Die Herrschaft der Xarquen (Lisa-Marie Reuter) | 27. RW

Geringfügige Spoiler
Geringfügige Spoiler

Dieser High-Fantasy Roman war eines der Bücher, deren Leseprobe ich deutlich zu lange ausreizen musste, bis ich von einem ernsthaften Lektüreversuch überzeugt war. Zumindest ist mir das im Nachhinein klar. Die Hoffnung auf parodistische oder zumindest humorvolle Züge und ein tiefergehender Weltenbau waren es schließlich, die mich vom Kauf überzeugten.

 

 

 

Pongo ist ein Polizeipär, womit er in der Hackordnung der intelligenten Bären recht weit unten steht. Als ein Ranghöherer ihn als Verbrecher darstellt, flieht er und verbündet sich mit einer Verbrecherin. Ihr Diebesgut ist von den politischen Mächten in Pärlonien heiß begehrt, und so gerät Pongo in ein deutlich größeres Abenteuer, als er ursprünglich gedacht hatte.

 

Die Probleme beginnen beim Schreibstil. Ich führe hier gerne drei Beschreibungstypen an: Umgebungs-, Handlungs- und Gefühlsbeschreibungen. Ein zu simples Grundsystem, sicher, das die Tiefe einiger Texte nicht ansatzweise fassen kann, sich aber gut für eine grundlegende Diagnostik eignet.

 

Insbesondere bei Texten, denen es an fast allen Beschreibungen mangelt. Ich bin mit den Handlungen der Charaktere gut mitgekommen, aber sowohl ihre emotionalen Traumata als auch die Settings, in denen sie sich aufhalten, und die Welt, die sie umgibt, sind marginal beschrieben, nicht vorhanden oder schaffen den Sprung vom Papier ins Hirn nicht.

 

Während ich es lediglich schade finde, dass einige der sicherlich beeindruckenden Orte mit unspektakulären Sätzen abgehandelt werden, ist die Distanz zwischen mir und den Charakteren ein großes Problem. Allen Handelnden passiert jede Menge Scheiße – Leute sterben, werden schwer verletzt, tagelang gefoltert, und nichts davon kommt bei mir an.

 

Wenig hilfreich ist in dieser Hinsicht die Hast, mit der insbesondere Szenen, die einen großen Einfluss auf das Gefühlsleben der Handelnden haben, behandelt werden. „Hast“ ist dabei wahrscheinlich noch ein zu starkes Wort – „etwas zu schnelles Tempo“ wäre angemessener, aber der Effekt bleibt derselbe. Ein Rudelmitglied stirbt und gibt dem Charakter einen Grund, den Protagonisten zu hassen und eine persönliche Vendetta aus dem Job zu machen? Eh, ist halt passiert. Kollegin und zukünftige Liebhaberin ist gerade brutal ermordet worden? Ja, nicht schön, aber weiter geht’s, da kann man nichts mehr dran ändern.

 

Wohlgemerkt sind das nicht die Reaktionen der Charaktere, sondern meine Reaktionen auf diese. Das Beispiel mit dem Rudel ist meiner Meinung nach ein sehr gutes, um dieses Problem aufzuzeigen, da sich bei der Kollegin wenigstens Mühe gegeben wird, absatzlang auf die Gefühlslage des Protagonisten einzugehen, auch wenn diese Absätze nicht den gewünschten Effekt erzielen.

 

Hinzu kommen ein paar lautmalerische Einwürfe, die ich nicht besonders gelungen finde, und etwas Humor, hauptsächlich am Anfang. Das wesentlich größere Problem sind die identen Erzählstimmen: „Die Herrschaft der Xarquen“ weist jede Menge Charaktere auf, aus deren Perspektive geschrieben wird, aber der Stil ist für keinen dieser Charaktere typisch. Man könnte Pongos Kapitel mit Tronks austauschen und würde nicht bemerken, dass der falsche Name eingesetzt wurde. Was mich etwas verwundert, da man viele der Charaktere an ihrer direkten Rede sehr wohl erkennen kann.

 

 

 

Die Handlungsstrukturen sind altbekannt, klassisch im höchsten Sinne und nur dadurch  aufgelockert, dass mehrere typische Strukturen hinter- und nebeneinandergereiht werden. Der gesamte Roman ist von sehr zufälligen Zufällen durchzogen – es wirkt weniger, als würden die Handlungen der einzelnen Charaktere sie wieder zueinanderführen und in sich greifen wie Zahnräder in einer Uhr, sondern als wäre es einfach praktisch für die Handlung, wenn genau jetzt genau das passiert – und siehe da, es passiert.

 

Die ganze Sache mit der Revolution konnte mich erst ab etwa der Hälfte halbwegs wachrütteln, da mir weder die Charaktere noch der Weltenbau ein Gefühl für die Dringlichkeit und die Ausmaße des Plots geben, aber auf die Welt komme ich noch genauer zu sprechen. Wichtiger ist erst einmal, dass sämtliche Probleme, die sich den Charakteren, insbesondere den Protagonisten, in den Weg stellen, erstaunlich leicht und, nun ja, problemlos behoben werden – mit wenigen Ausnahmen. Für fast keine dieser Lösungen muss wirklich gearbeitet werden, schon gar nicht über längere Zeit.

 

Ein Augenverdreher ist auch das Ende. Liebe rettet den Tag. Eigentlich müsste der Zauber im Showdown dazu führen, dass sich eine Pattsituation ergibt – keine der beiden Parteien wird sich bekämpfen, und beie Parteien wissen das, aber sie wollen gegensätzliche Dinge. Ich kann mir zwar vorstellen, dass sich Pongo und Co irgendwie aus dem Patt winden und es zu ihren Gunsten wenden – es wäre halt ausgesprochen freundlich gewesen, wäre diese Auflösung auch de facto vorhanden, anstatt einfach ein paar Monate zum Happy End vorzuspringen, wo alles gut ist.

 

„Alles gut“ bedeutet in dem Fall, dass nach dem Sturz der alten Regierung eine neue von den Protagonisten etabliert wird. Praktischerweise hat nicht eine einzige Person aus der Bevölkerung etwas gegen diese sehr spezifische Regierung einzuwenden. Keines der teils recht autark lebenden Völker beansprucht irgendwelche Souveränität für sich. Nicht eine Splittergruppe einer Splittergruppe will das Machtvakuum nutzen und selbst eine neue Regierung einsetzen. Wie ausgesprochen angenehm für unsere Protagonisten.

 

Ansonsten gibt es ein paar Probleme mit der Logik – so Dinge wie „Zeigen wir den Werwölfen mal eben das geheime Geheimquartier und weihen sie in alle unsere Pläne und weiterführenden Geheimgesellschaften ein, weil die müssen eine Nacht bei uns bleiben, und eine von denen kennen wir, da wir sie angeheuert haben, also sind sie wohl alle vertrauenswürdig“.

 

 

 

Die Charaktere sind ein einziges Desaster. Zunächst einmal sind ihre Namen bescheuert – Pongo, Kiffi, Tronk sollten hier als Beweisstücke genügen. Pongo kaufe ich ab, dass er ganz Vielleicht eine Persönlichkeit hat, aber ansonsten keinem. Das liegt einerseits an der bereits besprochenen Distanz zu den Charakteren, aber ich würde argumentieren, dass ein gewisses Fehlen von De-facto-Charakteren ebenfalls eine Rolle spielt.

 

Der Oberpär Graul demonstriert recht gut, dass die meisten Charaktere nicht viel mehr als Archetypen sind – mit gelegentlichen Ausnahmen. Er erinnert mich an Hauptmann Mumm aus der Scheibenwelt-Reihe – wenn Hauptmann Mumm keine weiteren Charakterzüge hätte, die über seine Stellung und seinen Job hinausgehen und darüber, dass er ein gutes Herz hat.

 

Die Protagonisten sind nicht sehr viel besser, und die Antagonisten sind entweder hoffnungslos böse und eindimensional oder nur vorübergehend Antagonisten, sodass hier wieder meine Aussage in Bezug auf die Protagonisten greift.

 

Positiv erwähnt seien hier die Werwölfe. Ich bin eigentlich kein Fan von Werwölfen, aber ihre Umsetzung hier gefällt mir recht gut und Todesklau ist mir von allen Charakteren mit Abstand der liebste. Er hätte, ebenso wie alle anderen, mehr Charakterisierung gebrauchen können, aber hey, immerhin finde ich ihn vage sympathisch.

 

 

 

Was mich aber am meisten enttäuscht, ist die Welt. Im Roman werden zig Fantasyvölker erwähnt – Irrwichte, Irrlichte, Zwerge, Vampire, Werwölfe, Drachen, Elfen, Pären, Menschen/Zauberer, Gnome, Einhörner, Pegasi, Greifen, Zentauren, um mal die zu nennen, die mir auf Anhieb einfallen. Im Grunde leben alle diese Völker in einem gigantischen Staat zusammen.

 

Pären, Gnome, Greifen, Werwölfe und Elfen sind die einzigen Völker, über die mehr als nur ein oder zwei Sätze gesagt wird, und selbst die wohl am besten dargestellte Art, die Pären, wirken zwar nicht phantasielos, aber nicht fertig durchdacht. Das gilt für alle anderen Völker in noch größerem Maße: Alles angefangen, alles in den Text geworfen, aber nichts zu Ende oder auch nur weitergedacht.

 

Ein weiteres Problem ist das Verschwimmen der Grenze zwischen intelligenten und nicht-intelligenten Völkern. Pegasi beispielweise sind zwar selten, aber sie sind intelligent, und ich habe es so verstanden, dass sie als eigenes Volk anzusehen sind. Einhörner hingegen sind im Grunde Pferde mit einem Horn auf der Stirn – also nicht zwingend dumm, aber sie haben keine Kultur und sprechen nicht. Nun gibt es aber einen Hybriden zwischen den beiden. Die Implikationen eines Nachkommens zwischen einem intelligenten Elternteil und einem klassischen Nutztier möge sich jeder selbst durchdenken, denn der Text scheint sich dieses Themas nicht einmal bewusst zu sein.

 

 

 

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass ich „Die Herrschaft der Xarquen“ nicht weiterempfehlen kann. Man lasse sich vom Anfang und von Teilen des Klappentexts nicht täuschen; der Roman ist zwar sehr kreativ, verliert seinen Humor aber recht schnell; er umfasst sehr viele Völker und Fantasyklassiker, denkt aber nichts bis zum Ende durch und verlässt die altbekannten Pfade nur für zwei, drei Schritte.

 

Details zum Roman:

Titel: Die Herrschaft der Xarquen

Autor: Lisa-Marie Reuter

Veröffentlicht über: Epubli

Erscheinungsjahr: 2016

ISBN: 978-3-7418-3897-2

Genre: High-Fantasy

Preis: 15,99€ (s. Datum)

Seiten: 600

Reihe: nein (s. Datum)

Bewertung: 2 von 5 Sternen (s. Datum)

 

Stand: 18.04.2019