Die Sphäre: Der Weg aus der Finsternis (Nikolaus Fahrner) | 26. RW

Bereits auf den ersten Seiten war bei diesem Roman absehbar, dass er kein Korrektorat hinter sich hatte, und dass der Schreibstil an einigen Stellen noch unentwickelt ist. Dennoch habe ich ihn gelesen – und die Geschichte war es wert.

 

Xia und Joseph leben in unterschiedlichen Ländern, haben aber eines gemeinsam: Ohne die Hilfe eines Fremden hätten sie eine Notsituation nicht überlebt. Diese Fremden tauchen aus dem Nichts auf, helfen, und verschwinden ebenso spurlos wieder, wie sie erschienen sind. Wenige Stunden später entwickeln beide Gerettete Fähigkeiten, die nicht möglich sein sollten.

 

Wie bereits in der Einleitung geschrieben finden sich Fehler aus den Bereichen Rechtschreibung, Zeichensetzung und Grammatik. Dafür gibt es einen Stern Abzug von der Endwertung.

 

Der Schreibstil ist einer von vielen Baustellen dieser Geschichte. Es gibt durchaus interessante Ansätze, und hin und wieder findet sich eine gute Formulierung – Potenzial ist ohne Frage vorhanden.

Nur gibt es mehr Stellen, an denen ungelenke Formulierungen verwendet werden, die aus dem Lesefluss reißen. Hinzu kommen die Klassiker – Füllwörter und GEBRÜLLE sowie ein paar stilistische Spezialitäten, die sich mir nicht ganz erschließen: Wieso wird „HOPE“ vollständig großgeschrieben? Warum nur meistens und nicht konsequent, wann immer ihr Name auftaucht? Wieso wird „OK“ geschrieben, wenn die nicht-abgekürzte Variante sage und schreibe zwei Zeichen länger ist?

Die Dialoge sind in Ordnung – es gibt oftmals längere Strecken, in denen lediglich die Aussagen verschriftlicht werden, ohne dass Beschreibungen hinzugefügt werden. Einige Male führte das dazu, dass unklar war, wer gerade spricht – was auch dadurch ermöglicht wird, dass die Dialoge vom Stil her austauschbar sind. Mir fällt kein Charakter ein, den ich an der direkten Rede wiedererkennen könnte. Gegen Ende gibt es außerdem ein paar geschwollene Aussagen, ansonsten wirken die Dialoge natürlich.

Eine weitere Baustelle sind die Beschreibungen. Zu Beginn stellen sie ein paar der Beispiele guten Stils, was bedauerlicherweise nicht durchgehalten wird. Spätestens ab der Hälfte lässt ihre Qualität stark nach: Die Umgebungsbeschreibungen werden vernachlässigt, der Wechsel zwischen verschiedenen Gefühlen geschieht zu abrupt, und es baut sich keine Atmosphäre auf.

Das liegt vor allem daran, dass ab der Hälfte ein hohes Erzähltempo an den Tag gelegt wird. Viele der Szenen verlieren an Schlagkraft, da ihnen die Weile fehlt. Wichtige Informationen an den Leser weitergereicht? Gut, nächste Szene!

Eine der Stellen, an denen mir das besonders aufgefallen ist, ist die Szene, in der Joseph im Krankenhaus ist und von dem Selbstmordversuch erfährt. Die ganze Angelegenheit ist in schätzungsweise fünfhundert Wörtern abgehandelt. Ich habe keinen Eindruck vom Krankenhaus bekommen, von der Atmosphäre oder Josephs Stimmung, oder von dem Polizisten, der ihm die Nachricht überbringt. Details! Mehr Details!

Gerade bei Szenen, die Spannung oder Anspannung vermitteln sollen, ist das richtige Tempo und die richtige Dosierung von Beschreibungen wichtig, und es gibt natürlich drei Milliarden Wege, wie man zum Ziel gelangen kann, aber kurz das Setting zu etablieren, ein paar wenige Handlungen reinzuklatschen und den Dialog zu transkribieren ist zu wenig. Genauso schnell, wie die Szene beginnt, endet sie und hinterlässt keinen Eindruck. Würde man Joseph – und damit auch den Leser – mehr zappeln lassen, sich mehr Zeit nehmen, würde die Szene eine  stärkere Wirkung entfalten.

Am Rande ein Lob: Auch wenn Details in der zweiten Hälfte des Buches Mangelware sind, gibt es ein paar Ausnahmen. Ich denke hier an den neuen Partner, den die FBI-Agentin bekommt. Es illustriert das Verstreichen der Zeit nicht nur für die Protagonisten, sondern auch für alle anderen Figuren. Mehr solcher Details und das Buch hätte aus einer guten Geschichte eine großartige machen können.

 

Ebendiese ist der Hauptgrund, wieso „Die Sphäre: Der Weg aus der Finsternis“ lesenswert ist, und sie ist der Hauptgrund, wieso mir die niedrige Sternewertung leidtut. Die Handlung ist gut durchdacht. Zwar ist an einigen Stellen vorherzusehen, was auf den nächsten zwei Seiten passieren wird, aber für das große Ganze gilt das nicht. Was auch daran liegt, dass es zwei Stellen gibt, an denen ich keine Ahnung hatte, wohin die Geschichte will – dann wurde ein Etappenziel etabliert, darauf hingearbeitet, erreicht. Und wohin jetzt?

Ebenfalls loben möchte ich den Sog, den der Roman aufbaut und der einen in die Geschichte zieht. Er hat mich dazu gebracht, die Fehler und die Stilblüten zu überlesen, obwohl ich bei diesen Bereichen sehr pingelig bin und mir rasch die Leselust rauben lassen.

Dementsprechend greift meine Kritik der Handlung nicht so tief wie die der anderen Aspekte. Ich bezweifle, dass Metallplatten Kugeln abfangen können, zumindest keine dünneren. Auch habe ich keine Ahnung, wie so ein „Angstgas“ beschaffen sein soll und woher ein Zivilist das bekommen soll. Außerdem gibt doeses Gas dem Schatten einen enormen Batman-Vibe, den er nicht nötig hat.

Josephs Herumraten bezüglich der Erpressung trifft erstaunlich schnell ins Schwarze – im Sinne von: beim ersten Versuch. Das reicht nicht, um ihm zu unterstellen, er wäre ein Gary Stu, aber es wirkt bemerkenswert zufällig. Wann genau hat er sich intensiv mit Kriminalität befasst, dass er die Lösung einfach so errät? Oder war’s Anfängerglück?

Kurz erwähnen möchte ich, dass die Spendensumme meiner Meinung nach ein bisschen sehr an ein Best-Case-Szenario rankommt. Ansonsten: Haben hier ernsthaft zwei Paare innerhalb ihres zweiten Lebensjahrzehnts geheiratet, eines ohne vorheriges Daten oder generelles Überprüfen, ob da mehr als Freundschaft sein könnte, und alle mit dem ersten Partner, den sie gefunden haben? Na gut, wenn die meinen …

Wie von diesem Absatz deduziert werden kann, finden sich zu meinem Leidwesen wieder Liebesgeschichten, aber sie sind tolerierbar.

 

Die Charaktere sind ein weiterer Schwachpunkt der Geschichte. Sie erfüllen ihre Funktionen, und obwohl ich beide Protagonisten okay bis sympathisch finde, insbesondere in Josephs Fall, könnte ich sie selbst dann nicht beschreiben, wenn mein Leben davon abhängen würde. Ich kenne ihre größten Ängste, ich habe auch ein paar direkte Charakterisierungen, die halbwegs zu passen scheinen und von anderen Charakteren stammen, aber ich könnte sie nicht näher definieren. Was ein Problem ist, wenn ich von den beiden Protagonisten spreche.

Um die Nebencharaktere steht es nicht besser. Lasset mich an einem Beispiel demonstrieren: Xia hat ein paar Freunde, zwei davon sind Thomas und Mike. Die beiden erfüllen vollkommen unterschiedliche Funktionen in der Geschichte, und ich habe sie dennoch am laufenden Band verwechselt, sodass ich mich beim Finale dieses Subplots gefragt habe: Warte mal, sollte Thomas das mit der Sphäre nicht wissen, sie hat ihm das doch gezeigt …?

Es mangelt an allen Ecken und Enden an Charakterisierungen. Es haben fast alle Charaktere Namen, und ein paar bekommen zwei, drei Details, aber ich kann sie nicht auseinanderhalten, selbst wenn sie nicht gegensätzlichere Rollen spielen könnten.

Die Antagonisten bekommen nicht viel Raum, aber der eine Kerl – hieß er Joshua? – könnte ein interessanter Charakter in den kommenden Büchern werden. Nicht der Mafiaboss-Lookalike, sondern der andere, der vor dem Showdown weggegangen ist.

 

Neben der Handlung gibt es ein paar interessante Details der Welt, die mich ans Buch gefesselt haben. Zwar spielt die Geschichte in unserer Welt der jüngsten Vergangenheit, aber durch die Sphäre wird ein phantastisches Element hinzugefügt, dessen Ausprägungen recht einzigartig sind. – Sicher, irgendjemand hat das sicher schon mal so ähnlich erfunden, aber die Begabungen sind nicht gerade Klassiker, und obwohl sie Nährboden für viel zu mächtige Protagonisten sein könnten, sind sie es nicht.

Kurz erwähnt haben möchte ich, dass „Die Sphäre“ sehr schwere Themen handhabt, darunter Entführung, (versuchte) Vergewaltigung, (versuchter) Suizid, Erpressung, Menschenhandel, angedeuteter Organhandel, Folter. Besonders grafisch sind die Beschreibungen nicht, aber das liegt manch einem vielleicht etwas zu schwer im Magen.

 

Selten habe ich einen Roman gelesen, der so laut „Potenzial!“ kreischt und so spektakulär von der Umsetzung erniedrigt wird. Die Ideen hinter „Der Weg aus der Finsternis“ sind hervorragend, aber die Charaktere sind nicht klar genug definiert, der Schreibstil steckt (noch) in den Kinderschuhen, und das Korrektorat ward schmerzlich vermisst.

Kurz nach meiner Lektüre habe ich einer Freundin von dem Buch erzählt und es ohne nachzudenken als „gutes Buch“ beschrieben – normalerweise ein eindeutiges Zeichen dafür, dass es vier Sterne bekommen wird. Je mehr ich aber über die handwerklichen Aspekte nachdenke, desto weniger sind diese vier Sterne verdient.

Ich kann mich nur wiederholen: Gute Geschichte, schlechte Umsetzung. In diesem Fall ist die Geschichte gut genug, dass ich mich auf den zweiten Teil freue – aber sie hätte nicht einfach nur gut sein können, sondern hervorragend.

 

Details zum Roman:

Titel: Die Sphäre: Der Weg aus der Finsternis

Autor: Nikolaus Fahrner

Veröffentlicht über: Epubli

Erscheinungsjahr: 2018

ISBN: 9783746748740

Genre: Low-Fantasy, Krimi

Preis: 2,99€ (s. Datum)

Seiten: k.A. (geschätzt etwa 350)

Reihe: ja, 1 von 3* (s. Datum)

Bewertung: 2,5 von 5 Sternen (s. Datum)

Stand: 23.02.2019

 

*Es könnten noch mehr Bücher geplant sein.