Mammutversion: "Die Gaben der Quelle: Versiegelt" von Cea Oskolm (18. RW)

Fantasywelten – Grundlage und i-Tüpfelchen ihrer Geschichten in einem. In diesem speziellen Fall der Hauptmotivator, mir diesen Roman zu kaufen, obwohl ich bereits ahnen konnte, dass ich einen Stern würde abziehen müssen. Was soll ich sagen – es hat sich allemal gelohnt.

 

 

Salis, Mitarbeiter im Büro des mächtigsten Mannes der Drei Planeten, versucht eigentlich nur, irgendwie in die Fußstapfen seiner Geschwister und Vorfahren zu treten und eine politische Karriere zu haben. Der Kanzler bürdet ihm einen speziellen Auftrag auf – die Hochkönigin möchte eine Inkognitoreise machen, und er soll sie organisieren. Währenddessen findet etwas seinen Anfang, das die Drei Planeten grundlegend verändern wird.

Fangen wir mit dem vermasselten Korrektorat an und ziehen dem Ganzen mal einen Sternen ab – also alles wie immer. Da es dieses Mal jedoch de facto ein Korrektorat gab, habe ich acht Fehler zusammengetragen, um meinen Sterneabzug zu rechtfertigen:

„Im Normalfall betraten die stämmigen Kerle, den Bürotrakt gar nicht, sondern lösten sich irgendwie in Luft auf.“ S. 24

Hier stört mich der Beistrich vor „den Bürotrakt“; es handelt sich nicht um einen Nebensatz und ich sehe auch nicht, wie man das als Einschub rechtfertigen könnte.

„Er klopfte er erneut darauf.“ S. 27

Das zweite „er“ gehört weg. Wir haben schon ein Subjekt.

 

„Noch ein paarmal tief durchatmend, dann brach er pünktlich auf.“ S. 46

Streicht das letzte „d“ bei „durchatmend“ und alles ist wieder gut. Oder streicht das „, dann“: „Noch ein paarmal tief durchatmend brach er pünktlich auf.“ (Kein Nebensatz, deswegen kann man den Beistrich weglassen.)

„Zu klein, zu schmächtig zu wenig Körperspannung, zu schüchtern […].“ S. 51

Fehlender Beistrich zwischen „schmächtig“ und „zu“. Es handelt sich noch immer um eine Aufzählung.

Wichtig ist, zu welcher Familie sie später ihr Gelöbnis spricht“. S. 52

Es geht hier um die Anführungszeichen der direkten Rede, aus der dieses Zitat stammt, deswegen habe ich meine Zitationszeichen weggelassen. Der Punkt gehört vor das Anführungszeichen, nicht dahinter.

„Meran von den Quanden wurde allein dank seiner Statue, der Respekt gezollt, der ihm zustand.“ S. 58

Hier gleich zwei Fehler. Erstens ist nicht „Statue“, sondern „Statur“ gemeint, wie im Kontext ersichtlich ist. Wahrscheinlich ein Tippfehler. Direkt danach ein überflüssiger Beistrich vor „der Respekt“ – kein Nebensatz, kein Einschub, kein Beistrich. Richtig wäre: „Meran von den Quanden wurde allein dank seiner Statur der Respekt gezollt, der ihm zustand.“

„Dem Hochschloss Vater, dem Hochschloss.“ S. 58

Wieder ein Beistrichfehler. Vor „Vater“ gehört ein Kommalein, da es sich um eine Anrede handelt. Ebenso heißt es „Hallo, Ferdinand!“ statt „Hallo Ferdinand!“, auch wenn es wie letzteres ausgesprochen wird.

Ich hoffe, ihr habt mitgeschrieben, ich prüf‘ das dann ab.

 

Außerhalb des Korrektorats und damit zum eigentlichen Text kommend ist der Schreibstil die größte Schwachstelle. Ich hatte ursprünglich geplant, hauptsächlich wegen diesem „Versiegelt“ 3,5 Sterne zu geben, habe mich aber, wie ihr unten sehen könnt, auf 4 umentschieden. (Ohne Korrektoratsabzug.)

Das liegt daran, dass der Stil fast nur dann auffällt, wenn er aneckt – obwohl er auch einiges richtig macht. Sämtliche Beschreibungen reichen von „okay, kenne mich aus“ bis „hervorragend“; stellenweise werden die Umgebungsbeschreibungen atmosphärisch. Auf der anderen Seite wird nicht durch interessante Vergleiche, Metaphern oder dergleichen brilliert, sodass es hier keine Bonuspunkte zu holen gibt.

Ebenfalls loben muss ich den Lesefluss, der zwar teilweise unterbrochen wird, aber im Regelfall dauert es nur ein paar Sätze, bis ich wieder mitten in der Geschichte drinnen bin, und ich bleibe dann auch bis zum nächsten gröberen Fehlgriff in ihr.

Meine zwei größten Probleme mit dem Text sind die Parataxe und die vielen Beistriche. Letztere stammen nicht nur aus dem Korrektorat – die habe ich zu diesem Punkt nicht gezählt –, sondern auch von stilistischen Entscheidungen. Damit meine ich vor allem zwei bis vier Worte umfassende Einschübe, die nicht mit Beistrichen gekennzeichnet werden müssen und die ich ohne Kennzeichnung als angenehmer zu lesen empfinde.

Die Parataxe arten teilweise doch sehr aus: „Egal, welche Kleidung diese Schönheit auch trug. Sie stieß aus der Menge heraus. Er spürte ihre Freude bei seinem Anblick.“ S. 120

Das lässt den Text so wirken, als wäre er von einem Anfänger geschrieben worden. Abgesehen davon würde ich die Wortwahl „herausstoßen“ beim zweiten Satz anzweifeln. Etwas wie „Egal, welche Kleidung diese Schönheit auch trug – sie stach aus der Menge heraus. Er spürte ihre Freude bei seinem Anblick.“

Ansonsten habe ich noch drei kleinere Dinge anzukreiden. Erstens wird an einigen Stellen zu viel extra erklärt, was sich 99 Prozent der Leser sowieso denken konnten. Zweitens wirkt die direkte Rede teilweise zu uniform; die einzelnen Charaktere ähneln sich in ihr zu sehr. Und drittens haben einige der Szenen kaum das Gewicht, das ihnen zusteht, darunter auch die, in der Salis von einem Turmwächter ein wenig aufgebaut wird, nachdem Jean zum ersten Mal in seinen Gedanken gesprochen hat. Die Szene hat etwa eine Seite gedauert und fühlte sich einfach nur gehetzt an, als wäre sie zu schnell abgehandelt worden.

 

Damit beende ich meine Kritik im Großen und Ganzen, denn abgesehen von ein paar Kleinigkeiten ist der Rest des Romans etwas zwischen „gut“ und „phänomenal“. Das beginnt bereits beim Plot, der sich größtenteils nicht vorhersehen lässt, sodass man stets im Dunkeln tappt, was genau als nächstes passieren wird. Hinzu kommt, dass Cea Oskolm der Spannung mächtig ist und zusammen mit dem Stil, der immerhin in die Geschichte hineinzureißen vermag, ergibt sich allein dadurch ein gutes Leseerlebnis.

Das einzige, das ich mir zum Plot aufgeschrieben habe, ist die Anmerkung „Warum ist zwischen Jean und der Hochkönigin jetzt wieder alles okay?“, aber ich weiß nicht mehr genau, auf welche der Talfahrten zwischen den beiden ich mich da beziehe. Also hier die Kritik, dass einmal bei der Achterbahnfahrt zwischen den beiden das Versöhnen etwas zu abrupt gekommen ist.

 

Mein Lieblingscharakter ist eindeutig Jean, wobei ich sagen muss, dass er mir ganz am Anfang am besten gefallen hat, da das Geheimnis um ihn herum am größten war. Während des weiteren Verlaufs wird er aber nie uninteressant, und das einzige, das ich an ihm zu kritisieren habe, ist dass sein Alter nur an wenigen Stellen durchscheint. Und vielleicht, dass er per se kein furchtbar innovativer Charakter ist, aber trotz seiner Fehler und Unzulänglichkeiten und seinem natürlich perfekten Körper finde ich ihn ausgesprochen sympathisch. (Auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob ich ihn im realen Leben treffen wollen würde.)

Salis als eigentlicher Hauptcharakter ist ebenfalls hervorragend gelungen. Durch seine Familie hat er jede Menge Konfliktpotenzial, und bis zu der Sache mit „treu, loyal und ehrlich“ ist es bemerkenswert, dass er eigentlich keinerlei magische Begabung besitzt – ja, die Sache mit dem inkorrekten Gen wird angesprochen, aber bisher ist seine Gabe nur dazu gut, mit Jean zu plaudern, der wesentlich mächtiger ist als er. Das ist etwas ungewohnt und ich bin dem sehr zugeneigt.

Die Nebenfiguren sind überwiegend nicht ausgebaut. Die Dienerinnen und Palastwachen konnte ich bis zum Ende nicht auseinanderhalten, und auch Salis‘ Arbeitskollegen bekommen nur wenige Eigenschaften, an denen man sie unterscheiden kann.

Einen klaren Antagonisten gibt es nicht wirklich – die Bunsa als Organisation vielleicht, aber es wird mehr als nur ein wenig angedeutet, dass das Ringen nach Macht zwischen (mindestens) Bunsa, Kanzler, Hochkönigin und Turmwächter weitaus tiefer geht als in einer simplen Gut-Böse-Geschichte, insofern bin ich gespannt, was noch in den folgenden Romanen offenbart wird.

Alfonsius – ich glaube, er heißt so? – hingegen ist ein Charakter, dem ich insbesondere nach dem nächtlichen Ausflug nach Wantack abkaufe, dass er der Held seiner eigenen Geschichte ist.

 

Das eine letzte Negative, das ich „Versiegelt“ anlaste, sind die Frauen. Nein, ich unterstelle keinen Sexismus, denn neben der Hochkönigin gibt es noch eine Mitarbeiterin Salis‘, die positiv dargestellt wird. Was mich stört, ist dass die meisten Frauen sehr stereotyp rüberkommen, beispielweise in dem Sinn, dass sie alle dem schönen Jean hinterherlaufen und an kaum etwas Anderes denken können, weil er ja so schön ist. Die Dienerinnen wirken außerdem sehr oberflächlich – nicht einmal besonders negativ in dem Sinne, einfach nur so, wie man sich Frauen stereotyperweise vorstellen würde.

Besonders auffällig ist das im Kontrast zu den männlichen Figuren, die mit einer enormen Charaktervielfalt aufwarten können – Jean, Alfonsius, Salis, die beiden Turmwächter aus Wantack seien hier mal genannt. – Was mich auch zu der Frage bringt, ob es weibliche Turmwächter gibt, aber ich hoffe hier auf die nächsten Romane, da beim Worldbuilding sehr viel noch zurückgehalten wurde.

Noch einmal: Kein Sexismusvorwurf. Die Königin, auch wenn sie Jean hinterherhechelt, ist eine sehr intelligente Frau, die auch so dargestellt wird. Das was mich am meisten genervt hat, war ebendieses Hinterherhecheln, das von beinahe jedem weiblichen Charakter ausgeführt wurde.

Und damit beende ich meinen kleinen Rant und komme auf die Vielzahl der Dinge zu sprechen, die mir an der Welt der „Gaben der Quelle“-Reihe faszinieren. Ich beginne mit dem, womit mich der Roman für sich gewonnen hat: Die Mischung aus Moderne und Altertum und die Tatsache, dass es wohl am besten als Science-Fantasy zu bezeichnen ist.

Modern sind beispielweise die Hochhäuser, das demokratische System, die Weltallreisen zwischen den Drei Planeten, die weiterentwickelte Technologie. Altertümlich muten die Familien, die Togen, die Turmwächter und die Quelle selbst an – erneut nur ein paar Beispiele.

Turmwächter und Quelle sind auch Punkte, die mich in einem reinem Fantasyroman fasziniert hätten, ebenso die verbotenen Bücher, das Verschleiern der Vergangenheit und natürlich die Bunsa. Im Großen und Ganzen liebe ich das Worldbuilding und ich kann es kaum erwarten, mich noch einmal in diese Welt stürzen zu dürfen.

 

 

Wie ich hoffentlich klar gemacht habe, liegt das größte Manko des Romans beim Schreibstil, bei dem es mehr zu kritisieren als zu loben gibt. Alles andere ist so gut, dass ich behaupten würde, dass es nicht mehr wesentlich besser werden kann. Es gilt wie bei der Paladin-Reihe: Auch wenn hier aufgrund des Korrektorats ein Stern abgezogen wurde und meine Wertung dementsprechend nur „durchschnittlich“ lautet, gibt es eine Leseempfehlung für jeden, der etwas mit guten Charakteren, faszinierenden Welten und einer interessanten Handlung anzufangen weiß – und dabei die Dinge, die ich am Stil kritisiert habe, ignorieren kann.

Details zum Roman:

Titel: Die Gaben der Quelle: Versiegelt

Autor: Cea Oskolm

Veröffentlicht über: Books on Demand

Erscheinungsjahr: 2017

ISBN: 978-3-74485524-2

Genre: Science-Fantasy

Preis: 13,40€ (s. Datum)

Seiten: 401

Reihe: ja, Band 1 von 3* (s. Datum)

Bewertung: 3 von 5 Sternen (s. Datum)

Stand: 07.04.2018

 

 

 

*: Zumindest behaupten das einige Rezensenten. Einen zweiten Band gibt es bereits, aber ich persönlich glaube, dass es mehr Bücher sein werden, da die Hintergrundhandlung rund um die Quelle sonst etwas sehr gehetzt wirken könnte.