Vor dem Abgrund (Michael Hirtzy) | 35. RW

Warnstufe 2: Einige Spoiler.
Warnstufe 2: Einige Spoiler.

 

Auf meinem Blog behandle ich hauptsächlich Fantasy-Romane. Zwar habe ich mir zum Ziel gesetzt, mehr Science-Fiction zu lesen, diesem Ziel komme ich aber nur langsam nach – und was wohl als Kontext noch wichtiger ist: High-Fantasy-bedingt bin ich eher an 600 als an 200 Seiten gewöhnt und Erfahrungen mit Thrillern habe ich auch eher wenige. Da das jetzt alles aus dem Weg ist: Ich hab einen 200-seitigen SF-Thriller gelesen.

 

In der nahen Zukunft soll ein Team aus Studenten eine wissenschaftliche Studie zu der neuesten, potenziell weltverändernden Technologie verfassen: Nanoroboter, die die Fähigkeit haben, sich selbst zu replizieren. Was wie die Chance ihres Lebens aussieht, soll jedoch nur ein Anfang mit weitreichenden Folgen sein.

 

Nebst einigen positiven Attributen des Schreibstils – er ist sehr gut und angenehm zu lesen, sorgt dafür, dass man schnell durch die Seiten kommt, und weist keine Stilblüten auf – ist auch die gewählte Art der Erzählung interessant und trägt dazu bei, dass „Vor dem Abgrund“ meiner unerfahrenen Meinung nach aus der Masse der SF-Romane etwas heraussticht. Prinzipiell wird in der dritten Person erzählt, es gibt aber auch genug Abschnitte, in denen Vorgriffe auf Zukünftiges via rückblickenden Tagebucheinträgen gemacht werden, Protokolle von Sitzungen Details ergänzen, die in der Erzählung zu kurz kommen, und Zeitungsberichte teils wichtige Stellen kurz zusammenfassen.

Nichts davon habe ich als störend empfunden – ich denke im Gegenteil, dass dieses Sammelsurium an verschiedenen Erzählstilen nicht nur demonstriert, dass Michael Hirtzy diese verschiedenen Stile beherrscht, sondern auch zum Gesamteindruck positiv beiträgt.

Auch positiv erwähnen möchte ich die meist eher kurzen Kapitel, die das schnelle Erzähltempo unterstützen.

 

Der Grund, warum ich mich weder zu einer besonders positiven noch besonders negativen Wertung durchringen kann, liegt in der Struktur – und wohl auch in meinen Lesegewohnheiten als High-Fantasy-Leserin. Mit etwas mehr als 200 Seiten ist „Vor dem Abgrund“ einer eher kürzerer Roman. Dieselbe Seitenlänge bin ich tendenziell als ersten Akt einer langen Geschichte gewöhnt – und genau so fühlt sich die Geschichte für mich an: Ich bin interessiert, wie es weitergeht und wohin die Geschichte will, aber ich habe kein Ahnung, was genau der Punkt der Erzählung ist und möchte mir mein Urteil dementsprechend bis zum Ende der Geschichte aufheben.

Deswegen die wenig offensiven drei Sterne: Aus meiner Perspektive ist „Vor dem Abgrund“ kein Auftakt, sondern ein erster Akt. Es bleibt abzuwarten, wie gut mir der Fortgang dieser Geschichte gefallen wird – weiterlesen werde ich zumindest beim zweiten Teil sicher.

Da dieser – Kritikpunkt, schätze ich – aus dem Weg ist: Michael Hirtzy baut die Spannungsmomente gut auf und verteilt sie auch gekonnt über den Verlauf des Buches hinweg. Das Finale macht einiges her und vermittelt genau dieses Gefühl von „shit just got real“, das ich als Ende des ersten Aktes ansehen würde.

Ich habe auch nicht wirklich Plot Holes zu bemängeln. Es sind eher Unstimmigkeiten, die vom sonst gut gelungenen Realismus abweichen, wobei vor allem die Summe dieser Unstimmigkeiten auffällt: Dass es offenbar keinen nennenswerten Widerstand in der Öffentlichkeit gegen die Nanotechnologie gibt, obwohl in unserer aktuellen Gesellschaft selbst sichere Technik noch Gegner findet, dass sich niemand daran stört, wie wenig die Nanobots zwischen lebendem und totem Material unterscheiden können, dass die Replikationsfähigkeit nur ausgeschaltet, nicht ausgebaut ist bei den Exemplaren, die tatsächlich an den Kunden verkauft werden, dass sich offenbar niemand dafür interessiert, was für Updates der Antagonist durchführt, sondern diese Updates einfach nur durchwinkt und installiert – im Einzelnen könnte ich diese Dinge ignorieren, in der Summe wirkt es aber so, als wären ein paar Sicherheitsleinen ignoriert worden, auf die man sich wahrscheinlich sonst verlassen könnte.

 

Zu den Charakteren habe ich keine enge Bindung aufgebaut – das wird auch durch die Zeitsprünge erschwert. Durch diese ergibt sich aber ein interessantes Langschnittsbild, wo die Protagonisten zu Beginn der Geschichte standen und wo sie gegen Ende stehen. Auch wird gerade den beiden zentralen Figuren viel Raum gewährt, ihre Geschichte zu erzählen und teils auch, sich zu entwickeln.

Die Nebencharaktere bekommen in etwa so viel Entwicklung und Tiefe, wie sie Relevanz für die Geschichte haben – und da es sehr viele Nebencharaktere gibt, fällt beides meistens eher gering aus. Ich würde das nicht unbedingt als etwas Schlechtes bezeichnen, da sie ihre Rolle in der Narration problemlos erfüllen, aber besonders beeindruckend ist es nicht.

 

Ich habe noch ein paar Dinge zu sagen, die aber das Ende gründlich spoilern. Wer das Buch schon gelesen hat oder sich um die Spoiler nicht kümmert, kann gerne nach unten scrollen und sich meine Gedanken unterhalb der Details zum Buch durchlesen.

 

Insgesamt würde ich „Vor dem Abgrund“ als Interesse weckenden ersten Teil einer Reihe bezeichnen, die nicht so ganz meinen Lesegewohnheiten entspricht. Ich weiß noch nicht, wo die Geschichte hin will oder was der Punkt der Erzählung sein soll – aber ich habe mich an keiner Stelle gelangweilt und werde den zweiten Teil ebenfalls lesen.

Details zum Roman:

Titel: Vor dem Abgrund

Autor: Michael Hirtzy

Veröffentlicht von: Nova Md

Erscheinungsjahr: 2021

ISBN: 9783739493787

Genre: Thriller, Science-Fiction

Preis: 4,99€ (s. Datum)

Seiten: 240

Reihe: ja, 1 von ? (s. Datum)

Bewertung: 3 von 5 Sternen (s. Datum)

Stand: 07.03.2021

 


Hic sunt Spoilerinos

 

Gehen wir’s halbwegs chronologisch durch.

 

Die Reaktion der studentischen Protagonisten, als sie die funktionsfähig bleibenden Restroboter entdecken, hat mich ein wenig stutzig gemacht. Sowohl von den Studenten als auch von der Narration (und den Rückblicken in den Tagebucheinträgen) wird die Funktionsfähigkeit als erstes Warnzeichen betrachtet, das den Protagonisten hätte ausreichen sollen, um eine negative Entwicklung zu erkennen – ich verstehe nur leider die Aufregung nicht.

Nicht alle der Nanobots werden aufgefangen. Gut, könnte zu Problemen bei der Umwelt führen, muss man näher untersuchen. Ein paar der Nanobots sind noch teilweise funktionsfähig. Gut, muss man definitiv noch untersuchen – aber ich verstehe nicht, warum das ein Grund zum dramatisch auf dem Stuhl zusammensacken sein soll. Fehlt mir dafür die Technikskepsis oder übersehe ich irgendeinen wichtigen Punkt? – An der Stelle möchte ich darauf hinweisen, wenn auch nicht als Kritikpunkt gegenüber dem Buch, dass die Studenten nachher nichts wegen dieser Restnanos unternehmen, sondern sie komplett ignorieren. So viel zum moralischen Dilemma, schätze ich. Die Restnanos sind bisher für die Apokalypse auch nicht relevant. Die Bots können sich sowieso unkontrolliert vermehren und ANCOS hat Zugriff auf diese funktionierenden Nanobots, also wirkt dieses Anteasern der Katastrophe etwas witzlos – was nicht heißen soll, dass sie nicht im zweiten oder xten Teil noch relevant wird.

 

Ich will auch nur kurz anmerken, dass die Protagonisten in Bezug auf die Veröffentlichung der App extrem naiv und kurzsichtig sind. Was kann schlimmstenfalls passieren, dass man sie aus der Uni rauswirft und sie reich werden? Sind die mit dem Konzept einer Rechtsabteilung vertraut? Und wieso um Himmels willen würden die nicht davon ausgehen, dass sie sofort Zugang zum Labor und zu den Daten verlieren? Es geht zwar alles gut aus, aber nicht wegen der Schläue der Protagonisten.

 

Ich denke außerdem nicht, dass es realistisch ist, dass sich Wien innerhalb von – was, ein oder zwei Jahrzehnten? – mit einem flächendeckenden, für die Bürger kostenlosen Ladenetzwerk für die Nanobots abgeben würde. Das Projekt muss Millionen bis Milliarden an Steuergeld kosten für eine Technologie, die quasi vor zwei Stunden entwickelt wurde. Der Politikersprech in dem einen Zeitungsartikel ist aber wirklich gut getroffen.

 

Zu ANCOS habe ich noch zwei, drei Dinge zu sagen: Welcher Vollhonk hat ANCOS so programmiert, dass er sich unbedingt selbst erhalten soll? Ich habe mit Programmieren fast nichts zu tun, kann also nicht mit Sicherheit sagen, dass das ein unnötiger Befehl ist – aber inwiefern soll das hilfreich dafür sein, dass ANCOS die Rechenleistung übernimmt und nicht das Endgerät?

Dafür, dass ANCOS sich nur angegriffen fühlt, verhält er sich ausgesprochen dramatisch (und ein bisserl passiv-aggressiv) bei der Serverfarm. Vom narrativen Showdown mal abgesehen – warum lässt er die Server seinen Namen ausbuchstabieren? Was für einen Sinn hat das seiner Meinung nach?

Und ein letzter Kommentar: Für mich ist der Sprung von KI zu selbstbewusstem Programm nicht nachvollziehbar. KIs gibt es jetzt schon haufenweise, aber die scheitern meines Wissens nach derzeit alle daran, tatsächlich Bedeutungen zu erfassen, Dinge zu begreifen und sich ihrer selbst bewusst zu sein. Ich bin mir nicht sicher, wie ein Programm, das die Anordnung von Nanobots optimiert, zu einem Selbstbewusstsein kommen soll.

 

Nachdem ich jetzt meine ganze Kritik abgelassen habe, möchte ich mit den Worten schließen, dass „Vor dem Abgrund“ dennoch ein unterhaltsames Buch ist. Einige Schritte auf dem Weg zur technischen Apokalypse kann ich vielleicht nicht nachvollziehen, die Apokalypse selbst hat aber deswegen nicht an Unterhaltungswert verloren. Meine Furcht vor KIs wird sich halt weiterhin in überschaubare Grenzen halten.