Nafishur: Praeludium Dariel (Mary Cronos) | 29. RW

Stufe 3: Viele Spoiler
Stufe 3: Viele Spoiler

Warum lese ich überhaupt Selfpublisher? Es ist ja nicht so, dass die Mindeststandards (Korrektorat) häufig erfüllt wären. Auch wenn die Geschichten im Schnitt mit Verlagstiteln mithalten könnten.

Einer der Gründe: Im Selfpublishing trägt man selbst jedes (finanzielle) Risiko. Womit Tür und Tor für kreative Menschen geöffnet sind, die etwas Neues oder Unübliches ausprobieren wollen, vor dem ein zwingend auf Gewinn angewiesenes Unternehmen vielleicht zurückschrecken würde.

 

Dariel ist ein Vampirjäger, der eines schönen Abends zum Vampir wird. Weil er nicht so recht weiß, was er daraufhin machen soll, schließt er sich seiner Schöpferin an und wird während der nächsten vierhundert Seiten von ihr emotional manipuliert und sexuell belästigt. Neben seiner persönlichen Krise, dass er zu genau dem geworden ist, das er vor Tagen noch mit ganzem Herzen gehasst hat, passiert nicht sehr viel.

 

Bedauerlicherweise folgt das altbekannte Mantra: Da kein Korrektorat vorhanden ist, ziehe ich einen Stern von der Gesamtwertung ab. Besonders negativ hervorgehoben seien hier Satzzeichen. Alle.

 

Nun gut, aber ein schlechtes Korrektorat bedeutet noch lange nicht einen schlechten Schreibstil. Wie sieht’s also mit den Beschreibungen aus?

Handlungen: Grüner Bereich. Ich komme mit den Handlungen der Charaktere mit.

Umgebungen? Grüner Bereich. Ich habe ein Bild davon, wie das jeweilige Setting aussieht.

Emotionen? Ha. Haha. Ja.

Sämtliche emotionale Szenen funktionieren nicht. Das mag daran liegen, dass die Gefühle der Charaktere teils sehr sprunghaft sind – ohne guten Grund, wohlgemerkt –, es könnte an meiner besonders liebevollen Beziehung zu ihnen liegen, oder einfach am Schreibstil. Nicht wenige Szenen können sich nicht entfalten, weil sie eine Spur zu schnell abgehandelt werden und der Plot lieber voranhetzt, als noch ein wenig zu verweilen.

Hinzu kommt genau jene Form von Melodramatik, die ich besonders verabscheue. Freilich ist das reine Geschmackssache – willkommen zum Format einer Rezension! –, doch wenn Logik, Kontinuität und Realismus gespreiztem Gesülze geopfert werden, sehe ich für das Buch schwarz.

Womit ich zu zwei sehr großen Kritikpunkten komme. Der weniger gewichtige: Die Charaktere sprechen Französisch, das Buch ist auf Deutsch verfasst und „übersetzt“ dem Leser damit die Gedanken und Gespräche. So weit, so gut. Aus einem mir unerfindlichen Grund sind trotzdem noch französische Wörter und Phrasen vorhanden. Was ich besonders lustig finde, denn ich kann kein Wort Französisch.

Das wesentlich größere Problem ist etwas, das man auf unnötig kompliziert „modal mündlich“ nennen würde. Obwohl der Text schriftlich festgehalten ist, wird mündliche Rede imitiert. Für gewöhnlich nichts Schlechtes, zumindest nicht in Dialogen oder bei einem Ich-Erzähler, wie Dariel einer ist. Die Dosis macht halt das Gift.

Stellenweise liest sich der Roman wie ein stereotyp-wütender Facebookpost oder besoffen abgesendeter Tweet. Besonders schlimm ist das während der emotionalen Szenen, während derer Dariel aufgebracht ist – nur eben nicht auf literarisch kunstvolle Weise, sondern auf die, wegen der ich in meiner Freizeit Romane statt Chatverläufe von Jugendlichen lese. Das hat auch den netten Nebeneffekt, dass Dariel deutlich idiotischer rüberkommt, als seine Handlungen bedingen.

Zum Schluss dieses Unterpunkts noch ein Lob. Trotz all der bereits genannten Kritik und all der, die noch folgen wird, ist auf den Spannungsaufbau Verlass. Ich sympathisiere nicht mit den Charakteren, ich empfinde den Schreibstil als plump und anstrengend, und dennoch fiebere ich bei den Kämpfen mit. Hut ab.

 

Und gleich wieder auf, denn ich habe noch gar nicht erwähnt, dass der Prolog miserabel ist. Würde ich beim Anlesen des Buches vor dem Kauf den Prolog nicht immer überspringen, hätte ich „Nafishur“ nie gelesen. Am einfachsten lässt sich das beweisen, indem ich einfach das gesamt Ding hereinkopiere – da das aber aus offensichtlichen Gründen nicht okay ist:

„Beinahe bildete sich vor lauter Erleichterung ein Lächeln auf meinen bebenden Lippen.“ (Prolog, 2,1%)

Oh, schau, ein Adjektiv, das voll viel zur Stimmung beiträgt und ungefähr so auch in einer Parodie verwendet werden könnte.

„Dann spürte ich etwas Nasses auf meinem Gesicht. Regen? Non … Tränen.“ (Prolog, 2,4%)

Herrgott nochmal, ich sollte jetzt mit der Frau mitfiebern, die gerade ihren Mann sterben sieht, und mir nicht „Oh Gott“ wegen der Formulierungen denken!

 

Der Prolog geht noch ein ganzes Stück weiter, aber dafür fühle ich mich heute nicht masochistisch genug. Also ein paar kleinere Anmerkungen, bevor ich zu einem weiteren schwarzen Loch der Lesefreude komme.

„Artemis“ ist der Name einer Göttin. Man beachte das Femininum.

Dariel hat ein nettes Tattoo auf dem Rücken, das das Zeichen seiner Geheimorganisation ist (laut seinen eigenen Angaben). Nun hat Mary Cronos in einem der QR-Codes durchklingen lassen, dass das Tattoo noch ein paar Geheimnissen als Stütze dient, aber in Bezug auf den Wissensstand, auf dem ich und Dariel derzeit sind: Das ist dämlich. Es ist nicht nur dämlich, es ist ernsthaft bescheuert. Tattoos oder Ähnliches als Erkennungsmerkmal von Geheimorganisationen ist eine dieser Sachen, die in Literatur und Film cool klingen, aber unfassbar unpraktisch sind. Du willst wissen, ob der Kerl den Illuminati angehört? Such einfach nach dem gottverdammten Tattoo und du hast ohne Zweifel deine Antwort.

Sechzig Seiten vor Ende des Buches gibt es einen Infodump. Wollte ich nur mal angemerkt haben.

Irgendwann während dieser knapp vierhundert Seiten wird Dariel von einer Ärztin gefangen gehalten, die weiß, dass er ein Vampir ist, ihn mit Silberfesseln fixiert und ihm eine Bluttransfusion gibt. Er entkommt, trifft Ginga, sie sieht die Verätzungen des Silbers und fragt schockiert, was denn passiert sei. Dann müssen sie zusammen vom Gelände fliehen. Ich war damals ganz aufgeregt, weil ich geglaubt habe, dass jetzt endlich der Plot losgeht.

Oh, unschuldiges Vergangenheits-Ich. Nein, die ganze Sache wird nie wieder angesprochen. Sie hat keinerlei Konsequenzen. Dariel vergisst sie quasi sofort, nachdem sie entkommen sind, und Ginga scheint sich auch nicht mehr darum zu kümmern. Ich bin mir sicher, in den x geplanten Büchern wird das schon noch aufgegriffen werden, aber derzeit wirkt es so, als wäre eine mittelschwere Katastrophe für den Protagonisten abgewendet worden – und dann von der Autorin vergessen worden.

 

Womit ich beim nächsten längeren Rant bin: Der Beziehung zwischen Ginga und Dariel.

Hier ein skizzenhafter Abriss: Ginga verhält sich wie ein Arsch. Dariel ist von Ginga abhängig. Offenbar ist es Teil des Schöpferprozesses, dass der Jungvampir Gefühle für seine Schöpferin entwickelt (würde ich zumindest aufgrund einiger Aussagen aus dem Prolog schließen). Gleichzeitig besitzt der Jungvampir aber noch ein eigenständiges Denken, und Dariel möchte eigentlich nichts mit Ginga zu tun haben, erst recht nichts Sexuelles. Also macht Ginga das einzig Vernünftige und reizt seine „Reflexe“, über sie herzufallen, während Dariel sich phasenweise (innerhalb weniger Sekunden) davon angeekelt fühlt, dagegen gedanklich ankämpft und Ginga mehrfach und unzweideutig mitteilt, dass er von ihr in Ruhe gelassen werden möchte.

Ich könnte gerade ein gewisses Buch an die Wand werfen, aber da es auf meinem E-Reader ist, lasse ich das mal. Muss ich ernsthaft erklären, warum mir jede einzelne Szene mit Ginga enorm gegen den Strich geht? Zumal sie, soweit ich das aus dem Roman und einzelnen Materialien auf Cronos‘ Webseite ablesen kann, als normale, liebenswürdige Semi-Protagonistin angesehen wird, deren Verhalten absolut und in keiner Weise problematisch ist, weil halt.

Ich gebe zu, ich selbst schreibe fast nie Liebesgeschichten, einfach weil sie mich nicht interessieren und mich beim Lesen langweilen. Aber ich verstehe nicht, was daran so schwierig ist, entweder eine normale, halbwegs gesunde Beziehung zu beschreiben, oder die ungesunde Beziehung als solche zu erkennen und zumindest ansatzweise im Text zu reflektieren.

(Sollte sich irgendjemand fragen, warum ich mit der oben beschriebenen Konstellation so große Probleme habe: Vertauscht mal probehalber die Geschlechter.)

 

Ich bleibe gleich bei Ginga. Als eine des unheiligen Trios Dariel – Ginga – Chara gehört sie bedauerlicherweise zu den Figuren, die ständig auftauchen. Wie bereits erläutert kann ich sie nicht leiden. Sie empfindet es als lustig, Dariel ohne Vorwarnung zu attackieren, und scheint nur eingeschränkt moralische Probleme mit Mord zu haben. Ich kann sie nicht ausstehen und wünsche mir, dass sie nie in ihre literarische Existenz gekommen wäre.

Dariel soll wohl von seinem inneren Konflikt getrieben werden – woran nichts auszusetzen wäre, wäre er gut umgesetzt worden. Stattdessen steckt der Leser im Kopf dieses Ich-Erzählers fest und muss sich kapitelweise immer wieder dasselbe anhören: Ich bin ein Jäger! Ich hab Lust auf Blut! Aber jetzt bin ich die Beute! Ich hab Lust auf Blut! Ich sollte nicht existieren! Ich hab Lust auf Blut! Aber ich mag es, zu existieren! Ich hab Lust auf Blut!

Außerdem ist er nicht der Schlauste. Ich würde sogar soweit gehen zu behaupten, dass er relativ dumm ist. Kleines Beispiel? Er kann schneller rennen als jeder Mensch. Er wird von Menschen verfolgt. Er rennt nicht, sondern probiert sich an irgendwelchen Maskeraden – und das nicht, weil er die Gefahr liebt und sich unterhalten will oder dergleichen, sondern weil er halt nicht besonders schlau ist.

Chara wird kaum charakterisiert, spielt aber auch kaum eine Rolle, weswegen ich wohl noch die wenigsten Probleme mit ihr habe. Dafür hat sie ihr eigenes Buch bekommen.

Es gibt übrigens einen Charakter, der mit Nachnamen Chronos heißt. Die Autorin nennt sich Cronos. Bei einem besseren Buch würde ich auf eine Herausgeberfiktion hoffen.

 

Als letzte Kritik muss ich das Thema Blut, Narben und SVV ansprechen. Wer von nichts davon etwas wissen will, sollte einen großen Bogen um dieses Buch machen. Dariels Hunger nach Blut ist höchst repetitiv und liest sich an einigen Stellen wie schlechte Erotik, nur mit Blut im Fokus, Narben kommen auch einige vor, und die Charaktere verletzen sich gerne selbst, um Probleme zu lösen (keine psychischen, selbstverständlich).

 

Womit ich bei meinem Schlussplädoyer wäre. Und das lautet wie folgt: Es tut mir wirklich leid, dass ich dieses Buch nicht nur nicht mochte, sondern auch noch aktiv hasse. Das Konzept hinter der Nafishur-Reihe ist eines, das ich bisher noch nicht gesehen habe, und das Kreativität nur so schreit: Jedes Buch wird aus zwei Perspektiven erzählt, sodass es zwei Versionen desselben Buches gibt, und das über alle wieviele-auch-immer-geplanten Bände. Im Buch finden sich QR-Codes, die zu kleinen Extras auf Cronos‘ Webseite führen, die die Geschichte nicht nur noch etwas ergänzen, sondern auch klar machen: Das hier ist ein Herzensprojekt.

Das Cover ist wunderschön, die kleinen Graphiken im Buch selbst (zu Kapitelanfang) sind ebenfalls nett, und sämtliches graphisches Begleitmaterial, die Skizzen und Zeichnungen und Bildaufnahmen, sind alle hervorragend gelungen.

 

Das ändert aber nichts daran, dass der Inhalt enorm mangelhaft ist. Der Schreibstil entspricht dem eines Anfängers, die Charaktere schwanken zwischen Idiot- und Arschlochmodus, und alle guten Ansätze, die vorhanden sind – das Konzept der Reihe, der innere Konflikt Dariels, die verschiedenen phantastischen Wesen –, werden von der Inkompetenz überschattet, die das ganze Buch prägt. Das einzige, das neben dem Graphischen besonders hervorsticht, ist die Spannung – und die Tatsache, dass das hier ein Debütroman ist, soweit ich es verstanden habe. Mit etwas Übung und einem de facto vorhandenen Korrektorat lässt sich sicher noch viel hervorholen.

Details zum Roman:

Titel: Nafishur: Praeludium Dariel

Autor: Mary Cronos

Veröffentlicht über: Books on Demand

Erscheinungsjahr: 2018

ISBN: 9783748114031

Genre: Fantasy

Preis: 2,99€ (s. Datum)

Seiten: 373

Reihe: 1 von ? (s. Datum)

Bewertung: 1 von 5 Sternen (s. Datum)

Stand: 08.12.2019