9. Minute: Eine Introspektive - A.p.versum

Seit Sommer 2016 arbeite ich an einer neuen Reihe, die losgelöst ist von dem Rest meiner bisher geschriebenen Romane, die so gut wie ausschließlich in der Wellenflügel-Welt spielen. Die Gründe, wieso ich nicht in dieser verbleiben möchte, und wieso ich nicht glaube, dass das A.p.versum schon 2020 das Licht des Buchmarkts erblicken wird, wie ich bei A.p. angekündigt hatte, sollen Gegenstand dieses Blogbeitrags sein.

Die Wellenflügel-Welt besteht zurzeit aus insgesamt drei Kontinenten, von denen einer noch immer namenlos ist und im veröffentlichten Kanon keine Rolle spielt, umfasst mehr als ein halbes Dutzend Völker und einen großen Haufen Geschichten, die begonnen sind, und einen deutlich kleineren, die auch abgeschlossen sind und theoretisch auf eine Überarbeitung warten.

Diese Welt ist zwar nicht die erste, die ich geschaffen habe, aber sie ist diejenige, die mich bisher am längsten beschäftigt hat, und dementsprechend viele Ansätze habe ich in ihr eingebaut. Und genau da liegt das Problem: Sie war vielleicht erst die zweite oder dritte Welt, die etwas mehr Detailliebe erfahren hat, aber sie wurde von meinem 2011-Ich entworfen, das kaum einen Plan von irgendetwas gehabt hat.

Und dementsprechend sieht sie auch aus. Es gibt viele Ansätze, aber kaum etwas ist wirklich gut ausgebaut. Innerhalb der Romane funktioniert es so halbwegs, weil ich mich im Zuge der Überarbeitung darin vertieft und die meisten Fehler ausgebügelt habe – hoffe ich zumindest –, aber bei den über einhundert begonnen Geschichten aus derselben Welt sieht das deutlich anders aus.

Eines der deutlichsten Zeichen, dass ich beim Erfinden nicht wirklich nachgedacht hatte, sind die Sylphen. Sie gehören zu den Urgesteinen der Welt, da sie, zusammen mit Dominien, zu den ersten Details gehören, die ich aufs digitale Papier gebracht habe. Und seitdem haben sie mir fünf Jahre lang Freude bereitet und jede Menge Kopfschmerzen, denn sie sind hoffnungslos overpowert.

Ich muss jedes Mal, wenn ich mit ihnen eine Geschichte erzähle – und von Temere, dem Kontinent der Wellenflügel-Reihe, sind sie schlicht nicht wegzudenken –, auf Biegen und Brechen in den Regeln meiner Welt kramen und neue hinzufügen, damit der Plot irgendeinen Sinn ergibt und es gleichzeitig irgendeine Chance auf einen interessanten Konflikt gibt. Es ist ehrlich gesagt bereits ein Wunder, dass nicht der gesamte Kontinent von den Sylphen regiert wird, denn besonders viele Völker, die ihnen die Stirn bieten könnten, gibt es nicht.

Das ist nur einer meiner Weltenbaufehler, wenn er auch einer der schwerwiegendsten ist. Es gibt viele weitere Details, die wenig Sinn ergeben und die ich gleichzeitig dank der vorhandenen zwei Wellenflügel-Romane nicht mehr einfach so ausbügeln könnte, ohne inkonsistent zu werden.

Falls sich jetzt jemand fragt, wieso ich die Wellenflügel-Reihe dann überhaupt veröffentlicht habe: Erstens war diese Realisierung, wie viele Fehler ich eigentlich gemacht habe, 2016 noch nicht so allmächtig, zweitens war die Reihe von Anfang an als Versuchskaninchen gedacht, wie das mit dem Veröffentlichen überhaupt funktioniert. Und wenn ich mir irgendwann in meiner ... "Karriere" erlauben kann, eine schwache Leistung abzuliefern, dann ganz am Anfang.

 

Also eine neue Welt. Bei null anfangen, dafür die Erfahrungen der alten mitnehmen und aus ihnen lernen. Dieses Mal möchte ich es richtig machen. Ich weiß zwar, dass ich keine perfekte Welt erschaffen werde, wie sehr ich mich auch darum bemühen werde, aber ich hoffe darauf, eine Welt zu erschaffen, die deutlich besser ist und hoffentlich auch interessanter als die Wellenflügel-Welt.

Wie weit ich davon trotz (meiner Meinung nach) vielversprechender Ansätze noch entfernt bin, ist mir jüngst klar geworden, als ich auf Twitter einen Thread entdeckt habe voller Dinge, die die meisten SFF-Autoren für ihre Welten vergessen. Darunter befinden sich ein paar, die ich bereits teilweise eingebaut habe – Politik, um ein Beispiel zu nennen, da diese für die zentralen Konflikte sehr wichtig ist.

Die meisten Punkte haben mir aber verdeutlicht, dass ich meine Welten mit einem viel zu kleinen Fokus baue. Ich denke Ökosysteme und Politsysteme durch und vergesse darüber Celebrities, Allgemeinwissen, berühmte Texte, Lieder, Dichter und Wissenschaftler, Sport und noch jede Menge mehr.

Ich könnte es mir jetzt natürlich einfach machen und sagen: Ich will meine Geschichte erzählen, und alles darüber hinaus ist für mich nicht interessant. Aber das stimmt nicht. Wie dieser Thread hervorgehoben hat, hat eine gute Welt den Anspruch, auch dann zu bestehen und zu funktionieren, wenn der Protagonist nicht der Handelnde ist. Und da gehören eben auch Sportarten und Märchen dazu.

Wenn ich mir so ansehe, wie es zurzeit mit der Komnstruktion der verschiedenen Teile meiner Welt aussieht, habe ich eine Karte und einzelne Bereiche, die so aussehen, als müsste man sie nur nochmal anstreichen und schon könnten die Leser einziehen – aber dann gibt es noch jede Menge plattgewälzte Erde, für deren Bebauung es noch nicht einmal einen Plan gibt.

 

Das bringt mich auf den Punkt, auf den ich letztlich hinauswollte. Nachdem ich A.p. im August 2017 beendet hatte, habe ich es in den Veröffentlichungsplan für 2020 eingetragen. Bereits zu dem Zeitpunkt war mir klar, dass sich das noch ändern kann, aber damals gingen meine Bedenken vor allem in Richtung ein Jahr Publikationspause oder Beenden der Reihe, bevor ich sie veröffentliche, um einige der Fehler in aller Ruhe tilgen zu können, bevor ich sie veröffentliche.

Jetzt aber zweifle ich ernsthaft daran, dass sich das A.p.versum so schnell der Öffentlichkeit zeigen wird. Ich möchte mich erstmal austoben können und akribisch alles einbauen, was mir unter die Nase kommt und das eine komplette Welt braucht. Ich möchte zu dem Punkt kommen, an dem ich eines der Schmierblätter unserer Welt nehmen und durchblättern könnte und für jeden Artikel ein Pendant im A.p.versum finden kann. Ich möchte jedes einzelne Land, jede Kultur in so vielen Aspekten wie möglich entwickeln, auch wenn sie in den Geschichten, die es dann zur Publikation schaffen, nicht einmal eine Rolle spielen.

Das wird Unmengen an Lebenswochen konsumieren und ich werde währenddessen auch nicht aufhören, an der Reihe weiterzuschreiben – aber eben immer in dem Wissen, dass ich dabei noch einiges auslasse, das ich im Endprodukt wissen möchte, das ich wissen möchte. Dabei bereits mit dem Publizieren zu beginnen, wäre ein geradezu fahrlässiger Fehler, der in genau dasselbe Chaos resultieren würde, als das ich die Wellenflügel-Welt zurzeit ansehe.

Erneut: Mir ist klar, dass ich an einem Punkt werde sagen müssen: Okay, das ist genau genug. Besser wird es nicht, beziehungsweise: Jede weitere Verbesserung würde die Kosten nicht mehr rechtfertigen. Aber von dem Punkt bin ich noch weit entfernt, wahrscheinlich mehrere Jahre.

 

Daraus folgt der aktualisierte Veröffentlichungsplan, der auch bereits die Verzögerungen der Wellenflügel-Reihe im Worst Case miteinbezieht, der also ziemlich sicher umsetzbar sein sollte:

„Wellenflügel 3“ 2019;

„Yttrium“ 2020.

Ich weiß, das sieht recht mager aus. Zurzeit (Ende Jänner 2018) habe ich A.p. fertig geschrieben, arbeite am zweiten Band und einer Novelle, die zwischen den beiden spielt. Aber die Welt ist eben nur dort scharf, wo sie im Fokus der Handlung steht, und fast alles um diesen Fokus herum ist noch nicht einmal ansatzweise vorhanden.

 

Ich weiß, ich wiederhole mich, aber ich will es dieses Mal besser machen, und dafür brauche ich Zeit – auch wenn das das Risiko inkludiert, dass ich die Lust verliere und die geschriebenen Bücher nicht veröffentlicht werden, was auch eine recht lange Publikationspause mit sich ziehen würde.

Als Trost kann ich nur das sagen: Ich denke, ich werde in Zukunft öfter Novellen schreiben, insbesondere dann, wenn mich das Hauptprojekt gerade nicht so sehr anspricht. Zumindest eine Novelle schwebt mir aktuell vor, die erneut in eine ganz andere Richtung gehen würde und, wenn ich sie tatsächlich niederschreibe, in der Pause zwischen der Wellenflügel-Welt und dem A.p.versum veröffentlicht wird.

Wenn alles glattgeht, kann ich euch nach dieser Pause Anfang des neuen Jahrzehnts dann eine komplexe, gut durchdachte, faszinierende Welt bieten, aus der ein starker Baum an Geschichten wächst, mit einer mehrbändigen Charakterstudie, einigen Novellen und vielleicht auch romanlangen Standalones, die abseits der Hauptgeschichte die Welt vertiefen. Das ist die Vision, auf die ich hinarbeite, und ich bin gewillt, all die Risiken einzugehen, die ich bereits jetzt sehe – der Verlust der paar Leser, die ich mit den Wellenflügel-Romanen ansprechen konnte, sowie derjenigen, die jedes Jahr ein neues Buch, eine neue Geschichte haben möchten; das Risiko, das Interesse zu verlieren und zu erkennen, dass es mir an Talent oder Durchhaltevermögen oder Disziplin für ein solches Projekt fehlt, und, und, und.

 

Wenn es gelingt, ist es all das wert.