Die Partie der Sterne (Paul Tobias Dahlmann) | 25. RW

Das Universum ist alles andere als leer und es gibt sehr viele intelligente Lebewesen und Zivilisationen in ihm. Außerdem gibt es zwei Tendenzen der Realität: die Ordnung, die aktuell dominiert, und die Phantasie. Beide treffen aufeinander und lösen ein Gefecht aus, das bestimmen wird, welche der beiden Seiten die Oberhand bekommt.

 

 

 

Das erste, das ich sagen muss: „Die Partie der Sterne“ ist so ungefähr die Antithese zur Konvention. Das zweite, das ich sagen muss: Korrektorat und Lektorat hätten trotzdem nicht geschadet. Für die ganzen Rechtschreib-, Grammatik- und Beistrichfehler ziehe ich einen Stern von der Gesamtwertung ab.

 

Dass es sich bei diesem Science-Fiction-Roman nicht gerade um ein 08/15-Gebräu handelt, wird recht schnell klar und ist bereits am Schreibstil erkennbar. Er weist Merkmale auf, die oft bei Anfängern vorkommen: Füllwörter, Stilblüten, und die vielen Adjektive mag manch einer ebenfalls als inkompetenten Stil ansehen. Die Distanz zu den Charakteren ist zu jedem Zeitpunkt sehr groß – darauf komme ich noch einmal zu sprechen –, und insbesondere die Umgebungsbeschreibungen sind unterentwickelt, mal deutlicher, mal weniger.

 

Das herausragendste Merkmal sind aber die vielen (oft technischen) Erklärungen, die das Buch alles andere als leicht zu lesen machen. Hinzu kommt, dass diese Erklärungen für diverse Phänomene zwar in realen Wissenschaften ihren Anfang genommen haben mögen, aber sie wurden so sehr verzerrt, um die Erfindungen zu rechtfertigen, dass sie kaum Sinn ergeben.

 

Zugegebenermaßen kann ich das nicht für die physikalischen Ausführungen bezeugen, da ich keine Ahnung von Physik habe, aber ich habe eine Ahnung von Biologie, und die zwei, drei Ausführungen in diese Richtung, zum Beispiel die Halbtoten, haben plausibel angefangen, sind aber rasch davon abgedriftet. Deswegen vermute ich, dass das auch auf die anderen Erklärungen zutrifft.

 

Meine Version des Covers für "Der Krieg der Sterne".
Lasset euch nicht verwirren, das ist nicht das echte Cover, sondern meine Version davon. Was soll ich machen, mir wird auch mal langweilig.

Es dauert ziemlich lange, bis die eigentliche Handlung beginnt – was daran liegt, dass diese auf einem real existierenden Schachspiel basiert, worauf auch im Nachwort eingegangen wird. Die Bewegungen der beiden Flotten ahmen die dieser Partie nach. Hin und wieder ist das gut umgesetzt – beispielweise das Schach –, meistens aber ergibt es nicht viel Sinn und wird durch technisches Gebrabbel oder  „Schicksal!“ gerechtfertigt. Es ist beispielweise bescheuert, dass die beiden Spieler nur je 16 Schiffe in eine Schlacht schicken, die über die Ausrichtung des Universums bestimmt.

 

Die gesamte Handlung ist dementsprechend skurril, was sich gegen Ende ein wenig aufgelöst wird, und damit schwer vorhersehbar. Im ersten Drittel des Spiels wirkt die Handlung reaktionär – eben Zug um Zug, jeder wartet brav, bis der andere seine Entscheidung getroffen hat, und reagiert dann auf die. Nach dieser Anfangsphase wird dieses System zugunsten eines chaotischeren (und damit realistischeren) aufgelöst, das dennoch den Zügen aus der realen Partie entspricht, was ich sehr gelungen finde.

 

 

 

Weniger gelungen sind sämtliche Charaktere, zumal sich das Buch nicht um sie, sondern um die Schlacht dreht. Es gibt ausgesprochen viele – mindestens 34 sind es sicher –, plus den Zuschauern, die quasi Pro- und Epilog bilden. Von den ganzen Charakteren tun sich drei bis fünf als zentralere heraus: die beiden Spieler, einmal der Tyrann auf der chaotischen, einmal der Dachs auf der geordneten Seite; die beiden „Könige“, also der … ähm, Pharao, glaube ich, der für das Chaos spielt, und der Präsident, der für die Ordnung spielt, und dann noch der eine Kerl, der am Ende seiner Welt eine neue Energiequelle zukommen lassen soll.

 

Insbesondere der Präsident wird als besonders abstoßend charakterisiert, zusammen mit seinem restlichen Team, das im Übrigen für den weißen Spieler steht.

 

Mit dieser Gut-Böse-Einteilung habe ich ein Problem. Das liegt vor allem an den Eigenschaften, die der weißen, also bösen Seite zugeschrieben werden. Neben verwerflichen Dingen wie Sexismus und Rassismus finden sich auch ein paar Aspekte, von denen ich sehr hoffe, dass sie nur zufälligerweise ausschließlich bei den Bösen zu finden sind, darunter einen schwulen Charakter und einen Charakter, der transgender ist.

 

Ein weiteres Problem habe ich damit, dass die Guten ein Feudalsystem haben, die Bösen eine Demokratie, die als „konservativ-liberal“ beschrieben wird. Ich muss zugeben, die entsprechende Debatte zu Beginn des Buches war so umständlich formuliert, dass ich mir nichts daraus mitnehmen konnte, aber genau das ist der Punkt. Ich empfinde Demokratie nicht als ein perfektes System, und diese Version ist sicher keine gelungene, aber in Anbetracht der aktuellen politischen Lage bin ich kein großer Freund davon, Feudalsysteme als die Antwort auf diese Probleme darzustellen.

 

Hinzu kommt dieses liberal-konservativ. Ich habe noch immer nicht begriffen, was es damit auf sich haben soll, da das einzige, das mir an dieser Demokratie liberal vorkommt, die Akzeptanz von Schwulen und Transgender-Personen ist, aber alles andere schreit Illiberalität.

 

Das soll nicht heißen, dass ich alle gesellschaftskritischen Punkte dieses Romans verabscheue, aber diese hier sind mir zuwider. Ebenso dass auf beiden Seiten recht viel Sexualisierung stattfindet, wobei sie auf der weißen Seite überwiegt, und die Spieler recht gewalttätig sind – und damit meine ich nicht die Schlachten, sondern die Interaktionen zwischen Verbündeten.

 

Des Weiteren ist das Feudalsystem, das die schwarze Seite prägt, ein derart liberales, dass es durchaus Parallelen zur Demokratie hat – etwas, auf das auch die Charaktere im Buch selber hinweisen. Die Erklärung, warum das etwas vollkommen anderes ist, kann ich so halb abkaufen. Die Demokratiesache ist nicht die einzige, bei der sich die beiden Seiten, die spiegelverkehrt zueinander sein sollen, ähneln – gut möglich, dass das beabsichtigt ist, aber sicher bin ich mir nicht.

 

Zuletzt noch etwas Positives: Mir haben die Zuschauer sehr gut gefallen. Das ganze Buch strotzt vor Kreativität, und das merkt man insbesondere am Anfang und am Ende.

 

 

 

Ich habe keine Ahnung, ob ich „Die Partie der Sterne“ empfehlen kann oder wem ich sie empfehlen kann. Es ist ein sehr unkonventionelles Buch, aber auch ein sehr schräges, und nicht immer auf die gute Weise. Ich habe einige Probleme mit den ethischen Implikationen, wohingegen ich die Kreativität beachtenswert finde.

 

Wer sein Glück mal mit diesem Roman versuchen will, sollte nicht davor zurückschrecken, aber Perfektion oder einfache Lektüre sollten nicht erwartet werden.

 

Details zum Roman:

 

Titel: Die Partie der Sterne

 

Autor: Paul Tobias Dahlmann

 

Veröffentlicht über: neobooks

 

Erscheinungsjahr: 2018

 

ISBN: 9783742718488

 

Genre: Science-Fiction

 

Preis: 7,99€ (s. Datum)

 

Seiten: 303

 

Reihe: nein* (s. Datum)

 

Bewertung: 2 von 5 Sternen (s. Datum)

 

Stand: 16.02.2019

 

 

 

Offenbar handelt es sich um eine Fortsetzung zu dem Buch „Der Flug des Kometen“, aber ich vermute, dass es nur eine lose Weiterführung ist. Kenntnis des ersten Bandes ist jedenfalls nicht notwendig.