Mammutversion: "Xerubian: Aath Lan'tis" von Andreas Hagemann (10. RW)

Seitdem ich die Scheibenwelt für mich entdeckt habe, bin ich gegenüber Parodien oder satirischen Romanen, die sich die Fantasy vornehmen, generell sehr aufgeschlossen und wünsche mir wesentlich mehr Vertreter. Dementsprechend rasch habe ich zu „Xerubian“ gegriffen, hat der Klappentext doch genau das versprochen.

Dalon, ein Inspektor, wird auf den Diebstahl eines Steins aus einer Kathedrale angesetzt. Zusammen mit seinem Dienstdrachen Dalon, dem Boten Martandi, dessen Drachen Dragon und dem fünften im Bunde, dem Winzlingsdrachen Muliks, heftet er sich an die Fersen des Diebs. Die Reise nimmt jedoch eine unerwartete Wendung, als er diesen schließlich einholt, und so muss er an der Seite seiner Freunde um das Überleben einer Spezies kämpfen.

 

Die Version, die ich gelesen habe, ist die bereits überarbeitete und vom Autor selbst herausgebrachte. Nebst einem neuen (und mir persönlich sehr gut gefallendem, aber das kann auch einfach nur an der Farbwahl liegen) Cover haben auch sage und schreibe vier Personen am Korrektorat Schrägstrich Lektorat mitgearbeitet. Dementsprechend faszinierend ist die Tatsache, dass dennoch nach keinen fünfzig Seiten mein Fehlercounter die kritische Grenze erreicht und überschritten hat. Dabei ist von Großschreibung über Zeichensetzung bis zu den Fällen alles dabei. Und das mit vier Korrektoren, sofern die Lektoren nicht nur auf Inhalt und Stilblüten geschaut haben. Das … muss irgendeinen Rekord geknackt haben.

Der Schreibstil ist insgesamt von ausgewogen langen Sätzen geprägt, wobei eine leicht feststellbare Tendenz zu kurzen Exemplaren vorliegt. Ebenfalls erstaunlich sind die Füllwörter, die man an mehreren Stellen problemlos hätte rausstreichen können und die dennoch den Lektoren entgangen sind.

 

Zugutehalten muss man „Xerubian“ den Lesefluss, der leicht aufkommt, und die größtenteils flüssigen Handlungsbeschreibungen, wenn es auch ein paar Aussetzer gibt. Die Umgebung präsentiert sich da schon zwiespältiger: Mal wird detailliert aufs Buschwerk eingegangen, dann wiederum so konfus und minimalistisch geschrieben, dass ich mich überhaupt nicht mehr auskenne – besonders auffällig ist das bei den Szenen in und rund um Lu-Sers Festung.

Die Beschreibungen der Gefühle hingegen verbleiben oberflächlich, wenn auch nachvollziehbar. Persönlich vermute ich, dass das überwiegend am Tell liegt – oftmals wird beispielweise etwas wie „x war traurig“ geschrieben, anstatt dass darauf eingegangen wird, wie sich das äußerst – sei es nun im Verhalten, im Gesagten oder im Gedachten.

Gerade Gefühle kann man gut bildlich beschreiben, und so überrascht es ein wenig, dass das hier nicht passiert, obwohl sonst gerne mal zu Metaphern gegriffen wird. Positiv ist auch hervorzuheben, dass zumindest einige Charaktere eine eigene Sprechweise verpasst bekommen – besonders auffällig natürlich bei Nerol. Allerdings wirken viele der Dialoge zumindest teilweise unnatürlich und gestellt.

Erschwerend kommt hinzu, dass – trotz vierer Lektoren Schrägstrich Korrektoren – noch immer Wörter verschluckt werden oder die Worte aus einem vorherigen Satzentwurf zurückgeblieben sind. Ebenso enttäuschend ist der Verlauf des satirischen Humors, auf den ich weiter unten noch näher eingehen werde.

 

Die Handlung gestaltet sich durchaus interessant zu lesen, aber gerade die Charakterenthüllungen sind nach etwa fünfzig Seiten bereits ziemlich klar. Vielleicht habe ich aber auch einfach nur schon zu viele Fantasybücher gelesen – irgendwie steht der letzte Satz in fast jeder meiner Rezensionen in irgendeiner Variation …

Aber davon werde ich mich nun auch nicht mehr aufhalten lassen. Dementsprechend: Hütet eure Kreidevorräte, denen geht’s jetzt nämlich an den Kragen.

Beginnen wir mit einem harmloseren Fakt, nämlich dem, dass sich Dalon den Weg zum Fischerdorf, von wo aus er zur sagenumwobenen Stadt Aath Lan’tis reisen möchte, in der er den Dieb vermutet, falsch gemerkt hat. Zweimal. Dabei war die Beschreibung alles andere als kompliziert.

Zum Aufwärmen geht’s weiter mit den beiden großen Drachen Nerol und Dragon, die von Lu-Sers Truppen in metallenen Netzen gefangen werden – und sich daraufhin mehr oder weniger kampflos ergeben. Auf die Idee, ihren verdammten Feueratem zu verwenden, kommen sie jedenfalls nicht.

Generell scheint die Reisegruppe aus Hohlbirnen zu bestehen – auch dazu später mehr – denn einige Kapitel zuvor bekommt jeder eine Art Wunderelixier, das ihnen genau einen Wunsch gestattet und das sie aus einer Notsituation retten kann. Und jetzt ratet mal, was die Genies nicht verwenden, als sie von Soldaten umzingelt werden, die sie in Käfigen und metallenen Netzen zu ihrem König bringen wollen.

Wobei dieses Wunderelixier eine komische Wirkungsart hat. Sie bekommen die Anweisung, dass das erste, an das sie nach der Einnahme denken, Realität werden wird. Um Dalon zu heilen, flößen sie diesem aber das Elixier ein und denken dann alle zusammen – er ist bewusstlos – an seine Heilung. Und es funktioniert.

Noch komischer ist nur noch, wie lange es dauert, bis das Elixier wirkt. Bei den beiden Menschen beträgt diese Zeitspanne lediglich eine halbe Minute im Maximum, die beiden Drachen müssen erstmal durch die Gegend hopsen, bevor was passiert. Begründung: Es hat sich ja noch nicht genug um Körper verteilt.

Wo fange ich da an? Vielleicht damit, dass selbst wenn wir von einer intravenösen Verabreichung ausgehen, es sicherlich mehr als dreißig Sekunden dauert, bevor sich das Zeug gut im Körper verteilt hat. Weiter machen könnte ich damit, dass die Einnahme oral war und der Wundersaft dementsprechend erst einmal im Magen landet, wo er ein paar Stunden lang rumliegen wird, bevor es weitergeht. Es bleibt mir also nur übrig davon auszugehen, dass der Wirkstoff bereits über die Schleimhäute in die Blutbahn gelangt. Und selbst dann ergibt das Ganze keinen Sinn.

Auch seltsam ist, dass die Gefangenen überhaupt noch ihr Zeug bei sich haben und man ihnen das nicht … naja … abgenommen hat. Macht man angeblich so, wenn man jemandem die Freiheit entziehen möchte. Wenigstens können alle gut schlafen. In ihrer Zelle. Mit dem Wissen, dass sie bald sterben werden. Im Sinne von in ein paar Stunden bis Tagen. Ohne irgendeinen Plan.

Und derjenige, der dann mit einem „Plan“ daherkommt, ist Dalon – ja, der Typ, der bewusstlos gewesen ist, als sie die Festung betreten und durchquert haben. Das macht aber nichts, denn dank seines Protagonistenbonus geht sein „Plan“ auf – der daraus besteht, erstmal zu machen, dann zu überlegen, was man nachher macht oder wie man am besten entkommen könnte. Sag mal, Dragon, kannste kurz das Schloss zerstöre? Ich hab zwar keine Ahnung, wo wir genau sind oder wo welche Wachen postiert sind, aber ich werde dieses glühend heiße Schloss dann mit meiner Kleidung auffangen! Wenigstens ich denke hier!

Nicht sehr viel später haut Muliks ein paar Wachen k.o. – und eine davon über den Unterkiefer. Äh? Ist mir was entgangen oder ist das Ziel fürs Bewusstlosschlagen nicht mehr das Hirn, sondern die Zähne?

Wir machen einen kleinen Zeitsprung, denn Dalon ist zusammen mit Olaf eine Klippe runtergestürzt und unterhält sich mit dem mal eben ganz nett. Nebst der Tatsache, dass die beiden den Sturz offenbar praktisch unbeschadet überstanden haben – ich meine, angesichts der Tatsache, dass offenbar niemand in Betracht zieht, dass man mal in der Schlucht nach Überlebenden suchen könnte, ist das Ding sicher mehr als zehn Meter tief und hey, zehn Meter tief zu fallen und dann auf Steinboden aufzuschlagen klingt doch nach einer netten Freizeitbeschäftigung, nicht wahr? Zumindest ist das einzige, das Dalon abbekommt, eine geprellte Hüfte. Oder noch weniger –, kann ich nicht nachvollziehen, wieso Olaf so lange bleibt. Das Überleben seiner Spezies hängt von seiner Rückkehr ab, es wäre also nur logisch, sich nicht in ein langes Gespräch mit dem eigenen Feind verwickeln zu lassen.

Einen Zeitsprung später sind beide magischerweise aus der Schlucht wieder heraus – fragt mich nicht, wie sie das geschafft haben – und nochmal etwas später schaffen die beiden Drachen es, die sie zwischenzeitlich wieder gefunden haben, ein fliegendes Schiff zum Kentern zu bringen. Fragt nicht. Es ist bescheuert.

Wie gut nur, dass diese Bruchlandung nicht beschrieben wird, sonst hätte man darauf eingehen müssen, wie die sechs zuerst den Sturz und dann das Versinken im Ozean überstanden haben. Ohne mehr als ein paar Prellungen. Ich hab so das Gefühl, die Charaktere sind eigentlich unsterblich, haben aber ein Problem damit, das dem Leser zu gestehen.

Schlauer sind sie durch den Schiffbruch jedenfalls nicht geworden, denn sie basteln sich zwar ein Floß, aber sie denken erst auf hoher See darüber nach, woher sie Futter bekommen sollen. Dafür haben sie eine magische Lösung und durch eine mir unbekannte Zauberei kommen sie auch ohne Süßwasser aus, an das irgendwie niemand gedacht zu haben scheint.

Auf dem verschollenen Kontinenten angekommen erklärt Olaf, dass die Wälder am Boden – Aath Lan’tis besteht aus hoch aufragenden Türmen – deshalb von so wenigen Tieren bevölkert werden, weil diese bei den Gewässern und höheren Etagen einen besseren Lebensraum gefunden haben. Ich wünsche mir im Stile Golenias eine Bullshit-Karte herbei und räuspere mich, um noch einen Absatz Nice-to-know-Evolutionswissen zu vermitteln.

Es mag sein, dass das Überleben kurzzeitig an Gewässern einfacher gewesen ist, aber dann würde das bedeuten, dass ein florierender Lebensraum – inklusive Nahrung, freie Territorien, leichten Zugang zu Wasser und Verstecken – einfach unbeachtet wird. Was nicht passieren würde; gerade so Viecher wie Vögel, die leicht von A nach B kommen, wird es auch nur rein zufällig mal in dieses unbesetzte Terrain verschlagen haben, das praktisch nur aus ökologischen Nischen besteht, und innert weniger Jahre müssten alle dieser ökologischen Nischen von Tieren besetzt sein. Sehr vielen Tieren.

Ich schließe ab, wie auch die Anhänger des besiegten Mir’ko-Pens abschließen: grundlos hoffnungslos. Keiner von denen steht jedenfalls für seine Überzeugung ein, Mir’ko-Pen sei ein Typ, für den es sich zu kämpfen lohnt, und damit ist unseren Protagonisten ein blutloses Happy End gewiss.

Mir leider nicht, denn ich suche noch immer nach einem Indie-Roman, der es auf die fünf Sterne (oder vier. Oder drei) schafft, aber ich geb‘ mein Bestes.

 

Die Protagonisten Xerubians motivieren mich dazu nicht wirklich. Ihre große gemeinsame Eigenschaft ist ihre Dummheit. Bei Dragon und Nerol ist sie ziemlich offensichtlich, Martandi … okay, er ist vielleicht doof, vielleicht auch nicht; wirklich viele eigene Entscheidungen, an denen man das festmachen könnte, trifft er sowieso nicht, und wenn man sich Dalons „Plan“ mal so ansieht, stellt man fest, dass er das Wort „Plan“ mit „Ziel“ oder „Dummheit“ verwechselt.

Sowohl bei ihm als auch bei Martandi ist außerdem bemerkenswert, dass ihr Job absolut null auf sie abfärbt. Erfahrungsgemäß ist es so, dass der eigene langjährige Beruf zumindest kleine Einflüsse auf einen selbst hat – gerade so etwas wie Inspektor oder Bote müsste einen haben. Aber Pustekuchen – sobald die beiden mal nicht in ihrem Berufsalltag drinnen sind, hätten sie jedem anderen nachgehen können, ohne dass ich diesen Bruch als Bruch erkannt hätte.

Zu Dragon und Nerol ist zu sagen, dass sie offenkundig kein Problem damit haben, Leute umzubringen oder ihnen Todesqualen zu bereiten, und zu Muliks möchte ich noch sagen, dass seine Hintergrundgeschichte generisch ist und mich nicht wirklich interessiert. Eigentlich gar nicht, wenn ich es mir recht überlege.

Keiner dieser Charaktere ist einer, der einen nennenswerten inneren Konflikt hätte oder irgendwie anders interessant wäre. Olaf ist da auch keine Ausnahme – er ist einfach nur okay. Besser als der Antagonist, aber auch nur deswegen, weil Mir’ko-Pen wirklich keine Geschichte bekommt. Nur eine leicht nachvollziehbare Motivation, aber das allein macht noch keinen guten Antagonisten.

 

Wie bereits an der Inhaltszusammenfassung ablesbar sind zwei der fünf Charaktere, nämlich Dragon und Nerol, Drachen, die Menschen dienen. Und dafür offenbar einen Monatssold bekommen, oder so. Das „oder so“ deswegen, weil beide intelligent sind, gleichzeitig aber zu einer offenbar vom Aussterben bedrohten Spezies gehören, die gleichzeitig von den Menschen gezüchtet wird, um Variationen wie Botendrachen zu kreieren, die besonders folgsam sind. Gleichzeitig waren die Drachen mal richtig wild drauf und haben ganze Städte zerstört, also … was?

Bemerkenswert ist auch die Rolle der Frauen. Ha, Fangsatz! Die Frauen haben keine Rollen. Mir fallen spontan ein: Dalons Frau, eine keifende Hausfrau, Muliks zwei Frauen, keifende Hausfrauen, Olafs Frau, die nur eine kurze Umarmung gespendet bekommt und ansonsten nie erwähnt wird, und dann ist auch schon Schluss. Nennt mich hypersensibel, aber ich bezeichne das als eine etwas einseitige Geschlechterrollenverteilung.

Jetzt noch zum Humor. Der ist einer der Hauptgründe, wieso ich „Xerubian“ gewählt habe, und während der ersten einhundert Seiten war er auch recht solide – er bestand aus satirischen Elementen, Dialekt (… aka Nerol) und Slapstick (… aka Nerol. Ja gut, etwas Dragon ist auch dabei). Ich habe hier das Problem, dass ich als einzigen Vergleich die Scheibenwelt heranziehen kann, und mit der kann Andreas Hagemann nicht mithalten.

Das zeigt sich auch beim Umbruch zum ernsteren Ton etwa ab der Stelle der Gefangennahme durch Lu-Sers Krieger – dieser Umbruch allein ist ausgesprochen ruppig und unglaubwürdig, da hier ein Mischmasch aus Satire und Ernst bemüht wird. Plus und plus ergibt doch nicht immer plus, zumindest nicht in Romanen, denn diese Überleitung ist geradezu qualvoll missgestaltet.

Nach dieser geht es überwiegend ernst weiter, die satirischen Elemente reduzieren sich auf ein Minimum und was bleibt, ist Nerol. Dessen Dialekt und Ein-Mann-Witzchen bilden eine Säule des Humors, die andere besteht aus Slapstick-Einlagen wie etwa der Verfressenheit der beiden Drachen oder einem Ausflug ins Dornengebüsch.

Was ich sehr schade finde, denn das Satirische hätte man noch deutlich mehr ausbauen können. Es gab mehrere Stellen, bei denen ich mir gedacht habe, dass genau hier ein kleiner satirischer Stich nicht geschadet hätte. (Unter anderem Muliks Hintergrundgeschichte.) Und nein, ich behaupte nicht, es wäre einfach, Satire und Ernst zu balancieren oder sie im selben Buch reibungslos unterzubringen – besser macht es „Xerubian“ aber auch nicht.

Zum Schluss möchte ich noch ein wenig loben. Die Stadt Aath Lan’tis an sich empfinde ich nämlich als sehr interessantes Setting, wenn man mal von dem Dragonshit mit den Waldtieren absieht.

 

Als kleine Randanmerkung möchte ich noch loswerden, dass die Seiten teilweise eine Zeile zu früh enden, aber das wie geschrieben nur am Rande.

 

Was bleibt ansonsten zu sagen? „Xerubian“ bemüht sich um Satire und vernachlässigt sie doch sehr rasch, was dem Buch ordentlich Wind aus den Segeln nimmt. Die Handlung ist von Fehlern geprägt und an den wichtigen Stellen vorhersehbar, die Charaktere weisen keine nennenswerte Konflikte auf, die Welt ist … da, schätze ich mal, denn selbst die beste Satirevorlage muss genutzt werden, damit sie lustig ist. Empfehlen kann ich „Xerubian: Aath Lan’tis“ unterm Strich nicht; die beiden Nachfolger werde ich nicht lesen.

 

Details zum Roman:

Titel: Xerubian: Aath Lan’Tis

Autor: Andreas Hagemann

Veröffentlicht über: Books on Demans

Erscheinungsjahr: 2015

ISBN: 978-3-7386-1668-2

Genre: Fantasy

Preis: 13,40€ (s. Datum)

Seiten: 364

Reihe: ja, Band 1 von 3 (s. Datum)

Bewertung: 2 von 5 Sternen (s. Datum)

 

Stand: 30.03.2017