Träume aus Nacht und Ewigkeit (Kenzie Phoenix) | 31. RW

Warnstufe 3: Viele Spoiler
Warnstufe 3: Viele Spoiler

Aus literaturgeschichtlicher Perspektive hat Fantasy einiges mit der Epoche der Romantik zu tun, hat sich bis zu einem gewissen Gras aus ihr heraus entwickelt. Träume spielen in der Romantik eine größere Rolle – und auch ich erwärme mich allmählich für die Bearbeitung dieses Themas. Nur leider nicht so.

 

Aislinn ist nicht wie andere Mädchen. Sie ist special. Das merkt sie daran, dass sie als Jugendliche ihren Platz in der Welt nicht kennt, sich nicht wirklich zu ihr zugehörig fühlt, enorme Schlafprobleme, massive Halluzinationen und generell ein tiefgreifendes Gefühl von Einsamkeit hat. Glücklicherweise braucht sie keine Psychologen, um herauszufinden, warum ihre Lebensqualität derart miserabel ist – sie braucht nur einen mehrere Jahre älteren Fremden auf einem Friedhof zu treffen und sich auf ihre Träume zu konzentrieren.

So etwas Ähnliches wie ein Plot kommt später auch dazu.

 

Zum nicht vorhandenen oder schlecht durchgeführten Korrektorat sage ich nur eines: Kommata. (Okay, und ein Zweites: Besonders bei Nebensätzen. Herrgottnocheins.) Für diese Zumutung hätte es einen Stern Abzug von der Sternewertung gegeben, aber ich vergebe nicht weniger als einen Stern.

 

Wenden wir uns dem Stil zu. Interessant finde ich die Anmerkungen der Autorin in ihrer Danksagung: Einige ihrer Testleserinnen hatten sie bereits auf die Dinge hingewiesen, die auch ich als grobe Kritikpunkte anführen werde. Zu viele Adjektive, zu viel Geschwafel, zu schwammig, zu wenige Emotionen kommen rüber, man kann noch einiges wegkürzen, Kommasetzung, (Wort-)Wiederholungen.

Umso beeindruckender, dass genau diese Dinge noch immer en masse vorhanden sind. Dass der Stil etwas entrückt wird, passt zum zentralen Thema des Buches – Träume – recht gut; das an und für sich ist nicht das Problem. Die Dosis macht das Gift: Mit den unzähligen Adjektiven wirkt der Text aufgebläht, und das ewige Schwafeln und Wiederholen bereits Gesagten und Gedachten wird insbesondere in der ersten Person unfassbar nervtötend.

Einerseits kann ich nachvollziehen, dass die grundlegenden Emotionen der Einsamkeit, Verwirrtheit und Entrückung sich nicht ändern, andererseits kann ich als Leserin guten Gewissens behaupten, dass es eine Obergrenze an Wiederholungen gibt, die ich in dieser Hinsicht toleriere. Man kann ohne Probleme ganze Absätze überfliegen oder überspringen, ohne dass man irgendetwas verpasst – weil nichts Neues gesagt und gedacht wird. Nur immer wieder dasselbe. Hilfe, ich bin so müde. Das kann doch alles nicht wahr sein. Warum gerade ich. Träume ich. Welche Rolle spielen meine Träume. Niemand versteht mich.

 

Am ehesten kann ich mir das Fehlen von Handlung und Spannung noch so erklären, dass „Träume aus Nacht und Ewigkeit“ ein auf Charakterstudie konzentrierter Roman hätte werden sollen. Sollte das der Fall sein, wurde es glorreichst in den Sand gesetzt; siehe die Wiederholungen, die gefühlt neunzig Prozent des Buches ausmachen.

In meiner Fassung hat das E-Book 520 Seiten. Den ersten fühlbaren Spannungsmoment gab es etwa auf Seite 270. Ich wiederhole: Mehr als die Hälfte des Buches beschäftigt sich mit dem Einführen in die Geschichte und das Set-Up, ohne dass besonders viel etabliert wird. Was der zentrale Konflikt sein soll, ist zwar recht schnell zu erahnen – ein 08/15-Kampf gegen das Böse, nur dieses Mal mit der Verknüpfung der Traumthematik –, aber es dauert Ewigkeiten, bis tatsächlich etwas in die Richtung passiert.

Ich möchte außerdem anmerken, dass nach dem Klimax noch ewig viele Seiten vergehen, bis das Buch endlich endet. Falls sich jemand fragt: Ungefähr hier habe ich begonnen, Absätze zu überspringen.

Das Ende selbst ist natürlich so happy wie irgend möglich. Der (kurzzeitige) Twist im Wald hatte mich tatsächlich in die Geschichte zurückgeholt – endlich passiert etwas, und es nicht nur etwas, das nicht bereits dreihundert Mal durchgekaut wurde, sondern auch noch etwas Unerwartetes! Gut, der Übergang war extrem sprunghaft, abrupt und unglaubwürdig, aber egal, es passiert etwas!

Tja, hatte mich zu früh gefreut, denn so kann eine Geschichte natürlich nicht enden. Doch nicht mit dem schlechtesten denkbaren Outcome. Gott bewahre, dass irgendetwas hieran noch interessant wird.

 

Über die Protagonistin Aislinn habe ich mich schon ausgelassen, werde aber noch ein paar neue Kritikpunkte anbringen, die sich nicht auf ihre Specialheit beziehen. Vorneweg: Sie ist fast 17, und ich erwarte von Jugendlichen nicht, dass sie vollkommen rational an irgendetwas herangehen. Ich erwarte auch noch nicht, dass sie hin und wieder darüber nachdenken, dass andere Perspektiven als ihre existieren und sich darum bemühen, sich beispielsweise in ihre Eltern oder Lehrer hineinzuversetzen – was Aislinn ironischerweise zumindest in einer Hinsicht extrem leicht fällt.

Ignorieren wir mal, dass die Halluzinationen und der Schlafmangel derart extrem sind, dass sie längst zu einem Spezialisten hätte gehen sollen, und konzentrieren wir uns darauf, dass Aislinn, auch für jugendliche Verhältnisse, ein selbstmitleidiges Arschloch ist. Es ist ihr quasi unmöglich, auch nur eine Sekunde ernsthaft darüber nachzudenken, wieso ihre Schwester sich ihr gegenüber so verhält, und was ihre Ziehmutter alles auf sich nimmt, um mit dieser störrischen, wehleidigen, selbstverliebten Jugendlichen zusammenzuleben und ihr eine so schöne Jugend zu machen, wie es nur menschenmöglich ist.

Nein, bemühen wir uns lieber darum, das Verhältnis zur Schwester endgültig zu zerstören, sie damit zu bedrohen, im Traum umzubringen, wenn sie noch einmal etwas macht, von dem sie nicht ernsthaft glaubt, dass es in der Realität Auswirkungen hat, und ignorieren wir die Frau Mama, die darauf hinweist, dass eine romantische Beziehung zwischen einer Sechzehnjährigen und einem über Zwanzigjährigen eine beschissene Idee ist.

Ich behaupte übrigens nicht, Aislinns Schwester wäre kein Arschloch. Sie ist eines. Da die Geschichte aber aus Aislinns Perspektive erzählt wird und ich sie derzeit mehr hasse als ihre Schwester, sehe ich es in ihrer Verantwortung, sich wie die verantwortungsbewusste Erwachsene zu verhalten, die sie ja angeblich schon ist, weswegen die romantische Beziehung mit dem eindeutig Volljährigen ja voll in Ordnung ist.

Ihre Argumentation hierfür ist außerdem, dass sie als das, was sie ist – ich will nicht zu sehr spoilern, auch wenn ich dringend davon abrate, das Buch zu lesen – schon länger existiert und älter ist als ihre Mutter und ihr Liebhaber zusammen. Womit sie recht hat. Es wird aber auch klar etabliert, dass sich das auf ihre eigentliche Natur bezieht, nicht aber auf ihre menschliche Natur – die ist auch für sie neu, und damit auch Dinge wie Reife, Sexualität, Verantwortungsbewusstsein. Also nein, nur weil ihre eine Hälfte älter als ihre Ziehmutter ist, heißt das nicht, dass diese Beziehung okay ist.

Und ja, sie haben Sex, sollte sich jemand fragen.

 

Ironischerweise ist Aislinn mit ihrem egoistischen, wehleidigem Verhalten und den Morddrohungen genauso schlimm wie das, was von den Antagonisten gezeigt wird. Oh sicher, es wird gesagt, dass der Schattenprinz voll böse ist, und es wird gesagt, dass Casim als sein Diener ebenso böse ist, aber keiner von beiden macht irgendetwas, das schlimmer als eine Drohung und ein Mordgedanke ist. Man lasse das mal sacken. Die Protagonisten steht mit ihren Taten auf einer Stufe mit den „Antagonisten“, die fast nichts Antagonistisches im ganzen Buch machen.

Ist das Absicht? Möglich, aber da Asilinns Verhalten zu keinem Zeitpunkt in irgendeiner Weise reflektiert wird, halte ich das für unwahrscheinlich. Der Schattenprinz bekommt keinerlei redeeming qualities. Casim könnte man immerhin als Versuch eines dreidimensionalen Charakters werten, auch wenn das ewige Gut-Böse-Gelabere auf die Nerven geht.

 

Zum Abschluss möchte ich mal kurz etwas loben. Ja, loben. Die Traumwelt finde ich nämlich prinzipiell gut gelungen. Sie hat diese Veränderlichkeit, logische Unlogik, die Träumen nun mal zu eigen ist, und beides kommt sehr gut rüber.

 

Dieser eine Lichtblick ist aber nicht ansatzweise genug, „Träume aus Nacht und Ewigkeit“ zu retten. Es ist ein aufgeblähter, viel zu langatmiger Roman, der fast nichts zu erzählen hat und eine der arschlochigsten Protagonistinnen hat, die ich seit längerer Zeit gelesen habe. Das Cover ist wunderschön, aber es ist das Geld nicht wert.

Details zum Roman:

Titel: Träume aus Nacht und Ewigkeit

Autorin: Kenzie Phoenix

Veröffentlicht über: Books on Demand

Erscheinungsjahr: 2019

ISBN: 9783750472471

Genre: Fantasy

Preis: 5,99€ (s. Datum)

Seiten: 520

Reihe: nein (s. Datum)

Bewertung: 1 von 5 Sternen (s. Datum)

Stand: 11.04.2020