Die Pflicht und das Desaster | Downlights 2019

Wenn man am Ende eines Jahres auf die vergangenen zwölf Monate zurückblickt und sich an sie erinnert, springen vor allem zwei Dinge ins Gedächtnis: die besonders guten und die besonders schlechten. Natürlich macht es wesentlich mehr Spaß, sich über die schlechten aufzuregen, und deswegen präsentiere ich euch als buchigen Rückblicks-Auftakt meine absolut desaströsesten Bücher 2019.

 

 

5. „Die Saat des weißen Drachen“ von Uwe Eckardt

Von den sieben Büchern, die 2019 einen von fünf Sternen bekommen haben, ist das hier bedauerlicherweise das drittbeste. Warum bedauerlicherweise? Weil es ein einziger Anfängerfehler ist. Der Weltenbau ist kaum vorhanden bis unsinnig, die Charaktere sind bis auf wenige Ausnahmen hölzern und austauschbar, die Handlung ergibt stellenweise wenig Sinn, die Antagonisten sind eine Massenkarambolage, und der Aufbau dieses Sammelbands ist teilweise irritierend dämlich. „Die Saat des weißen Drachen“ kommt dabei heraus, wenn jemand Fantasy schreiben will, es aber (noch) nicht kann.

Und das ist erst das fünfschlechteste Buch des Jahres.

 

Rezension: Kurzfassung // Mammutversion

 

4. „Jalousien aufgemacht“ von Oskar Pastior

60% der diesjährigen Schlechtesten-Liste sind Pflichtliteratur. Man lasse sich das mal auf der Zunge zergehen. Gleichzeitig ist genau das der Grund, weswegen „Jalousien aufgemacht“ noch relativ niedrig platziert ist.

Es handelt sich um eine Sammlung von Nonsense-Gedichten, bei denen es um Laut, Klang, Sprachexperimente und wohl auch ein wenig Dadaismus geht. Ich konnte mich mit diesen Gedichten aus drei Gründen nicht anfreunden: Ich finde sie einfach nicht ansprechend, ich wollte dieses Buch nicht lesen, und als ich es gelesen habe, wollte ich einfach nur ein Buch mit stringenten, sinnvollen, normal-langen Sätzen lesen. Deswegen: Absolut verdienter Platz auf meiner persönlichen Klogriff-Liste.

 

Rezension: Goodreads

 

3. „Lass dich heimgeigen, Vater“ von Josef Winkler

Was für ein beschissenes Buch. Es ist kompetent geschrieben, aber es hat mir auch bewiesen, dass ich eine Schmerzgrenze habe. Ist die überschritten, kann auch der beste Stil nichts mehr retten.

Ich hasse dieses Buch aus tiefstem Herzen. Es ist eine Anklageschrift Josef Winklers an seinen verstorbenen Vater, in der er diesen im denkbar schlechtesten Licht darstellt und über sein Heimatdorf jammert, freilich mit den Klarnamen der beteiligten Personen und hauptsächlich aus definitiv zu einhundert Prozent verlässlichen Kindheitserinnerungen schöpfend, bei denen definitiv nie irgendein Kontext fehlt.

Man verstehe mich nicht falsch: Einige der Vorwürfe (im Grunde Kindesmisshandlung, zumindest Anbiedern ans Nazi-Gedankengut) sind extrem schwerwiegend. Gleichzeitig bin ich ein großer Verfechter der Unschuldsvermutung. Was Josef Winkler mit diesem und vielen anderen seiner Büchern macht ist das Äquivalent eines YouTubers, der sein verkorkstes Privatleben ausschlachtet und in seiner Bubble von weitestgehend unkritischen Fans bleibt, die ihm zujubeln, wie toll er doch für sein teils bedenkliches Verhalten ist.

Sollte jemand denken, ich gehe nicht nuanciert genug an die Sache ran oder ich übertreibe, möge er sich bitte meine Rezension durchlesen. Ich stelle dort ein paar Dinge klar, für die mir hier der Raum fehlt.

 

Rezension: StoryHub

 

2. „Loslabern“ von Rainald Goetz

Was soll ich machen, ich hasse meine diesjährige Pflichtliteratur. Die aus irgendeinem Grund recht viele autobiografische Texte enthält. Dieser hier beschäftigt sich mit nichts im Speziellen; es geht um Rainald Goetz. Rainald Goetz hat oftmals Probleme, die Punkt-Taste zu finden, und steht darauf, sich noch auf derselben Seite zu widersprechen. Ich hoffe ernsthaft, die Pflichttexte nächstes Jahr werden nicht so beschissen sein.

 

Rezension: Goodreads

 

1. „Nafishur Praeludium: Dariel“ von Mary Cronos

Wo fange ich an.

Im Grunde ist dieser Roman verschwendetes Potenzial, das ähnlich wie „Die Saat des weißen Drachen“ an den Grundlagen scheitert: unausstehliche Charaktere, dumme Charaktere, unausstehlich-dumme Charaktere, ein wunderschön vermasselter innerer Konflikt, ein bemerkenswert stümperhafter Aufbau des Textes, unangenehm zu lesender Stil, und einige grobe Probleme beim Plot.

Gleichzeitig tut mir das mehr weh als beim „Drachen“, weil dieses Buch so viel Potenzial hatte. Ein Vampirjäger, der zum Vampir wird – und das nicht zu einhundert Prozent unfreiwillig, was einen großartigen inneren Konflikt begründen könnte. Eine Ärztin, die um Vampire weiß, sie aber nicht sofort tötet.

Zu blöd, dass der innere Konflikt in erster Linie aus Wiederholungen derselben drei Phrasen besteht und die Ärztin im nächsten Kapitel von den Charakteren vergessen ist. Ohne Magie, soweit ich das beurteilen kann.

Das i-Tüpfelchen ist für mich aber das ständige Gerede vom Durst, vom Blut, die äußerst unsensible Verwendung von SVV und natürlich Ginga, Dariels Erschafferin, deren manipulatives und äußerst arschiges Verhalten wohl als romantisch und liebenswürdig interpretiert werden soll. Wäre sie nicht, hätte eine der Pflichtliteraturen gewonnen, aber so kann ich nur sagen: Gratulation, „Praeludium“, zum beschissensten Buch, das ich mir 2019 (auch noch freiwillig) angetan habe. Ganz toll gemacht.

 

Rezension: ab Februar Kurzfassung // Mammutversion