die Geschichte.

Ich muss auch sagen, das letzte Kapitel passt gut ins Buch. Wäre es weiter am Anfang gestanden, hätte es irgendwie gewollt oder gekünstelt gewirkt – so hingegen war es verdient.

Die Details sind immer noch sehr stimmig, es sind alle Fragen geklärt (selbst die mit Hannahs/Lenas Reisen).

 

Ja … Das war mal ein überraschend gutes Buch. Ich hatte wirklich nicht gedacht, dass ich es so sehr mögen würde. Gut zu wissen, dass ich mich auch für Nicht-Fantasy begeistern kann.