Kurzfassung: "Die Legende von Enyador" von Mira Valentin (12. RW)

Tristan wächst in dem Wissen auf, für seinen Ziehbruder als Sklave der Elben in den Krieg zu ziehen. Als der Tag der Ausmusterung gekommen ist, geht jedoch etwas schief und er sowie seine Geschwister Kay und Agnes werden in ein Abenteuer hineingezogen, das den Krieg zu entscheiden vermag.

Besonders gut haben mir die ersten einhundert Seiten gefallen, insbesondere auch vom Schreibstil her – die Gefühlsbeschreibungen lassen einen mitfiebern, die Handlungen werden nachvollziehbar geschildert und man vermag sich immer am Handlungsort zu orientieren. Insbesondere die Gefühlsbeschreibungen lassen jedoch im Laufe des Romans nach, ohne dabei die kritische Untergrenze zu erreichen. Störend kommen Füllwörter, englischsprachige Wörter wie „okay“, seltsam gewählte Vergleiche oder Formulierungen und ein etwas zu ausgeprägter Hang zum Melodramatisieren der Handlung hinzu. Positiv anzumerken ist, dass sich das Buch dennoch leicht und schnell lesen lässt.

 

Die Handlung ist teilweise vorhersehbar, teilweise nicht. Es gibt einzelne Ungereimtheiten und Kontinuitätsfehler, aber das störendste ist auch hier, dass einige Stellen zu offensichtlich auf altbekannten, unrealistisch-dramatischen Pfaden wandeln.

 

Keiner der Charaktere konnte mich überzeugen. Tristan blieb weitestgehend farblos, obwohl ich seine Motivationen so halbwegs nachvollziehen kann, und die Eigenschaften, die mir zu ihm einfallen, sind negative wie ein irrationaler Trieb zur Aufopferung für andere. Kay, sein Ziehbruder, gefällt mir bis spätestens Seite 263 sehr gut bis gut, da er realistisch wirkt und handelt, seine Schwächen, aber eben auch seine Stärken hat. Auf gerade erwähnter Seite demonstriert er dann aber, dass er kein Problem damit hat, einen anderen Menschen als einen Gegenstand, als seinen Besitz zu betrachten, und obwohl es ihm mit den Elben nicht besser geht, kommt er nicht auf die Idee, seine eigene Einstellung dazu zu hinterfragen.

Agnes bleibt während der gesamten Geschichte weitestgehend passiv – ihre größten Errungenschaften bestehen darin, nicht in Tränen auszubrechen und ab und an strategisch schlecht gewählte Wörter an die Köpfe ihres Love Interests zu werfen. Dieser zeichnet sich ebenfalls durch Passivität aus, insofern passen sie eigentlich recht gut zusammen, nur ist er sicherlich älter als zwanzig und sie fünfzehn – aber wie gut das moralisch vertretbar ist, sei jedem selbst überlassen.

 

Die Prämisse von drei Völkern, die jeweils bestimmte Charaktereigenschaften aufgegeben haben, um besondere Stärke zu bekommen – außer die Dämonen, die lediglich ihre Schönheit verloren –, hat mich erst dazu gebracht, „Die Legende von Enyador“ zu lesen, und dementsprechend enttäuscht bin ich, dass diese Prämisse nicht konsequent umgesetzt wird. Eigentlich sind alle Völker genauso wie Menschen, nur sind die Elben etwas sadistischer und die Drachendame schamloser und höriger.

 

Mein größter Kritikpunkt besteht jedoch daraus, dass es keinerlei Reflexion oder Gegendarstellung zu Kays und Thuls Verhalten gegenüber der Drachendame gibt. Nirgends wird eingeworfen oder angesprochen, dass es unter Umständen falsch sein könnte, einen Menschen wie einen Koffer zu behandeln. Genau diese vermisste Gegendarstellung ist es auch, die mir am längsten und kräftigsten im Gedächtnis bleiben wird, wenn ich „Die Legende von Enyador“ höre, gleich nach der guten, aber faktisch nicht umgesetzten Prämisse.

Details zum Roman:

Titel: Die Legende von Enyador

Autor: Mira Valentin

Veröffentlicht über: Books on Demand

Erscheinungsjahr: 2017

ISBN: 9-783743117600

Genre: Fantasy

Preis: 13,40€ (s. Datum)

Seiten: 382

Reihe: ja, Band 1 von 3 (s. Datum)

Bewertung: 1 von 5 Sternen (s. Datum)

Stand: 25.06.2017

 

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