Ein literarisches Spiel auf tiefstem Niveau - BuchshitBlogtour

Ich liebe Literatur.

 

Das sollte eine redundante Aussage sein, immerhin ist das hier ein Buchblog. Werfe ich aber einen Blick auf die durchschnittliche Zahl der Sterne, mit der ich meine Bücher bewerte, erscheint es mir wie ein Wunder, dass die Eingangsaussage korrekt ist.

Denn manchmal – in meinem Fall recht oft – sollte man anerkennen, dass die eigene Bücherliebe unter Angriff steht; als würde sie im Schach stehen. Im Schach, bedroht von nichts anderem als der Literatur selbst.

Bildquelle: Pixabay
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Der Läufer

Die erste Offensive scheint harmlos genug – die Leseprobe macht einen vorzüglichen Eindruck, der Schreibstil kann mit schönen Metaphern punkten. Und es geht um Drachen! Also ab in die Buchhandlung oder die Bibliothek, Buch holen, aufreißen und sich in die Welt versenken.

Manchmal kann ein Buch einhundertmal etwas richtig machen. Und beim einhundertundersten Mal, sagen wir auf Seite 101, läuft plötzlich alles schräg.

Flammenwüste“ von Akram El-Bahay dreht sich um den Jungen Anûr, einem Geschichtenerzähler, der als Chronist eine Drachenjagd festhalten soll. Natürlich steckt hinter dem einzelnen Drachen, der das Reich terrorisiert, mehr als ein einzelner Drache.

 

Abgesehen vom Schreibstil und den ersten einhundert Seiten ist fast alles das Problem. Der Plot wird von Seite zu Seite sinnloser, was damit beginnt, dass ausgerechnet Anûrs Kamel, das zahmste und ruhigste von allen, bei einem Sandsturm – als einziges der gesamten Truppe – durchdreht und Anûr mit sich in die Wüste reißt. Es geht damit weiter, dass sich der Herr Protagonist als unfähig und dämlich bis ernsthaft dumm herausstellt. Wir bereisen das Tal der Deus-ex-machinas und bestaunen den Wasserfall der Antagonisten, die reflexartig ihren bösen Plan erläutern, sobald ein Protagonist in Sicht gerät.

 

Der Turm

Hat man sich von den ganzen gelangweilten Kamelen der Flammenwüste erholt, sieht man etwas am Horizont auftauchen. Man kneift die Augen zu, dann weiten sie sich: Ein Turm! Ein Turm der literarischen Errungenschaften! Wolfgang Hohlbeins „Die Töchter des Drachen“!

Der Lesefluss steuert direkt auf den Höhepunkt zu; eine Geschichte über ein Mädchen, dessen Dorf von Drachen zerstört wurde und die sich rächen wird. Doch die Schrecken lassen nicht lange auf sich warten: Der Schatten des Turmes tötet alles, auf das er fällt. Ein Schreibstil über dem Niveau einer BadFic? Tot. Sympathische Charaktere? Tot. Beschriebene Charakterentwicklungen? Tot. Spannende Kampfszenen? Tot. Irgendeine Form von Logik beim Weltenbau? Tot.

 

Dann verschwindet plötzlich das Wasser – es verdampft nicht einfach, es verschwindet vom Planeten! – und man findet sich bei Plottwists angekommen, die man nicht von Ferne gesehen hat. Nur macht jetzt alles noch weniger Sinn.

 

Der Springer

Am Fuße des Turms steht etwas. Ein Buch? Etwa gute Unterhaltung mit eingestreuten Themen, die einen zum Nachdenken anregen, ohne einen zu erschlagen? Nein! Es ist Kunst! Es ist „Es war einmal Indianerland“ von Nils Mohl!

Überall wird herumgesprungen. Chronologische Erzählungen sind was für Anfänger; die wahren Künstler nehmen einen chronologisch geschriebenen, langweiligen Text über einen verknallten Jugendlichen und zerschnippeln ihn, und dann wird alles in eine Tombola geworfen und in willkürlicher Reihenfolge aneinandergereiht. Auch was für Anfänger sind ganze Sätze. (Deswegen ist dieser Text hier, im Gegensatz zum Indianerland, auch keine Kunst.) Stattdessen müsste ich sowas schreiben: Irritierend langweilig Kunst. Langweilig, obwohl der Vater des Herrn Protagonisten jemanden ermordet.

 

Dieses Betteln nach Anerkennung – das hier ist Kunst, ja?! – führt leider nicht zu einer angenehmen oder interessanten oder belehrenden Erfahrung. Stattdessen fühle ich mich, als würde ein Tornado des Schwurbelns auf mich zusteuern …

 

Der König

… und mein Gefühl bestätigt sich. Etwas erscheint, das für fast nur eine Sache gut sein kann: Andere Leute auf Abstand zu halten. Ich betrete das Reich der Lichtenergien, der feinstofflichen Ebenen und der miserablen Quellenlage … Ich betrete „Das Horoskop der Pflanzen“ von Gabriele Hasmann, wo mir Pflanzen vorgestellt, Daten zugeordnet und Voraussagen über Menschen, die unter diesen Blüten geboren wurden, gemacht werden.

 

Ein Reich durchdrungen von Behauptungen, Hypothesen und Alternativmedizin; ein Reich, in dem behauptet wird, irgendwelche Leute hätten irgendwann mal auf Hibiskus-Blüten gepisst, um festzustellen, ob sie schwanger sind, weswegen die Pflanze auch Pissblume heißt; ein Verweis auf eine konkrete Quelle findet sich nicht. Ein Reich, in dem Aromaöltherapie all deine Probleme lösen wird, und die Frage danach, wie es dann noch irgendwelche Probleme geben kann, wenn selbst Depressionen mit ein wenig Öl geheilt werden können, wird gekonnt ignoriert. Ein Reich, in dem Wikipedia als eine solide Quelle angesehen wird.

 

Die Königin

Aus dem feinstofflichen Reich der Öltherapien fliehend finde ich mich vor dem Endgegner wieder.
Der Königin.
Der Königin der Schatten.
Die Königin der Schatten: Verflucht“ von Erika Johansen.

Ich fühle mich betrogen. Der erste Teil hat mir doch gut gefallen! Und nun? Nun ist Kelsea länger als vier Tage Königin und muss sich auf einen Krieg gegen einen übermächtigen Feind vorbereiten, den sie selbst heraufbeschworen hat. Wer ist dieser neue Charakter, der mal eben eingeführt wird, und warum sollte ich um sein Wohlergehen besorgt sein? War Kelsea im ersten Band schon so eine unausstehliche Göre? Und warum sollte mich Lilys Schicksal interessieren?

Ich beobachte Königin Kelsea, wie sie mit Bergleuten spricht, die eine Saphirader gefunden haben. Wie sie beschließt, das wenige Geld, das die Staatskasse hergibt, für Rohsaphire rauszuwerfen, nur weil ihre zwei magischen Steine ebenfalls Saphire sind. Die Frage drängt sich mir auf, weswegen die Bergleute überhaupt die Saphire besitzen, wenn sie einem Adeligen unterstehen müssten. Und die Frage drängt sich auf, wieso Kelsea ihr Geld nicht lieber für den anstehenden Krieg verwendet. In dem sie verhungern werden, weil die von der Grenze Flüchtenden unbedingt über die Felder trampeln müssen wie Kelsea auf die Adeligen, die sich deswegen beschweren. Weil Weizen während Belagerungen überflüssig ist.

 

 

Ich sehe mich um. Jede Doppelseite gehen mir solche Gedanken durch den Kopf.

Bildquelle: Pixabay
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Die verlinkten Buchtitel führen zur jeweiligen Rezension.

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