Der fünfte Magier: Schneeweiß (Christine Weber) | 22. RW

Bevor ich mir ein Buch kaufe, lese ich immer ein paar Seiten rein, um möglichst wenige Vollkatastrophen zu erwischen. Bei diesem Roman war die Leseprobe stark begrenzt, aber der Klappentext klang verlockend und die Rezensionen betonten, dass Drachen ein Ding waren und „Der fünfte Magier“ auf keinem simplen Schwarz-Weiß-System beruht. Also ging ich das Risiko ein.

Warnstufe 4: Sehr viele Spoiler
Warnstufe 4: Sehr viele Spoiler

Soraks Dorf wird von Drachen zerstört, was ihn dazu verleitet, seinen bereits zuvor bestehenden Hass auf Drachen zu vertiefen und Rache an ihnen zu schwören. Kurze Zeit später wird er von Smaragd aufgegriffen, ein Legendärer Drache, der ihn zu seiner Herrin in die Drachenstadt bringt. Sorak erfährt, dass er eine wichtige Figur im Spiel um die Macht zwischen Drachenstadt und dem Dunklen Herrscher ist, und soll seine Seite wählen.

 

Bevor ich mit dem Ankreiden beginne, zuerst der Hauptgrund, wieso das Buch eine relativ harmlose Bewertung erhält: Es machte Spaß, es zu lesen.

 

Der Schreibstil vermag einen Lesefluss aufzubauen, und wie ich später noch genauer erörtern werde, weiß man nicht sofort, wohin die Geschichte führt, weswegen sich die über vierhundert Seiten sehr schnell weglesen lassen. Die Beschreibungen der Umgebungen und Handlungen sind in Ordnung.

Was allerdings nicht heißen soll, „Der fünfte Magier“ wäre ein gut geschriebenes Buch. Gefühlsbeschreibungen sind zwar verständlich, kommen aber nicht auf emotionaler Ebene an, was insbesondere bei Sorak ein Stolperstein der Größe einer Kuh darstellt, und jeder Versuch, eine Atmosphäre aufzubauen, verläuft katastrophalst im Kuhfladen.

Hinzu kommen kleinere Beschwerden: Es gibt einen Haufen Füllwörter, es wird HERUMGESCHRIEN, einige der Dialoge wirken sehr gestellt. Der Stil wirkt nicht ausgereift – hier ein Beispiel von Seite 45: „Er lag völlig reglos mit einigem Abstand zu ihm auf der anderen Seite des Feuers.“ Nennt mich hypersensibel, aber das hätte man besser und einfacher formulieren können.

 

Wie bereits geschrieben, sind viele der größeren Plotpunkte nicht vorhersehbar, was dafür sorgt, dass Unterhaltung möglich ist. Wirklich Spannung kommt allerdings nicht auf, was hauptsächlich daran liegt, dass die Bindung zu den Charakteren nicht vorhanden ist, worauf ich noch zu sprechen kommen werde.

Während der Plot im Groben triumphiert, versagt er im Feinen. Es gibt jede Menge Kontinuitätsfehler – ein paar Beispiele: Der Bösewicht spricht davon, Sorak hätte Hilfe bekommen; das nächste Mal, dass Mister Böse zu Wort kommt, behauptet er, Sorak wäre ohne jede Hilfe, ohne dass sich an seinen Informationen etwas geändert hat. Sorak hat zwar gebrochene Rippen, kann aber ohne Probleme, und damit meine ich Schmerzen, durch die Stadt laufen und sich einen schönen Tag machen.

Was mir außerdem nicht klar ist: Wieso kann der Kerl am Schicksalsbrunnen – kreative Namensgebung außen vor gelassen – nicht sagen, wer gerade die Schwarze Seele hat? Er behauptet, jedes einzelne Szenario, das sich danach abspielt, läuft darauf hinaus, dass die Schwarze Seele gewinnt und alles kaputt macht. Vielleicht wird in späteren Büchern darauf eingegangen, aber um das mal zusammenzufassen: Wenn Sorak erfährt, gegen wen er kämpfen muss, verliert er. Aha.

Außerdem problematisch sind die Gedankensprünge, die vor allem Sorak hat. Ein Beispiel findet sich weit am Anfang. Gerah, die Anführerin seines Dorfes, erzählt davon, wie ein kleiner Junge von einem Drachen verbrannt wird, Sorak sieht diese Szene sehr genau vor Augen und fängt an zu schreien, und aus ihrem erschrockenen Gesicht schließt er, dass es eine Erinnerung sein muss. Kleinigkeiten, ja, aber wenn solche Gedankensprünge häufiger passieren, sie natürlich immer richtig sind und praktischerweise den Plot vorantreiben, ohne dass für sie eine logische Begründung besteht, fallen sie sehr negativ auf.

 

Damit komme ich zum Epizentrum, warum die Geschichte vom Fünften Magier versagt, dem Protagonisten. Auf die Antagonisten gehe ich zwar auch kurz ein, aber sie sind nicht diejenigen, die große Teile der Geschichte erzählen, weswegen ihre Ausgereiftheit oder Unausgereiftheit keinen so großen Einfluss auf den Text hat.

Das erste, das ihr über Sorak wissen solltet, ist dass er durchschnittlich alle 63 Seiten in Ohnmacht fällt. Einschlafen nicht mitgezählt. Zugegeben ist das nicht das Grundproblem, an dem die Geschichte krankt, aber ich fand’s erwähnenswert.

Das eigentliche Problem liegt darin, dass Sorak fast das ganze Buch über wie ein Arsch rüberkommt. Er ist jähzornig, stur, hält sich verbissen an seine Ideologie, ohne sie mit der Realität abzugleichen, verhält sich unhöflich bis bösartig gegenüber Leuten, die ihm wortwörtlich das Leben gerettet haben, und fügt ihnen unnötigerweise Schmerzen zu.

Antihelden können ebenso gute Protagonisten sein wie reguläre Helden. Antihelden brauchen aber positive Eigenschaften, die die negativen aufwiegen – oder eine greifbare Geschichte, die nicht nur theoretisch nachvollziehbar ist, sondern auch gut in Szene gesetzt wird, sodass mehr als nur die Ratio des Lesers bemüht wird. Nichts hiervon trifft auf Sorak zu. Er ist ein Arschloch höchster Güteklasse und kann meinetwegen sterben gehen.

Dass Sorak so unrühmlich rüberkommt, ist der Grund, wieso der gesamte Roman nicht mehr als eine schnelle Lektüre ist, zumal er der Fokus des Texts darstellt und der Leser kaum Pausen von ihm bekommt.

Die meisten Nebencharaktere fallen weder besonders positiv noch besonders negativ auf; das einzige, das ich zu ihnen sagen möchte, ist: Motivation. Es verlangen ständig alle von Sorak, dass er ihnen doch vertrauen möge, ohne ihm dafür einen Grund zu liefern, was mich glauben lässt, dass kein einziger Mensch (oder Drache) in diesem Roman das Prinzip eines gut durchdachten Charakters verstanden hat.

Jetzt zu den Antagonisten. Ich werde hier besonders viel spoilern, da es bei den Antagonisten ein paar Twists gab, die erst am Ende aufgelöst werden – wer sich daraus also etwas macht, möge die nächsten Absätze überspringen.

Fangen wir mit dem Dunklen Herrscher an, der zwar einen Namen hat, den ich mir aber nicht gemerkt habe, also heißt er Dunkler Herrscher. Ich mag ihn, und ich verstehe, wieso einige Leser denken, das Gut-Böse-System wäre aufgebrochen worden, denn in Bezug auf den Konflikt zwischen ihm und Drachenstadt ist das der Fall. Jeder konstruiert seine eigene Version der Ereignisse, jeder konstruiert seine eigenen Feindbilder, und diese verschiedenen Perspektiven kommen gut rüber.

Die Herrscherin von Drachenstadt ist dabei ein Schwachpunkt, da ihr keine positiven Eigenschaften zugeschrieben werden. Anstatt also das Schwarz-Weiß-System auf dieser Ebene vollkommen aufzubrechen, wurde es eher angebrochen – der Böse ist eigentlich nicht böse, die Gute hingegen scheint sich dafür gut zu eignen, da nur aus egoistischen, erneut kaum in Szene gesetzte Motiven gehandelt wird. Zu ihr möchte ich noch anmerken, dass der Roman zwar immer wieder betont, dass sie seit ihrem ersten Auftritt gefährlich wirkt, ich das aber kein einziges Mal gespürt habe. Gegen Ende wirkt sie durchgeknallt, aber ansonsten nicht beachtenswert.

Und jetzt zu der Ebene, die dem Gut-Böse-Schema treu bleibt. Es stellt sich heraus, dass Magie durch Magierseelen weitergegeben wird, von denen es neun gibt. Eine davon ist von negativen Emotionen (TM) so zerfressen, dass sie ausschließlich böse ist, und die wird Schwarze Seele genannt. In Anbetracht des Titels und der kurzen Textschnipsel von Mister Böse, die ab dem ersten Kapitel zu finden sind, gehe ich davon aus, dass sich die Schwarze Seele einen fünften Menschen gesucht hat, den sie ins Verderben reißen kann.

Aufgabe des Protagonisten wird es letztlich sein, im Kampf gegen diese böse Seele zu helfen, die nur böse ist, soweit das bisher bekannt ist – und es gibt mehrere Teile des Texts, die aus ihrer Sicht geschrieben sind, in denen sie sich selbst als böse bezeichnet, ohne dass etwas Gutes in ihr steckt.

Ihr könnt mir gerne niedrige Erwartungen unterstellen, aber dem Gut-Böse-Schema geht’s im „Fünften Magier“ hervorragend.

 

Ich kann nicht abstreiten, dass die Welt, die Christine Weber erschaffen hat, über eine gewisse Kreativität verfügt, aber als faszinierend empfinde ich sie nicht. Hinzu kommen einige Details, denen ich bestenfalls fragwürdige Qualität zuschreiben würde.

Fangen wir mal mit den Namen an. „Legendäre Drachen“? Ernsthaft? Soweit ich weiß, soll „Der fünfte Magier“ kein Kartenspiel sein, sondern ein Fantasyroman, den man ernstnehmen soll. Dementsprechend möchte ich darauf hinweisen, dass jeder Legendärer Drache wie ein Edelstein heißt: Topas, Diamant, Rubin, Saphir, Smaragd, Onyx. Ich freue mich schon auf Bergkristall, Matrixopal und Anthophyllit.

Ich finde es außerdem bemerkenswert, dass Magier automatisch zu Mary Sues und Gary Stus werden, was die Magie betrifft. Sorak braucht einen Tag, um Drachenmagie zu lernen, was bereits als langsam angesehen wird; Elementarmagie beherrscht er beinahe intuitiv. Die Herrscherin über Drachenstadt gibt an, innerhalb von zwei Jahren die Elementarmagie gemeistert zu haben, was ich damit kontrastieren möchte, dass so etwas wie Expertise frühestens nach vier Jahren auftritt – bei allem, das keine Magie ist, heißt das.

Elementarmagie orientiert sich im Roman an der Vier-Elemente-Lehre. Luftmagie bekommen wir zwar kaum zu sehen, aber Feuermagie ist, naja, Feuerbändigen, Wassermagie Wasserbändigen, und Erdmagie Pflanzen sehr schnell wachsen lassen. Steine und Kontinentalplatten und Gebirge und möglicherweise auch Metalle werden wohl als nicht kampftauglich angesehen; Wurzeln und Ranken sind ihnen naturgemäß überlegen.

Zuletzt noch: Wenn Drachen von Soraks Dorf als böse angesehen werden, wieso kann Gerah dann normale Geschichten über sie erzählen, in denen Drachen sogar die Helden sind? Selbst wenn Gerah sie nicht als böse betrachtet, tun das wohl die meisten Eltern und Kinder.

 

 

„Der fünfte Magier: Schneeweiß“ ist ein Roman, der vor allem an seinem Protagonisten krankt, der als Zentrum der Geschichte fungiert und sie damit verdirbt. Der Schreibstil ist bestenfalls durchschnittlich und hat noch jede Menge Luft nach oben, die Handlung mehr im Groben als im Kleinen durchdacht, und die Welt ist nicht besonders faszinierend. Dennoch sorgt der Roman mit seinem eher raschen Tempo, dem Lesefluss und dem nicht vorhersehbaren Verlauf der Geschichte für Unterhaltung, wenn auch nur für sehr kurzweilige.

Details zum Roman:

Titel: Der fünfte Magier: Schneeweiß

Autor: Christine Weber

Veröffentlicht über: Amazon Selfpublishing

Erscheinungsjahr: 2018

ISBN: 9781976732379

Genre: High-Fantasy

Preis: 14,99€ (s. Datum)

Seiten: 444

Reihe: ja, Band 1 von 2 (s. Datum)

Bewertung: 2,5 von 5 Sternen (s. Datum)

 

Stand: 09.09.2018