Die Sprache der Zeit (Sven Urban) | 23. RW

Warnstufe 3: Viele Spoiler
Warnstufe 3: Viele Spoiler

Technisch gesehen ist dieser Roman zwar der Fantasy zuzurechnen, außerhalb meiner üblichen Lesegewohnheiten liegt er dennoch. Überzeugt hatte mich eine Liebe zum Detail, die ich sonst selten in Büchern finde.

 

 

Oskar ist Anwalt, Vater einer Tochter und seit neuestem offiziell geschieden. Grund für die Scheidung ist seiner Meinung nach, dass er und seine Frau sich auseinandergelebt haben. Seine Frau sieht als größtes Problem, dass er nur noch ans Geld denkt und nichts emotional an sich ranlässt – so auch die Scheidung nicht. Bis ein schräger Kauz namens Hermes, der ihm auf einem Flohmarkt ein Buch zusteckt, ihn in eine Bibliothek entführt, in der jedes Buch das Tor zu einer realen Geschichte ist.

Gleich zu Beginn ziehe ich einen Stern meiner ursprünglichen Wertung für die mangelhafte Grammatik ab, die sich gegen Ende häufen. Die meisten lassen sich drei Gruppen zuordnen: die fehlenden Beistriche vor Anreden („Bitte Papa!“ statt „Bitte, Papa!“ auf Seite 15; weitere Beispiele auf den Seiten 40 und 45), eine meiner Meinung nach unbegründete Großschreibung in einer direkten Rede („Ha Ha“ unter anderem auf den Seiten 42 und 117), und fehlende Platzzeichen vor Ellipsen („Oskar war sich sicher, dass die Kobolde in seinen Träumen nie derartig gekleidet gewesen waren…“, Seite 58; ähnlich noch einmal auf derselben Seite, außerdem auf den Seiten 69 und 80).

 

Eine gewisse Detailliebe kann ich dem Schreibstil nicht absprechen, was ich aber auch nicht will, denn in dieser Umsetzung sehe ich sie als Problem an. Es finden sich massenweise Füllwörter und Adjektive – ich vertrete zwar nicht die Meinung, Adjektive hätten nichts in einem guten Text verloren, aber ich bevorzuge Stile, bei denen sie als Ergänzung für Nomen und Verben gesehen werden, die über passende Konnotationen verfügen und so den Inhalt zu vermitteln mögen. Zusammen mit für meinen Geschmack zu viele Ausrufezeichen ergibt das einen pompösen Stil, der seine Inhalte in ausgesprochen viele Worte kleidet.

Positiv fallen die Gefühlsbeschreibungen auf, die zumindest gegen Ende ihre Emotionen auch zu mir bringen konnten, und sowohl die Beschreibungen der Umgebung als auch die der Handlung sind soweit in Ordnung. Der Roman lässt sich außerdem sehr schnell lesen. Ansonsten habe ich nur noch anzumerken, dass mir Hugos kindlicher Stil in seiner ersten Szene auf die Nerven ging, in der letzten finde ich ihn nicht mehr so schlimm.

 

Die Handlung ist gerade zu Beginn sehr episodenhaft aufgebaut – es gibt die Einleitung, dann die erste Reise in ein Buch, dann dackeln Oskar und Hermes ein wenig in der Bibliothek herum, noch eine Reise in ein Buch, noch mehr durch die Gegend dackeln, wobei das Dackeln als Bindeglied zwischen den eigentlich wichtigen Szenen fungiert und dementsprechend wenig zu bieten hat. Das ändert sich, sobald Avarit auftaucht und auch in diese Erzählebene etwas Schwung bringt.

Es ändert aber nichts an der grundsätzlichen Vorhersagbarkeit des Plots, die nur vereinzelt aussetzt. Oskars Charakterentwicklung ist von den ersten Seiten an absehbar; dass ihn jemand in den Büchern sehen kann, ist klar; dass der Schnitter noch eine Rolle spielen wird, ist klar; und so zieht sich das durch beinahe jeden Teil des Romans.

Zur Logik muss ich anmerken, dass die unklaren Regeln der Bibliothek noch absatzreiche Erörterung in dieser Rezension finden werden, aber ich belasse es an dieser Stelle bei einem simplen Beispiel: Wieso hält es Hermes zuerst für keine gute Idee, vor Avarit in ein Buch zu flüchten, nur um es dann später gleich zweimal zu tun?

 

Als klarer Protagonist steht Oskar dar, wenn er auch nicht als Held gesehen werden kann. Wie bereits geschrieben sind sein Charakterfehler und die Wendung, die er diesbezüglich hinlegen wird, von Anfang klar, und abgesehen davon finde ich nicht viel an ihm. Seine Geschichte ist zwar ausgearbeitet und es wurde solide Arbeit geleistet, aber er ist kein faszinierender oder übermäßig interessanter Charakter.

Hermes, der wohl die Rolle des „geheimen“ Helden übernehmen soll, war mir unsympathisch, kaum dass Oskar in der Bibliothek ankommt. Mit seiner Hintergrundgeschichte tun sich mehrere Fragen auf, auf die ich noch eingehen werde, aber es erklärt auch ein wenig sein Verhalten – oder auch nicht; wie gesagt, es sind einige Fragen offen geblieben. Unterm Strich passen mir seine unklaren Leistungsanforderungen und seine Selbstgefälligkeit ebenso wenig wie Oskars Fixierung auf Geld, nur dass Hermes keine Lektion lernt.

Zuletzt noch ein paar Worte zu Avarit, zu der gleich noch ein paar mehr Worte kommen werden. Sie ist eine Art Dämonin – ein besserer Begriff für sie wird im Buch nicht erwähnt – und scheint der Grund für Oskars Geldfixierung zu sein – oder auch nicht, wie gesagt, Fragen. Sie ist als Antagonistin nicht ausgearbeitet, hat keine bekannten Motive, was wieder vieles mit offenen Fragen zu tun hat, ist aber mächtig genug, um ein halbes Deus ex machina notwendig zu machen.

 

Bevor ich mich in den angekündigten Fragendschungel stürze, möchte ich zwei Dinge anmerken, die mit dem zentralen Problem der Bibliothek weniger zu tun haben. Erstens: Ich finde die Aufmachung der Bücher nett und wie sie in Verbindung mit den Szenen stehen, die sie beherbergen. Zweitens, und damit die Überleitung zum Hauptproblem: Wie kann Oskar in den Büchern etwas riechen, wenn alle Moleküle durch ihn hindurchtreten und ihn absolut nichts berühren kann?

Das Hauptproblem, wie hoffentlich ersichtlich wurde, liegt in den unklaren Regeln, nach denen diese Welt funktioniert. Die Sache mit dem Riechen ist dabei nur ein Kollateralschaden – das Epizentrum geht von den Gestalten aus, die ich an dieser Stelle kurz erläutern werde, womit ich hier das Ende der oben angegebenen Spoilerwarnstufe ausrufe. Wer das Buch selbst lesen möchte und sich was aus Spoilern macht, möge zum Fazit springen.

„Gestalten“, wie ich sie hier nennen werde, da „Die Sprache der Zeit“ wortwörtlich keinen besseren Begriff für sie kennt, scheinen allegorischen Charakter zu haben und mit ihm die Menschenleben zu beeinflussen, ohne dass diese etwas davon mitbekommen. Beispielweise wird lang anhaltende Liebe zwischen einem Paar durch einen Schmatzer eines alten Sacks hervorgerufen, große Trauer wird als halb verweste Krähen dargestellt, die sich auf der Schulter der trauernden Person niederlassen, und der Tod wird „Schnitter“ genannt, trägt einen Umhang mit Kapuze und besteht aus einer halb verrotteten Leiche, von der glücklicherweise nicht allzu viel zu sehen ist.

Der Punkt ist: All diese Wesen lösen bestimmte Emotionen in den Menschen aus, die sie berühren. Die Krähen die Trauer, der Schnitter den Tod (was zugegebenermaßen keine Emotion ist) und Avarit etwas, von dem ich mir nicht sicher bin; etwas zwischen Arbeitssucht und Geldsucht, glaube ich. Wobei gegen Geldsucht sprechen würde, dass Oskar absolut kein Problem damit hat, Geld für teure Gegenstände auszugeben oder es für seine Tochter rauszurücken, also weiß ich nicht so recht, was sie darstellen soll.

So weit, so gut. Problematisch wird die Sache mit dem halben Deus ex machina, das Oskar am Ende den Arsch rettet. Avarit hat sich in den Kopf gesetzt, dass sie ihn haben möchte – nein, ich weiß nicht, wie sich das konkret äußern würde oder woher sie weiß, dass sie ihn hat oder nicht hat. Deswegen verfolgt sie Oskar und Hermes auch durch die Bibliothek, und weil sie Oskars problematische Beziehung zu seiner Arbeit symbolisiert, ist sie der Endgegner, den er besiegen muss, um glücklich mit seiner Frau und seiner Tochter zusammenzuleben, bis alle Regenbögen kotzen.

Hermes gibt ihm den Rat an die Hand, dass nicht Avarit Oskar in der Hand hat, sondern umgekehrt. Dementsprechend besteht die Lösung daraus, dass er sie angreift, anstatt sich ihr zu ergeben – womit er den Kampf offenbar schon gewonnen hat, bevor er sie erreicht hat; der reine Angriff scheint den Spuk beendet zu haben.

Außerdem ist wissenswert, dass Hermes zufälligerweise genauso aussieht wie eine Puppe, die Oskars Tochter seit Neuestem hat und die sie anfleht, ihr ihren Papa zurückzubringen. Worum sich Hermes im Laufe des Buches redlich bemüht.

Mein Problem ist, dass die Beziehung zwischen den Gestalten und den Menschen widersprüchlich bis unerklärt ist – und „unerklärt“ meine ich hier nicht im Sinne von „im Dunkeln gelassen“, sondern im Sinne von „ich habe nicht das Gefühl, dass dafür überhaupt eine Erklärung existiert“.

Einerseits setzen all die wichtigen Wendepunkte in Oskars Leben erst ein, nachdem sich die jeweilige Gestalt eingemischt hat – der alte Kerl mit den Schmatzern, Avarit, die Krähen. Andererseits ist die Lösung des Problems, dass Menschen macht über Gestalten haben – er besiegt Avarit, indem er auf sie zu rennt mit der Absicht, sie anzugreifen, woraufhin er eine Art zweite Chance bekommt. Wenn die Menschen aber die Macht über Gestalten haben, wieso sind sie dann von ihrer Einmischung abhängig? Gäbe es auch Liebe, große Trauer und Arbeitssucht, wenn es die Gestalten nicht gäbe? Wieso machen die Gestalten das überhaupt? Brauchen sie es zum Überleben? Ist ihnen langweilig?

Und wenn die Gestalten den Menschen unterlegen sind, wieso gilt das nicht für – naja, alle Gestalten außer Avarit? Sie scheint schon zu existieren, bevor Oskar arbeitssüchtig wird, also hat er sie nicht geschaffen, was vielleicht seine Macht über sie erklären könnte. Über die Schnitter beispielweise hat er definitiv keine Macht, ebenso wenig wie irgendein anderer Mensch.

Zuletzt noch Hermes. Wie darf ich verstehen, dass er auch in Puppengestalt existiert? Er verhält sich nicht so, als hätte erst Oskars Tochter ihn durch ihre Wünsche und Sehnsucht zum Leben erweckt, also ist es einfach nur ein Zufall, dass sein Puppenkörper zu ihr gekommen ist? Wie entscheidet er, welchen Kindern er hilft und welchen nicht?

Hinzu kommt das Konzept der Bibliothek als Ganzes – die Schreiber halten die Zeit fest, und einer der Gründe, weswegen sich Oskar in den Büchern nicht von den Gestalten entdecken lassen soll, ist dass die Schreiber wirklich alles festhalten. Wenn also die Bücher verbrannt werden, verschwinden dann Teile der Realität? Verändert sich die Geschichte, wenn Oskar plötzlich in ihr auftaucht? Woher wissen die Schreiber, was sie zu schreiben haben? Wenn sie etwas nicht aufschreiben, ist es dann nicht passiert – wenn ja: Wie erklärt sich dann, dass Oskars Reise unbestritten ein Ding ist, und wenn nein: Was sollte dann Hermes‘ Kommentar und wozu schreiben sie überhaupt etwas auf?

Kurz gesagt: Ich kann mir denken, dass die Gestalten allegorisch für menschliche Empfindungen (und den Tod) sein sollen, aber wenn man sich schon die Mühe macht, sie zu visualisieren und ihnen ihre eigene Welt gibt, sollten sie in der Logik der Geschichte Sinn ergeben und nicht einfach nur als schmückendes Beiwerk existierten.

 

Zusammenfassend war „Die Sprache der Zeit“ eine okay-e Leseerfahrung. Der Roman liest sich sehr schnell, verfügt aber über einen sehr wulstigen Schreibstil, seine Handlung ist an vielen Punkten vorhersehbar, ich habe zu keinem der Charaktere einen Draht gehabt und die Bibliothek ergibt nicht viel Sinn.

 

Der letzte Punkt mag Lesern, die beim Weltenbau auch mal ein Auge zudrücken können, nicht so sehr stören wie mich; ich kann unterm Strich keine Leseempfehlung für „Die Sprache der Zeit“ aussprechen, aber auch keine Lesewarnung – oder was auch immer das Gegenteil einer Empfehlung sein mag. Hätte sich der Roman nicht so leicht und schnell lesen lassen, wäre seine Bewertung schlechter ausgefallen.

 

Details zum Roman:

Titel: Die Sprache der Zeit

Autor: Sven Urban

Veröffentlicht über: Books on Demand

Erscheinungsjahr: 2018

ISBN: 978-3-7528-4129-9

Genre: Low-Fantasy

Preis: 11,99€ (s. Datum)

Seiten: 340

Reihe: nein (s. Datum)

Bewertung: 2 von 5 Sternen (s. Datum)

 

Stand: 30.10.2018