Drachenmünzen: Wahrheit (Anna Dannhauer) | 30. RW

Warnstufe 3: Viele Spoiler
Warnstufe 3: Viele Spoiler

Ich habe ein ganzes Set an Regeln, die die Auswahl meiner Lektüre bestimmen. Eine dieser Regeln besagt, dass ich kein Buch kaufe, das mehr als einen Rechtschreib- oder Grammatikfehler auf den ersten zwanzig Seiten hat – weil das ein Hinweis darauf ist, dass kein Korrektorat durchgeführt wurde und ich die Wertung um einen Stern herabsetzen muss. Nun denn, „Wahrheit“ hat mich dazu verleitet, diese Regel endlich ernstzunehmen.

 

Jennifer ist ein recht normales Mädchen, und sie hat keinen Bedarf, irgendetwas an diesem Umstand zu ändern. Zu ihrem siebzehnten Geburtstag bekommt sie von einem mysteriösen Fremden eine Schachtel, in der eine Münze und eine Notiz ihres Großvaters liegen – und plötzlich wird sie von zwei Geheimorganisationen bezirzt und ihre Vorstellung von Realität revidiert.

Zwei Sterne wäre meine Wertung gewesen. Aber meine durch viele RWs erfahrenen Leser kennen den Twist: Ein Stern Abzug für Grammatikfehler und Zeichensetzungsfehler.

 

Freilich hätte auch ein Lektorat gut getan, denn es krankt an recht einfachen Dingen wie Füllwörtern und Wortwiederholungen. Aus mir unbekannten Gründen wurde es für notwendig befunden, sämtliche Kapitel, die nicht aus Jennifers Perspektive geschrieben sind, kursiv zu setzen – den Prolog und alle kurzen Szenen danach, die eindeutig nicht im Ich-Erzähler verfasst sind, womit dem Leser klar ist, dass es sich nicht um Jennifers Perspektive handelt. Aber gut.

Es ist nicht alles schlecht, denn der Stil hat trotz der ganzen Kinderkrankheiten einiges an Potenzial. Er ist recht humorvoll – selbst an dem Punkt, an dem ich die Geschichte nicht mehr mochte, habe ich hin und wieder dämlich vor mich hin gegrinst –, die Einschübe in den Klammern helfen dabei, insbesondere die ersten hundert Szenen realer wirken zu lassen, und die Beschreibungen (der Handlungen, Emotionen und der Umgebungen) sind soweit in Ordnung.

 

Auch konnte ich beim Plot keine gröberen Logiklücken finden, wenn er auch nicht ohne Probleme ist. So ist der Übergang von der realistischen Erzählung zur phantastischen eher meh geworden. Ich finde es lobenswert, dass Jennifer nicht sofort alles glaubt, da das unrealistisch wäre – aber einhundert Seiten voller „Nein, Drachen gibt es nicht, das weiß man doch!“ (frei paraphrasiert) gehen halt schon auf die Nerven.

Interessanter – womit ich auch „problematischer“ meine – sind die im Klappentext angeklungenen Graustufen und die Versionen der Drachengeschichte laut den beiden Geheimorganisationen. Ich hatte darauf gehofft, dass es nicht die gute gibt, sondern dass beide ihre eigenen Ziele verfolgen, die nicht notwendigerweise mit denen der Protagonistin übereinstimmen. Dass beide sympathische und unsympathische Charaktere haben, sodass man auch als Leser mit einigen Jahren Erfahrung nicht sofort erraten kann, welche wohl die gute Organisation sein wird. Dass sie vielleicht nicht semi-bescheuerte Namen haben.

Tja, dazu ist es leider nicht gekommen. Ich kann es nicht mit Sicherheit vorhersagen, da ich die restlichen Bücher nicht kenne, aber ich bin mir zu etwa neunzig Prozent sicher, dass es eine gute und eine böse Organisation gibt und welche die böse ist.

In dem Kontext finde ich es bemerkenswert, dass beide Organisationen Jennifer leicht veränderte Geschichten erzählen, welche Rolle die Drachen in unserer Welt spielen, wieso sie hierhergekommen sind und weswegen Jennifer sich für die jeweilige Organisation entscheiden soll. Ich werde nach dem Ende der Rezension genauer darauf eingehen, da ich es hier nicht vollends spoilern möchte, aber ich kann ohne Spoiler meine Meinung zu den beiden Versionen beisteuern: Sie sind nicht beide gleich unglaubwürdig. Die Version der bösen Organisation hat weniger Lücken. Ich würde ja darauf hoffen, dass das beabsichtigt ist, aber mein Vertrauen in die Menschheit ist kaum mehr vorhanden, also ja.

 

Dementsprechend wenig halte ich von den Antagonisten, die bisher nicht sehr facettenreich sind. Dafür sind die Nebencharaktere sehr gut gelungen. Anna Dannhauer schafft es, genau die Details rauszusuchen und auf Papier zu bannen, die mir den Eindruck vermitteln, dass Julia und Co ein eigenes Leben haben, mit ihre eigenen Probleme und Sorgen – und nicht nur existieren, um Jennifer zu helfen. Das ist bereits mehr, als ich über manchen Protagonisten anderer Bücher sagen kann, und die Beziehungen zwischen den Freundinnen kommen sehr realistisch rüber.

Natürlich muss es aber auch hier eine Liebesgeschichte geben, die mich – vollkommen unerwartet – gelangweilt hat. Und ich hoffe sehr, dass ich ein paar Szenen als Ansatz für ein Love Triangle nur missverstanden habe.

Ich habe auch ein paar Probleme mit Jennifers Charakterentwicklung, die bisher nur marginal eingesetzt hat und sich hauptsächlich darauf bezieht, dass sie a) sehr ungern spontan ist und b) die Existenz eines Drachens noch bestreiten würde, hätte sie Beweise für dessen Existenz. Zweiteres habe ich oben bereits angesprochen, ersteres ist ein wenig ruckhaft. Die ersten hundert Seiten sind recht konstant, dann entscheidet sie sich spontan, in ein anderes Land zu reisen, und bekommt erst im Flugzeug mehrere Stunden später eine Krise. Aber gut, auch hier habe ich schon Schlimmeres gelesen.

 

Ansonsten kann ich nur sagen, dass ich das Konzept, dass sich zwei Geheimorganisationen um eine mehr oder minder wichtige Person prügeln, interessant finde – wenn auch nicht gerade optimal umgesetzt. Und dass ich Drachen mag und die Kombination aus sich prügelnden Geheimorganisationen und geflügelten Echsen ein cooler Gedanke ist.

 

Insgesamt hat mir „Drachenmünzen: Wahrheit“ nicht besonders gut gefallen. Es ist nicht furchtbar – überall gibt es Potenzial, aber vieles ist noch verbesserungsbedürftig und das nicht vorhandene Korrektorat macht auch nicht viel her.

Details zum Roman:

Titel: Drachenmünzen: Wahrheit

Autor: Anna Dannhauer

Veröffentlicht über: Tolino Media

Erscheinungsjahr: 2018

ISBN: 9783739414324

Genre: Fantasy

Preis: 3,99€ (s. Datum)

Seiten: 214

Reihe: 1 von ? (s. Datum)

Bewertung: 1 von 5 Sternen (s. Datum)

Stand: 24.01.2020

 

 

Jetzt zu den Spoilern!

 

Jennifer werden zwei Geschichten erzählt, in der sie, die Drachen und die jeweils andere Geheimorganisation eine Rolle spielen.

 

In der ersten Version erzählt ihr der Rat (Geheimorganisation A), dass sie eine Dracu ist. Das bedeutet, dass sie die Drachen hören kann. (Ich vermute, damit ist Gedankenlesen gemeint, aber es wird nie näher erläutert, als dass sie mit ihnen kommunizieren kann.) Der Rat möchte Jennifer für sich gewinnen, vor dem Zirkel (Geheimorganisation B) schützen und Jennifer dazu verwenden, dass sie den Rat vor nahenden Drachen warnt. Diese haben irgendwann im zwölften Jahrhundert Frankreich terrorisiert und der Rat befürchtet, dass sie nicht alle getötet wurden.

Es gibt auf dem ganzen Planeten nur eine Dracu. Dracu können von Sehern gefunden werden. Im Prolog wird beschrieben, wie die letzte Seherin vor dem Rat wegrennt, gegen ihn kämpft und von ihm gefangen wird. Der Rat behauptet, dass diese Seherin Jennifers Mutter ist und sie vorhergesagt hat, dass ihr eigenes Kind die Dracu sein würde.

Warum der Zirkel Jennifer für sich haben möchte, weiß der Rat nicht.

Womit bei dieser Erklärung zwei Fragen offen bleiben: Wieso ist eine Mitarbeiterin des Rates vor diesem Rat geflohen (wie im Prolog geschildert), und wieso will der Zirkel Jennifer für sich haben?

 

Die Version, die der Zirkel erzählt, ist etwas komplizierter.

Er stimmt zu, dass Dracu mit Drachen kommunizieren können und dass Jennifers Mutter die Seherin war, die dem Rat gesagt hat, dass ihr Kind die Dracu sein würde.

Allerdings behauptet er, dass es eine andere Welt gibt, in der es viele Drachen, Dracu und Seher gibt. Einer der Drachen war machtgierig und hat sich deswegen in einen Menschen verwandelt, um die Dörfler gegen die Drachen aufzuwiegeln. Dabei hat er die Drachenmünzen gesammelt und ihre Macht genutzt, um ein Portal zu öffnen – ob beabsichtigt oder unbeabsichtigt, ist nicht ganz klar. Durch das Portal sind die Dörfler, der böse Drache in Menschengestalt und einige Drachen gekommen. Die Drachen haben die Münzen auf der Erde versteckt und sind weiß Gott wohin verschwunden, während der böse Drache einige der Dörfler für sich gewann und aus ihnen den Rat gründete. Die restlichen Dörfler gründeten den Zirkel. (Dass die Drachenmünzen mächtig sind, bestätigt auch der Rat, der sie ebenfalls haben möchte.)

Der Zirkel behauptet, dass der Rat unter der Leitung des bösen Drachen die Münzen sammeln möchte, um das Portal wieder zu öffnen. Außerdem hat der Rat etwas gegen Drachen, und sollte es sie noch geben, möchte er sie vernichten. Deswegen will der Zirkel Jennifer für sich gewinnen, die die Drachenmünzen für sie suchen soll (wobei ich mir beim letzten Teil nicht ganz sicher bin).

Offene Fragen bei der Version sind: Wieso verwandelt sich der böse Drache in einen Menschen und hetzt die Menschen gegen die Drachen auf, wenn er mehr Macht haben möchte? Um das nachzuvollziehen, wären etwas mehr Infos über die andere Welt vonnöten. Und wieso will er wieder zurück in seine Welt, wo ebenfalls neunhundert Jahre vergangen sind? Inwiefern hilft ihm diese ganze Scharade bei seinem Streben nach Macht? Und sollte der Zirkel die Münzen wirklich haben wollen, wieso?

 

Wie gesagt, bei der Version, die der Rat erzählt, gibt es immerhin nicht die große Frage nach der Motivation des bösen Drachen. Warum der Zirkel die Münzen haben will, bleibt bei beiden offen.