Bei dieser Leseprobe handelt es sich um das erste Kapitel der Rohfassung, die später mal "Wellenflügel 3" heißen wird. Das hier ist dementsprechend nicht die fertige Fassung.

Wenn jemandem der Text gefällt/interessiert - ich suche gerade Betaleser für ihn, die ihn mir kritisieren, damit ich ihn vernünftig überarbeiten kann.


I. Kapitel

„Erstaunlich“, stellte Alvar fest.

Gwyneira blinzelte ihm zu. Sie waren auf dem höchsten Turm des Schlosses, dem Seeturm, der einen spektakulären Blick über den See und auch über den Wald zuließ. Das jedoch hatte er nicht für erstaunlich befunden – sondern eher die Tatsache, dass sie auf dem Geländer des Turms hockte.

„Hast du eine Ahnung, woran das liegt?“, fragte sie ihn. Bereits im Jänner, wenige Tage vor Alvars Ankunft, hatte sie festgestellt, dass das Schloss der Susurrs von Myriaden an Zaubern umschlossen war. Es waren unglaublich viele und unglaublich starke, aber nur die wenigsten Zauber hatte Gwyneira bisher nachvollziehen können.

Und das, obwohl sie auf Wassermagie basierten, also genau ihrer Magie. Und Alvars Magie. Er kannte sich mit der Wassermagie um Längen besser aus als sie, und als sie ihm nach langem Zögern von dem Quartier erzählt hatte, hatte er sich angehört, welche Lektionen sie lernen wollte – sie hatte ihn nicht zu dem Quartier geführt, sondern ihren Geist zitieren lassen und das nachgesprochen. Vor allem die Lektionen, die sie zu dieser Zeit gelernt hatte, hatte er bereits gekannt und ab und zu mit ihr geübt. Aus dem ab und zu war im Laufe des Jänners einmal alle zwei Tage geworden und im Februar einmal täglich, bis er ihr schließlich fast immer zur Seite stand.

Dadurch, dass sie nicht mehr nur auf die Erklärungen Aeneas‘ angewiesen war – obwohl diese auch ziemlich ausführlich waren – sondern auch jemanden hatte, der es ihr konkret vorführen und ihr Tipps geben konnte, hatte sie einige Dinge schneller erlernt, als sie es ohne Alvars Hilfe geschafft hätte.

Inzwischen konnte sie die grundlegendsten Zauber fast alle ohne weitere Anstrengungen meistern, was doch eine eher kurze Lernzeit gewesen war. Immerhin hatte sie das Quartier erst im letzten Oktober entdeckt, jetzt war es Ende März. Genauer gesagt war es der vorletzte Märztag.

Vor neun Tagen hatte der Sonnenwendball stattgefunden; ein Ereignis, zu dem recht viele Gäste geladen gewesen waren. Vor allem, da an diesem Ball Keanus Verlobung mit einer Tochter der Ardoria-Familie bekanntgeben würde und deswegen fast die gesamte Familie gekommen war.

Dass er sich mit dem Mädchen verlobt hatte, war bereits im Jänner bekannt geworden, aber vor etwas mehr als einer Woche hatte er diese Verlobung auch offiziell verkündet und traditionell um Paytons Hand angehalten. Er hatte sie in dem so ungewohnt vollen Saal nach vorne gebeten, nachdem Ruhe in den Tanzsaal eingekehrt war, war vor ihr auf die Knie gegangen und hatte sie gefragt, ob sie seine Frau werden wollte.

Eigentlich war die Frage überflüssig gewesen und das Niederknien hatte eher traditionellen als symbolischen Wert, aber es gehörte sich für einen Adeligen so. Payton hatte – wie es gar nicht anders hatte kommen können – Ja gesagt. Immerhin hatte sie bereits zwei Monate vorher gewusst, dass sie verlobt waren.

Gwyneira hatte den Verlobungsring vor der Verlobung nicht gesehen, aber, wie es sich ebenfalls gehörte, trug Keanu ihn seit der Verlobung ununterbrochen. Dementsprechend hatte sie ihn einige Tage später genauer betrachten können.

Kanu hatte ihn selbst gemacht, ebenso wie sein beinahe identisches Gegenstück, das er Payton gegeben hatte. Der Ring selber und die Fassung waren aus Weißgold geformt worden. In dem Weißgold hatte Keanu Figuren eingebrannt, die auf den ersten Blick kaum erkennbar waren.

Es handelte sich um zwei Steinböcke, deren Hörner die Fassung zu tragen schienen. Sie standen auf ihren Hinterbeinen und streckten sich zu der Fassung empor, ihre Augen, die durch einen dunkelbraunen Einschluss eines anderen Metalls hervorgehoben wurden, starrten auf den eingeschlossenen Stein. Dort, wo ihre Hinterbeine waren, war ein Fels abgebildet, der wohl am schwersten erkennbar war und sich von der einen Seite zur anderen zog, sodass beide Steinböcke auf demselben Stein zu stehen schienen.

Der eingefasste Stein war ein tiefblauer Azurit, der rosettenartig kristallisiert war. So wirkte es ein wenig, als ob eine blaue, kristalline Blume aus dem Ring blühen würde, zusammengesetzt aus vielen, eher kleinen Blüten.

Gwyneira fragte sich, wie viel Keanu wohl für den Stein gezahlt hatte. Soweit sie das gesehen hatte, hatte Payton so ziemlich denselben Ring bekommen, aber sie bildete sich ein, dass die Augen der Steinböcke ein wenig heller gewesen waren.

Ihr Geist hatte ihr, nachdem Keanu seinen Hexerei-Prozess unbeschadet überstanden hatte, recht genau erzählt, wie sein Plan ausgesehen hatte. Darin war auch enthalten gewesen, dass er Boten zu Paytons Familie geschickt und ihnen ein angeblich unschlagbares Angebot gemacht hatte, woraufhin sie die Ehe guthießen. Wie genau dieses Angebot jedoch ausgesehen hatte, wusste weder ihr Geist noch sie selbst.

Fest stand nur, dass er sich für eine recht lange Zeit in seinem Zimmer eingeschlossen und gearbeitet hatte. Er hatte es tunlichst vermieden, Gwyneira oder Nasrin das zu zeigen, was er letzten Endes hervorgebracht hatte, und auch verbal hatte er ihnen nichts in diese Richtung mitgeteilt. Eindeutig geklärt war lediglich, dass die beiden Verlobungsringe einen kleinen Anteil an der ungeklärten Arbeit darstellten.

Wie es der Brauch war, würde Paytons Familie die Hochzeit, also das entsprechende Fest, organisieren. Gwyneira hatte sich zuvor nie wirklich mit diesen Themen beschäftigt, obwohl früher oder später – wobei sie auf letzteres hoffte – der Tag kommen würde, an dem es sie selbst betraf. Dementsprechend war sie eigentlich ganz froh darüber, dass sie nun erfuhr, wie genau das Prozedere vonstattenging.

Keanu hatte diesbezüglich alle Punkte erfüllt. Der Ehemann musste die Familie um Erlaubnis bitten und beide Familien sorgten dafür, dass die jeweils andere wirtschaftliche Vorteile aus der Verlobung ziehen würde. Und sei es nur eine Mitgift in Form von kostbaren Objekten; Hauptsache, es sprang für beide etwas dabei heraus.

Sobald der Ehemann den Segen der Familie seiner Frau hatte, machte er ihr – meistens auf einem Ball – einen Antrag, den sie gezwungenermaßen annahm. Manchmal mehr, manchmal weniger gezwungen, aber einfach so mit Nein antworten konnte sie nicht.

Dann kam die Familie der Braut wieder ins Spiel. Da diese ihr Elternhaus verlassen würde, sobald sie geheiratet hatte, stand es ihnen zu, die Hochzeitsvorbereitungen zu treffen – worüber Keanu, wenn Gwyneira das richtig mitbekommen hatte, eigentlich ganz glücklich war, denn er selbst hätte kaum Zeit für irgendwelche Hochzeitsvorbereitungen gehabt. Zwar konnte er mitreden und ab und zu sein Wort in die Waagschale werfen, aber im Großen und Ganzen ließ er es auf sich zukommen und freute sich auf die Zeit nach der Hochzeit.

Kurz dachte Gwyneira an Zephir, einem jungen Adeligen etwa in Alvars und ihrem Alter, der aus den eonischen Bergen stammte und selbst in einer recht ähnlichen Situation wie Keanu war. Ihres Wissens nach hatte er jedoch noch keine Braut, aber dafür hatte er begonnen, mit den Susurrs eine Handelsbeziehung aufzubauen. Diese hatte auch schon den ersten Warenaustausch hervorgebracht, denn obwohl die Reisekosten recht groß waren, da der Weg sehr weit war und gut eineinhalb Monate in Anspruch nehmen konnte, profitierte Zephir wirtschaftlich gesehen davon, denn Keanu hielt viel von den eonischen Silbererzen. Mit dem Glas konnte er nicht wirklich etwas anfangen, aber das Silber konnte er gut für seine weiteren Geschäfte mit anderen Adeligen gebrauchen.

Zephir war auch zum Sonnenwendball geladen gewesen, hatte jedoch nicht kommen können, da er auf einem eonischen Ball gewesen war – so zumindest die offizielle Entschuldigung, die er den Susurrs in seiner Absage geschickt hatte. Dass seine Abwesenheit einen anderen Grund haben könnte, hatte Keanu, soweit sie das mitbekommen hatte, recht schnell ausgeschlossen, denn der Handel war eben erst erwacht und lief bis jetzt reibungslos ab.

Allerdings hatte Zephir sich zum Goldährenball bereits recht fix angemeldet, der jedoch erst im Juni sein würde – also noch mehr als einen Monat weit weg war. Gwyneira lächelte kurz bei dem Gedanken daran. Zugegeben, Zephir war einer der wenigen gewesen, die freiwillig mit ihr getanzt hatten, und Alvar zeigte sich ebenso wenig auf den Bällen wie der Rest der ehemaligen Einheit, aber sie war nun nicht mehr so sehr von Zephirs Tanzeinlagen abhängig… oder, besser gesagt, von dem Gefühl, das er ihr durch die gemeinsamen Tänze bescherte.

Nicht vollständig auf ihr Äußeres reduziert zu werden.

Alvar hatte seine Stelle mehr als nur übernommen. Zephir mochte ein guter Tänzer und ein wahrscheinlich ebenso guter Handelspartner sein, aber er war kein Wassermagier und sie hätte ihre Magie vor ihm verheimlichen müssen. Alvar hingegen war nicht nur selbst ein Magier, er kannte das Problem der Geheimhaltung sogar noch einmal besser als Gwyneira.

Sie musterte den Siebzehnjährigen. Nach wie vor trug er seine Haare lang – früher wohl in erster Linie aus dem Grund, dass er bei weitem nicht die Zeit gehabt hatte, sie sich schneiden zu lassen – oder eine Schere gehabt hatte, um es selbst zu machen. Inzwischen brauchte es ihn nicht mehr zu kümmern, denn er hielt sich nur sehr selten außerhalb des Schlossgeländes auf.

Dieser Gedanke brachte sie dazu, an die Sylphen zu denken. Gut, sie hatte irgendwie geahnt, dass die Folianer… nun ja, anders waren, aber sie hatte keine Ahnung gehabt, wie anders. Obwohl gerade ich wissen sollte, dass man nicht nach der Andersartigkeit urteilen sollte, dachte sie.

Die Sylphen hatten die ehemalige Einheit gejagt – es hatte etwas mit ihrer Verfassung zu tun, die besagte, dass kein Mensch davon wissen durfte, dass sie Sylphen waren. Spekulationen waren offenbar aus diesem Gesetz ausgeschlossen, aber das sichere Wissen nicht.

Über genau das hatte die Einheit jedoch verfügt, die sich selbst Seren’sche Einheit genannt hatte. Alvar, der mehr oder weniger der Anführer der Einheit geworden war, nachdem die Sylphen sie entdeckt hatten, war trotz ihrer inzwischen bereits mehr als zwei Monate langen Bekanntschaft noch immer sehr sparsam mit den Informationen, die er über die Einheit hatte. Aber er hatte erklärt, dass der Name von einem Menschenmädchen stammte, das Serena geheißen hatte – und offenbar eine Bedrohung für die Sylphen dargestellt hatte.

Genaueres hatte er selbst nicht gewusst – oder es nicht zugegeben. Gwyneira fragte sich, wie ein einziges Mädchen, noch dazu aus dem Volk der Menschen – und die Sylphen hatten keinen Zweifel daran aufkommen lassen, wie mächtig Menschen im Vergleich zu ihnen waren – die Sylphen bedrohen konnte, aber offenbar war es ihr gelungen.

Andererseits war auch Aeneas eine Bedrohung, wenn auch keine aktive mehr. Gwyneiras Blick verdüsterte sich kurz, als sie an ihren verstorbenen Vater dachte. Wenn er jetzt noch gelebt hätte, hätte er die Sylphen nicht nur in Schach halten, sondern sie auch noch besiegen können, dessen war sie sich inzwischen sicher.

Aber wenn er jetzt noch leben würde, wäre Keanu nicht an die Macht gekommen, Shenoa wäre noch ein Teil der Familie, wäre wahrscheinlich nicht fremdgegangen, und Alvar wäre vielleicht nie von Aeneas als Gast aufgenommen worden, dachte Gwyneiras Geist.

Sie sah zu ihm, indem sie leicht den Kopf drehte. Vor gut einem halben Jahr hatte sie sich mit ihm vereinigt und seitdem gab es kaum eine Minute, in der er nicht irgendeinen Gedanken kommentierte oder sich irgendwie anders bemerkbar machte – sei es auch nur durch seine Abwesenheit. Ihr Geist verdrehte auf ihren Gedanken hin die Augen.

Ich sage doch nur die Wahrheit, antwortete er auf den unausgesprochenen Vorwurf. Wer weiß, was passiert wäre, wenn Aeneas nicht gestorben wäre. Woher sollen wir das wissen? Vielleicht wäre er nur wenige Tage später von allein gestorben, das hätte auch passieren können.

Schnauze, antwortete Gwyneira und ihr Geist stieß sich beleidigt von der Schlossmauer ab, an die er gerade eben noch gelehnt hatte. Da es auf der Geisterebene keine physikalischen Gesetze gab, fiel auch die Aerodynamik weg – was zur Folge hatte, dass Geister ohne Probleme fliegen konnten. Zwar hatten auch Luftmoleküle so etwas wie einen Geist, aber der war nur bei stärkerem Wind ein Hindernis – bis dahin blieben sie ebenso unbeachtet wie die Luftmoleküle auf der Körperebene.

Gwyneira konzentrierte sich wieder auf Alvar. Seine blauen Augen schienen die grauen Steine des Schlosses zu mustern, als ob sie ihnen ihre Geheimnisse abringen wollten. Sie setzte sich bequemer auf der Mauer hin und endete im Schneidersitz.

„Schon eine Idee?“, wollte sie wissen.

„Nein“, antwortete Alvar. Dabei verwendete er einen Ton, den sie inzwischen als typisch für ihn bezeichnete. Es war eine Mischung aus Reserviertheit und Distanziertheit, kombiniert mit… sie wusste nicht so genau, mit was. Nachdenklichkeit war es nicht; das wäre in die falsche Richtung gegangen.

Gwyneira beobachtete den eher großgewachsenen Jungen weiterhin. Er stand recht still und schien sich komplett auf seine Wassermagie zu konzentrieren – und auf den sechsten Sinn, über den er damit verfügte. Wie auch Gwyneira es schon oft getan hatte spürte er damit den Wasserzaubern nach, die ihr Vater um das Schloss gespannt hatte.

Und die der Grund dafür waren, dass die ehemalige Einheit sich vor den Sylphen hatte retten können. Diese waren ihr nämlich haushoch überlegen gewesen – und noch mehr. Auch hätten sie ihre Flucht nicht mehr lange fortsetzen können, ohne ihnen in die Fänge zu gehen.

Aeneas hatte ihnen mit seinen vielfältigen Zaubern eine Art Leo gegeben, in dem sie bleiben konnten. Gleichzeitig galt dieses Leo nicht für die Sylphen. Wie auch immer die Zauber konkret beschaffen waren, die dieses Kunststück zusammengebrach hatten, sie hatten es geschafft, den Sylphen keinen Anhaltspunkt für Magie zu geben und sie gleichzeitig nicht zu tief in die Familie der Susurrs eindringen zu lassen.

Zumindest, bis sie herausgefordert hatten. Die Sylphen hatten etwas von Schwertern gesagt, die offenbar eines der Elemente darstellten, auf die der Zauberkomplex empfindlich reagierte. Da die Sylphen letzten Endes Aeneas‘ Werk jedoch hätten in die Knie zwingen können – mit einer mehrwöchigen Belagerung und permanenten Forderung der Wasserzauber, also unter hohem Energieverlust und einem sehr großen Risiko, dass die Aktion auffiel – hatte die Einheit auf Keanus Verlangen hin einen Kompromiss mit den Sylphen geschlossen.

Diese wollten verhindern, dass sich das Wissen um ihre Existenz ausbreitet, und, wenn möglich, dass es die Einheit selbst wusste. Die Einheit wiederum hatte das Gegenteil erreichen wollen – das sie auf die Sylphen aufmerksam machen konnten, sodass diese letzten Endes von ihrem metaphorischen Thron der Magie gestoßen werden konnten. Was, zumindest laut Keanus Einschätzung, ohnehin nicht geklappt hätte.

Da Keanu bereit gewesen war, der Einheit in Aeneas‘ Zaubern Asyl zu gewähren, hatte er die Macht gehabt, letztere zu einem Kompromiss zu zwingen. Der Umstand des Asyls wiederum hatte auch die Sylphen zu einem Kompromiss genötigt, den sie auch eingegangen waren.

Herausgekommen war letzten Endes, dass die Sylphen die Jagd nach der Einheit abbrechen würden, wenn diese keine Informationen weitergab. Die Einheitsmitglieder – und Keanu, Nasrin und Gwyneira selbst, denen sie es erzählt hatten – durften das Wissen jedoch behalten und innerhalb der Schlossmauern sowie außerhalb der Hörweite Unwissender auch darüber reden.

Dass diese Bedingungen eingehalten wurden, stellten die Sylphen mit einigen Zaubern sicher. Sie hatten einen um das Schlossgelände gelegt – außerhalb der Kernzone, wie Gwyneiras Geist das Gebiet direkt um das Schloss herum bezeichnete, da Aeneas‘ Zauber nichts anderes zugelassen hätten. Dieser Zauber legte sich wie eine Hülle um alle Personen, die nicht von einem zweiten Zauber betroffen waren, und informierte die Sylphen, wenn Informationen zu diesen Hüllen – also auch den darin befindlichen Menschen – kamen, die laut der Vereinbarung nicht verbreitet werden durften. Der zweite Zauber war um die Einheit sowie die jüngste Generation der Susurrs gelegt worden und meldete den Sylphen ebenfalls einen Austausch verbotener Informationen – solange jedoch der erste Zauber nicht ebenfalls aktiviert wurde, gab es keine Probleme.

Das hatte zur Folge, dass nur innerhalb des Schlosses über Sylphen gesprochen werden durfte, was durch einen dritten Zauber gesichert war, der an den zweiten gebunden war. Er kontrollierte, wo die Susurrs und die Einheit über Sylphen sprachen – war es innerhalb des Wirkungsgebiets des ersten Zaubers, wurde er nicht weiter aktiv, wenn er jedoch außerhalb war, benachrichtigte er ebenfalls die Sylphen.

Prinzipiell durften die Einheitsmitglieder das Schloss jedoch verlassen – die Zauber schleppten sie immer mit sich herum. Alvar, der sich mit ihrer Konstruktion soweit das für ihn möglich war auseinandergesetzt hatte, hatte festgestellt, dass ihre Energiequelle zwar in der Nähe war, diese jedoch nur eine Art Zwischenquelle darstellte. Die eigentliche Quelle – und auch das Objekt, an den die Zauber gebunden waren – befand sich in Folium und damit außer Reichweite. Die Zwischenquelle diente nur dazu, nicht so viel Energie durch die immer aktiven Zauber zu verlieren – wenn sie erschöpft war und nicht wieder aufgeladen wurde, wurde die Quelle in Folium für die Energie herangezogen, bis die Zwischenquelle wieder aufgeladen war.

Die Sylphen waren bereits wenige Stunden, nachdem der Kompromiss ausgehandelt worden war, dagewesen, und noch ehe der Morgen gegraut hatte, hatten sie die Einrichtung der Zauber größtenteils abgeschlossen. Gwyneira hatte nur wenige aus einer kürzeren Distanz beobachtet – sie hatte sich eher zurückgehalten und war in den abgelegenen Teilen des Seeflügels gewesen – also fast überall.

Wobei die Einheit das jetzt ein wenig geändert hatte. Noch vor einem Vierteljahr war es eher die Ausnahme als die Regel gewesen, dass man auf eine andere Person im Schloss stieß, und diese Personen hatten sich um einige kleinere Zentren geballt, sodass die größten Teile des Schlosses tot zu sein schienen.

Die Einheit hatte, nachdem sie sich ein wenig von den Strapazen der Flucht erholt hatte, jedoch damit begonnen, das Schloss zu erkunden. Mit der Zeit hatten die meisten teilweise abgeschiedene Lieblingsplätze gefunden, und da die Einheit mehr als ein Dutzend Mitglieder umfasste, gab es nun auch eine größere Wahrscheinlichkeit, dass Gwyneira zufällig einem Menschen im Schloss begegnete.

Dafür, dass die Einheit in ihrem Leo bleiben durfte – wenn sie es dauerhaft verließ, würden die Sylphen wahrscheinlich die Chance nutzen und sie sich holen; zumindest war das Alvars Spekulation – musste sie den Susurrs etwas geben. Da sie weder Geld noch sonst irgendetwas hatte, war es das einzige, das die einzelnen Mitglieder erübrigen konnten: Wissen.

Und teilweise auch magische Fertigkeiten, wenn sie denn gerade nützlich waren. Keanu hatte sich mit jedem einzelnen Mitglied in Kontakt gesetzt und ihn gefragt, was er den Susurrs geben konnte. Einige schrieben Bücher, so viel wusste Gwyneira, und eine Frau, Neve, war zu einer Art Ärztin geworden. Keine richtige; sie hatte erst im letzten Monat entdeckt, dass sie auch noch andere heilen konnte. Ursprünglich war ihre Heilmagie auf sich selbst beschränkt gewesen, doch inzwischen übte sie, wann immer sich jemand verletzt hatte und damit zu ihr kam.

Zumindest kleinere Schnittwunden konnte sie inzwischen gut verheilen lassen, auch, wenn sie sie meistens nur schloss. Was laut ihren eigenen Angaben daran lag, dass es sehr energieaufwendig war, eine Wunde komplett verheilen zu lassen – man musste Prozesse beschleunigen, die sonst einige Tage gedauert hätten; schon allein das kostete eine Menge Energie. Und obwohl Neve nun ebenso wenig gejagt wurde wie der Rest der Einheit, neigte sie noch immer nicht dazu, zu viel Energie scheinbar sinnlos zu verschwenden.

Gewisse Angewohnheiten wurde man offenbar nicht mehr so schnell wieder los. Andererseits – auch Gwyneira neigte dazu, gewisse Gewohnheiten beizubehalten. In den letzten Wochen war sie etwas offener Alvar gegenüber geworden, auch, was ihre Wassermagie anbelangte. Und dadurch, dass sie ab und zu recht klar ersichtlich gezaubert hatte, vermutete sie, dass ihre Geschwister inzwischen ebenfalls Wind davon bekommen hatten.

Doch sie hatte ihm noch nicht verraten, dass sie Gestaltwechseln konnte. Sie blinzelte, als sie wieder ins Hier und Jetzt zurückkehrte und den Jungen erneut beobachtete. Das, was sie vorhin nicht wirklich hatte benennen können, das in seinem Tonfall mitgeschwungen war, war eine Art Ratlosigkeit gewesen, durchsetzt von einer Einstellung, die sich am besten mit Und-was-soll-ich-jetzt-machen? zusammenfassen ließ. Und doch war es ihm nicht egal oder gleichgültig; er überlegte, dessen war sie sich ziemlich sicher.

Gwyneira konnte ihren starrenden Blick nicht von ihm abwenden, doch Alvar bemerkte es offenbar nicht wirklich. Nicht genug, dass er nach einigen anfänglichen Blicken sowohl ihr schneeweißes Haar als auch ihre blutroten Augen ignoriert hatte – er selbst war auch ein Beispiel dafür, dass er eher wenig auf das gab, was andere Leute über ihn denken mochten.

Mehr als nur einmal hatte er sich von den Einheitsmitgliedern Kommentare über seine Frisur anhören müssen; immerhin trug er seine Haare immer zu einem Zopf geflochten, die seine Ohren größtenteils verbargen – und das hatte sogar Gwyneira mitbekommen. Seine Reaktion war eine Mischung aus eben jener und-was-soll-ich-jetzt-deiner-Meinung-nach-bitte-machen-Einstellung und eine leicht unterkühlte Antwort gewesen.

Gwyneira kam nicht umhin, festzustellen, dass Alvar und Keanu in gewisser Weise einige Eigenschaften teilten. Vielleicht machte diese Mischung aus Vertrautheit und Ungewohntheit ja Alvar so interessant für sie – kombiniert mit ihrer gemeinsamen Veranlagung für Wassermagie, der Tatsache, dass er sich nicht von Äußerlichkeiten abschrecken ließ und selbst auch sein Äußeres so gestaltete, dass es den meisten Leuten nicht sehr schwer fiel, etwas daran auszusetzen.

Der Gedanke an die Gemeinsamkeiten mit Keanu erinnerte sie wieder an die bevorstehende Hochzeit. Die wurde schließlich von den Ardorias organisiert, was bedeutete, dass einige Familienmitglieder bereits einen Monat vor der Hochzeit anreisen würden, um vor Ort die beginnenden Details abzuklären.

Die Hochzeit war für den frühen Juni angesetzt worden, wenn es noch nicht brütend heiß, aber auch nicht mehr eiskalt war. Und mit viel Glück auch nicht regnete. Das bedeutete, dass das Schloss der Susurrs ab Anfang Mai noch einmal belebter sein würde – bis zu diesem Tag würde jedoch noch mehr als ein Monat vergehen. Was genau die Einheit dann machen würde – ob sie sich vielleicht sogar offen zeigen würde – wusste Gwyneira noch nicht, und sie glaubte, dass die meisten der sechzehn Mitglieder es auch nicht so genau wussten. Allgemein schienen sie eher wenig zu wissen, was die nahe oder ferne Zukunft betraf.

Alvar runzelte die Stirn und sah Gwyneira an. „Es muss irgendeinen Auslöser geben“, sagte er. „Irgendein Element, an dem sich der Zauber orientiert – vielleicht war er damals von etwas ausgelöst worden…“

Er hielt inne und Gwyneira hob fragend eine Augenbraue. Alvar zog seine Brauen noch ein Stück mehr zusammen. „Wann genau war eigentlich damals?“

„Vor… etwa… sechs Jahren“, antwortete sie. So lang schon, dachte sie. Ihr Geist, der irgendwo über dem See schwebte, etwa zwanzig Meter vom Seeturm entfernt und auch etwas höher als Gwyneira selbst war, antwortete darauf: Naja, das kann passieren.

Äh, was?

Dass die Jahre vergehen und es einem nicht so richtig auffällt. Vor allem bei solchen… Kleinigkeiten.

Als Kleinigkeit würde ich den Skua nicht bezeichnen, stellte Gwyneira trocken fest und rutschte von dem Mauer herunter, bis ihre Füße wieder vertrauten Steinboden berührten.

Nein, das nicht. Aber es ist nichts, bei dem du die Tage zählst, wie lange du es schon kannst.

Am Anfang hatte ich weitaus größere Probleme damit, mich nicht bei jeder Kleinigkeit zu verwandeln. Und ich hatte Hobbys. Tage zählen war kein netter Zeitvertreib.

Eben. Und dadurch…

Jaja, ich hab’s ja schon verstanden, dachte sie genervt und warf ihrem Geist einen entsprechenden Blick zu. Dieser verdrehte nur die Augen und schwebte noch ein Stück weiter weg. Gwyneira entfernte sich unterdessen von der Mauer und stellte sich neben Alvar hin, der nach wie vor die unsichtbaren Zauber sehen zu wollen schien.

„Irgendeine Ahnung, was dieser Auslöser sein könnte?“, fragte sie.

„Nein“, antwortete Alvar, nun gedankenverloren. „Es… müsste etwas sein, das sich vor sechs Jahren geändert hat.“ Er warf ihr einen Blick zu. „Wieso kletterst du eigentlich auf diese Mauer? Vor allem, wieso bist du als… wie alt warst du…?“

„Neun“, sagte Gwyneira und blinzelte. Sie sah zu ihrem Geist, der ebenfalls die Stirn runzelte. Vielleicht…

Ja…, stimmte er langsam zu.

„Wieso bist du als Neunjährige auf diese Mauer hier geklettert? Ein Glück, dass dein Vater seine Zauber darum gesponnen hatte! Wer weiß, ob du heute noch leben würdest, wenn sie nicht gewesen wären…“

Gwyneira verkniff sich ein Seufzen. Ihr Geist war plötzlich in ihr und trat aus ihrem Körper heraus. Ein wenig überrumpelt sah sie ihn an.

 

Mach es, drängte er sie.