Mammutversion: "Die Legende von Enyador" von Mira Valentin (12. RW)

Fantasyreihen, in denen es um Menschen und Elben und Drachen geht, gibt es zuhauf. „Die Legende von Enyador“ hat mich jedoch mit ihrem Konzept überzeugt: Alle Völker waren einst Menschen, die verzaubert wurden, und diese Zauber kosteten sie je eine (oder mehrere) wichtige Eigenschaften, beispielsweise Willenskraft oder Lebenslust. Ein interessantes Konzept – interessant genug, um einen Kauf wert zu sein.

Seit Tristan denken kann, ist ihm klar, dass sein Leben verwirkt ist, denn er ist ein Waisenkind, das anstelle des Erstgeborenen von den Elben ausgemustert werden wird. Diese verwenden die Menschen als Sklaven im Kampf gegen die Dämonen, die ihrerseits die Drachen unterjocht haben. Doch als Tristan einberufen wird, tritt er eine Reihe von Ereignissen los, die seinen Ziehbruder Kay und seine Ziehschwester Agnes auf eine Reise schicken, deren Auswirkungen die ursprüngliche Rettungsmission übersteigen.

 

Bevor ich wirklich anfange, und glaubt mir, es gibt einiges zu meckern, muss ich erstmal loben, denn die ersten einhundert Seiten sind wirklich gut geschrieben. Nicht nur gerät man schnell in einen Lesefluss, der auch während des Rests des Buches bewahrt bleibt, und kommt schnell durch die Seiten, sondern gerade in diesen ersten Dekaden wird sehr stark auf das Gefühlsleben Tristans eingegangen, sodass man praktisch sofort mit ihm mitfiebert. Ebenso gut ist die Atmosphäre beschrieben, die im weiteren Verlauf jedoch nachlässt.

Die Handlungen und Umgebungen sind nachvollziehbar beschrieben, jedoch keine Glanzstücke, und abgesehen von einzelnen Aussetzern sind auch die Gefühlsbeschreibungen im grünen Bereich. Gestört wird der Text von Füllwörtern, die das Lektorat aus mir unbekannten Gründen unbeschadet überstanden haben, vereinzelte seltsame Formulierungen – es wird beispielweise an einer Stelle ein Drache, der eher fledermausähnlich ist, mit einer Libelle verglichen – und englischen Wörtern, allen voran „okay“, die der Atmosphäre nicht gerade guttun.

Hinzu kommt eine Veranlagung zum Melodramatischen, zum Aufbauschen, zum Nervig-klischeehaften, was sich aber bereits mit der Handlung vermischt. Auch anzukreiden habe ich, dass das Leben im Feldlager praktisch nicht beschrieben wird – so, wie ich das mitbekommen habe, wie die Atmosphäre transportiert wurde und wie die Perspektiven gewählt wurden, könnte es sich dabei um ein härteres Sportcamp handeln. Die Unterjochung der Menschen kommt eigentlich nur dann wirklich heraus, wenn sich Tristan gerade mit einem der Elben, meistens Horiel, anlegt, und wird sonst weitestgehend ignoriert.

 

Die Handlung gestaltet sich teils vorhersehbar, teils weist sie Überraschungen auf, aber das wesentlich größere Problem ist die 150-Seiten-Grenze. Etwa ab da wird aus dem allmählich vergehenden Genuss der ersten hundert Seiten Verachtung – wobei, die kommt erst aber etwa 260 Seiten, davor ist es einfach nur ein gutes Konzept, das nach allen Regeln der Kunst in den Sand gesetzt wird.

Der eigentliche Kern der Kritik wird erst bei den Charakteren und dem Weltenbau hervorkommen, dennoch habe ich auch bei der Handlung ein paar Dinge anzuzweifeln. Zum Beispiel reden die Charaktere während der Gefangenschaft am laufenden Band miteinander, oft genug auch über Dinge, die ich persönlich nicht in Hörweite meiner Entführer von mir geben wollte – die das aber entweder ignorieren oder schwerhörig sind, denn sie reagieren genau einmal darauf, und das auch nur, weil sie, naja, wortwörtlich keinen halben Schritt von den Protagonisten entfernt stehen.

Dann noch ein Kommentar zu der Sache mit den Salzkreisen. Der Hintergrund ist der: Die Elben suchen nach den Magiern unter den Menschen – aus mir unbekannten Gründen plötzlich wesentlich strenger als im Jahr zuvor –, und ein paar Dekaden Seiten erfahren wird, dass Magier einen aus Salz gezogenen Kreis nicht verlassen können. Anstatt sich also vor die Dorfleute hinzustellen und zu fragen, ob jemand ein Magier sei, könnte man auch einfach jedes Jahr alle Dorfbewohner in so einen Bannkreis sperren und mal sehen, ob man nicht so jemanden erwischt. Und ja, es wird angesprochen, dass nicht alle Magier von Salzkreisen gebannt werden können – genau einer ist im Buch vorgestellt worden –, aber praktisch im selben Atemzug wird auch erklärt, dass die Elben eigentlich eh keine Ahnung davon haben, wie sie solche Magier identifizieren sollen, also wieso macht man es sich so schwer?

Zu Eliyah hätte ich auch noch eine Frage. Es ist kein großes Geheimnis, dass er der Königssohn aus dem Prolog ist, der mit dem Fluch geschlagen ist, unsterblich zu sein, weswegen es sich ein gewisser Foltermeister zum Spaß gemacht hat, ihn jeden Tag zu ermorden. Angeblich hat er bisher alles versucht, was ihm einfällt, und Eliyah wacht jedes Mal wieder auf. Meine Frage: Wie genau darf ich mir das bei einer Enthauptung vorstellen? Oder nach dem Herausschneiden des Herzens? Wachsen ihm die entsprechenden Körperteile dann einfach wieder nach oder wie funktioniert das?

Zusätzlich zu diesen größeren Punkten finden sich einige Kontinuitätsfehler, aber ich will euch nicht weiter hinhalten – auf zur Vollkatastrophe Nummer eins.

 

Fangen wir mit Agnes an. Sie wird zu Beginn von den Elben entführt, weil diese glauben, sie könne eine Magierin sein, und um ein Exempel zu statuieren, wird sie nicht etwa sofort enthauptet, sondern verschleppt. Während der Reise wird sie einmal fast vergewaltigt, dann freundet sie sich so halb mit dem Elbenprinzen Istariel an, der sie letztlich auch befreit, weil er einer der Wächter ist und endlich seine Bestimmung erfahren möchte. (Ich habe hier einige Sachen weggelassen, von daher ergibt es im Buch deutlich mehr Sinn.) Dann … reist Agnes halt ein wenig durch die Gegend, findet die versprengten Familienmitglieder wieder und kommt im nächsten Band wohl mit Istariel zusammen. Sagen wir’s mal so: Sie findet ihn nice, er findet sie geil. Win-win, würde ich sagen. Sollte ich an der Stelle erwähnen, dass er aller Wahrscheinlichkeit nach locker über zwanzig Jahre alt und (hoffentlich) sexuell aufgeklärt ist, sie hingegen fünfzehn und aller Voraussicht nach nicht? Ja, ich glaube, das sollte ich kurz erwähnen.

Auch bemerkenswert ist, dass die Auswirkungen der versuchten Vergewaltigung sich hauptsächlich auf Albträume und ein paar Tage gedrückter Stimmung beschränken. Sobald sie jedenfalls von den restlichen Gefangenen getrennt wird, ist die Sache vergessen, und das waren wahrscheinlich keine drei Monate.

Zu Agnes kann ich ansonsten nur sagen, dass sie unterm Strich sehr, sehr passiv rüberkommt. Am Anfang hatte sie noch meinen Respekt dafür, sich nicht unterkriegen zu lassen, aber wenn der Elbenprinz auf dich steht, ist das im Grunde ja irrelevant.

Weiter geht’s mit Kay, dem Erstgeborenen und Magier, der es sich in den Kopf setzt, Tristan und Agnes von den Elben zu befreien. Über weite Teile des Buches war er mein Lieblingscharakter, und sein weißer Teufel war und ist ein sehr netter Side Kick. In etwa ab dem Zeitpunkt, ab dem er Greta trifft, ändert sich das jedoch.

Er sieht sich selbst quasi als kleines Opferchen an, das ja so viel für andere tut, aber nie etwas zurückbekommt. Doch anstatt die logische Konsequenz daraus zu ziehen und den Leuten, die ihn ständig triezen, nicht mehr zu helfen, opfert er sich ein ums andere Mal für sie auf. Intelligenz, meine Damen und Herren.

Ich weiß nicht genau, wie alt Kay ist, aber die Auslese der Dorfjugend betrifft Jungs im Alter von siebzehn bis einundzwanzig, wenn mich nicht alles täuscht, und er war noch nicht bei der Auslese dabei, also ist er irgendetwas zwischen zwölf und sechzehn. Es wird zwar nie explizit bestätigt oder widerlegt, aber ich würde behaupten, dass seine Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht eher rar ausfallen. Und was hören wir von ihm?

„Man konnte einen Drachen nicht einfach wegschicken wie eine Menschenfrau, die sich bei der ersten Ablehnung gekränkt fühlte und weitere Versuche bleiben ließ.“ (S. 263)

Liebenswürdige Einstellung. Aber das Beste habe ich mir für den Schluss aufgehoben.

Im Laufe des Romans trifft Kay auf Shook, eine (natürlich junge und bildhübsche) Drachendame, die er sich unterwirft. Letzteres sogar halbwegs vertretbar, denn sie bedroht ihn gerade mit dem Leben. Da hört mein Verständnis aber auf, denn aufgrund der Tatsache, dass Drachen so einen schwachen Willen haben, werden sie von den Dämonen versklavt, und genau dabei war Thul, gegen den Shook ursprünglich gekämpft hatte, auch, als Kay in die Szene geplatzt ist.

Zu Shook möchte ich noch kurz einschieben, dass ihr Verhalten ausgesprochen inkonsistent ist. Teilweise erläutere ich das beim Weltenbau noch näher, aber dass sie zuerst gegen Thul kämpft, der sie unterjochen will, dann mit ihm anbandelt, ihn dann ohrfeigt, dann Sex mit ihm hat – ich glaube zumindest, das sollte Sex beschreiben –, ergibt nur dann Sinn, wenn sie dauernd notgeil ist und es ihr vollkommen egal ist, wenn sie dabei auch mit den Kerlen schläft, die sie als ihren Besitz ansehen. Zurück zu Kay:

Wie jeder anständige Mensch, der selbst nachvollziehen kann, was es heißt, unterjocht zu werden, da er seinen Bruder und seine Schwester an das dominierende Volk verloren hat und seine gesamte Spezies unterdrückt wird, lässt er Shook natürlich zu einem weit entfernten Punkt fliegen, macht sich aus dem Staub und entlässt sie aus seiner Dominanz.

… ihr habt mir das wirklich geglaubt, oder? War natürlich alles erstunken und erlogen. Er hat kein Problem damit, dieses denkende, fühlende Wesen, dessen Willen er unterjocht hat, wie einen Gegenstand, ein Besitzstück zu sehen, und nimmt sich sogar fest vor, Shook Thul zu geben, da er sie ja ursprünglich hatte haben wollen und das wirklich wichtig für ihn ist.

Spätestens da war es um jede Sympathie geschehen. Gerade Kay hätte jeden Grund und genug Erfahrung, das, was er da macht, nur in größter Not vertretbar zu finden, doch offenbar lebt er nach der Devise, dass diejenigen, die zu schwach sind, sich gegen ihn zu wehren und ihm das auch ins Gesicht zu sagen, es nicht verdienen, wie Menschen behandelt zu werden. (Bevor sich jemand wundert: Die Drachen sind Gestaltwandler. Er kann es also mit Shook treiben, wenn er will. Was er nicht macht, weil er nicht schlecht vor Greta dastehen will. Die ihn ständig mit ihren Reizen triezt und ihn wie ein Stück Scheiße behandelt, dessen Gestank ab und an Gegner abschreckt. Jap, auf dem Niveau sind wir inzwischen angekommen.)

Zu Tristan schreibe ich nicht viel, weil er mir nicht großartig in Erinnerung geblieben ist. Zu loyal, zu aufopfernd und dadurch auch zu irrational, um wirklich sympathisch zu sein. Gerade die Flucht aus dem Feldlager ist da ein hervorragendes Beispiel. In dem Kontext möchte ich auch kurz Saphira erwähnen – nein, nicht die aus „Eragon“, ein anderer blauer Drache mit dem Namen Saphira, die aber immerhin so etwas wie Selbstrespekt und Rationalität aufweist. Gerade im Kontrast zu den restlichen Figuren mag ich sie geradezu für diese … Nicht-Dummheit.

Die Antagonisten schneiden eher bescheiden ab. Zu Horiel lässt sich nicht viel mehr sagen, als dass er wohl als Kind eingetrichtert bekommen hat, dass Menschen Sklaven sind, und sie jetzt auch dementsprechend behandelt; bis zu einem gewissen Grad hat er wohl ein paar Probleme, denn es macht ihm offenkundig nichts aus, Leute zu schlagen oder sie gar zu töten, aber abgesehen davon sticht er nicht besonders hervor.

Istariel kann man meiner Meinung nach vergessen. Zumal er praktisch nie wirklich etwas tut. Ja, er bandelt mit einer Fünfzehnjährigen an. Ja, er befreit diese aus ihrem Gefängnis und bewahrt sie vor Folter. Ja, er reist ein wenig durch die Gegend. In erster Linie lässt er sich aber herumkommandieren – von Horiel, von seinem Vater, von Eliyah. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob das noch als Antagonist zählt, aber als Protagonist macht er ebenso wenig her.

Sein Bruder hingegen hat eine der melodramatischsten und gleichzeitig klischeehaftesten Hintergrundgeschichten der Literatur. Jawohl, der Literatur – nicht der Fantasyliteratur. Entsprechend gering ist mein Beifall für seinen Charakter.

 

Da ich schon über Elben rede, bleibe ich auch gleich bei ihnen. Vor der im Prolog wiedergegebenen Legende waren sie Menschen, und die Charaktereigenschaften, die sie für ihre Verwandlung hergeben mussten, sind drei: Humor, Liebe, Lebenslust, zusammengefasst mit „Leidenschaft“.

Das war einer der Gründe, wieso ich dieses Buch gelesen habe. Man stelle sich einmal vor, was man mit dieser Prämisse machen könnte! Zugegeben – zunächst müsste man sich entscheiden, ob man nun wirklich „Leidenschaft“ oder nur die drei angeführten Beispiele meint, aber es wäre interessant gewesen zu erforschen, was mit einer Gesellschaft passiert, der diese drei bis vier Eigenschaften fehlen. Meine Prognose wäre ja, dass sie zusammenbricht, aber ein interessantes Gedankenexperiment wäre daraus allemal geworden.

Und jetzt ratet mal, welches Konzept nicht umgesetzt wird, sobald die Elben etwas mehr Raum bekommen. Zunächst einmal: Sie sind zu Hass fähig. Vielleicht begebe ich mich hier auf philosophisches Gebiet, aber braucht man für Hass nicht eine gewisse Form der Leidenschaft? Wäre leidenschaftsloser Hass nicht einfach Abneigung?

Als eine der drei Eigenschaften wird auch Lebenslust genannt, was mich zu der Frage bringt, wieso die Elben noch existieren. Es gibt jedenfalls keine Andeutungen, dass sie aufgrund von irgendwelchen rationalen Argumenten beschlossen hätten, dass es besser wäre, am Leben zu bleiben – anders könnte ich mir aber nicht erklären, wie jemand, der die Lust am Leben verloren hat, ganz normal und mit all den Emotionen eines lebenslustigen Menschen durch den Alltag schreitet.

Dann noch die Liebe. Dass unser Elbenprinz zu ihr fähig ist, wird sogar im Buch begründet, aber für seinen Bruder gilt diese Begründung nicht, ebenso wenig für seine Liebhaberin. Und dennoch ist es ein zwar nicht zentraler, aber auch nicht unwichtiger Teil des Plots, dass genau diese Liebe existierte. In dem Kontext wird übrigens auch die Phrase „liebendes Elfenblut“ verwendet. Wie sinnvoll die ist, überlasse ich jedem meiner Leser selbst.

Außerdem fällt unter „Liebe“ auch noch so etwas wie die Liebe zwischen einem Elternteil und seinem Kind oder die zweier Geschwister. Da nirgends explizit steht, dass nur romantische bis erotische Liebe gemeint ist, müsste diese eigentlich auch genommen worden sein – und dennoch verhalten sich Istariel und seine Schwester dieser Prämisse zum Trotz. Zugegeben, die Grenzen zwischen einer engen Freundschaft und Liebe sind fließend – zumindest was das Verhalten angeht. Für einen guten Freund ist man da, hört ihm zu, unterstützt ihn, man genießt seine Gesellschaft und verbringt Zeit mit ihm. Man investiert in die Freundschaft und bekommt bei einer ausgeglichenen etwas dafür zurück. Liebe ist im Grunde dasselbe, nur dass die Investitionen extremer ausfallen können.

Generell scheint der einzige tatsächliche Unterschied zwischen Elben und Menschen zu sein, dass erstere sich kälter geben und häufiger Veranlagungen zum Sadismus haben – oder einfach Psychopathen sind, eins von beidem. Gerade bei den Kapiteln aus der Perspektive der beiden Elben ist der Kontrast zwischen der Behauptung, was diesen fehlt, und der Darstellung besonders offensichtlich.

Und noch eine Frage am Rande: Wieso hat die Mondprinzessin blondes Haar, wenn behauptet wird, dass sie ihren Namen von dem Leuchten ihrer Haare hat? Oder ist es zwar blond, reflektiert aber Mondlicht silbern? Die Physik dahinter ist sicherlich sehr kreativ ausgelegt worden.

Dann auf zum nächsten Volk, das in diesem Roman näher dargestellt wird, den Drachen. Diese sind Gestaltwandler und tatsächlich kommen lediglich zwei Drachen vor – bildhübsche junge Damen, rein zufällig. Oder alle Drachen sind hübsch. Und jung. Und weiblich. Wobei ich es bei Shook ja noch nachvollziehen kann, immerhin hat sich Thul, der Dämon, der sie fangen will, sie aktiv ausgesucht. Oder man läuft in den Drachenbergen einfach häufig blutjungen und bildhübschen Damen über den Weg. Wer weiß.

Das ebenfalls nach Herzenslust ignorierte Konzept hinter den Drachen ist Willensschwäche: Im Gegenzug für die Fähigkeit, Feuer zu speien, haben sie ihren starken Willen aufgegeben. Auch hier hätte mich ein Ausloten der Auswirkungen einer solchen Veränderungen auf die Charaktere und deren Gesellschaft interessiert, aber die einzige Auswirkung, die diese Behauptung hat, ist die, dass es ganz offiziell okay ist, einen Drachen zu besitzen. Und man kann ihn leicht unterjochen.

Wenn es um alles andere geht, ist die Willensschwäche rasch vergessen. Shook macht sich ständig an Kay ran, der sie ein ums andere Mal abweist – aber sie bleibt dran und bedrängt ihn immer und immer wieder. Wie das eine willensschwache Person, der du einreden kannst, du wärst ihr Herr, und das innerhalb von ein paar Minuten, eben machen würde. Mal ganz davon abgesehen, dass es wirklich unfassbar schmerzhaft zu lesen war, wie diese beiden Notgeilen am liebsten übereinander herfallen würden und Kay sich deswegen auf fast nichts Anderes mehr konzentrieren kann, was insofern ein Problem ist, als dass er bei diesen Passagen der Erzähler ist, weswegen mir dauernd vorgeschwärmt wurde, was für einen tollen Allerwertesten Shook doch habe und wie geil ihre Brüste wären.

Apropos Shook. Der Erzähler bezeichnet sie auf Seite 263 als „schamlose Hure“, obwohl sie zu dem Zeitpunkt lediglich Kay angemacht hat und nackt durch die Gegend gelaufen ist. Letzteres kann man sich dadurch erklären, dass jedwedes Gewand bei der Verwandlung in einen Drachen zerreißt. Ich finde es zwar bemerkenswert, dass sie offenbar gegen Bergkälte immun ist, zumal es angeblich gerade Winter ist – wovon man in sämtlichen Bergszenen aber generell wenig mitbekommt –, aber soweit ich das sehe, ist es einfach unpraktisch, ständig Kleidung mit sich herumzuschleppen, wenn man sie nach jeder Verwandlung mühsam aufklauben und in den Krallen tragen muss, nur um in der Einsamkeit der Berge dann ein paar Minuten lang nicht nackt zu sein.

Was mich zu der Frage bringt, was Shook überhaupt allein in den Bergen gemacht hat, aber da sie offiziell ein Gegenstand ist, ist das offenkundig irrelevant.

Kurz gesagt: Sie knutscht denjenigen ab, der sich als ihr Herr präsentiert und sich nur schwer davon abhalten kann, nicht seinerseits über sie herzufallen, und ist damit eine „schamlose Hure“. „Schamlos“ kaufe ich dem Erzähler ja noch ab, aber soweit ich mich erinnere, hat sie nie Geld von ihrem Herrn verlangt, damit er sie vögeln kann. Warum auch? Sie ist ja bestenfalls ein Tier.

Zuletzt noch die Kristallhöhle, die sicher einen tollen Namen hatte, der nur leider so unhandlich ist, dass ich ihn gleich nach dem Lesen wieder vergessen habe. In ihr wachsen die grünen Amethyste, die die Zauberkraft eines Magiers verstärken können und die sich jeder wahrlich starke Magier selbst aus der Höhle nehmen muss. Bewacht wird diese von zwei Drachen, und um an ihnen vorbeizukommen, muss man nicht mehr tun, als sich ihren Willen zu unterjochen – was für keinen Magier ein großes Problem sein sollte, da Magier ja am laufenden Band den Opfern ihrer Zauber ihren Willen aufzwängen.

Ich lasse die Frage, wieso die Drachen überhaupt die Höhle bewachen, mal links liegen und frage mich stattdessen, wessen geniale Idee das war, zwei willensschwachen Kreaturen die Bewachung eines für Magier verdammt wichtigen Orts zu überlassen. Grüne Amethysten wachsen nur in dieser Höhle – was also hält irgendjemanden davon ab, in die Höhle zu marschieren, die Kristalle zu zerstören oder gar die gesamte Höhle zum Einsturz zu bringen, und die Sache mit der Magieverstärkung für die nächsten paar Dekaden Jahre im Minimum abzuhaken? Dämonen unterjochen Drachen, Magier unterjochen Drachen. Ich bin mir sicher, früher oder später wäre jemand auf diese Idee gekommen, und sei es aus Machtgier.

Und da die Steine sich erst dann wehren können, wenn jemand ihre Magie nutzt, hätten sie nicht einmal etwas gegen ihre Zerstörung machen können. Was ich bemerkenswert finde, denn Kays grüner Amethyst hat einen gewissen Humor, und wenn etwas Humor hat, sich aber gegen seine eigene Zerstörung nicht wehren kann, hat dieses etwas ein verdammt bemitleidenswertes Bewusstsein – zumal es in diesem Fall einfach nur in einer Höhle rumwächst und niemandem ein Haar krümmt.

 

Zusammenfassend kann ich die ersten einhundert Seiten der „Legende von Enyador“ fast nur loben, aber es zeichnen sich bereits hier erste Probleme insbesondere mit der Grundprämisse ab, die im weiteren Verlauf begeistert vertieft werden. Das und unleidbare Charaktere hätte mir für zwei Sterne noch genügt, und ich habe fast eine Woche lang überlegt, ob ich es bei zwei Sternen belasse, habe aber letztlich noch einen abgezogen. Der Grund: Dass es keine einzige Instanz gibt, die die Behandlung Shooks als unmoralisch darstellt. Nicht die beiden Menschen, die selbst von den Elben als Besitz angesehen werden, nicht der Dämon, in dessen Kultur Drachen sowieso nur als Gegenstände angesehen werden, nicht einmal der Erzähler, der sie stattdessen als „Hure“ bezeichnet.

 

Und ja, mir ist das genug, um noch einen Stern abzuziehen. Die Moral lautet hier im Großen und Ganzen: Bist du willensschwach, hast du keine Rechte.

 

Details zum Roman:

Titel: Die Legende von Enyador

Autor: Mira Valentin

Veröffentlicht über: Books on Demand

Erscheinungsjahr: 2017

ISBN: 9-783743117600

Genre: Fantasy

Preis: 13,40€ (s. Datum)

Seiten: 382

Reihe: ja, Band 1 von 3 (s. Datum)

Bewertung: 1 von 5 Sternen (s. Datum)

 

Stand: 25.06.2017


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