Warum Metalle cooler sind als Drachenblut | 13. Minute

Vor wenigen Tagen habe ich „Das Erwachen des Feuers“ von Anthony Rhyan nach der Hälfte abgebrochen. Ein Aspekt, auf den ich mich gefreut hatte, war das Magiesystem – das sehr ähnlich gestaltet ist wie das aus der „Mistborn“-Reihe, von der ich den ersten Teil „Kinder des Nebels“ von Brandon Sanderson gelesen habe. Ich meine, was kann großartig schiefgehen, wenn das Magiesystem auf Drachenblut basiert?

Einiges, wie sich herausstellt, denn das System der „Mistborn“-Reihe ist wesentlich interessanter. Vielleicht nicht auf den ersten Blick, aber es ist deutlich anregender zu lesen. Bevor ich mich darin aber vertiefe: Das hier ist keine Rezension der beiden Bücher, über die ich sprechen werde. Ich beziehe mich ausschließlich auf ihr Magiesystem und versuche zu ergründen, wieso mir das eine deutlich besser gefällt als das andere. Sollte jemand meine Meinung zu den beiden Büchern als Gesamtpaket interessieren, geht es hier zur Rezension von „Kinder des Nebels“ und hier zur Rezension von „Das Erwachen des Feuers“.

 

Wie das Drachenblut funktioniert

Vorneweg: Ich habe „Das Erwachen des Feuers“ nach der Hälfte abgebrochen, von daher kann ich mich „nur“ auf die ersten 360 Seiten beziehen. Das Magiesystem dieser Seiten funktioniert wie folgt:

Es gibt vier Arten von Drachen, die unterschiedlich gefärbtes Blut haben. Normale Menschen werden davon verätzt, die Blutgesegneten können es für Magie verwenden. Grünes Blut verbessert körperliche Fähigkeiten wie Schnelligkeit, Stärke und Wahrnehmung; rotes Blut entspricht Feuermagie; schwarzes Blut wird als „Kraft“ beschrieben (mit ihm kann man Leute schweben lassen, ihren Sturz auffangen, Schläge abbremsen und Herzen zum Stehen bringen); blaues Blut ermöglicht eine geistige Kommunikation zwischen zwei Blutgesegneten, die gerade Blau verwenden.

Um das Blut verwenden zu können, müssen die Gesegneten es trinken. Es in den Muskel zu injizieren hat den gleichen Effekt, was nicht sonderlich viel Sinn ergibt, aber darin möchte ich mich nicht vertiefen. Alle Blutgesegneten können alle vier Bluttypen verwenden, aber die meisten haben einen, mit dem sie besonders gut können und auf den sie sich spezialisieren.

 

Wie die Metalle funktionieren

In der „Mistborn“-Reihe gibt es mehr als acht Metalle, die von der meisten Bevölkerung nicht magisch verwendet werden können. Die vier für den Vergleich der Magiesysteme wichtigsten sind Zinn (schärft die Sinne), Weißblech (verstärkt den Körper), Eisen (zeiht an Metallen) und Stahl (drückt an Metallen).

Um die Magie verwenden zu können, müssen sich die Metalle im Körper des Magiers befinden; meistens werden sie geschluckt. Dabei verlieren sie ihre toxischen Wirkungen auf den Körper nicht, müssen also relativ schnell verwendet werden, um keine Vergiftung zu riskieren. Die meisten Magier können nur eines der Metalle magisch verwenden, sehr wenige alle.

 

Man finde die Gemeinsamkeiten ...

Zunächst ist es wichtig anzumerken, dass beide Systeme zu den Hard Magic Systemes zählen. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass dem Leser (überwiegend) bekannt ist, wie die Magie funktioniert: Welchen Bedingungen sie unterliegt (bestimmte Stoffe müssen zu sich genommen werden), wo ihre Grenzen liegen (was die Magie bewirken kann und zu welchem Grad sie es bewirken kann).

Außerdem sind beide Systeme vom Grundaufbau her ähnlich: Es werden Stoffe geschluckt, die einzelne Menschen magisch verwenden können, wobei die Ausprägung dieser Magie vom Stoff abhängt. Des Weiteren sind bei beiden Systemen wichtige Faktoren, wie viel vom Stoff verfügbar ist (wer mehr Schwarz hat, kann Leute länger schweben lassen) und wie viel Erfahrung/welches Wissen über die Verwendung des Stoffs herrscht (Übung macht in beiden Fällen den Meister). Bei beiden Systemen lassen sich die einzelnen Magiearten kombinieren, also von derselben Person gleichzeitig anwenden.

 

... und die Unterschiede

Kurz gesagt würde ich sie folgendermaßen zusammenfassen: Die Metalle haben viel spezifischere Wirkungen. Daraus resultiert, dass sie trickreicher angewendet werden müssen, um dasselbe Ziel zu erreichen – was interessanter zu lesen ist.

Da es im Mistborn-Universum Feuermagie (nach meinem Wissensstand; ich habe nur das erste Buch gelesen) nicht gibt, ebenso wie es keine Entsprechung für die geistige Kommunikation mittels Metallen gibt, lassen sich nur Grün und Schwarz mit den Metallen vergleichen. (Kurze Randanmerkung: In „Erwachen des Feuers“ wird auch immer nur von den Farben gesprochen. Meiner Meinung nach würde „Sie spritzte sich grünes Drachenblut“ deutlich cooler klingen als „Sie spritzte sich Grün“, aber gut.)

Schwarz hat keine eindeutigen Entsprechungen im Mistborn-Universum. Am ehesten lässt es sich mit Eisen und Stahl vergleichen, die an Metall ziehen/drücken können – aber eben nur an Metall. Mit diesem Magiesystem könnte man einen Typen in voller Rüstung ähnlich hochheben wie mit Schwarz, aber nur, weil er eine Rüstung trägt.

Grün hingegen hat sehr konkrete Entsprechungen bei den Metallen, was ich passend finde, da es mit Abstand am häufigsten im „Erwachen des Feuers“ gebraucht wird. Es verstärkt Stärke, Schnelligkeit und Wahrnehmung des Blutgesegneten. Das entspricht Zinn (Wahrnehmung) und Weißblech (Stärke) aus der Mistborn-Reihe.

 

Man stelle sich nun folgendes Szenario vor, das in beiden Büchern vorkommt: Ein Magier möchte in ein Haus einbrechen und etwas stehlen. Mit dem Drachenblut liest sich das im Groben so: „Sie spritzte sich Grün.“ Und wenn ein Schloss geknackt, eine Tür eingetreten oder eine Wache ausgeschaltet werden muss: „Sie spritzte sich Schwarz.“

Bei „Kinder des Nebels“ müssen mindestens zwei Metalle verwendet werden, um auch nur denselben Effekt wie Grün zu erzielen: Zur Erhöhung der Wahrnehmung (Sehen in der Dunkelheit, Hören von nahenden Schritten) und in gewissem Umfang auch zur Stärkung des Körpers (bei Sprüngen aus großer Höhe, um den Aufprall abzufangen, oder um den Tresor mitzuschleppen). Hinzu kommen weitere Metalle (eines, das die Verwendung magischer Kräfte verbirgt, und dann die beiden für das Drücken und Ziehen, da sie eine schnellere Fortbewegung ermöglichen, zusammen mit hohen Sprüngen. Im Großen und Ganzen kann man sich diese Einbrüche vorstellen, als würde jemand an einer unsichtbaren Liane durch die Großstadt schwingen).

 

Jetzt stelle man sich eine Kampfszene vor, die es ebenfalls in beiden Büchern gibt. Mit dem Drachenblut liest sich das folgendermaßen: „Sie spritzte sich Grün“ (um schneller und stärker zu sein), meistens gefolgt von „Sie spritzte sich Schwarz“, hin und wieder auch „Sie spritzte sich Rot“. Damit lassen sich Kanonenkugeln abfangen, verfrüht explodieren lassen, Leute foltern und töten, und was man als Spionin sonst noch alles bewerkstelligen muss. Es gibt lediglich zwei Einschränkungen: die Menge des vorhandenen Drachenbluts und die „Entzugserscheinungen“, wenn man viel vom Blut in kurzer Zeit verbraucht und die im schlimmsten Fall auf eine Ohnmacht hinauslaufen.

Kämpfe in der Mistborn-Reihe zwischen zwei Magiern verwenden mindestens vier Metalle, oft mehr. Entscheidend ist die Kombination dieser Metalle zur rechten Zeit, für die passende Dauer und das schnelle Reagieren auf den Gegner. Wie es im Buch selbst formuliert wird: Bei der Allomantie geht es in erster Linie um Tricks, also um das schlaue und passend getimte Anwenden der Metallmagie.

Dementsprechend lesen sich actiongeladene Szenen in „Mistborn“ deutlich besser als in „Das Erwachen des Feuers“: Es geht nicht nur darum, sich möglichst viel Grün und Schwarz zu spritzen. Zentral ist das schnelle Reagieren auf die Manöver des Gegners und das trickreiche Anwenden der eigenen Metalle. Ein Kampf in „Mistborn“ ist ebenso ein Messen in geistigen Fähigkeiten wie in körperlichen und magischen.

 

Gleichzeitig hat das Drachenblut noch einen Nachteil. Während in „Mistborn“ bereits mit etwas so Simplem wie das Ziehen und Drücken an einer Münze ein Kampf entschieden werden kann – man erinnere sich an die Tricks –, und insbesondere die vielen Magier, die nur ein Metall verwenden können, sich enorm auf dessen Stärken und Schwächen konzentrieren und kreative Anwendungsmöglichkeiten finden, wartet das Drachenblut mit fast keiner Kreativität oder Innovation auf.

Grün erhöht Schnelligkeit, Stärke und Wahrnehmung. Diese Kombination ist bereits von Haus aus schwierig, da sie eine körperliche Überlegenheit sicherstellt und dementsprechend wenig Kreativität von den Charakteren fordert, um gefährliche Situationen zu bestehen. Das Drachenblut wird nie für irgendetwas Interessantes angewendet. Auch sind die Kombinationen uninteressant. Es entstehen keine neuen Effekte – was in „Mistborn“ allerdings auch nicht der Fall ist –, obwohl das zu Beginn des Buches angeteasert wird.

Mir fallen genau zwei Ausnahmen dazu ein: Die Sache mit dem Eiswasser und die Pistole mit den Feuerkugeln. Beide basieren auf der Anwendung von Rot (Feuermagie) und sind noch die kreativsten Anwendungen dessen. Beim Eiswasser geht es um Selbstkontrolle: Im kalten Wasser nicht sofort alles Rot zu verbrauchen, sondern langsam, um länger aushalten zu können. Die Feuerkugeln wiederum sind im „Erwachen des Feuers“ eine neue Erfindung: Kugeln, die ein wenig Rot enthalten. Wenn der Blutgesegnete selbst ein paar Tropfen Rot intus hat, kann er diese Kugeln entflammen und sie erhitzen sich explosionsartig.

Das ist aber auch schon das ganze Ausmaß der Kreativität, und es bezieht sich nur auf eine der vier Drachenblutarten. Im Vergleich zum System aus „Mistborn“ wirkt das uninspiriert. Hinzu kommt noch ein narratives Problem: Die Spionin im „Erwachen des Feuers“, die hauptsächlich das Drachenblut anwendet, hat praktischerweise immer genug dabei und ist bereits sehr gut im Umgang damit, sodass selbst diese zwei „Tricks“, die über 360 Seiten verteilt sind, recht mühelos funktionieren und fast keinen Hirnschmalz verlangen.

 

Conclusio

Ich hoffe, ich muss nicht betonen, dass das hier alles in erster Linie meine Meinung ist. Der Vergleich zwischen den beiden Magiesystemen ist aber naheliegend, und es hat mich interessiert, weswegen mir das eine um so vieles besser gefällt als das andere.

Ich denke, es lässt sich folgendermaßen zusammenfassen: So, wie das Drachenblut präsentiert wird, geht es in erster Linie darum, so viel wie möglich davon zu sammeln und sich gut zu überlegen, wann man es verwendet. Das Drachenblut ist wie Benzin: drübergießen, anzünden, fertig. Vielleicht noch darauf achten, dass das Benzin in der Nähe eines trockenen Waldes ist, und gut ist.

Das Metallsystem aus „Mistborn“ ist ebenfalls davon bestimmt, wie viel Metall vorhanden ist – wesentlich mehr aber davon, wie dieses Metall verwendet wird. Es entspricht eher dem strategischen Platzieren einzelner Feuerpfeile, und deswegen sind die Charaktere dazu gezwungen, mit diesen wenigen Feuerpfeilen kreativ zu werden und sich genau zu überlegen, wohin sie sie schießen.