Mammutversion: "Die Schlafende Mutter: Der dreizehnte Paladin" von Torsten Weitze (21. RW)

Warnstufe 1: Wenige Spoiler
Warnstufe 1: Wenige Spoiler

Nachdem der dritte Teil der „Paladin“-Reihe wenig berauschend ausfiel, liegt es an der „Schlafenden Mutter“, mich weiterhin an die Fortsetzungen zu binden oder sie aufzugeben. Nun denn, der fünfte Band erscheint im Dezember.

 

 

Die obligatorische Warnung für Spoiler der ersten drei Bände. Wer meine Meinung zum ersten lesen möchte, kann das hier machen.

Ahren und seine Freunde haben eine lange Reise vor sich. Ihre Suche nach den dreizehn Paladinen führt sie in den Dschungel, wo sie Sunju vermuten. Zuvor müssen sie jedoch zur Schlafenden Mutter gelangen, was sich als nicht ganz einfach herausstellt.

 

Hier ausnahmsweise kein obligatorischer Hinweis auf den Korrektoratsstern. Ja, ich hatte eigentlich vor, nicht zu betonen, wenn ein Buch nicht massenhafte Grammatikfehler aufweist, aber nachdem die ersten drei Bände das nicht hinbekommen haben, halte ich es dennoch für angemessen.

Allerdings war es eine knappe Entscheidung. Ich zähle nur solche Fehler, von denen ich mir sicher bin, dass nicht ich mich irre – was einzelne Irrtümer zwar nicht ausschließt, aber minimiert. Die Zahl der Fehler war geringfügig über der, die ich der Seitenzahl zugestehe. Ich habe mich dennoch dafür entschieden, ausnahmsweise mal keine verschlechterte Bewertung abzugeben, weil erstens eine enorme Verbesserung zu allen Vorgängern vorhanden ist und es zweitens wirklich nur zwei oder drei Fehler mehr waren.

 

Weg vom Trockenen und hinein ins Tropenhaus der Füllwörter, Stilblüten und wenig gelungenen Formulierungen. Der Schreibstil ist sehr tell-lastig; es wird fast alles dem Leser vorgekaut, auf dass er nichts verpassen möge. Ich habe noch nicht in Weitzes Werk außerhalb der Paladin-Reihe reingelesen, deswegen gehe ich davon aus, dass es sich um eine Eigenheit Ahrens und der Reihe handelt, nicht um eine des Autors.

Die kann man gut oder schlecht finden; existent ist sie seit dem ersten Band an. Ebenso sind es die im Eingangssatz erwähnten Anklagepunkte. Dass sie mir mehr auffallen und ich sie stärker in die Bewertung miteinbeziehe liegt also weniger daran, dass sie mehr geworden sind, sondern an mir. Es ist immerhin mehr als ein Jahr vergangen, seitdem ich die Reihe angefangen habe.

Was nicht heißen soll, dass ich alles am Schreibstil schlecht finde – im Gegenteil. Er stellt einen hervorragenden Lesefluss her und vermag mich nach wochenlanger Abstinenz innerhalb von zwanzig Seiten an die Geschichte zu ketten, obwohl noch nicht besonders viel passiert ist. Inzwischen sehe ich diese beiden Eigenschaften als in gewisser Hinsicht wertvoller an als sprachliche Eleganz oder Verspieltheit; letztere sichern einem nicht unbedingt ein gutes Leseerlebnis.

Besonders loben möchte ich die Kampfszenen, die ich als die besten Szenen des Romans empfinde.

Die Beschreibungen aller drei Elemente – Umgebungen, Handlungen, Gefühle – sind gut gelungen, wenn sie auch nicht herausragen. Vereinzelt gibt es Wortwiederholungen und besonders stümperhafte Cliffhanger, wie „Niemals hätte er sich erträumen lassen, was als nächstes geschah“ – der besonders ironisch war, da ich den „Twist“ bereits habe vorhersehen können. Es steckt in deren Namen, herrgottnochmal, das ist nicht zu schwer zu erraten.

Als positiv möchte ich einige der Dialoge zwischen Jelninolan und Uldini hervorheben, in denen sie über Magie sprechen und dem Leser nicht sofort jeder Begriff vorgekaut wird. So wird einerseits demonstriert, dass sich Torsten Weitze über seine Welt Gedanken gemacht hat, die länger als zwei Minuten dauerten, und andererseits wird ebendiese Welt nicht bis ins letzte Detail erklärt. Als Stichwort möchte ich hier „Fokus“ reinwerfen.

Zuletzt noch: „Pupille“ ist noch immer nicht gleichbedeutend mit „Auge“.

 

Ich komme gleich noch auf zwei Themen aus der Biologie zu sprechen, die meiner Meinung nach übel repräsentiert wurden, aber da das hier keine reine Abhandlung über Zoologie werden soll, vorher noch meine fünf Cent zum Plot.

Er ist okay.

Es hat mich nichts übermäßig überrascht, was aber nicht im Umkehrschluss heißen soll, dass er mich gelangweilt hätte. Hinzu kommt, dass es keine großen Probleme mit der Logik und der Kontinuität gibt – dafür viele kleine, die ich hier nicht alle aufzähle, von denen ich aber ein oder zwei beispielhaft anführen werde.

Jetzt zum Zoologie-Rant.

Punkt Nummer eins sind die Sichelschrecken. Im „Paladin“-Universum sind das Schattenwesen, also vom antagonistischen Gott verformte und gesteuerte Tiere, die auf real existierenden basieren. Sichelschrecken werden als sehr große Heuschrecken beschrieben, deren Flügel rot geadert sind und die ansonsten schwarz sind. Die beiden vorderen Beinpaare sind dabei zu Klingen umgeformt.

Wer gedacht hat, dass ich mich jetzt darüber aufrege, dass Heuschrecken wohl kaum zwei metallene Beine haben werden, hat falsch gedacht, denn stattdessen rege ich mich über Flügeldecken und Stridulation auf und merke an, dass es „Sichelschrecken“ auch in unserer Welt gibt und sie beruhigenderweise nicht mannshoch sind.

Im Roman werden die Heuschrecken so beschrieben, dass ihre rot geäderten Flügel unter zwei harten Vorderflügeln liegen, wenn sie in Ruhe, also auf dem Rücken gefaltet, sind. Während es korrekt ist, dass die Hinterflügel in Ruhe von den Vorderflügeln verdeckt werden, möchte ich stark bestreiten, dass diese Vorderflügel wie die von Käfer gestaltet sind. Wer nicht weiß, was ich meine: Man stelle sich einen Marienkäfer im Flug vor. Die Flügeldecken, die aus weitestgehend totem Material bestehen, bedecken in Ruhe die schwarzen Hinterflügel; im Flug stehen sie nur aufgespreizt daneben und machen nicht wirklich viel. Man stelle sich dieses Prinzip auf Heuschrecken angewendet vor und dann hat man in etwa das, was im Roman beschrieben wurde.

Der zweite Punkt ist das Zirpen. Während Ahren sich an der Außenseite eines Turms festklammert, springt die Sichelschrecke unter ihm nach oben, und beim Entfalten ihrer Flügel entsteht ein zirpendes Geräusch. Ich wäre sehr gespannt auf die physikalische Erklärung, denn Zirpen entsteht dadurch, dass zwei Körperteile, die dafür modifiziert sind, aneinander gerieben werden – entweder Vorderflügel über Vorderflügel oder Hinterbein über Vorderflügel. Dabei muss es mindestens eine raue Stelle geben, damit überhaupt ein nennenswertes Geräusch entsteht. Wie genau das beim Entfalten der Flügel passieren und welchen Nutzen das im Kampf haben soll, ist mir unbekannt.

Und damit zum zweiten Punkt, den Spinnen, die noch immer keine Insekten sind. Der Unterschied ist eigentlich einfach: Hat es sechs Beine? Nein? Dann ist es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kein Insekt. Hat es acht Beine? Ja? Dann ist es wahrscheinlich ein Spinnentier. (Skorpione und Weberknechte gehören auch zu ihnen, ebenso Milben und mit ihnen Zecken.)

Ein weiterer wichtiger Unterschied ist der, dass Insekten zu den Mandibeltieren gehören, was bedeutet, dass sie Mandibeln aufweisen. Das sind Mundwerkzeuge, die eine ursprünglich beißend-kauende Funktion haben – je nach Insekt können diese Werkzeuge aber sehr stark abgewandelt sein. Mit ihnen können die Tiere ihre Nahrung etwas zurechtschnippeln, überspitzt formuliert.

Spinnen hingegen gehören zu den Kieferklauenträgern, die die Schwestergruppe zu den Mandibeltieren sind. Wie ihr Name sagt, haben sie keine Mandibeln, sondern Kieferklauen, die bei Spinnen zu Giftklauen umgeformt sind und die Funktion haben, durch die harte Chitinschicht von Insekten oder anderen Spinnen zu gelangen und damit bei der Nahrungsbeschaffung zu helfen.

Und deswegen ist es unmöglich, dass die Schattenspinnen aus der Wüste Mandibeln haben.

Außerdem würde ich gerne erfahren, woher sie das ganze Wasser nehmen, das nötig ist, um genug Speichel zu produzieren, um einen Trichter im Sand zu formen. Soweit ich das verstanden habe, sind Schattenwesen größer und gefährlicher, aber keine Magier. Und wir reden hier immer noch von einer Wüste, in der Wasser nicht gerade im Überfluss vorkommt.

Zu den handlungstechnischen Plotproblemen: Am Anfang der Reise beschließen die Gefährten, dass sie sich einer möglichst großen Karawane anschließen wollen, um unbemerkt zu reisen. Dennoch lehnt Ahren zweimal Angebote von Händlern ab, für sie als Söldner zu arbeiten, ohne auch nur zu fragen, wieviele andere sich ihnen angeschlossen haben.

Außerdem war die Flussschwimmprüfung etwas zu viel des Guten. Zuerst muss sich Ahren vor den Wüstenleuten beweisen und ihre Vögel einfangen, dann muss er sich vor den Flussleuten beweisen und einmal eine Runde tauchen gehen. Ich erkenne ein Muster, und wenn ein Plot vorhersehbar wird, wird er langweilig – in den allermeisten Fällen.

 

Bei Ahren bleibend muss ich sagen, dass die Prota- und Antagonisten des Romans ein weiterer Dämpfer sind. Die Nebencharaktere sind für ihre Verhältnisse sehr gut entwickelt und viele von ihnen sympathisch; von den Hauptcharakteren kann ich das weniger sagen. Held Nummer eins lässt sich zwar endlich ein Rückgrat wachsen, was realistischerweise nicht über Nacht passiert und zu seiner restlichen Charakterentwicklung gut passt, und er hat auch nach wie vor Stärken und Schwächen – aber ich habe einfach keinen Draht mehr zu ihm.

Khara ist noch immer ein Miststück, wenn sie sich auch etwas mehr zurückhält. Einer ihrer Glanzmomente ist ja, dass sie angepisst ist, wenn Ahren ihr ohne Erlaubnis einen Schmatzer auf die Wange drückt – was ihr Recht ist –, selbst aber Ahren Schmatzer ohne Erlaubnis auf die Wange drückt – was nicht ihr Recht ist. Man stelle sich das Szenario mal mit vertauschten Geschlechtern vor und man sollte erkennen, wo ich das Problem sehe.

Die Antagonisten werden nicht nennenswert vertieft; Sven bekommt einen Handlungsstrang, was ich insofern interessant finde, als dass den Lesern damit etwas Einblick in die Machenschaften und Strukturen der Gegenseite geboten wird, und ich sehe durchaus Potenzial in Svens Charakter, aber zurzeit ist es eben nur das: Potenzial.

 

Damit komme ich zum letzten Punkt, der mir während der ersten zwei Bände so viel Freude bereitet und der im dritten Buch nachgelassen hat: die Welt.

In der „Schlafenden Mutter“ ist sie wieder ebenso faszinierend wie in ihren Anfängen; besonders hervorheben möchte ich die Drachen, aber auch der erste Stamm des Dschungels, dem die Gefährten über den Weg laufen. Das sind freilich nicht die einzigen beiden Glanzmomente, aber ich finde es beachtlich, dass Torsten Weitze ausgeleierte, oft benutzte Fantasykonzepte wie Elfen, Zwerge und Drachen hernehmen und ihnen neue Eigenheiten geben kann, die sie zu etwas Besonderem machen.

 

 

„Die Schlafende Mutter“ rehabilitiert die Reihe in meinen Augen vollkommen und ich kann guten Gewissens eine Leseempfehlung für sie aussprechen. Es mag sein, dass viele der Aspekte eher okay als hervorragend sind, aber der Roman bereitet einem dennoch viel Freude und hat herausragenden Weltenbau als Kirsche obendrauf zu bieten.

Details zum Roman:

Titel: Die Schlafende Mutter: Der dreizehnte Paladin

Autor: Torsten Weitze

Veröffentlicht über: Amazon Selfpublishing

Erscheinungsjahr: 2018

ISBN: 9781983109614

Genre: High-Fantasy

Preis: 15,99€ (s. Datum)

Seiten: 424

Reihe: ja, Band 4 von 13 (s. Datum)

Bewertung: 3,5 von 5 Sternen (s. Datum)

 

Stand: 05.07.2018