Die Saat des weißen Drachen (Uwe Eckardt | 28. RW)

Warnstufe 3: Viele Spoiler.
Warnstufe 3: Viele Spoiler.

Ich könnte mir große Teile der Rezension sparen und diesen Sammelband mit einem Wort beschreiben: Anfängerfehler. Darauf laufen die meisten Probleme in diesem Buch hinaus. Da ich mich aber gerne über schlechte Texte aufrege und hin und wieder etwas auf diesem Blog posten sollte, folgt nun eine wahrscheinlich zu ausführliche Analyse, warum diese Dilogie nicht funktioniert.

 

 

 

Nach einem Schlag auf den Kopf wacht Finn mit einer übernatürlich anmutenden Fähigkeit auf, die die Aufmerksamkeit einer Organisation auf sich zieht, die ihn prompt entführt und als Versuchskaninchen missbraucht. Zusammen mit vier anderen Gefangenen und seiner Entführerin gelingt Finn die Flucht – allerdings in eine andere Welt, in der es keine Elektrizität gibt und Drachen und Elfen nichts Ungewöhnliches sind.

 

Wenig überraschend hat „Die Saat des weißen Drachen“ nie ein Korrektorat aus der Nähe gesehen, weswegen ich einen Stern von der Gesamtwertung abziehe. Beliebte Fehlergruppen sind Beistriche, dass/das und fehlende Platzzeichen vor Ellipsen (…). Aber jetzt zum eigentlich interessanten Teil der Rezension.

 

 

 

Normalerweise würde ich an dieser Stelle über den Schreibstil herziehen – keine Sorge, das kommt noch –, aber dieses Mal habe ich derart große Probleme mit dem Aufbau der Geschichte, dass ich damit nicht bis zur Mitte meiner Rezension warten kann.

 

Meine Inhaltsangabe, die ihr oben gelesen habt, ähnelt dem Klappentext, der allerdings falsche Erwartungen weckt. Insbesondere der Satz „Einen Drachen auf seiner Seite zu haben, ist dabei schön und gut“ wirkt ein wenig so, als wäre das hier eine Geschichte vom Schlage „Eragon“, gemischt mit Portal Fantasy, da der Protagonist erst mal in die richtige Welt reisen muss, damit das „Abenteuer“ beginnen kann. (Finn hat übrigens nie wirklich einen „Drachen an seiner Seite“, da dieser Drache an Kens Seite steht und hin und wieder dessen Freunden hilft.)

 

Das ist aber bei Weitem nicht das größte Problem. Die ersten siebzig Seiten – rechnet man den Prolog weg, der ein klassisches Fantasyabenteuer verspricht –, beschäftigen sich in etwa so viel mit Drachen wie mit molekularbiologisch versierten Journalisten. Stattdessen befindet sich der Protagonist Finn im Deutschland der Gegenwart, bekommt einen Stein auf den Kopf geschlagen, wacht aus einem Koma auf, macht Spaziergänge, nimmt die Post entgegen. Nachdem das erledigt ist, wird er entführt – allerdings nicht in eine andere Welt, sondern auf eine asiatische Insel, wo er weitere besonders Begabte kennen lernt (zwei junge Männer und ein präpubertäres Mädchen, und ja, darauf komme ich zurück), einen neuen Haarschnitt bekommt, und dann endlich das Portal zur anderen Welt öffnet.

 

Diese ersten siebzig Seiten stehen vom Setting und der gesamten Atmosphäre her in einem derartigen Kontrast zum Rest der Geschichte, dass ich mich ab etwa Seite 30 gefragt habe, ob ich überhaupt das richtige Buch lese. Ja, die Geschichte muss irgendwo anfangen, und es gibt einzelne gelungene Szenen in diesen ersten siebzig Seiten, aber sie sind keine High-Fantasy, wie der Klappentext verspricht, sondern bestenfalls ein Jugendroman mit paranormalen Elementen.

 

Dabei hätte man sich den Kontrast zwischen diesen Anfangsszenen und der Fantasyversion unserer Welt zunutzemachen können: Finn integriert im Laufe des Buches immer mehr in diese andere Welt, und auch, wenn sein Vater (auf den ich noch genauer zu sprechen komme) hin und wieder eine Motivation für ihn darstellt, bestimmte Dinge zu tun oder nicht zu tun, so tritt dieser immer weiter in den Hintergrund und wird nur alle paar Dekaden Seiten alibimäßig angesprochen.

 

Die kontrastierenden Szenen hätten in Rückblenden verarbeitet werden können, die am Anfang gehäuft sind und mit Fortschreiten der Geschichte und Finns Entfremdung von seiner Heimatwelt seltener werden. Dann hätte man gleich in medias res starten können, also entweder beim Übergang oder direkt danach. In diesem Fall wäre der erste Eindruck beim Lesen „Fantasy“ gewesen, nicht „paranormaler Jugend- oder Gegenwartsroman“.

 

 

 

Das zweite große Problem beim Aufbau ist der des zweiten Teils. Die meisten Autoren hätten ihn wahrscheinlich ausgesprochen klassisch umgesetzt: Anfangsszenen, wechselnde Perspektiven der vier Protagonisten, Zusammenführung der Protagonisten gegen Ende des zweiten Akts, Klimax und Auflösung.

 

Nicht so Uwe Eckardt, der eindrücklich beweist, dass „anders“ nicht automatisch „besser“ ist. Nach der Anfangsszene erzählt er die Perspektive des ersten Charakters bis knapp vor der Zusammenführung, dann springt er in der Zeit zurück und erzählt aus der Perspektive des zweiten Charakters bis kurz vor der Zusammenführung, dann springt er in der Zeit zurück und erzählt aus der Perspektive des dritten Charakters bis kurz vor der Zusammenführung, dann springt er in der Zeit zurück und erzählt aus der Perspektive des vierten Charakters, dann gibt’s die Zusammenführung, den enttäuschenden Klimax und die Auflösung, und wenn ihr glaubt, dieser Satz war langweilig und repetitiv, dann habt ihr eine grobe Vorstellung davon, wie diese letzten 250 Seiten ausgesehen haben.

 

Wieso eine derart bescheuerte Herangehensweise gewählt wurde, kann ich mir beim besten Willen nicht erklären. Die Perspektiven dekcne immer wenige Stunden mehr ab als die vorherige, aber das war’s an Raffinesse. Um nur ein sehr grobes Problem dieser Strategie (nebst der Langeweile des Lesers, der für den Mist dreißig Euro gezahlt hat) zu erwähnen: Finn ist der vierte erzählende Charakter, der am Ende des dritten erzählenden Charakters kurz auftaucht. Er muss einige potenziell tödliche Prüfungen über sich ergehen lassen, um zu dem Zusammentreffen zu kommen. Da ich bereits weiß, dass er lebt - ich habe ihn ja am Ende der vorherigen Perspektive gesehen -, haben diese Szenen in etwa so viel Spannungspotenzial wie ein Kugelschreiber.

 

 

 

Die Struktur der Geschichte ist nicht das einzige, das im zweiten Teil deutlich an Qualität nachlässt. Normalerweise verhält es sich so, dass Autoren mit der Zeit dazulernen – gerade während der ersten Jahre muss man im Grunde nur weitertippen und es stellen sich allmählich Verbesserungen ein. Dass der zweite Teil einer Reihe nicht zwingend der stärkste sein muss, ist mir bewusst, aber einen derartigen Bruch in der Qualität habe ich bisher nur in der „Königin der Schatten“-Reihe gesehen, und das auch nur, weil ich während des ersten Teils halb geschlafen habe.

 

Offenbar wurde die Dilogie in ausgesprochen schnellem Tempo veröffentlicht: Band 1 kam 2017 heraus, Band 2 ebenfalls, und der Sammelband erst 2017, dann 2018 noch einmal. 2019 scheinen die Cover der beiden Einzelbücher überarbeitet worden zu sein, und ich habe eine Rezension aus dem Jahr 2018 gefunden, bei der die Seitenangabe des Sammelbands bei 620 liegt, nicht bei den 470 Seiten, die meine Auflage hat, von der behauptet wird, dass es die erste ist. Wie üblich habe ich unten festgehalten, welche Version ich konkret gelesen habe; sollte jemand meiner Rezension nicht zustimmen, lohnt es sich vielleicht, einen Blick darauf zu werfen.

 

 

 

Wie dem auch sei – ich war bei qualitativen Bauchplatschern. Der Schreibstil ist einer davon.

 

Zunächst – und damit meine ich hauptsächlich die ersten 200 Seiten – ist er nicht überragend, aber erträglich. Positiv anzumerken sind die Vergleiche, die ich als recht gelungen betrachte. Ansonsten ist er plump und mit den klassischen Anfängerfehlern behaftet: Wortwiederholungen, Füllwörter, unnatürlich klingende Dialoge und konsequentes Vorkauen und Wiederkäuen der Information, die der Leser eigentlich selbst schon begriffen hat, aber danke, dass es noch einmal erklärt wurde, ich hätte sonst nicht verstanden, dass diese offensichtliche Information vorhanden ist, danke nochmal. Und danke für die vorgegebene Interpretation, das erspart mir Denkarbeit, und Gott bewahre, dass ich beim Lesen den grauen Matsch zwischen meinen Ohren bemühen muss.

 

Hinzu kommen marginale Beschreibungen von so gut wie allem. Die Umgebungen werden hin und wieder näher beschrieben, an anderen Stellen habe ich nur ein grobes Bild von ihnen; die Handlungen sind nachvollziehbar geschildert, aber zu den zugrundeliegenden Motiven komme ich noch; die Atmosphäre ist während der überwiegenden Zeit nicht vorhanden und den Gefühlsbeschreibungen mangelt es an Tiefe. Insgesamt bleibt fast alles oberflächlich, ein Trend, der sich durch alle Bereiche dieses Texts zieht.

 

Dankenswerterweise kommt da der zweite Teil daher. Die Vergleiche werden blumig und schwülstig, die gesamte Handlung wird zum puren Pathos und der Leser wird mit Kalendersprüchen erfreut.

 

Die bemerkenswerteste Eigenschaft des Stils habe ich aber noch nicht erwähnt. Während des Lesens höchst dramatischer Dramaszenen sind meine Gedanken abgedriftet, ich habe den Faden verloren und an andere Dinge gedacht. Zunächst habe ich geglaubt, das liegt an meiner Müdigkeit, aber ich konnte theorielastige Fachtexte ohne Probleme verfolgen, ohne mich alle paar Seiten zusammenreißen zu müssen.

 

Ich konnte ein verdammtes Fachbuch besser lesen als diesen Roman.

 

Es ist schon länger her, dass ich ein Zitat in meine Rezension eingebunden habe, aber die Beschreibungen hier finde ich derart … bemerkenswert, dass ich sie euch nicht vorenthalten möchte:

 

»Aber egal, wir sind auf so etwas vorbereitet«, presste sie zwischen den Zähnen hervor.

 

»Niemand ist auf so was vorbereitet!«, schrie Ken aufgebracht, mit seinem dunklen, muskulösen Arm auf die schwarze Wolke aus Mayatan über der Stadt zeigend. (S. 261)

 

 

 

Das Wort „Struktur“ ist bereits einige Male gefallen, und ich habe trotzdem noch nicht alle Punkte aufgezeigt, die bei der „Saat des weißen Drachen“ in dieser Hinsicht nicht funktionieren. Selbst wenn ich den schlecht strukturierten Höhepunkt beiseitelasse, muss ich an dieser Stelle einen kleinen Exkurs mit dem Titel „Warum Texte korrekturgelesen werden sollten“ einfügen.

 

Warum Texte korrekturgelesen werden sollten

 

„Die Saat des weißen Drachen“ ist etwa 500 Seiten lang, und die Seiten sind recht voll beschrieben, weswegen davon auszugehen ist, dass die Normseitenzahl nicht unter 400 liegt. Anders gesagt: Das Ding ist für einen YA-Fantasyroman etwas länger, aber noch kein fetter Schinken. Nun ist aber schon der Entstehungsprozess von mageren Schinken kompliziert, vielschichtig und von diversen Revisionen geprägt: Szene A wurde vor drei Monaten verfasst, dann kam man drauf, dass sie nicht funktioniert, und schrieb sie zu Szene B um; Handlungsstrang A funktioniert so nicht, also muss man hier noch eine Szene C einfügen; der Leser hat eine bestimmte Information noch nicht, deswegen muss Szene H her.

 

Bei all diesem Rumgetippe kommt es zwangsläufig zu Flüchtigkeitsfehlern. Deswegen empfiehlt es sich – so als Daumenregel – das eigene Typoskript einmal durchzulesen. Besser mehrmals. Glücklicherweise fallen einem auch schon beim ersten Mal diverse Probleme auf.

 

Freundlicherweise hat sich „Die Saat des weißen Drachen“ als Beweisstück A für diesen wichtigen Prozess zur Verfügung gestellt. Man betrachte Seite 205: Sascha hat durch Recherchen in den Archiven in der Hauptstadt herausgefunden, dass die Fantasywelt unsere Welt als Gefängnis benutzt hat – deswegen kennen wir „Mantikoren“ auch als „Mantikoren“, „Vampire“ als „Vampire“ und so weiter. Die Wesen und einige Fantasymenschen wurden in unsere Welt verbannt, wo sich das Wissen um ihr Aussehen und ihre Namen verbreitete. Da sie inzwischen alle abgekratzt sind und keine neuen Portale zwischen den beiden Welten geöffnet werden können, sind sie nur noch Legenden. (Im Übrigen ein recht interessantes Konzept, wenn auch hier furchtbarst umgesetzt.) Sascha erklärt diese Erkenntnisse der versammelten Truppe, was Fin und den Doktor miteinschließt.

 

Auf Seite 223 fragt sich Fin, weswegen unsere Welt Fantasywesen wie Mantikoren und Vampire nicht nur kennt, sondern auch noch mit dem Namen, den sie in der Fantasywelt tragen. Schey, sein Love Interest, erklärt ihm daraufhin, dass unsere Welt als Gefängnis der Fantasywelt verwendet wurde, die Viecher aber inzwischen ausgestorben sind. Der Doktor bestätigt, dass das auch seine Theorie war (weil Hypothesen was für Anfänger sind, duh).

 

Exkurs Ende

 

 

 

Ebenfalls bemerkenswert ist der Monolog des Bösewichts während seiner Konfrontation. Es gibt schließlich keinen guten Grund, den Gegnern nicht zu erklären, wie er vierhundert Jahre in einer anderen Welt überlebt hat, und alle guten Bösewichte müssen den Protagonisten demonstrieren, wie überlegen sie ihnen sind. Hervorragende Charakterisierung, meine Damen und Herren.

 

Bevor ich wieder absatzlange Rants einbaue, hier eine Quick-Fire-Runde an Kritikpunkten: Aus irgendeinem Grund hat irgendein Volldepp geglaubt, es ist eine gute Idee, eine zu dem Zeitpunkt etwa Dreizehnjährige während eines Angriffs zu den Verletzten und Sterbenden zu bringen, was natürlich super für den Plot ist, sonst hätte man ihre Heilfähigkeiten nie entdeckt, denn es gibt bekanntlich keinen anderen Ort, an dem so etwas passieren könnte.

 

Gerlus, ein evilböser Regierungsmann, fordert Ken heraus, die Sprache der Fee zu erlernen, die Gerlus gefangen hält, und das vor mehreren hundert Leuten. Die Gefangennahem von Feen ist übrigens illegal, was ein Regierungsmann eigentlich wissen sollte, aber hey, wir brauchen noch einen generischen Bösewicht, sonst wird das hier noch etwas.

 

Aus einem mir unerfindlichen Grund ist die gesamte Truppe überzeugt, dass der Doktor unbedingt auf die Reise nach England mitkommen und sich dabei an Kens illegaler Befreiung beteiligen muss. Meine Frage: Warum? Der Kerl will eindeutig nicht mitkommen, das sagt er mehrmals, aber ihr zwingt ihn trotzdem dazu. In einem besser geschriebenen Buch wäre das ein potenziell tödlicher Fehler für unsere Lieblingsidioten.

 

Der zweite Teil wird höchst melodramatisch. Jeder möchte sofort nicht mehr weiterleben, wenn er mit seiner Turteltaube nicht mehr zusammen sein kann (beziehungsweise das für einige Sekunden glaubt, weil der betreffenden Person ihr Besitz von Plot Armour noch nicht aufgefallen ist), weil das machen Liebende doch so, oder? Oder?!

 

 

 

Quick-Fire-Ende, jetzt kommt der nächste Rant: die Tschumunga-Prüfungen. Wo fange ich an.

 

Die Tschumunga leben im Himalaya der Fantasywelt und sind im Grunde Zauberer-Yetis. Sie sind das definitiv nicht stereotype, sehr weise und naturverbundene Volk, das alles Leben wertschätzt, die Welt zurückgezogen beobachtet, hin und wieder Ratschläge gibt und eine höchst dramatische Vergangenheit hat. Im zweiten Teil muss Fin eine Reihe von Prüfungen bestehen, damit einer der Tschumungas ihn zurück zu seinen Freunden teleportiert.

 

Von der ersten Prüfung abgesehen sind alle potenziell tödlich. Du besitzt nicht genug magische Fähigkeiten, um dich zwölf Stunden lang am höchsten Ort der Welt am Leben zu erhalten? Pech gehabt. Du besitzt nicht genug Konzentration, dich aus irgendeiner gottverlassenen Höhle zurückzuteleportieren? Pech gehabt. Du stirbst im Kampf gegen eine Riesenratte? Pech gehabt.

 

Man behalte im Hinterkopf, dass die Tschumungas mehrmals betonen, dass ihnen alles Leben heilig ist. Und ja, es wird noch unsinniger.

 

Für die letzte Prüfung wird Fin in eine Höhle teleportiert, in der eine Riesenratte angekettet ist und ihn angreift. Er hat kaum Platz zum Ausweichen und dementsprechend nur wenige Handlungsoptionen. Zuerst will er die Ratte unter die Erde schicken (get it?), dann kommt er darauf, dass sie angekettet ist. Also teleportiert er sich zurück und hat damit die Prüfung bestanden. Er sollte lernen, alles Leben zu wertschätzen, insbesondere auch in Hinblick auf den finalen Antagonisten der Dilogie, Krotrok, der Finns Wissens nach seine Freunde teils ermordet, teils gefangen genommen hat.

 

Das erste Problem sollte bereits offensichtlich sein: Die Tschumungas wertschätzen alles Leben, finden es aber okay, eine Riesenratte zu misshandeln und anzuketten. Ich frage mich, seit wann diese Ratte in dieser Höhle steckt, denn die Prüfungen wurden sehr spontan organisiert. Halten die Tschumungas immer eine Ratte bereit? Oder wird rasch eine gefangen und so lange misshandelt, bis sie sich verhält wie im Buch beschrieben ?

 

Des Weiteren ist die Szene vollkommen witzlos und damit die gesamten gottverdammten Prüfungen (von denen wir bereits wissen, dass Fin sie überlebt, weil die Struktur dieses Teils die Brillanz einer Stubenfliege hat), denn ihr Sinn sollte sein, Fin davon zu überzeugen, dass alles Leben wertvoll ist, sogar das von genozidalen Verrückten. Was denkt sich Fin, kaum dass er die Prüfungen beendet hat? Man, jetzt kann ich endlich den genozidalen Verrückten umbringen, ist das nicht cool?

 

 

 

Eine weitere problematische Stelle ist der Epilog. Man könnte sich natürlich fragen: Der Epilog? Was kann jetzt noch großartig schiefgehen? Nun ja, die Auflösung des Vaterkonflikts, hauptsächlich.

 

Während des gesamten Romans wird hin und wieder daran erinnert, dass Fin eine enge Beziehung zu seinem Vater hat. Während der ersten siebzig Seiten wird sie gut aufgebaut, in den nachfolgenden vierhundert halb vergessen, auch wenn der Vater hin und wieder als Motivation für bestimmte Aktionen herhalten muss und einer der Gründe ist, weswegen Fin ursprünglich wieder in seine Welt zurück will.

 

Nach Fins Entführung erfährt er, dass seine Entführerin einen gefälschten Brief zurückgelassen hat, in dem „Fin“ behauptet, eine spontane Reise durch Europa zu unternehmen, weswegen die Polizei wahrscheinlich nicht nach ihm suchen wird. In Bezug auf seinen Vater ermöglicht das zwei Haltungen: Entweder sein alter Herr glaubt, dass sein Sohn ihn ohne Vorwarnung verlassen hat, nachdem er ihn beinahe ans Koma verloren hätte, oder er glaubt, dass seinem Sohn irgendetwas zugestoßen ist, was von Entführung bis Tod reichen kann. Im ersten Fall ist er auf Fin nicht gut zu sprechen, er könnte ihm auch gleichgültig gegenüberstehen – im zweiten Fall hat er sich damit abgefunden, ist daran zerbrochen oder hat noch immer Hoffnung auf Fins Rückkehr.

 

Insgesamt eine recht verzwickte Situation, denn Fin will am Ende des Buches nicht mehr in seine Welt zurückkehren, da er mit seiner neuen Freundin Schey den Rest seines Lebens in der Fantasywelt verbringen will (könnte auch was damit zu tun haben, dass er in der regulären Welt ein Typ ist, der gut Zahlenmengen erfassen kann und sonst nicht viel vorzuweisen hat, während er in der Fantasywelt einer der mächtigsten Zauberer aller Zeiten ist, wie er beweist, indem er das Portal reaktiviert). Er will seinen Vater also nur kurz mal besuchen, dann wieder zurückkehren; eventuell will er ihn ab jetzt regelmäßiger besuchen, wer weiß.

 

Die Sache ist nur: Fin verbringt keine einzige Sekunde damit, über die Konsequenzen nachzudenken, die sein vorübergehendes Zurückkommen für seinen Vater haben. Kann man den Konflikt mit einem guten Ende auflösen? Sicher. Aber ich finde es bescheuert, dass Fin nicht einmal auf die Idee kommt, sein Vater könnte sich inzwischen mit Fins Tod abgefunden haben, um nur ein Beispiel zu nennen. Nicht eine einzige gottverdammte Sekunde.

 

 

 

Das nächste große Problem ist das Verständnis von Wissenschaft sowie das konkrete Gedankenspiel, das dem Roman zugrunde liegt. Der Doktor – ich glaube, er heißt Edmundo – ist ein Doktor der Physik, der mehrere Jahre vor Beginn der Geschichte irgendwelche mathematischen Gleichungen, die auf die Möglichkeit eines Portals und die Existenz anderer Welten hinweisen, gefunden hat.

 

Dass der Doktor ebenfalls in Gefangenschaft endet, hat teils damit zu tun, dass seine Theorie von der wissenschaftlichen Gemeinschaft verlacht wurde. Damit habe ich zwei Probleme: Erstens ist so etwas in den Naturwissenschaften eine „Hypothese“, keine „Theorie“, da eine Theorie mehrere Hypothesen umfasst, die nach bestem Testen und Wissen korrekt sind, wie beispielweise die Evolutionstheorie. Zweitens passiert es zwar, dass in unserer Zeit als korrekt angesehens Wissen zunächst verlacht werden, nachdem sie erstmals vorgestellt wurden - das heißt aber nicht, dass sie nicht überprüft werden.

 

Das gilt insbesondere für etwas derart gut Nachprüfbares wie eine mathematische Aussage: Auch absurd klingende Hypothesen werden überprüft, in diesem Fall nachgerechnet, und wenn andere, obwohl sie sich nach Leibeskräften bemühen, die Hypothese nicht widerlegen können, entwickelt sie sich zum wissenschaftlichen Konsens. Sämtliche große Theorien (und auch alle kleineren) haben diesen Prozess durchlebt, und einige von ihnen waren beileibe nicht beliebt, als sie das erste Mal präsentiert wurden.

 

Zumal anzumerken ist, dass es bereits Hypothesen gibt, denen zufolge mehr als ein Universum existiert. Edmundos Hypothese wäre also nichts Herausragendes oder Neues, nur wäre sie mittels Rechnungen leicht widerlegbar.

 

Des Weiteren möchte ich darauf hinweisen, dass Physiker keine Biologen sind. Edmundo wird als Physiker bezeichnet, und er rechnet an Portalen herum, aber es wird nie erwähnt, dass er nebenher Zoologie studiert hat. Es ist vollkommen unsinnig, dass er aus einem Wulst an der Stirn eines Fisches schließen kann, dass dieser Fisch Sonar zur Orientierung verwendet, weil das erstens nicht einmal ein Zoologe mit Spezialisierung auf den entsprechenden Fachgebieten mit Sicherheit auf den ersten Blick sagen könnte (eine Sektion oder, wenn das Tier weiterhin leben soll, Experimente wären der nächste Schritt, um diese Hypothese zu überprüfen), und zweitens gibt es einen sehr großen Unterschied zwischen Quantenmechanik und Zoologie. Nicht dass spezifiziert wurde, auf welchen Teil der Physik sich Edmundo spezialisiert hat, aber das nur nebenbei.

 

Zurück zu seiner Hypothese: Diese besagt, dass es vier oder fünf Welten gibt, die unserer aufs Haar gleichen, außer dann, wenn sie das nicht tun. Im Grunde geht Edmundo von einem Determinismus aus, der dafür sorgt, dass Partikel immer dasselbe machen – außer dann, wenn sie in Lebewesen verbaut sind. Offenbar vermag sich bereits ein Einzeller über diese Bestimmung aller Partikel hinwegzusetzen, auch wenn das reichlich wenig Sinn ergibt. Wenn Partikel A mit Partikel B reagieren muss, weil das die Naturgesetzte so sagen, wieso sollte sich das ändern, sobald Partikel A und B in einer Zelle sind? Zellen bestehen ausschließlich aus Teilchen. Es gibt keine zusätzliche Essenz oder dergleichen, die eine Pflanze vor dem kosmischen Determinismus rettet.

 

Als letzter Unterpunkt dieses Kritikpakets sei noch die Elektrizität erwähnt, auf die ich später nochmal zurückkommen werde. Sie existiert in der Fantasyversion unserer Welt nicht, dennoch schleudert der Zwerg einen Blitz, nachdem er wütend wird. Weil cool, schätze ich.

 

 

 

Wir verlassen das Wirkungsgebiet der Logik und betreten das Reich der unterentwickelten Pappaufsteller, die sich Charaktere schimpfen. Die meisten könnte ich mit wenigen Sätzen abhandeln: Sie sind vollkommen ident, bis auf äußerliche Charakteristika. Man könnte Fins und Kens Namen austauschen und sie würden nicht out of character handeln, da sie keinen besitzen.

 

Die einzige Ausnahme unter den Protagonisten ist Sascha. Sie hat zwar auch nur zwei oder drei Eigenschaften, aber sie ist mit Abstand der am besten durchdachte und präsentierte Charakter. Sie ist nahezu normal unterdurchschnittlich. Und als Vampir taugt sie de facto etwas; diese Szenen waren noch halbwegs ertragbar.

 

Der ganze Rest – Fin, Edmundo, Ken, Emma (die Dreizehnjährige, mit der der etwa Zwanzigjährige Japaner in ein oder zwei Jahren etwas anfangen wird), in vielerlei Hinsicht auch Schey und ihre Mutter, sind ident bis beinahe ident. Wer sich wundert, warum ich nur „der Japaner“ hingeschrieben habe: Ich kann mich an seinen Namen nicht erinnern und „Japaner„ ist das Merkmal, das der Text am häufigsten an ihm hervorhebt, also bleibt er mir auch so in Erinnerung.

 

An der Stelle könnte ich wohl ein paar Worte zu Stereotypen verlieren, denn seine besondere Fähigkeit ist, dass er Bewegungsabläufe innerhalb von Minuten kopieren kann, indem er sie einfach nur sieht. Freilich scheint das einzig beim Kämpfen nützlich zu sein, sodass er der beste Kämpfer der Truppe ist. Er spricht außerdem sehr wenig. Wir haben also einen sehr fähigen, sehr schweigsamen Krieger, der zufälligerweise asiatischer Abstammung ist. Kreativ.

 

Es sei außerdem erwähnt, dass sich Emma einige Seiten nach dem Übergang in die Fantasywelt nicht mehr wie eine Dreizehnjährige verhält, sondern wie eine Sechzehnjährige. Während ich nicht verneinen werde, dass traumatische Erlebnisse den Reifungsprozess verändern können, bin ich mir dennoch sicher, dass diese Gleichsetzung von Trauma mit mehrjährigem Sprung in der geistigen Reife bescheuert ist. Wolfgang Hohlbein hat dasselbe mit seiner Protagonistin in „Die Töchter des Drachen“ gemacht, und dass mich „Die Saat des weißen Drachen“ an dieses Werk erinnert, ist nicht gerade ein Lob.

 

 

 

Die Antagonisten sind in etwa gleich schlimm wie die Protagonisten, denn sie sind ebenso charakterlos. Im Grunde gibt es drei: Tra’Mek, der Gegner des ersten Teils, der die Weltherrschaft an sich reißen möchte; der eine geldgeile Politiker, über den ich bereits oben geschrieben und soeben in zwei Wörtern lückenlos charakterisiert habe; und Krotrok, der Gegner des zweiten Teils, der die Weltherrschaft an sich reißen möchte.

 

Die beiden ursprünglich getrennten Teile direkt hintereinander zu lesen hat nicht gerade dabei geholfen, die beiden wichtigsten Antagonisten auseinanderzuhalten. Sie sind stereotype Bösewichte mit stereotypen Zielen und stereotyper Motivation, sollte die überhaupt erwähnt werden.

 

 

 

Apropos Motive: Das ist noch ein Aspekt, der furchtbar gehandhabt wird. Machtgier und Rücksichtslosigkeit könnte man als zwei zentrale Themen werten, die nicht nur die Antagonisten kennzeichnen, sondern auch Fin als Protagonisten ausgetrieben werden sollen – durch die Tschumungaprüfungen, was ja hervorragend klappt.

 

Nicht nur scheitert der Versuch der Kontrastierung – Fin, der mit seiner enormen Macht verantwortungsbewusst umgeht und das Leben respektiert, versus seine beiden Gegner, die das nicht tun – dadurch, dass Fins einzige Errungenschaft ist, nicht die Weltherrschaft an sich reißen zu wollen, sie wird auch noch recht oberflächlich gehandhabt. Es wird nicht weiter darauf eingegangen, wie dieser Prozess vom pflichtbewussten stereotypen Helden zum machtbesessenen stereotypen Bösewicht von sich geht, da Fin es hinbekommt, diese Wandlung innerhalb von Sekunden bei der Riesenratte durchzumachen, nur um sie gleich darauf wieder rückgängig zu machen. Es wird nicht erforscht, was Krotrok zu dem Monstrum gemacht hat, das er ist – wie eindimensional er auch sein mag –, und es wird nicht erforscht, was an Fin anders ist, dass er nicht ebenfalls mit Machtphantasien durch die Gegend läuft.

 

Zum Determinismus habe ich bereits einige Worte verloren, jetzt also auch zur Elektrizität, die es aus irgendeinem Grund in der Fantasywelt nicht gibt und funktionell durch Magie ersetzt wird. An sich ist auch das ein Konzept, das funktionieren kann – einziges Problem: Es wurde kaum durchdacht.

Es gibt keine Blitze bei Gewittern, deswegen können die Hyva (die Fantasymenschen Nummer eins) mit Wasserstoff betriebene Ballons relativ gefahrlos einsetzen. Cool. Gleichzeitig wirft der Roman durch Fin die Frage auf, wieso Nervenzellen noch funktionieren, die diese Sache mit unterschiedlicher elektrischer Ladung irgendwie schon brauchen. Nicht dass der Roman diese von ihm selbst aufgeworfene Frage je wieder anspricht, geschweige denn beantwortet.

 

 

 

„Die Saat des weißen Drachen“ ist das, was herauskommt, wenn ein neuer Autor zum ersten Mal eine Fantasy-Reihe schreibt. Sie ist stereotyp, die Konzepte kaum durchdacht, die Charaktere Pappaufsteller mit lustigen aufgemalten Smileys, die zentralen Themen werden nur oberflächlich behandelt, der Weltenbau ergibt keinen Sinn, der Schreibstil ist bestenfalls unterdurchschnittlich und das größte Lob, das ich den beiden Bänden aussprechen kann, ist dass der grobe Plot kein Trainwreck ist. Ich kann beim besten Willen nicht nachvollziehen, was an diesem Roman besonders sein soll, und kann ihn aus ganzem Herzen der Mülltonne empfehlen.

 

Details zum Roman:

Titel: Die Saat des weißen Drachen

Autor: Uwe Eckardt

Veröffentlicht über: Books on Demand

Erscheinungsjahr: 2018

ISBN: 978-94-6254-126-9

Genre: Fantasy

Preis: 30,80€ (s. Datum)

Seiten: 469

Reihe: Sammelband (s. Datum)

Bewertung: 1 von 5 Sternen (s. Datum)

Stand: 19.07.2019