Mammutversion: "Die Gaben der Quelle: Entfesselt" von Cea Oskolm (20. RW)

Warnstufe 3: Viele Spoiler
Warnstufe 3: Viele Spoiler

Ich hatte nicht vor, diese Reihe nach "Entfesselt" fortzuführen. Zwar wollte ich sehen, wie es weitergeht, aber ich hatte zugleich einen Packt mit mir geschlossen: Überzeugt mich dieses Buch nicht, breche ich die Reihe ab und sehe davon ab, den Sterneschnitt auf Goodreads weiter runterzuziehen. Und nun zur Praxis.

 

Es werden sich Spoiler auch für die vorherigen Bände finden. Wer meine Meinung zum ersten lesen möchte, kann das hier nachholen.

 

Seit Aileyias ersten öffentlichen Auftritten sind zehn Jahre vergangen. Salis holt Aila von der Erde ab und muss sich fortan damit herumschlagen, eine Beziehung zu ihr aufzubauen. Währenddessen wird die Quelle immer unbezähmbarer und ein Feind scheint sich zu nähern, der die Drei Planeten in ihrer aktuellen Form zu zerstören droht.

 

Fangen wir mit dem trockensten Teil der Rezension an: dem Korrektoratsstern. Es finden sich dieselben Fehlertypen wie in den vorherigen Bänden, aber – und das ist ein großes Aber – es ist schon viel besser geworden. Das merkt man allein daran, auf welcher Seitenzahl der Abzug unvermeidbar war: Beim ersten Band auf Seite 58, im zweiten auf Seite 225, in diesem hier auf Seite 258.

„In der Nähe des Eingangs hinter dem Jean Trusdahl vermutete, stellte er seinen Gleiter ab.“ S. 43

„hinter dem Jean Trusdahl vermutete“ ist ein Nebensatz, was daran erkennbar ist, dass das Verb an letzter, nicht an zweiter Stelle steht. Nach „Eingangs“ ein Beistrich.

„Über die Jahre versuchte er, Aileiyas Familie im Auge zu behalten.“ S. 56

Die Zeitform ist unstimmig. Es handelt sich hierbei um eine Rückblende – er hatte versucht, sie im Auge zu behalten. „versuchte“ sagt aus, dass es auf derselben Zeitebene der restlichen Erzählung geschieht, also jetzt.

„Ist ja gut Kleines.“ S, 59

„Kleines“ dient hier als Anrede einer Person, also gehört davor ein Beistrich.

„Erst Monate später, würde sich das saftige Grün der Urwälder wieder von den Polkappen ausgehend über dem Planeten ausbreiten.“ S.69

Zunächst einmal: „erst Monate später“ kann ich nicht als Einwurf durchgehen lassen; es ist aber auch kein Nebensatz, also gehört da kein Beistrich hin. Zweitens: „über dem Planeten ausbreiten“ wäre besser durch „auf dem Planeten ausbreiten“ ersetzt worden. Ich bin mir aber nicht zu einhundert Prozent sicher, ob es grammatikalisch gesehen falsch ist, also das nur am Rande.

„Surdnis schließ deinen Kiefer und beiße dir nicht aus Versehen die Zunge ab!“ S.99

Wieder: Anrede. Beistrich hinter „Surdnis“.

„Salis schnaufte ‚nicht einfach‘ war noch eine nette Untertreibung.“ S.151

„Salis schnaufte“ ist ein vollständiger Satz, „Nicht“ bis „Untertreibung“ ebenfalls; wir haben jeweils ein Subjekt und ein Prädikat. Ergo brauchen wir hier entweder einen Punkt oder ein Semikolon.

„Äußerlich menschlich aber von innen her, ganz Tandrall.“ S.183

„ganz Tandrall“ sehe ich nicht als einen Einschub an, also gehört der Beistrich weg.

„Es würde mich auch nicht wundern, wenn der ein oder andere Spion, der uns hier für ihn auskundschaftet, deine Ankunft bereits gemeldet hat.“ S.233

Die Redewendung „der eine oder andere“ gilt auch für Spione.

„Dabei hatten die Offiziersanwärter, während der Übung mehr als das Dreifache der Strecke zurückgelegt.“

Erneut: Ich sehe keinen Grund, „dabei hatten die Offiziersanwärter“ als eigenen Satz anzusehen. „während“ leitet hier auch keinen Nebensatz ein. Wir haben ein zweiteiliges Verb: „hatten zurückgelegt“, und damit einen Satz.

 

Und damit kommen wir endlich zur eigentlichen Rezension. Der erste Punkt ist auch gleich ein solider: der Schreibstil.

Er stellt sehr schnell einen guten Lesefluss her und vermag in die Geschichte hineinzuziehen. Die Beschreibungen sind alle im grünen Bereich – einzelne Ausnahmen in beide Richtungen gibt es zwar, aber die sind zu vernachlässigen. Auch ist die Beistrichmanie quasi nicht vorhanden, was sehr angenehm zu lesen ist, und es gab eine Stelle, in der die Wiederholung der ersten beiden Bände ziemlich gut eingebaut war.

Negativ anzumerken sind vereinzelte Stilblüten und hinkende Vergleiche – vonseiten des Erzählers, nicht innerhalb der direkten Rede –, und eine einzelne Szene, der jedes Gewicht gefehlt hat (die Köpfung der ersten Tandrall-Frau). Ansonsten ist das größte Problem des zweiten Bandes, ebenjenes Gewicht, vollkommen behoben, was das Lesen deutlich angenehmer macht.

 

Die Handlung ist ebenfalls recht solide; es gibt zwar einige Kleinigkeiten, auf die ich gleich näher eingehen werde, am im Großen und Ganzen ist der Plot gut durchdacht. Zwei Probleme habe ich jedoch mit dem Anfang.

Erstens: Ich hasse Teenagerdrama und meide es wie die Pest. Es ist zwar schön und gut, dem Leser zu zeigen, wie sich Aila auf der Erde eingelebt hat, aber das ganze Programm – der Love Interest, der selbstredend hoch angesehen und attraktiv ist, die zwei bis drei verzogenen Gören, die jedem das Leben zur Hölle machen, die Gemeinschaft, die das mehr oder minder toleriert, Busfahrten, Matheunterricht – das brauche ich nicht, das will ich nicht und ich hasse es so sehr, dass ich jetzt schon einen ganzen Absatz über die ersten fünfundzwanzig Seiten des Buches geschrieben habe, die im Folgenden keine Rolle mehr spielen werden.

Der zweite, wesentlich größere Knackpunkt ist der riesige Zeitsprung. Ich hatte bereits über den einjährigen vom zweiten Band gemeckert, aber der hier umfasst sage und schreibe zehn Jahre. Verstehe ich, wozu er plottechnisch benötigt wird? Ja. Finde ich es okay, dass die Charaktere mal eben andere sind, weil wir ihre Entwicklung nicht bezeugen können? Nein. Absolut nein. Insbesondere bei Salis werde ich noch näher darauf eingehen.

Jetzt zu den drei Erbsen, die ich gezählt habe: Ich finde es schlecht umgesetzt, dass uns zuerst über Seiten hinweg erklärt wird, dass Salis so absolut unfähig ist, das Leuchten zu unterdrücken, dass die führenden Experten auf dem Gebiet aufgegeben haben, ihm das zu lehren – nicht, das für sie typisch wäre, sollte das jemand einwenden wollen. Aila schafft es mal eben in … was war es? Drei Stunden? Weniger? Und das wird uns in einem simplen Satz erklärt. Nachdem mir also vorphilosophiert wurde, wie unfähig Salis und seine Lehrer sind, soll ich einfach hinnehmen, dass das jetzt ohne Probleme klappt.

Dann noch die Anmerkung, die Städter hätten ihre Stadt in die Natur eingefügt, weil sie Dachgärten haben. Wenn das alles wäre, das es bräuchte, um beispielweise die Versiegelung von Bodenflächen und daraus resultierende Probleme (Überschwemmungen, Austrocknen des Bodens) zu lösen, hätten wir das auf der Erde schon selbst angewendet.

Zuletzt noch: Klone haben nicht automatisch dieselbe Figur. Es gibt etwas, das Biologen als „phänotypische Plastizität“ bezeichnen, und es sagt aus aus, dass dasselbe Set an Genen auf unterschiedliche Umweltbedingungen unterschiedlich reagiert und sich der Organismus unterschiedlich anpasst. Kleines Beispiel: Wenn Aila frisst wie Sau, wird sie fett werden. Daran ändern ihre Gene herzlich wenig, auch wenn es dieselben wie Aileyias sind. Die einzige denkbare Ausnahme wäre die, dass beide zu den wenigen Personen gehören, die tatsächlich so viel essen können, wie sie wollen, ohne an Gewicht zuzulegen.

 

Wesentlich gewichtiger ist das Problem mit dem Antagonist dieses Romans – und ich meine den, den wir mit Namen kennen, nämlich Brackal. Er ist ein beschissener Antagonist, denn ich kaufe ihm nichts ab. Könnte am zehnjährigen Charaktersprung liegen, ist aber nur eine Hypothese meinerseits.

Die Protagonisten schneiden besser ab, glänzen aber auch nicht. Aileyia ist ähnlich drauf wie in Band eins, zumindest was Jean angeht, und das war der Punkt, der mir in Band zwei Hoffnungen gemacht hat. Sie ist kein furchtbarerer Charakter – sie wächst an ihrer Aufgabe als Königin und beginnt, ihre Macht besser zu nutzen, aber das macht sie auch nicht besonders.

Zu Jean kann ich nur sagen, dass ich seine Hintergrundgeschichte interessant finde, ihn aber ansonsten noch immer verabscheue. Vielleicht geringfügig weniger als im zweiten Band, aber mehr Zugeständnisse mache ich hier nicht.

Aila ist noch so ein Charakter, den ich im vorherigen Band lieber mochte. Sie war eigen und unfassbar reif – jetzt hingegen wird das Buch damit eröffnet, dass sie unbedingt ein stereotypes Teenagermädchen sein muss. Sie bessert sich zwar im Laufe des Romans, aber die Aila von vor zehn Jahren mochte ich wesentlich mehr als diese hier.

Und zuletzt noch Salis. Während der ersten zweihundert Seiten hatte er so gut wie keine Ähnlichkeit mit Salis; hätte man den Namen mit Trusdahl getauscht, hätte das Verhalten besser gepasst. Im späteren Verlauf bekommt er ein paar seiner ursprünglichen Charaktereigenschaften zurück, aber genau das ist das Problem mit solchen riesigen Zeitsprüngen, und das ist der Grund, weswegen ich sie nur dann für okay befinde, wenn sie am Anfang einer neuen Reihe gemacht werden – aber nicht inmitten dieser.

 

In Bezug auf die Welt gilt meine Kritik von Band zwei. Einzelne Unterschiede gibt es aber – beispielweise wird minimalst darauf eingegangen, was die Quelle eigentlich ist, aber sämtliches Infragestellen wird damit abgetan, dass sie bisher die Menschen beschützt hat und dass man dann wohl darauf vertrauen kann, dass das auch so bleiben wird.

In diesem Buch wird darauf eingegangen, dass sich Auren verdunkeln, wenn jemand Gewissensbisse hat. Meiner Erinnerung nach hellen sie sich dann aber auf – und das ergibt auch mehr Sinn; die Auren dienen dazu, auszusagen, wie gut ein Mensch ist. Inwiefern machen Gewissensbisse einen zu einem schlechteren Menschen?

Außerdem möchte ich anmerken, dass das Finale dieses Romans, das Auftreten ihrer Majestät beim Gericht, einen bitteren Beigeschmack hat. Was hier passiert ist, lässt sich folgendermaßen zusammenfassen: Autorität A hat sich über Autorität B hinweggesetzt, weil Autorität A gerade etwas autoritärer war als Autorität B. Es hat also nicht Vernunft oder Gerechtigkeit gesiegt, sondern dasselbe Prinzip, das uns in die Scheiße geritten hat. Generell scheint die gesamte Reihe Liberalismus abgelehnt zu sein, wenn ich mir so die unhinterfragten Einstellungen der Charaktere ansehe, wogegen wiederum ich etwas habe.

Zum Schluss aber noch zwei positive Aspekte. Die Gisanpillen und alles um sie herum hat mir sehr gut gefallen und die Funktion und das Funktionieren der Turmwächter ist ebenfalls sehr interessant.

 

Ich fasse zusammen: Der Schreibstil ist solide, aber nicht herausragend; der Plot ist solide, aber nicht herausragend; die Charaktere sind teils unterentwickelt, teils unglaubwürdig, nur wenige sympathisch; der Weltenbau scheint mit zu meinen Idealen konträren Botschaften überhäuft zu sein, hat aber ein oder zwei nette Dinge aufzuweisen.

Wichtiger aber: Es hat Spaß gemacht, „Entfesselt“ zu lesen. Meine Worte zum Lesefluss waren kein Euphemismus. Hätte man mehr aus der Geschichte rausholen können? Ja. Würde ich das begrüßen? Ja. Hat es mir auch so gefallen? Ja.

Das ist der Grund, aus dem ich die Reihe fortsetzen werde. Voraussichtlich wird es an jedem Buch etwas auszusetzen geben, das über drei Erbsen hinausgeht, aber dafür bekomme ich sechs bis acht Stunden solider Unterhaltung. Sollte sich die Reihe doch noch zu etwas Größerem aufschwingen, werde ich das gerne applaudieren. Sollte sie absacken, werde ich sie abbrechen.

 

Jetzt aber werde ich auf den Erscheinungstermin des vierten Buches warten. Ich fiebere ihm nicht entgegen, aber eine Erinnerung im Kalender ist er mir wert.

Details zum Roman:

Titel: Die Gaben der Quelle: Entfesselt

Autor: Cea Oskolm

Veröffentlicht über: Books on Demand

Erscheinungsjahr: 2018

ISBN: 978-3-7528-5983-6

Genre: Science-Fantasy

Preis: 14,40€ (s. Datum)

Seiten: 428

Reihe: ja, Band 3 von 4 (s. Datum)

Bewertung: 2,5 von 5 Sternen (s. Datum)

 

Stand: 08.06.2018