Ein RPG macht noch keinen Roman: Erfahrungen mit 4thewords

Wer an längeren Projekten schreibt, wird früher oder später in eine kleine Flaute kommen: Die Ideen sind vielleicht da, man sieht die Geschichte vor sich, aber die Motivation, sich endlich hinzusetzen und zu tippen, ist nicht vorhanden. Dagegen soll 4thewords.com helfen.

 

 

Vorab solltet ihr die Rahmenbedingungen kennen, unter denen ich diesen Text schreibe und die Seite probiert habe: Ich habe sie für mein Romanprojekt genutzt, also für einen fiktionalen Text. Außerdem habe ich lediglich die dreißig Tage, die gratis waren, in Anspruch genommen.

 

Was genau ist 4thewords?

Bei der Seite handelt es sich um ein Online-Spiel, bei dem ihr Monster besiegen könnt, indem ihr Wörter schreibt. Sie ist wie ein RPG aufgebaut: Ihr erstellt euren Charakter und beginnt eure Reise ins Abenteuer. Dabei ist die Seite grundsätzlich in die drei Teile Spielen, Lesen und Schreiben gegliedert – ich werde nicht auf die Seite Lesen eingehen, da ich sie nicht genutzt habe; meines Eindrucks nach handelt es sich dabei um eine Schreibplattform ähnlich wie Wattpad oder StoryHub.

 

Der Texteditor

Im Großen und Ganzen ist er solide und tut seinen Job. Ich habe hauptsächlich die Funktion kursiv benutzt, wenn ich überhaupt vom Standard abgekommen bin, aber er kann den Text auch auf andere Art bearbeiten – beispielweise sind Listen möglich. Die Kursivschrift jedoch ist etwas umständlich zu handhaben; im Gegensatz zu MS Word kann man nicht durch eine simple Tastenkombination in diese Schrift wechseln und muss stattdessen auf das Icon klicken. Das allein wäre lediglich nervig; hinzu kommt noch, dass auf einige der Klicks nicht reagiert wird. So muss ich den Zeiger, sobald ich in die Schrift gewechselt bin, vom Icon wegziehen und kann erst dann wieder auf ihn klicken, sonst wird der Befehl öfters nicht angenommen.

Das mag wie eine Kleinigkeit wirken, und abhängig davon, wie häufig man diese Klicks braucht, mag es das auch sein, aber wenn man immer wieder mal beispielwiese Betonungen einbauen möchte, wird aus „suboptimal“ sehr schnell „nervtötend“.

 

Eine kleinere Kritik ist, dass die Anführungszeichen wie im Englischen gesetzt werden, also immer oben. Das kann man beispielweise in Word durch die Funktion „Ersetzen“ zwar schnell ausbessern, aber zu bemängeln ist es dennoch.

 

Das Spiel

Bevor ich zum eigentlichen Grund komme, weswegen ich die Seite ausprobiert habe – der Effekt auf die Motivation –, möchte ich auf den spielerischen Aspekt eingehen.

Vorneweg: Die Zeichnungen finde ich sehr schön. Man merkt, dass hier nicht am Geld gespart wurde.

Wie bereits angesprochen funktioniert das Spiel darüber, dass man Monster besiegt. Das muss man in einer gewissen Zeitspanne schaffen – was dazu führen soll, dass man sich wirklich hinsetzt und schriebt, auch wenn’s gerade etwas unangenehm ist. Meine größte Sorge war, dass die Zeit zu knapp gesetzt sein würde.

Ich kann aber guten Gewissens sagen, dass das nicht der Fall ist. Persönlich bin ich bei keinem der Monster auch nur ins Schwitzen gekommen – meine Geschwindigkeit variiert dabei von 300 bis 800 Wörter alle fünfzehn Minuten und mindestens alle dreißig Minuten lege ich eine etwas größere Pause ein. Dass die Zeit zu knapp ist, habe ich aber bei keiner Rezension lesen können.

Auch kann ich bestätigen, dass der motivationale Effekt definitiv da ist – auch wenn ich noch eine halbe Stunde Zeit habe, tippe ich wie wild auf meiner Tastatur, um auch ja rechtzeitig fertig zu werden. Irgendwann kommt ein kleines Tief und normalerweise würde ich jetzt aufhören, aber dann sehe ich auf den Lebensbalken des Monsters und die tickende Uhr und mache doch noch weiter. Das Tief geht vorüber und stattdessen kommt der Flow, und dann ist das Monster tot und der Flow noch da, und schon kämpfe ich gegen das nächste Monster, bei dem sich der Kreislauf fortsetzt, bis ich irgendwann wirklich zu müde bin.

Wie es sich für ein RPG gehört, gibt es natürlich auch Quests und Items, die man bezwingen/erhalten muss. Mich persönlich haben beide sehr angespornt, denn es sind beide Dinge, die mich dazu bringen, gegen ein Monster zu kämpfen, das diese Items hat, die ich brauche, oder das ich für die Quest besiegen muss. Und wenn der Kampf einmal angefangen hat, möchte ich ihn natürlich nicht verlieren, und mit ein wenig Glück komme ich in die Spirale, die ich im vorherigen Absatz beschrieben habe – und werde am Ende sogar noch mit einer erfüllten Quest belohnt.

Ganz ohne Kritik kommt 4thewords aber auch hier nicht weg. Ich weiß, es ist ein Online-Spiel, aber das macht das Problem nicht kleiner, dass man eine konstante Internetverbindung braucht, wenn man gegen die Monster kämpfen möchte. Schreiben geht meines Wissens nach auch offline, aber gespeichert wird, erneut, online in einer Cloud. Nun ist es bei mir nicht immer sicher, dass das Internet nicht mal mittendrin zusammenbricht und sich erst am nächsten Tage wie ein Zombie erhebt, was für das Spiel suboptimal ist. Eine Version, in der die Kämpfe und das Speichern auch lokal stattfinden können, wäre sehr gut; die Ergebnisse können ja nachträglich online gespeichert werden.

 

Und zuletzt ein ähnlicher Punkt: Ich kann zwar nicht beschwören, dass es nicht teilweise an meiner Internetverbindung lag, aber die Seite lädt nicht immer besonders flott. Dabei meine ich weniger die Startseite als diverse Unterseiten, beispielweise die für den Markt – den ich auch einige Zeit suchen musste, bevor ich ihn gefunden habe, aber das nur am Rande.

 

Bringt das jetzt etwas für die Schreibmotivation?

Jein.

Ausprobiert habe ich die Seite von etwa Mitte Februar 2018 bis Mitte März 2018. Sie hatte den Effekt, dass ich nach zweieinhalb Monaten Schreibpause die Arbeit am Manuskript fortgesetzt habe, was definitiv als erster Pluspunkt zu verzeichnen ist.

Mein Ziel vor 4thewords waren zu der Zeit etwa 500 Wörter am Tag zu schaffen – was ich seit mehreren Wochen zu genau null Prozent erreicht habe. Während der ersten sieben Tage habe ich jedoch knapp 20.000 Wörter geschrieben, was auf durchschnittlich mehr als 2.800/Tag raufkommt und eine enorme Leistung für meine Verhältnisse ist.

In der zweiten Woche habe ich 2.800 Wörter geschrieben, also durchschnittlich vierhundert am Tag. Die restlichen zwei Wochen, die mir noch zur Verfügung standen, habe ich nichts geschrieben. (Das kommt auf kein Wort pro Tag rauf.)

 

Was ich damit demonstrieren möchte: Wie die meisten Motivationshilfen ist auch 4thewords nicht für langfristige Hilfe geeignet. Kurzfristig bewirkt die Seite mittelgroße Wunder – sie hat mir einen enormen Boost gegeben, sodass ich die nächsten Monate über meine jeweiligen Schreibziele leicht erreichen konnte, aber inzwischen, im Mai 2018, ist auch dieser Effekt verschwunden. Länger als zwei Wochen ist die Motivation aber nicht geblieben und es ist erneut eine (diesmal „nur“ dreiwöchige) Schreibpause entstanden, was die Seite eigentlich verhindern sollte.

 

Kann ich 4thewords also empfehlen?

Persönlich hilft sie mir nicht, aber das heißt nicht zwingend, dass ich sie nicht empfehlen kann. Der enorme Motivationszuwachs während der ersten paar Tage sind viele Nerven wert – eine rare Währung im Marathon, den ein Romanprojekt darstellt. Darüber hinaus? Das muss jeder für sich selbst herausfinden.

 

Die Seite läuft technisch gesehen ziemlich gut, wenn auch die konstant benötigte Internetverbindung nervt, und man kann selbst entscheiden, wieviel man auf den Spielaspekt eingehen möchte. Hinzu kommt, dass während der Gratiszeit meines Wissens nach keine Funktionen nicht freigeschaltet sind – what you see is what you get. In meinem Fall ist das eine kurzfristige Hilfe, aber keine langfristige Lösung.