Mammutversion: "Von den Grenzen der Erde" von Rebekka Mand (17. RW)

Ich gebe zu, das hier ist so halb meine Schuld. Wie alle anderen Romane auch habe ich bei diesem hier zuerst die Leseprobe angelesen, doch während ich bei den meisten Büchern innerhalb von zehn Seiten zu einer Entscheidung komme, habe ich dieses bis auf Seite 50 angelesen und dann einige Zeit überlegt, ob ich es versuchen möchte oder nicht. Naja, immerhin gibt’s jetzt eine extralange Rezension.

 

 

Lynn kann den Toten ein Stückweit ins Nachleben folgen, wie sie erfährt, als ihr Vater bei einem Überfall der Nordmänner ermordet wird. Sie überlebt und wird zusammen mit ihrer Mutter als Sklavin gehalten. Ture, der Sohn des Familienoberhaupts, verliebt sich in sie, und nach einiger Zeit entwickelt auch sie Gefühle für ihn. Währenddessen flieht Eirik vor einem Gerichtsurteil, wird deswegen von seiner Familie verstoßen, bekommt einen Fluch aufgelastet und segelt durch die Gegend, bis er dazu gezwungen wird, vorerst von seinem geliebten Schiff Abschied zu nehmen.

Bevor ich mit der eigentlichen Rezension anfange, möchte ich darauf hinweisen, dass meine Inhaltsangabe oben nicht korrekt ist. „Von den Grenzen der Erde“ ist ein 640 Seiten fassender Schinken. Meine Zusammenfassung im vorherigen Absatz bezieht sich auf die ersten 300 Seiten, der Klappentext auf die restlichen 340. Keine Sorge, ich komme noch ausführlicher darauf zu sprechen, aber bevor mir hier jemand vorwirft, ich hätte mit boshaften Absichten den Plot verzerrt ...

Kommen wir zum obligatorischen einen Stern Abzug für das mangelhafte Korrektorat. Jawohl, mangelhaft, denn auch bei diesem Roman wird eine Korrektorin gelistet. Interessant finde ich, dass die ersten 50 Seiten ebendies vermuten lassen, auf den restlichen hingegen mehren sich die Fehler. Beispielhaft seien hier Beistrichsetzung (öfter zu viel als zu wenig, aber auch letzteres ist vorhanden, ausschließlich bei Nebensätzen) und die Verwechslung von Apostroph- und Akzentzeichen angeführt. Damit das klar ist: ´ und ` sind keine Apostrophe. Versucht mal, einen Vokal direkt nach diesen „Apostrophen“ zu tippen, und ihr seht, was ich meine.

 

Der Schreibstil ist unscheinbar. Er ist nichts weiter als ein Medium, weist keine Spielereien oder interessanten Formulierungen auf, eckt aber auch nicht an. Umgebungen und Handlungen werden so beschrieben, dass ich immer mitgekommen bin, wohingegen die Gefühle gerade auf den ersten 300 Seiten stark zu wünschen übrig lassen, da sie einfach nicht zu mir durchgedrungen sind und mich die eigentlich nachvollziehbare Trauer Lynns tendenziell genervt hat.

Positiv anzumerken ist, dass nichts an dem Stil kompliziert ist, sodass sich der Roman leicht und einfach lesen lässt, ohne dabei (aufgrund des Schreibstils) langweilig zu sein. Außerdem habe ich die Kampfszenen als spannend empfunden, und zwar ausnahmslos. Es sind sicher nicht die besten jemals, aber definitiv gute.

Negativ anzumerken sind wiederkehrende Formulierungen, die jedoch in der zweiten Hälfte dankenswerter Weise abnehmen. Zwei Beispiele dafür sind „Schösslinge“ im Frühlingswald, wobei die nur drei-, viermal vorkommen, und dann natürlich noch die „pelzige Zunge“ oder die „Zunge, die sich wie ein pelziges Tier anfühlt“. Die kam deutlich öfter vor, und wenn jemand aufwacht, gibt es etwa eine Fifty-fifty-Chance, dass diese Beschreibung auftauchen wird. Die beiden Anmerkungen sind aber nur Erbsenzählerei, also wenden wir uns dem ersten Punkt zu, der mich wirklich an den „Grenzen der Erde“ gestört hat.

 

Kurz gesagt: der Aufbau. Meine Einteilung in „erste 300 Seiten“ und „andere 340 Seiten“ kommt nicht von ungefähr. Fast die erste Hälfte des Romans über war ich unfassbar gelangweilt und habe ernsthaft überlegt, ob ich das Buch abbrechen soll. Meine Langeweile kam von zwei Seiten: Erstens war das alles prä-Klappentext, das heißt, wann immer die Charaktere in Lebensgefahr waren, wusste ich, dass sie durchkommen werden, weil wir noch immer nicht bei der versprochenen Handlung angekommen waren. Diese Handlung - die Schatzsuche - wird zwar immer wieder angeteasert und nebenbei erwähnt, und etwa einmal alle hundert Seiten habe ich geglaubt, jetzt würde es endlich losgehen, aber nein, mehr Beziehungsgeplänkel. Und genau das ist der zweite Problempunkt: Die ersten dreihundert Seiten breiten in erster Linie Beziehungen aus, die später durchaus relevant werden, aber das Problem von Beziehungsdrama ist das, dass es langweilig ist, wenn ich es sogar belustigend finde, dass ein Charakter einen anderen umbringt. Wenn mir die Figuren am Allerwertesten vorbeigehen, interessiert es mich nicht, ob sie ach so verloren sind in Liebe oder Selbstmitleid.

Technisch gesehen passiert also etwas, aber es hat sich trotzdem angefühlt, als wären die Szenen ziellos aneinandergereiht worden, als würden wir auf der Stelle treten und uns gleichzeitig im Kreis drehen. Dadurch, dass es satte 300 Seiten dauert - das ist die Länge eines ganzen Romans, möchte ich betonen -, bis wir endlich den Klappentext erreichen, kommt selten Spannung auf. Auch nicht hilfreich ist, dass viele Details ein paar Sätze bis Absätze vorhersehbar sind, ehe sie passieren, und gerade im ersten Teil des Romans gibt es nur wenige Ausnahmen diesbezüglich.

Bevor ich die Meiner-Meinung-nach-Plotlücken Stück für Stück aufzähle, möchte ich festhalten, dass ich die Auflösung bezüglich des Schatzes als ziemlich nett empfand. Schatzsuchen, gerade wenn man nicht weiß, woraus der Schatz bestehen soll, haben den großen Nachteil, dass der Schatz entweder wirklich wertvoll ist, wie es die Charaktere vermuten, oder absolut wertloser Plunder, wie ich es vermute - habe ich jedenfalls gedacht. Die Auflösung ist nicht die beste aller Zeiten, aber besser, als ich erwartet habe, und ich bin zufrieden mit ihr. (Lest den Klappentext zu Band zwei nicht, wenn ihr euch nicht spoilern wollt. Andererseits, lest diese Rezension hier nicht, wenn ihr euch nicht spoilern wollt, insofern ...)

Also gut, Plotlücken zählen. Fangen wir mal mit einem Fragezeichen an. Ich gebe zu, dass ich mich mit der Gesellschaft des frühen neunten Jahrhunderts nicht auseinandergesetzt habe, deswegen möchte ich hier betonen, dass ich mich irren kann, aber war es damals im späteren Irland normal, dass bereits elfjährige Mädchen sexuell aufgeklärt waren? Ich bin mir ziemlich sicher, dass das auf den Geburtsvorgang zutrifft, da das eher so ein Familienereignis war, bei dem auch die Kinder zugeschaut haben, aber sexuelle Aufklärung? Mit elf? Für Mädchen?

Wo ich mir hingegen sicherer bin, ist die optimistische Annahme, Lynn würde mit zwölf ihre erste Periode haben. Es sei denn, es geht ihr in etwa so gut wie den meisten Erste-Welt-Mädchen heute. In ärmeren Teilen der Welt liegt das Durchschnittsalter der Menses bei etwa 16 Jahren. Das liegt daran, dass nicht nur der Zyklus selbst, sondern auch das Einleiten der hormonellen Achterbahnfahrt viel Energie kostet. Krankheiten, mangelhafte Ernährung und schwere körperliche Arbeit können das Alter entsprechend nach oben drücken, wann die Geschlechtsreife erlangt wird. Es ist beispielweise auch bekannt, dass in den Erste-Welt-Ländern ebendieses Durchschnittsalter sich im ausgehenden zwanzigsten Jahrhundert recht schnell mit steigendem Wohlstand vorverschoben hat - von daher bezweifle ich, dass Lynn mit zwölf Jahren bereits so weit wäre, aber hey, das hätte ja auch ein Ausreißer sein können.

Davon weggehend möchte ich auf die Szene zu sprechen kommen, in der Lynn die Nordmänner entdeckt. Sie rennt zu der Eiche und schnitzt, bis sie, und das steht tatsächlich so da, kaum mehr die Hand vor Augen sehen kann. Dann robbt sie vor und sieht auf dem Meer das Schiff der Nordmänner, von dem sie in dieser Finsternis sogar die Farben erkennen kann. Dann rennt sie zurück zur Siedlung und dort erfahren wir, dass der Typ, der Ausguck hält, seine Augen gegen die Sonne abschirmen muss. Habe ich etwas übersehen oder ist hier das Zeit-Kontinuum etwas durcheinander gekommen?

Als nächstes etwas, von dem ich mir nicht sicher bin, ob es als Fehler zu werten ist oder ob einfach nur Lynn falsch liegt. Ihr Plan ist ja, den Wolf Gerti an sich zu binden, damit sie ihn töten und ihm in das Zwischenreich, in das die Toten gehen, führen kann. Nur tötet sie vorher seine Mutter und der Nebel, der das Totenreich ankündigt, kommt nicht, und auch später tötet sie ein Tier, und dem kann sie nicht einmal theoretisch folgen. Bei der Frau, die im Kindbett stirbt, kann sie zumindest sehen, dass sie ins Zwischenreich geht, bei den Tieren aber nicht - entweder war ihr Plan also von vornherein zum Scheitern verurteilt oder es ist ein Kontinuitätsfehler. Wer weiß.

Außerdem hätte ich da noch eine Frage an Jon und Gunnarr: Ernsthaft? Ihr habt Eirik bewusstlos geschlagen, der euch Silber geklaut hat, und durchsucht ihn nicht einmal, bevor ihr ihn ertränkt? Seid ihr vollkommen bescheuert, ihr Vollidioten?

Zum Abschluss noch zwei lockerflockige Themen, die ich sonst unter „Sonstiges“ behandeln würde, aber da der größte Teil dieses Segments bereits für Morags Suizid reserviert ist, möchte ich hier darauf eingehen. Erstens: Die Beinahe-Vergewaltigung Lynns bei Gunnarrs Falle hinterlässt null Spuren. Nicht einmal psychische. Sie zittert ein wenig, ist aber bereits ein paar Minuten später wieder vollkommen normal, als wäre nichts passiert. Ich verstehe schon, „Von den Grenzen der Erde“ ist auch so schon lang genug, aber gerade bei solchen Themen: Entweder ganz oder gar nicht, dieses Mischding bringt niemandem etwas.

Als zweites lockerflockiges Thema: Der Umgang mit der Homosexualität Lynns Vaters. Ich bin hier etwas zwiegespalten - einerseits denke ich, dass Lynns abweisende Haltung repräsentativer für die damaligen Verhältnisse ist, und es ist nicht so, als würde sie ihren Vater postmortem von sich verstoßen oder dergleichen. Gleichzeitig - es schmälert ihr Ansehen ihm gegenüber. Sicher, ich persönlich kann mit ihrem Vater jetzt mehr mitfühlen, weil er das Unglück hatte, in einer Kultur zu leben, in der er seine Sexualität verheimlichen musste, aber es gibt auch heute noch genug Menschen, die bei dieser Enthüllung wohl in etwa so reagiert hätten wie Lynn - oder schlimmer. Ich möchte außerdem nicht so genau wissen, was dieser Umgang mit dem Thema bei jemandem auslöst, der sich noch extrem unsicher ist, wie er seine eigene Homosexualität bewerten soll. Zusammengefasst: Wem es lieber ist, dass ein Historischer Roman historisch korrekt ist/den damaligen Zeitgeist wiederspiegelt, ist mit der Darstellung wahrscheinlich besser bedient als jemand, der das Ganze nach heutigen Maßstäben bewertet und sich die Frage nach den möglichen Auswirkungen für reale Personen stellt.

(Und an der Stelle möchte ich anmerken, dass beispielweise Vergewaltigungen und häusliche Gewalt dank Lynns Sicht eine moralische Wertung erhalten, die sie als das Verwerfliche entblößt, das sie sind. Dementsprechend würde ich einfach mal behaupten, dass das auch bei dem Thema möglich gewesen wäre - oder zumindest, es neutral darzustellen.)

 

Auf zu neuen Ufern! In dem Fall den Charakteren. Mein erster Kritikpunkt lautet: Viel. Zu. Viele. Namen. Ich bin mehrmals dagesessen und habe mich gefragt, wer das nochmal ist, und ob der schon mal vorgekommen ist, und ob der wichtig war, und als Karl über Bord gegangen ist und alle geheult haben, habe ich mich gefragt, wer zur Hölle Karl ist. Eine weitere allgemeine Anmerkung: Sehr viele der männlichen Charaktere scheinen Aggressionsprobleme zu haben. Das meine ich nicht witzelnd, ich meine, dass sie Aggressionsprobleme haben.

Aufgrund der Fülle der Charaktere und auch dem Wechsel, wer in welcher Hälfte des Buches wichtig ist, werde ich mein Salatdressing im Detail auf vier beschränken. Für die Protagonisten steigen Eirik und Lynn, für die Antagonisten Sverre und Morag in die Schüssel.

Lynn ist wahrscheinlich noch die bessere der beiden. Theoretisch kann man jetzt sagen, sie sei ein guter Charakter. Sie ist gnädig (überredet Eirik dazu, Jon seinen letzten Wunsch zu gewähren), freiheitsliebend (der Deal mit Eirik, ihn zwar zu heiraten, dass er aber keines seiner Ehemann-Rechte nutzen darf), und setzt sich für die ein, die sie liebt (oder auch nicht liebt, so wie Morag), also könnte man ihr auch ein gewisses Ehrgefühl unterstellen. Auf der anderen Seite tut sie Sachen, die an Idiotie grenzen (die Aktion mit Eirik-mitten-in-der-Nacht-suchen-gehen-wenn-Gunnarr-nur-auf-einen-Fehler-eurerseits-wartet beispielweise), ihre unterlassene Hilfeleistung an ... ich hab seinen Namen vergessen. Tures Vater, dem Familienoberhaupt, ihr Vorhaben, Gerti umzubringen, nachdem er sie liebt, solche Sachen eben.

Aber, und das ist ein Aber, für den der Mond nur einen Katzensprung entfernt ist, ich kaufe ihr wenig ihrer „bösen“ Seite ab. Sie kommt erstaunlich leicht mit ihren Mordvorhaben davon. Die Sache mit Tures Vater ist dabei eine Ausnahme, und das findet niemand heraus. Ihr Mordversuch an Sverre scheitert aber, womit sie keine Mörderin ist, und auch Gerti killt sie nicht einfach so, sondern er wird verletzt und sie erlöst ihn von seinem Leiden. Kurzum: Für einen moralisch ambivalenten Charakter tut sie zwar einen Haufen scheußlicher Dinge, für die sie lebenslänglich sitzen sollte, aber nicht nur geht am Ende alles gut aus, meistens kommt sie auch noch um die wirklich harten Sachen herum - wie, ich weiß auch nicht, Mord. Oder Tierquälerei.

Ach ja, und ich kann sie nicht wirklich leiden, habe über die ersten 300 Seiten null Sympathie für sie gehabt und am Ende des Buches hätte ich immerhin nicht geschmunzelt, wäre sie umgekommen. Das war das Höchste der Gefühle.

Jetzt zu Eirik, für den ich in erster Linie Verachtung empfinde. Okay, die Aggressionsprobleme könnte man als psychische Beeinträchtigung interpretieren und als etwas, das man theoretisch ausgleichen könnte - und ja, ich interpretiere das Biest, diesen Teil des Fluches als Aggressionsproblem, denn es gibt keine handfesten Hinweise darauf, dass der Fluch oder auch nur irgendwelche Götter in diesem Universum tatsächlich existieren. Zu diesem Punkt kommt aber noch hinzu, dass er sich immer wieder mal wie ein Arsch verhält und es ihm einfach verziehen und vergessen wird. Als er Lynn beispielweise ins Meer schmeißt - nicht, weil sie etwas unfassbar Dummes gemacht und sich selbst und ihn in Gefahr gebracht hat, sondern weil sie sich ihm widersetzt hat. Damit bricht er übrigens auch das Versprechen, sich nicht auf seine Rechte als Ehemann zu berufen. Sein generell patronisierendes Auftreten, das er am Ende auf magische Weise in ein halbwegs normales Verliebtsein abwandelt - ich bin gespannt, wie lange das im zweiten Band halten wird. Ich tippe auf fünfzig Seiten höchstens.

Und ja, erneut könnte man auch hier einiges damit erklären, dass ja alle in seiner Umgebung so handeln: Ein tatsächlich vorhandenes Patriarchat, in dem Frauen de facto unterdrückt sind. Und nein, das macht sein Verhalten nicht okay, das erklärt es lediglich. Darüber findet auch wenig Reflexion statt - oft genug bockt Lynn gegen sein Verhalten auf, aber beispielweise die Sache mit der Wassertaufe wird unkommentiert stehen gelassen, und am Ende kommen sie doch zusammen und alles ist gut und nichts hat irgendwelche Konsequenzen, also ja, das zählt definitiv nicht.

Wenn ihr dachtet, die beiden wären schlimm, macht euch für Morag warm. Ihren Suizid werde ich später detaillierter behandeln, aber es bleibt auch so noch einiges zu sagen. Beispielweise, dass sie eine Psychopathin ist. Erneut: Ich spaße nicht herum, ich denke wirklich, dass sie quasi kein Empathievermögen hat und dementsprechend als Psychopathin durchgeht. Das allein wäre noch kein Problem - das Problem ist, dass auch darauf nicht näher eingegangen wird, dass es nicht thematisiert wird, und dass der einzige Versuch, Morag in ein weniger mörderisches Licht zu rücken, etwas davon faselt, dass ihr Mann sie nicht geliebt hat, aber trotzdem sehr freundlich zu ihr war. Wenn überhaupt lässt sie das noch beschissener dastehen als vorher. Niemand kann kontrollieren, wen er liebt und wen nicht, und er hat sie nicht schlecht behandelt, war nett zu ihr, - oh, er hat nach der Geburt ihrer Tochter nicht mehr mit ihr geschlafen, weil er, naja, homosexuell war und ihm das wahrscheinlich keine allzu große Freude bereitet haben dürfte, aber abgesehen davon sehe ich keinen Grund, sich so aufzuführen, und selbst das ist eine sehr brüchige Erklärung.

Wenn das Ziel war, eine hassenswerte Person zu erschaffen, ist dieses Ziel erreicht worden. Ich persönlich hätte aber gerne, insbesondere bei dem Thema psychischer Erkrankungen/Störungen/Abweichungen von der Norm gerne eine Beleuchtung des Themas, und sei es auch nur am Rande, und das wurde hier gründlichst nicht gemacht. Hinzu kommt, dass ich auch meine Antagonisten gerne dreidimensional habe, und was hieran klingt mehr als nur, im allerbesten Fall, zweidimensional?

Zuletzt noch Sverre, Tures Bruder, den er auch gleich tötet, Morags Lieblingspuppe und dennoch der wahrscheinlich am besten funktionierende Charakter im gesamten Roman. Ja, das ist der beste. Auch er hat Aggressionsprobleme und er ist zumindest teilweise sicher ein Sadist - ich meine, die Sache mit der Folter Eiriks am Ende hätte man auch weniger sadistisch lösen können. Hinzu kommt, dass er unbedacht handelt und sich von einer schönen Frau so den Kopf verdrehen lässt, dass er für sie kaum mehr als eine Handpuppe ist, und es einige Zeit dauert, ehe er das wirklich zur Kenntnis nimmt. Aber, und erneut ist es ein großes Aber, er hat eine glaubwürdige Motivation und ich kaufe ihm tatsächlich ab, dass er der Held seiner eigenen Geschichte sein könnte. Das trifft auf die anderen Antagonisten nicht zu und was ich von den Protagonisten halte, habe ich ja schon ausgeführt.

Der Schlüssel ist der, dass Sverre eigentlich Anerkennung haben möchte. Vor allem von Ture, in weniger starker Ausprägung auch von den anderen Menschen um ihn herum. Er möchte, dass er für Ture wichtig ist, dass dieser Zeit mit ihm verbringt, dass sie sich gut verstehen, dass er ihn für seine Taten anerkennt und ihn als Bruder liebt. Ja, Sverre stellt sich extrem bescheuert bei seiner Quest, dieses Ziel zu erreichen, an, aber es ist im Grunde ein hervorragendes Motiv, macht den durch Morag motivierten Mord an Ture zu einem interessanten inneren Konflikt, von dem ich ebenfalls wenig mitbekommen habe, aber ich glaube diesem Charakter mehr als jedem anderen in der gesamten Geschichte, dass er ein guter, dreidimensionaler hätte sein können. Konjunktiv, weil ich ihn gehasst und mir gewünscht habe, dass er endlich Ruhe gibt, damit die Protas ihr Happy End haben können und ich diese Rezension hier schreiben kann, aber im Vergleich zur Konkurrenz ist das bereits eine Leistung.

 

Um kurzzeitig etwas sanftere Töne anzuschlagen, hier etwas, das ich zumindest während der ersten etwa 150 Seiten wirklich gut fand und das später einfach nur okay wurde, aber nicht schlecht: Die Einarbeitung der Magie in die Welt. Das einzige bestätigte magische Element in der Geschichte ist Lynns Fähigkeit - obwohl man die theoretisch wohl als sehr spezifische Halluzination abtun könnte, aber ich bin gewillt, dieses Level an Spezifizität als zu viel anzuerkennen und es Magie sein zu lassen. Wohl auch durch die Art der Gabe bedingt gerät diese gerade am Anfang nicht in den Vordergrund, ist nur im Hintergrund da, kommt manchmal hervor, findet in Form von Ga... Hallgert? ... die Namen bringen mich hier noch um. Die alte Frau, die Lynn die Sache mit den Toten auf Anhieb glaubt, ein schönes neues Detail.

Ich möchte anmerken - auch wenn das inzwischen aus der Rezension herausgegangen sein müsste -, dass man diesem Roman nicht vorwerfen kann, er würde irgendetwas weichspülen. Nicht nur wird links und rechts gevögelt und vergewaltigt, Gewalt in all ihren grausamen Facetten ist ebenfalls ein Thema, und zwar konstant. Ich bin ehrlich gesagt ziemlich glücklich darüber, dass ich nicht in dieser Welt lebe und mich jetzt wieder weniger Deprimierenden zuwenden kann. Darauf einen Schluck Wasser.

 

Bevor ich mein Versprechen einlöse und vor dem Fazit auf den Suizid Morags eingehe, möchte ich noch zwei allgemeinere Dinge loswerden. Zunächst denke ich nicht, dass dieser Roman - für mich - am Konzept gescheitert ist, oder an den Überlegungen zum Plot und den Charakteren, sondern allein aufgrund der Exekution. Gerade Sverre ist hierfür ein hervorragendes Beispiel, aber im Grunde trifft das auch auf die restlichen Figuren und den Plot zu. Das Potenzial, vielschichtig und interessant zu sein, ist überall vorhanden, aber es wird fast nicht genutzt, der Plot wird auf 640 Seiten gestreckt, was meiner Meinung nach nicht nötig gewesen wäre, fängt erst recht spät (kurz vor der Mitte des Romans) an und die Charaktere sind unliebsame Arschgeigen, wobei die zwei Protagonisten das in der zweiten Hälfte etwas abmildern, aber der Eindruck bleibt bestehen.

Zweitens möchte ich verdeutlichen, dass ich den zweiten Teil nicht lesen werde, aber gleichzeitig reizt mich die versprochene Handlung. Aufgrund des blassen Schreibstils, den unausstehlichen Charakteren und der unschönen Welt, die mir durch nichts auf der Welt als „gut“ angedreht werden kann, fürchte ich aber, dass die Negativseiten den Plot erdrücken werden. Das ist aber nur meine Vermutung und der Grund, warum ich den zweiten Band nicht lesen werde; ich kann dementsprechend nicht garantieren, dass er mich nicht doch positiv überrascht hätte.

 

So, zum Abschluss noch ein locker-flockiges Thema, mit dem ich garantiert bei niemandem anecken werde, nämlich dem Suizid Morags, inklusive, aber nicht darauf beschränkt, dessen Darstellung und Reflexion im Roman. Und bevor mir jemand daherkommt mit a) das ist doch alles nur fiktional und b) das ist gar nicht das Thema des Buches, das nimmt vielleicht zwei Seiten in Anspruch, also warum regst du dich darüber so auf?, möchte ich anmerken, dass a) alles an Büchern fiktional ist, sie aber dennoch von der Realität beeinflusst sind, auf diese einwirken und zumeist auch bis zu einem gewissen Grad einen Realitätsanspruch haben und b) nichts daran ändert, dass das Thema vorhanden ist, und nur weil es einfach so stehen gelassen wird, heißt das nicht, dass ich dasselbe machen muss oder sollte.

Zuerst die Ausgangssituation. Morag als die eindimensionale Person, als die ich sie oben beschrieben habe, hat es nicht geschafft, ihre Intrigen zu einem guten Ende zu führen, sodass sie nun keiner leiden kann und keiner etwas mit ihr zu tun haben will. Gleichzeitig wird sie aber von ihrer Tochter aus der Sklaverei entlassen, wird also in Skotia/Irland bleiben, wo sie allerdings kein Zuhause hat. Ich sollte noch hinzufügen, dass sie nicht nur keine Empathie besitzt, sondern auch hervorragend Menschen manipulieren kann, schön ist und intelligent.

Und was macht sie? Stürzt sich zu Tode ein paar Stunden, nachdem sie freigelassen wurde.

Meine erste Frage wäre, wieso sie das gemacht hat. Die meisten Suizide in der Ersten Welt haben vielfältige Ursachen, fast immer ist dabei aber eine psychische Krankheit im Spiel, beispielweise eine Depression. Morag zeigt aber keine Anzeichen dieser und die einzige psychische Krankheit, die ich ihr andichten würde, ist die der Psychpathie, die aber meines Wissens nach kein erhöhtes Selbstmordrisiko mit sich bringt - eine höhere Risikobereitschaft vielleicht, ja, aber das war keine No-risk-no-fun-Aktion, das war Suizid.

Auch stirbt sie nicht für ein Ideal/eine Ideologie oder aufgrund ihres Ehrgefühls/sozialen Drucks. Die einzige Erklärung, die ich damit finde, ist die, dass es eine rationale, kaltblütige Entscheidung war; theoretisch hätte es auch aus dem Affekt entstehen können, aber als Lynn ihrer Mutter folgt, kurz bevor sie sich das Leben nimmt, wirkt sie nicht besonders emotional, auch nicht im kurzen Gespräch vor ihrem Tod - sieht man von der Gehässigkeit ihrer Tochter gegenüber ab, aber dass das die Motivation war, wage ich zu bezweifeln.

Wenn es also eine rationale Entscheidung war, frage ich mich, wieso eine intelligente, schöne, manipulative Frau, die mehrmals im Buch mit einer Spinne verglichen wird, sich lieber das Leben nimmt, als weiterzuleben. Sicher, sie hat, soweit ich das sagen kann, es nicht genossen, ihre Sexualität zu instrumentalisieren, aber sie hat bereits einmal aus einer beschissenen Situation - das Abfackeln der gesamten Siedlung und die Verschleppung in die Sklaverei - eine deutlich bessere gemacht, in der sie de facto die Mächtigste in der gesamten Familie und eine Freie war.

Meine Frage wäre, wieso sie nicht glaubt, das noch einmal hinzubekommen. Zumal ich wie gesagt sehr stark bezweifle, dass eine psychische Krankheit im Spiel ist, die ihre Gefühle stark ins Negative ziehen würde, womit diese Sicht erklärbar wäre. Aber so? Was hält sie davon ab, das Beste aus ihrer Situation zu machen, so wie sie es all die Jahre davor gemacht hat? Ich verstehe es nicht. Aus einer rein rationalen Perspektive ergibt diese Entscheidung nur wenig Sinn und ist sicher nicht die bestmögliche, was Morag als intelligente Frau hätte wissen müssen.

Der zweite Problempunkt ist der Umgang mit dem Suizid und dessen Reflexion im Roman und von den Figuren selbst. Mir ist klar, dass Morag als eindimensionale Person einfach nur die Böse war, was der Hauptgrund ist, wieso niemand eine Träne vergossen hat, als sie gestorben ist. Und genau da liegt das Problem mit eindimensionalen, also unrealistischen Charakteren, die sehr reale Themen aufgreifen: Sie verzerren diese.

In der Realität ist Suizid, insbesondere in den ökonomisch gut entwickelten Ländern, zwar gemessen an den absoluten Todeszahlen ein relativ kleines Problem, je nach Altersgruppe und Geschlecht jedoch ein deutlich größeres. Die Statistik Austria hat für 2016 beispielweise bei der Gruppe der 20- bis 29-jährigen Männern einen Suizidanteil von mehr als 20% zu verzeichnen, und ein Bericht aus demselben Jahr, u.a. mit Beteiligung von SUPRA und dem Ministerium für Gesundheit, stellt bereits in der Zusammenfassung klar, dass mehr als doppelt so viele Menschen am Freitod sterben wie an Verkehrsunfällen. Nun könnte man zwar argumentieren, dass es diese Personen wohl kaum mehr stören wird, wie mit Suizid in einem Roman umgegangen wird, aber wichtiger sind in dem Kontext die Suizidgefährdeten.

In „Von den Grenzen der Erde“ wird der Suizid recht detailliert dargestellt, keiner trauert um das Monster, das gestorben ist, und wenn man versucht, sich in dieses eindimensionale Etwas von einem Charakter hineinzuversetzen, ist es offenbar so, dass Morag den Suizid als einzigen Weg aus ihrer Situation aufgefasst hat. Und jetzt möchte ich euch etwas verlinken, das sich zwar an Journalisten richtet, das aber meiner Meinung nach auch von Autoren der Fiktion zumindest gekannt werden sollte: „In Depth: Covering Suicide“.

Möchte ich mit dieser kleinen Ausführung appellieren, dass wir alle einen Stock im Arsch haben müssen und man sich als Autor prinzipiell in seiner Kreativität einschränken lassen sollte? Nein. Worauf ich hinaus möchte, ist nicht nur die Notwendigkeit, auch Antagonisten zu erschaffen, die tatsächlich als Mensch existieren könnten, sondern auch, sich schwieriger Themen bewusst zu sein und sie nicht mit richtet doch keinen Schaden an abzutun. An der Stelle möchte ich darauf hinweisen, dass Morags Suizid auf den letzten Seiten quasi aus dem Nichts kommt, es keine Warnzeichen gibt und Leser, die selbst mit solchen Gedanken zu kämpfen haben, damit mal eben ins kalte Wasser geschmissen werden. Erneut: Ich rufe nicht zur Selbstzensur auf. Ich rufe dazu auf, sich auch als Autor der Macht von Geschichten und dem Schicksal von Charakteren bewusst zu sein und dass nur, weil es ja nicht wirklich passiert, das nicht heißt, dass es keinen Einfluss auf real existierende Probleme oder Personen haben kann.

Ich verlinke euch alle drei Webseiten, auf die ich mich in diesem Abschnitt bezogen habe, unten noch einmal, solltet ihr sie euch selbst genauer ansehen wollen.

 

Nach diesem Ausflug in die Abgründe menschlicher Existenz bleibt, um auf das Thema Rezension zurückzukommen, also zu fragen: Wie hat mir der Roman insgesamt gefallen? Die kurze Antwort darauf lautet: Naja. Najanajanaja. Die ersten 300 Seiten waren Mist, die restlichen 340 hatten immerhin ein Momentum aufzuweisen, sodass die Handlung vorangebracht wurde. Die Charaktere wurden überwiegend in den Sand gesetzt, der Schreibstil ist nicht einmal hintergründig, und die Welt konnte mir auch nicht schmackhaft gemacht werden.

 

Wie bereits geschrieben reizt mich der versprochene Plot von Band zwei, aber ich denke, ich werde die Reihe an diesem Punkt lieber alleine lassen. Ich habe die Lektüre über weite Strecken hinweg nicht genossen - eigentlich gab es nur sehr wenige Szenen, die ich zumindest nicht nicht mochte.

Details zum Roman:

Titel: Von den Grenzen der Erde

Autor: Rebekka Mand

Veröffentlicht über: BoD-Books on Demand

Erscheinungsjahr: 2015

ISBN: 9783739208589

Genre: Historischer Roman

Preis: 18,99€ (s. Datum)

Seiten: 640

Reihe: ja, Band 1 von 3 (s. Datum)

Bewertung: 1,5 von 5 Sternen (s. Datum)

Stand: 01.03.2018

 

Quellen:

>Bericht von SUPRA und dem Ministerium für Gesundheit und Frauen: http://www.kriseninterventionszentrum.at/dokumente/suizidbericht_2016.pdf

>Verteilung der Todesursachen im Jahr 2016, Statistik Austria: http://www.statistik.at/web_de/statistiken/menschen_und_gesellschaft/gesundheit/todesursachen/todesursachen_im_ueberblick/index.html [Grafiken -> dritte von links, „Die häufigsten Todesursachen in Österreich nach Alter im Jahr 2016]

 

>In Depth: Covering Suicide: https://dartcenter.org/content/covering-suicide